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Der Fahrradmarkt in Kolumbien läuft heiß

Die Beliebtheit des Fahrrads als Verkehrsmittel stieg während der Coronapandemie weltweit rapide - auch in Kolumbien. Insbesondere in den großen Städen ist das Rad populär.

Von Janosch Siepen | Bogotá

In kaum einem anderen lateinamerikanischen Land ist das Rad so populär wie in Kolumbien. Dafür haben in den letzten Jahren vor allem der Erfolg kolumbianischer Radrennhelden und eine fahrradfreundliche Stadtpolitik gesorgt. Zwar besitzen schätzungsweise lediglich 12 Prozent der kolumbianischen Bevölkerung ein Fahrrad. Doch sind es vor allem die großen Städte, in denen das Zweirad an Bedeutung gewinnt. 

Bogotá ist die Fahrradhauptstadt Lateinamerikas

Kolumbiens Hauptstadt Bogotá ist die Fahrradmetropole Lateinamerikas. Laut Angaben des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung sorgte das Fahrrad 2020 für mehr als 26.000 direkte Arbeitsplätze und 2.400 formelle Gewerbe in der Hauptstadt. Im Copenhagenize Index lag die Stadt bereits 2019 auf Platz 12 der fahrradfreundlichsten Städte weltweit, der höchste Rang einer Stadt außerhalb Europas. Im selben Jahr zählte die Metropolregion mit ihren rund 10 Millionen Einwohnern 1,8 Millionen Fahrräder. Inzwischen werden im lateinamerikanischen Vergleich in Bogotá täglich die meisten Kilometer per Rad zurückgelegt. Außerdem hat die Stadt mit 630 Kilometern das größte Radnetzwerk in Südamerika.

Investitionen in Radwege und Bikesharing

Aufgrund der starken Luftverschmutzung und Staubbelastung versucht die grüne Bürgermeisterin Claudia López, Bogotá noch radfreundlicher zu machen. Das Geschwindigkeitslimit für Autos wurde auf 50 Kilometer/Stunde gesenkt, 20 Prozent des städtischen Parkraums sind während der Pandemie für Fahrräder reserviert. López will dies auch nach der Pandemie fortführen. Zudem wurde das Fahrradwegnetz im Hauptstadtbezirk Bogotá um 84 Kilometer erweitert. Während der Pandemie gewann das Fahrrad so an Popularität. In Bogotá stieg die Anzahl der zurückgelegten Wege mit dem Rad von 7 Prozent auf 13 Prozent aller Fahrten (2011: 3,8 Prozent). Im Oktober 2020 wurden in Bogotá 680.000 tägliche Fahrten mit dem Rad zurückgelegt.

Laut dem Stadtentwicklungsplan will Bogotá die Radfahrten bis 2024 um zusätzlich 50 Prozent erhöhen. Bis dahin soll auch die Implementierung von öffentlichen Fahrrädern (Bikesharing) zu 100 Prozent abgeschlossen sein. So könnten laut dem Vorhaben zwischen 3.000 und 4.000 Fahrräder an verschiedenen Leihstationen in der Stadt verfügbar sein. Zudem plant die Stadt, in den nächsten vier Jahren 280 weitere Kilometer Radstrecke zu bauen. Die Sicherheit im Straßenverkehr ist für Radfahrer in Kolumbien allerdings nach wie vor ein großes Problem. So starben laut dem Coya Bike Index 2019 in Bogotá 3,2 von 100.000 Radfahrern. Zum Vergleich: In Berlin waren es im selben Jahr 0,58 Tote pro 100.000 Radfahrer. Zwischen Januar und Oktober 2020 starben erneut 249 Radfahrer in Kolumbiens Hauptstadt. 

Vor allem Einsteigermodelle werden verkauft

In den letzten Jahren wurden in Kolumbien im Schnitt 600.000 Fahrräder jährlich verkauft, die meisten davon importiert. Durch die Pandemie stiegen die Fahrradverkäufe insgesamt deutlich. Gerade Straßenfahrräder erfreuen sich gegenüber Mountainbikes immer größerer Beliebtheit. Durch die große Nachfrage stiegen 2020 auch die Fahrradimporte um 22 Prozent auf knapp 500.000 Stück.

Da die Pandemie Lateinamerika verhältnismäßig spät erreichte und die Fahrradnachfrage in anderen Ländern bereits sprunghaft angestiegen war, musste sich Kolumbien bei den Importen hinten anstellen. Aktuell muss mit Lieferzeiten bis zu 16 Monaten gerechnet werden. Aufgrunddessen und durch die weltweiten Lieferengpässe haben sich die Kosten für Materialien, Frachtkosten und Fahrräder selbst erhöht. Laut einer Studie von Bike House, einem der größten Fahrradimporteure Kolumbiens, sind die Fahrradpreise in Kolumbien während der Pandemie um 18 Prozent angestiegen. 

Ein Fahrrad beim Hauptimporteur HA Bicicletas kostet im Schnitt 82 US-Dollar (US$). Die meisten Fahrräder auf dem Markt kosten jedoch eher zwischen 200 und 1.200 US$. Kolumbianer kaufen größtenteils Einsteigermodelle. Marken wie GW, Optimus und Cliff sind Bestseller. Premiummarken machen lediglich 15 Prozent Marktanteil aus. Hier sind vor allem Marken wie Trek und Specialized aus den USA, Scott aus der Schweiz und Giant aus Taiwan vertreten. Neben spezialisierten Fahrradgeschäften bieten auch Ketten wie Decathlon, Falabella oder Éxito vermehrt Fahrräder an. 

Exporte Kolumbiens wachsen

Kolumbianische Radrennstars wie Egan Bernal, Nairo Quintana und Rigoberto Uran haben die Zweiradnachfrage in den letzten Jahren durch ihre Erfolge und Popularität angetrieben. Am Wochenende sieht man unzählige Hobbyradsportler auf Kolumbiens hügeligen und kurvigen Fahrbahnen. Sonntags zieht die sogenannte Ciclovía die Einwohner Bogotás auf die großen, vormittags gesperrten Straßen der Stadt. Viele andere Städte sind Bogotás Beispiel gefolgt. Gerade in den gehobeneren Vierteln der Stadt sieht man zudem viele Fahrradgeschäfte, oft im Premiumsegment.

Auch deutsche Premiummarken sind in Kolumbien vertreten, beispielsweise der Stuttgarter Hersteller Focus Bikes. Auch Cube Bikes aus Waldershof hat einen Vertrieb in Kolumbien und eine Reihe von E-Bikes im Sortiment. Der Markt für elektrische Fahrräder ist seit 2016 zwar gewachsen, steht in Kolumbien allerdings im Wettbewerb mit den zahlreichen Leichtkrafträdern.  

Kolumbien hatte eine kleine heimische Fahrradindustrie in den 1990er Jahren, bevor chinesische Firmen den Markt übernahmen. Inzwischen steigen die Fahrradexporte Kolumbiens wieder. Zwischen Januar und April 2021 verkaufte Kolumbien Fahrräder im Wert von 193.000 US$ ins Ausland. Zwei Jahre zuvor waren es noch knapp 130.000 US$ im gleichen Zeitraum. Während die Verkäufe im Automobilsektor 2020 um 28,5 Prozent schrumpften, wird die Fahrradbranche 2021 Schätzungen zufolge 17 Prozent mehr Fahrräder verkaufen. Jedoch ist die Branche stark abhängig von Importen und damit von externen Faktoren. So dürften der schwache Peso, das weltweite Stocken von Lieferungen und die steigenden Importkosten die Fahrradpreise erhöhen und den Markt  auf Dauer etwas abkühlen.

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