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Palästinensische Wirtschaft erwartet Impulse vom 4G-Netz

Die Palästinensische Nationalbehörde und Israel haben den Aufbau eines modernen palästinensischen Kommunikationsnetzes vereinbart. Israels Zustimmung wurde seit Langem gefordert.

Von Wladimir Struminski | Jerusalem

Bei einem Treffen zwischen dem palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas und dem israelischen Verteidigungsminister Benny Gantz haben die israelische Regierung und die palästinensische Nationalbehörde (PNA) die Errichtung eines 4G-Netzes in der Westbank und im Gazastreifen vereinbart.

Hilfe für einheimische Telekommunikationswirtschaft

Der Aufbau eines solchen Netzes wird von der palästinensischen Seite bereits seit langer Zeit gefordert. Jedoch hat Israel als Besatzungsmacht mit weitgehender Kontrolle über die palästinensische Infrastruktur dies bisher abgelehnt.

Einen unmittelbaren Vorteil aus der 4G-Technologie werden palästinensische Telekommunikationsunternehmen ziehen. Ihnen wird nicht nur ermöglicht, bessere Kommunikationsdienste anzubieten, sondern auch ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber israelischen Mobilfunkunternehmen zu erhöhen. Letztere bieten seit Langem 4G-Dienste an, auf die auch Teile der palästinensischen Bevölkerung Zugriff haben. Schätzungen zufolge haben mehrere Hunderttausend Palästinenser israelische SIM-Karten in ihren Mobiltelefonen installiert.

Konkrete Zahlen liegen nicht vor, doch halten die israelischen Firmen einen nicht unbedeutenden Marktanteil: Nach Angaben des palästinensischen Zentralamts für Statistik (Palestinian Central Bureau of Statistics - PCBS) wurden 2020 rund 4,3 Millionen palästinensische Mobiltelefonanschlüsse gezählt. Die Nutzung israelischer Dienste schmälert die Einnahmen der palästinensischen Telekomunternehmen.

Stimulus für digitale Wirtschaft

Der Aufbau eines 4G-Netzes hat über die Telekommunikationsfirmen hinaus für viele andere Wirtschaftsbereiche große Bedeutung, erklärte der Präsident der Vereinigung palästinensischer Geschäftsleute (Palestinian Businessmen Association), Muhammad al-Amour, in einem Interview des Rundfunksenders Sawt al-Filastin („Die Stimme Palästinas“). Er führte aus, schnelle Informationsübermittlung werde technologieorientierte Branchen ebenso wie die Wirtschaft insgesamt positiv beeinflussen.

Ammar Al-Aker, CEO der Palestine Telecommunications Company (Paltel), sagte, die 4G-Technologie werde die Nutzung mobilen Internets voranbringen und die Bereitstellung von Diensten erleichtern, die bei 3G-Netzen stark limitiert seien. Im Gazastreifen sind nicht einmal die 3G-Netze, sondern nur die obsolete 2G-Technologie verfügbar. Al-Aker schätzt, das palästinensische 4G-Netz könne binnen Jahresfrist in Betrieb genommen werden.

Bei der Entwicklung der digitalen Wirtschaft setzen palästinensische Experten nicht nur auf die starke binnenwirtschaftliche Nachfrage nach modernen Telekommunikationsdiensten. Vielmehr sehen sie die Chance, auch eine digitale Exportwirtschaft zu entwickeln.

Mehr Arbeitsplätze für Fachkräfte

Digitalisierung kann zum Abbau der hohen Arbeitslosigkeit unter palästinensischen Akademikern beitragen. Im Juli 2021 veröffentlichte das PCBS Zahlen zur Arbeitslosigkeit von Fachkräften mit einem Vordiplom oder Bachelor. Danach lag die Arbeitslosenquote bei Absolventen der Informations- und Kommunikationswissenschaften bei 31,9 Prozent. Unter Physikern waren es 35,2 Prozent, unter Mathematikern und Statistikern 19,6 Prozent und unter Biologen 33,2 Prozent.

Bei jungen Fachkräften ist die Situation noch gravierender. In der Altersgruppe zwischen 20 und 29 Jahren waren 58,9 Prozent der Informations- und Kommunikationswissenschaftler, 68,7 Prozent der Physiker, 78 Prozent der Mathematiker und Statistiker sowie 56,2 Prozent der Biologen ohne Beschäftigung. Eine moderne Kommunikationsinfrastruktur könnte schnell zusätzliche technologieintensivere Arbeitsplätze schaffen.

Die Entwicklung der digitalen Wirtschaft ist infolge der Coronapandemie für die Palästinensischen Gebiete noch wichtiger geworden. Die Volkswirtschaft leidet ohnehin unter den israelischen Einschränkungen des Waren- und Personenverkehrs. Erschwerend kam die Coronakrise hinzu, sodass digitale Arbeitsprozesse und der Dienstleistungsexport per Internet zu einer gewissen wirtschaftlichen Entspannung führen könnte.

Auch für öffentliche Verwaltung wichtig

Die digitale Infrastruktur ist auch für die öffentliche Verwaltung bedeutsam. Deshalb hat die Weltbank im März 2021 ein Pilotprojekt im Wert von 20 Millionen US-Dollar aufgelegt, um den Zugang zu Hochgeschwindigkeits-Breitbanddiensten in ausgewählten Regionen zu erleichtern und die Entwicklung von E-Government zu ermöglichen. Die Schaffung eines 4G-Netzes dürfte diese Entwicklung wesentlich beschleunigen.

Israel behält Vorsprung

4G-Kommunikation bedeutet zwar einen wichtigen Fortschritt für die palästinensische Wirtschaft, stellt aber nicht die bestmögliche Lösung dar. Diese würde im Aufbau eines 5G-Netzes bestehen. Soweit bekannt, stehen entsprechende Maßnahmen bislang nicht auf der Tagesordnung.

Gleichzeitig baut Israel sein eigenes 5G-Netz auf. Damit wird es bei der schnellen Telekommunikation auch in den kommenden Jahren einen technologischen Vorsprung gegenüber den Palästinensischen Gebieten behalten.

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