Interview | Norwegen | Arbeitsmarkt
"Gehalt allein reicht in Norwegen oft nicht aus"
Flache Hierarchien, hohe Erwartungen an Führung und Fachkräftemangel: Katrine Toven erklärt, wie deutsche Unternehmen in Norwegen Talente gewinnen und binden können.
29.10.2026
Flache Hierarchien, eine ausgeprägte Work-Life-Balance und hohe Erwartungen an Mitsprache prägen den norwegischen Arbeitsmarkt. Gleichzeitig suchen viele Unternehmen qualifizierte Fachkräfte, insbesondere in technologie- und industrienahen Bereichen. Für ausländische Arbeitgeber kann die Rekrutierung daher ebenso herausfordernd wie chancenreich sein.
Warum Gehalt nur einer von vielen Faktoren bei der Personalgewinnung ist, welche Fehler internationale Unternehmen häufig begehen und worauf deutsche Arbeitgeber achten sollten, erläutert Katrine Toven, Partnerin beim Personalberatungsunternehmen Belsenso Executive.
Wo fällt es Unternehmen derzeit am schwersten, qualifizierte Mitarbeitende zu finden?
Der Arbeitsmarkt ist weiterhin robust, auch wenn sich die Nachfrage in einigen Branchen zuletzt weniger dynamisch entwickelt hat als in den Vorjahren. In energiebezogenen Industrien und im maritimen Sektor variiert der Fachkräftebedarf stark zwischen den einzelnen Teilbereichen und hängt auch von politischen und geopolitischen Entwicklungen ab. Vor allem bei hoch spezialisierten Qualifikationen suchen Unternehmen deshalb auch international nach geeigneten Fachkräften. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach digitalen Kompetenzen. Unternehmen suchen zunehmend Mitarbeitende, die technisches Fachwissen mit Kenntnissen in Datenanalyse, Digitalisierung und künstlicher Intelligenz verbinden.
Welche Rolle spielen internationale Fachkräfte für Norwegen?
Internationale Fachkräfte sind für viele Unternehmen ein wichtiger Bestandteil ihrer Personalstrategie. Das gilt insbesondere für exportorientierte Branchen, die auf Spezialwissen angewiesen sind. Gerade im Energie- und maritimen Umfeld wird gezielt international rekrutiert. Ohne Fachkräfte aus dem Ausland wäre es für viele Unternehmen deutlich schwieriger, ihren Personalbedarf zu decken.
Tipps für deutsche Arbeitgeber
- Lokale Führungskompetenz einbinden.
- Flache Hierarchien leben.
- Flexible Arbeitsmodelle anbieten.
- Englisch kann in vielen Industriebranchen ausreichend sein.
- Unternehmenskultur aktiv kommunizieren.
Und wie werden sie rekrutiert?
Bei der Rekrutierung spielen Stellenportale und berufliche Netzwerke eine zentrale Rolle. Gleichzeitig gewinnen persönliche Empfehlungen und die gezielte Direktansprache zunehmend an Bedeutung, insbesondere bei spezialisierten Fach- und Führungskräften. In einem vergleichsweise kleinen Markt wie Norwegen sind Vertrauen, Reputation und bestehende Kontakte oft wichtige Faktoren im Rekrutierungsprozess.
Reicht Englisch aus, um auf dem norwegischen Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein?
Das hängt stark von der Position ab. In Bereichen wie Marketing, Kommunikation oder kundenorientierten Tätigkeiten sind Norwegischkenntnisse häufig unverzichtbar. In internationalen Industrie-, Technologie- oder Energieunternehmen reicht Englisch dagegen oft aus. Wer langfristig Karriere in Norwegen machen möchte, verbessert seine Möglichkeiten in der Regel durch Sprachkenntnisse.
Gute Führungskräfte zeichnen sich weniger durch Autorität aus als durch ihre Fähigkeit, Teams einzubinden und Orientierung zu geben.
Viele Arbeitgeber versuchen, Fachkräfte über attraktive Gehälter zu gewinnen. Reicht das in Norwegen aus?
Nein, das Gehalt allein reicht oft nicht aus. Natürlich spielt die Vergütung weiterhin eine wichtige Rolle. Gleichzeitig achten viele Beschäftigte sehr genau auf das Arbeitsumfeld, die Unternehmenskultur und die Qualität der Führung. Flexible Arbeitsmodelle und eine ausgewogene Work-Life-Balance werden häufig vorausgesetzt. Unternehmen konkurrieren deshalb nicht nur über das Gehalt, sondern auch über ihre Attraktivität als Arbeitgeber.
Wie führt man Mitarbeitende in Norwegen erfolgreich?
Die norwegische Arbeitskultur ist vergleichsweise egalitär. Mitarbeitende erwarten, dass ihre Meinung gehört wird und dass sie Einfluss auf Entscheidungen nehmen können. Flache Hierarchien, offene Kommunikation und ein hohes Maß an Vertrauen spielen eine wichtige Rolle. Gute Führungskräfte zeichnen sich weniger durch Autorität aus als durch ihre Fähigkeit, Teams einzubinden und Orientierung zu geben.
Und woran scheitern ausländische Arbeitgeber in Norwegen dann am häufigsten?
Oft wird der Einfluss kultureller Faktoren unterschätzt. Manche Unternehmen versuchen, Führungsstile oder Organisationsstrukturen eins zu eins aus anderen Ländern zu übernehmen. Das führt nicht selten zu Schwierigkeiten. Die norwegische Arbeitskultur basiert stark auf Beteiligung, Eigenverantwortung und Dialog. Unternehmen, die diese Erwartungen verstehen und berücksichtigen, haben bessere Chancen, Talente zu gewinnen und langfristig zu binden.
Deutsche Unternehmen genießen in Norwegen einen guten Ruf. Ist das ein Vorteil im Wettbewerb um Fachkräfte?
Grundsätzlich ja. Deutsche Unternehmen werden häufig mit Professionalität, Verlässlichkeit und technologischer Kompetenz verbunden. Das schafft Vertrauen und kann bei der Rekrutierung hilfreich sein. Ein guter Ruf allein garantiert jedoch keinen Erfolg. Entscheidend bleibt, wie gut sich ein Unternehmen auf die lokalen Gegebenheiten einstellt.
Welche Entwicklungen werden den norwegischen Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren besonders prägen?
Wir werden weiterhin einen hohen Bedarf an qualifizierten Fachkräften in technologie- und industrienahen Bereichen sehen. Gleichzeitig gewinnen digitale Kompetenzen und Kenntnisse im Umgang mit künstlicher Intelligenz zunehmend an Bedeutung. Zudem wird die internationale Rekrutierung für viele Unternehmen noch wichtiger. Erfolgreich werden vor allem Arbeitgeber sein, die Fachkräfte nicht nur gewinnen, sondern auch langfristig binden.
Was würden Sie deutschen Unternehmen empfehlen, die in Norwegen Personal aufbauen möchten?
Es lohnt sich, frühzeitig lokales Know-how einzubinden. Viele erfolgreiche Unternehmen arbeiten mit norwegischen Führungskräften oder gemischten internationalen Teams. Entscheidend ist nicht die Herkunft eines Unternehmens, sondern die Fähigkeit, lokale Erwartungen an Führung, Kommunikation und Zusammenarbeit zu verstehen. Wer diese Voraussetzungen erfüllt, kann in Norwegen erfolgreich Personal gewinnen.