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Branchenstruktur

Marokkos Abfallwirtschaft ist regional zersplittert. Private Entsorger machen unterschiedliche Erfahrungen.

Von Ullrich Umann | Casablanca

Während die kommunale Ebene formal für Sammlung und Entsorgung zuständig ist, bleibt das operative Geschäft in vielen Regionen unübersichtlich. Insbesondere der informelle Sektor spielt eine bedeutende Rolle, was Transparenz, Planungssicherheit und Investitionsbereitschaft beeinflusst.

Privates Engagement nimmt zu – gemischte Erfahrungen

Trotz struktureller Fragmentierung wächst das Engagement privater Dienstleister. Viele Großstädte haben das Abfallmanagement vollständig oder teilweise an private Betreiber vergeben. Französische, spanische und ein libanesisches Unternehmen blicken auf eine längere Marktpräsenz zurück und verfügen über gut etablierte Netzwerke. Partnerschaften mit ihnen oder deren Tochterfirmen können deshalb eine sinnvolle Option für deutsche Neueinsteiger darstellen.

Das spanische Unternehmen Urbaser und dessen marokkanische Tochterfirma Tecmed betreiben Hausmüll‑ und Industrieabfallprojekte in gleich mehreren Städten. Obwohl Tecmed inzwischen mehrheitlich in den Besitz der chinesischen Ying Zhan Investment Limited übergegangen ist, setzt das Unternehmen weiterhin auf Kooperationen mit spanischen Techniklieferanten – darunter Piquersa. Unter den weiteren bekannten Firmennamen bei den privaten Akteuren sind Averda (Libanon), Derichebourg Environnement (Frankreich) und Suez (Frankreich) zu finden.

Averda ist in mehreren Städten aktiv, darunter in Casablanca, wo es eine Partnerschaft mit dem marokkanischen Unternehmen Arma unterhält, weiterhin in Nador und in Rabat. In Tanger hat Averda 2025 eine Anlage zur Abfallbehandlung eröffnet. Derichebourg ist geschäftlich in Rabat, Marrakesch und in Kenitra unterwegs. Es hat sich zu einem der stabilsten internationalen Partner im Bereich der kommunalen Dienstleistungen entwickelt. 

Suez hat seine Präsenz Ende 2024/Anfang 2025 nicht nur durch vier neue Abkommen in den Bereichen Wasser und Abfall gestärkt, sondern ist auch im Bereich der Spezialabfälle engagiert. Hier ist die Firma vor allem bei der Behandlung von Industrieabfällen, darunter in der Automobil- und Luftfahrtindustrie, aktiv. Spezialabfälle entsorgt auch Chimirec (Frankreich). Deren marokkanische Tochtergesellschaft bekam in Kenitra Ende 2024 ihre Betriebsgenehmigungen für weitere fünf Jahre verlängert und baut ihre Kapazitäten zur Behandlung besonders gefährlicher Industrieabfälle aus.

Finanzielle Engpässe der Kommunen als Nadelöhr

Es gibt aber auch negative Erfahrungen: Das französische Unternehmen Pizzorno Environnement beendete 2020 seinen Betrieb an der Abfallbehandlungs- und Verwertungsanlage Oum Azza nahe Casablanca, hält jedoch an anderen Standorten fest. Pizzorno gab den Standort Oum Azza unter anderem deshalb auf, weil das Geschäftsmodell durch die Zahlungsunwilligkeit der Kommunen und den dadurch entstandenen Investitionsstau kollabiert war. So hatte der Gemeindeverband "Al Assima" (es handelt sich um einen Zusammenschluss der Kommunen Rabat, Salé und Témara) gegenüber Pizzorno Schulden angehäuft. Presseberichten zufolge beliefen sich die unbezahlten Rechnungen zum Zeitpunkt des Rückzugs der französischen Firma auf bis zu 250 Millionen Dirham (23 Millionen Euro). 

Für Pizzorno war der Betrieb unter diesen Bedingungen wirtschaftlich nicht mehr tragbar. Zudem stieß die Deponie Oum Azza an ihre Kapazitätsgrenzen. Daraufhin traten Unstimmigkeiten darüber auf, wer die Kosten für die dringend benötigte Erweiterung des Standorts (den Bau neuer Deponiezellen) und die Modernisierung der Technik trägt. Pizzorno weigerte sich, weitere Investitionen zu tätigen, solange die alten Schulden nicht beglichen und keine neuen vertraglichen Anpassungen vorgenommen wurden. Von Bedeutung für die Rückzugsentscheidung war auch die ungelöste Entsorgung des Sickerwassers, das bei der Zersetzung von Abfällen entsteht. 

Die Anlage in Oum Azza hat Schwierigkeiten, die riesigen Mengen an giftigem Sickerwasser zu bewältigen. Die Behörden warfen dem Unternehmen Versäumnisse vor, während Pizzorno argumentierte, dass die vertraglich vereinbarten Mittel und Strukturen nicht ausreichten, um die ökologischen Standards unter dem enormen Müllaufkommen der wachsenden Metropolregion zu halten. Nach dem Rückzug von Pizzorno wurde die Anlage in eine lokale Übergangslösung überführt, kämpfte jedoch weiterhin mit massiven Umweltproblemen (insbesondere der Sickerwasser-Thematik).

Andere Anbieter, zum Beispiel Arma Environment Maroc, treiben ihre Präsenz im Königreich voran. Das Unternehmen betreut die Abfallwirtschaft in rund 20 Gemeinden, darunter in mehreren Großstädten. Mit dem Großauftrag für die 3,5-Millionen-Metropole Casablanca im Jahr 2019 positionierte sich Arma sogar als ein zentraler privater Entsorger.

Verbundlösungen zwischen Industrie und Staat

Im Mai 2025 hat die marokkanische Regierung eine Machbarkeitsstudie ausgeschrieben, um das Modell der Abfallsammlung grundlegend zu reformieren. Als Ziel steht eine stärkere Integration der Kreislaufwirtschaft und die Einbindung informeller Müllsammler ("Chiffonniers") in das formale System im Raum. Im Ergebnis wird erwartet, dass auch die spanischen Branchenfirmen Urbaser und FCC sich stärker in Marokko unternehmerisch engagieren könnten.

Als ein zentrales Element zur besseren Strukturierung des Sektors hat sich der Interessenverbund COVAD (Coalition de la Valorisation des Déchets) etabliert. Dieser Zusammenschluss aus dem Dachverband der Privatwirtschaft, Confédération Générale des Entreprises du Maroc/CGEM, und verschiedenen Ministerien dient nach eigener Darstellung als Plattform, um Abfallströme systematisch zu kategorisieren, die Kreislaufwirtschaft zu fördern und regulatorische Reformen zu beschleunigen.

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