Kaufkraft und Konsum | Kolumbien
Private Verschuldung und Inflation drücken Konsum
Die Mehrheit der Bevölkerung in Kolumbien verfügt über geringe Einkommen. Auf Nahrungsmittel entfällt fast ein Drittel der Konsumausgaben. Supermärkte ziehen immer mehr Kunden an.
10.08.2023
Die Einkommen in Kolumbien sind sowohl im internationalen Vergleich als auch innerhalb Südamerikas relativ gering. Laut Weltbank bezifferte sich das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen 2021 auf 5.095 US-Dollar (US$). Der Andenstaat lag damit hinter Brasilien und Paraguay. Spitzenreiter in der Region waren Uruguay (14.592 US$), Panama (11.831 US$) und Chile (11.096 US$). Im weltweiten Vergleich belegte Kolumbien 2021 Rang 72.
Kaufkraft: Nur rund ein Viertel der Bevölkerung zählt zur Mittelschicht
Mit einem Gini-Index von 51,5 weist Kolumbien eine der höchsten Einkommensungleichheiten der Welt auf. Während der Pandemie, von der sich die Gesellschaft langsam wieder erholt, rutschten große Teile der Mittelschicht in die Armut, vor allem in den Städten des Landes. Im Jahr 2021 lebten 39,3 Prozent der Bevölkerung in Armut, so die Weltbank. Der Anteil der Menschen in extremer Armut lag bei 12,2 Prozent.
Nach Angaben des kolumbianischen Statistikamtes DANE gehören in Kolumbien nur 27,8 Prozent der Bevölkerung zur Mittelschicht und 1,8 Prozent zur Oberschicht. Zur Mittelschicht zählt DANE Personen mit einem monatlichen Einkommen zwischen 184 und 993 US$. Am größten ist sie in Medellín und Bogotá.
Die Oberschicht lebt bevorzugt in den Großstädten und besteht aus Nachkommen vor allem spanischer Einwanderer. Indigene und Afrokolumbianer haben noch immer ein geringes durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen. Besonders arm sind die Menschen an der Pazifikküste. Auch die Bewohner an der Karibikküste haben vergleichsweise wenig Geld.
Die höchsten Einkommen werden im Durchschnitt in Bogotá erzielt. Am geringsten war die Armut 2021 in den Städten Medellín und Cali. Hier galten jeweils knapp 30 Prozent der Bevölkerung als arm (laut DANE weniger als 95 US$ Pro-Kopf-Einkommen), in Quibdó an der Pazifikküste dagegen waren es 65 Prozent.
Indikator | |
Verfügbares jährliches Pro-Kopf-Einkommen (in US$) | 5.095 (2021) |
Sparquote (% vom verfügbaren Einkommen) | 10,5 (2020) |
Verbraucherpreise (Veränderung zum Vorjahr in %) | 10,2 (2022) |
Devisenkurs kol$/US$ (Jahresdurchschnitt) | 4.255 (2022) |
Einwohner (in Mio.) | 51,7 (2022) |
Konsumausgaben: Gastronomie und Unterhaltung gewinnen an Bedeutung
Nach Angaben des Statistikamtes DANE beliefen sich die Konsumausgaben 2017 auf durchschnittlich 776 US$ pro Monat und Haushalt beziehungsweise rund 227 US$ pro Kopf. Neuere Zahlen liegen nicht vor.
Laut dem Marktforschungsunternehmen Raddar sind die Ausgaben der Haushalte von Januar bis Oktober 2022 real um 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen. Dabei haben die Konsumenten ihre Ausgaben aufgrund der hohen Inflation umverteilt. Deutlich mehr gaben sie aufgrund der Teuerung für Lebensmittel aus. Diese machten im genannten Zeitraum den größten Teil der Haushaltsausgaben aus (31 Prozent). Gestiegen ist auch der Anteil der Ausgaben für Restaurantbesuche und Unterhaltungsangebote. Rückläufig waren die Anteile für Wohnen und Bildung.
Der britische Informationsdienstleister Economist Intelligence Unit (EIU) erwartet zum Jahresende 2023 eine Inflationsrate von 8 Prozent. Der Privatkonsum dürfte 2023 real nur um 1 Prozent wachsen. Das spanische Kreditinstitut BBVA geht davon aus, dass sich die Ausgaben für Waren schwach entwickeln. Das Wachstum des privaten Konsums wird von den Dienstleistungen getragen (2023: +2,8 Prozent).
Konsumverhalten: Supermärkte erfreuen sich wachsender Beliebtheit
In den letzten zehn Jahren hat sich die Struktur des Einzelhandels in Kolumbien deutlich verändert. Super- und Hypermärkte konnten ihre Marktanteile stark ausbauen. Meist sind es eher die mittleren und oberen Einkommensschichten, die diese Geschäfte aufsuchen. Vor allem die Discounter D1 und Ara des portugiesischen Unternehmens Jerónimo Martins haben den traditionellen Nachbarschaftsläden ("tiendas") Marktanteile abgeknöpft. Zwar erfreuen sich die kleinen Geschäfte weiterhin großer Beliebtheit für kleinere Einkäufe, vor allem bei den unteren Einkommensschichten. Zwischen Januar und Oktober 2022 wurden aber nur noch knapp 37 Prozent aller Einkäufe in tiendas getätigt (2020: 51 Prozent).
Kunden kommunizieren viel direkt über WhatsApp und Instagram mit Geschäften, Restaurants und Betrieben. Auch Online-Lieferdienste wie Rappi sind sehr beliebt. Allerdings ist der Marktanteil des Internethandels 2022 wieder auf das Niveau von vor der Pandemie gesunken und liegt laut Raddar bei 1 Prozent aller Einkäufe. Während der Pandemie hatte der Internethandel durch Anbieter wie Mercadolibre und Linio an Bedeutung gewonnen.
Chinesische Produkte verkaufen sich gut
Die kolumbianische Mittelschicht kann sich inzwischen elektronische Geräte, Reisen und Autos leisten – allerdings häufig auf Kredit. Bei den Kaufentscheidungen dominiert der Preis, die Qualität ist oft zweitrangig. Chinesische Kfz und Elektronik verkaufen sich gut. In den höheren Einkommensschichten sind Marken und Service sehr wichtig für die Kaufentscheidung. Zudem ist ein Trend zu ökologischen Produkten zu beobachten. Deutsche Unternehmen wie Hugo Boss, Adidas, Faber-Castell, Porsche und Kare betreiben Niederlassungen in der Hauptstadt Bogotá.
Verschuldung der Privathaushalte so hoch wie nie
Zwischen 2020 und 2022 ist die Verschuldung der Haushalte deutlich angestiegen, so Zahlen der kolumbianischen Zentralbank. Der kolumbianische Finanzdienstleister Corficolombiana schätzt, dass die Privathaushalte des Landes mehr als ein Drittel ihres Einkommens zur Schuldenbegleichung aufwenden – der höchste Stand seit Beginn der Datenaufzeichnung im Jahr 1995. Vor allem beim Kauf langlebiger Konsumgüter wie Autos, Mobiltelefonen und Fernsehern spielen Finanzierungsmodelle eine wichtige Rolle.
Auch Kreditkartenschulden werden oft in Raten abbezahlt. Doch die Zinsen sind horrend: Laut der Finanzaufsichtsbehörde (Superintendencia Financiera de Colombia) lag der Zinssatz für einen Konsumentenkredit im Mai 2023 bei 45,4 Prozent und für einen Mikrokredit bei 39,2 Prozent. Die Verschuldung der privaten Haushalte betrug Mitte 2021 ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts. Von der Gesamtverschuldung entfallen etwa zwei Drittel auf Konsumentenkredite und ein Drittel auf Wohnen.
Bezeichnung | Anmerkung |
Statistikamt | |
Konsumforschungsinstitut | |
Kolumbianische Zentralbank |