Interview | Frankreich | Branche
Geschäftskultur Frankreich – Perfektion trifft auf Risikofreude
"Unsere Komplementarität macht uns als Team stark." Ann-Kristin Benthien von AKB Coaching & Consulting plädiert für mehr Vertrauen im deutsch-französischen Geschäftsalltag.
06.08.2026
Ann-Kristin Benthien ist Gründerin und Geschäftsführerin der AKB Coaching & Consulting, einer deutsch-französischen Beratung für interkulturelles Management und Führungskräfteentwicklung mit Sitz in Paris. Seit 2023 unterstützen sie und ihr Team Unternehmen unter anderem bei der Verbesserung der Zusammenarbeit bei deutsch-französischen Projekten.
Frau Benthien, warum sollten sich deutsche Unternehmen ausgerechnet mit der französischen Geschäftskultur auseinandersetzen? Deutsche und Franzosen kennen sich doch gut?
Das stimmt. Viele denken: Deutschland und Frankreich sind eng beieinander, da müssen wir uns nicht mit der Geschäftskultur auseinandersetzen. Aber dann kommt es doch zum Crash. Ich habe Kunden, die sagen: „Hier geht gar nichts mehr. Die deutschen Kollegen wollen mit bestimmten Franzosen nicht mehr reden”.
Sich nicht mit der anderen Seite auseinanderzusetzen, gefährdet ganze Projekte und wir reden hier nicht von irgendwelchen Projekten. Das kann Millionen kosten, wenn die Zusammenarbeit nicht funktioniert. Nur weil man denkt, wir sind so gleich. So gleich sind Franzosen und Deutsche aber gar nicht. Wir sind bestimmt komplementär, aber definitiv nicht gleich.
Hilft es denn, wenn die Geschäftspartner die jeweils andere Sprache sprechen?
Das macht die Sache manchmal noch komplizierter. Denn dann denken beide Seiten gar nicht daran, dass man vielleicht unterschiedliche Werte, Arbeitsweisen oder Funktionsweisen haben könnte. Gerade weil man den anderen ja “sprachlich” versteht. Und das ist der größte Trugschluss.
Zum Beispiel, das Wort Konzept. Im Französischen ist Konzept „concept", also das gleiche Wort. Aber „Konzept“ und „concept“ meinen nicht das Gleiche. Ein Konzept in Deutschland ist praktisch eine Art Realisierungsplan mit einem Kommunikationsplan, Marketingplan, Budgetplan und so fort. In Frankreich aber bedeutet „concept“ eher so etwas wie „Idee“.
Und wenn dann abgemacht wurde „Wir besprechen ein Konzept“, wollen die Deutschen einen Plan besprechen und das weitere Vorgehen fix machen. Die Franzosen aber wollen Ideen austauschen und brainstormen. Die fühlen sich dann von der deutschen Seite überrumpelt. Wohingegen der Deutsche sagt: „Typisch Franzosen, mal wieder nichts vorbereitet.“
Das bedeutet: Nur weil ein Wort in beiden Sprachen gleich ist, muss es nicht das Gleiche bedeuten. Und das bietet großes Konfliktpotential.
Was ist denn dann Ihrer Ansicht nach besonders wichtig für die Zusammenarbeit von Deutschen und Franzosen?
Vertrauen aufbauen, eine Beziehung aufbauen. In Deutschland geht Vertrauen über die Expertise, über die Fachkompetenz. Wir sind zuverlässig, sind pünktlich, sind effizient, sind methodisch. All das kreiert Vertrauen.
In Frankreich geht Vertrauen erst einmal über die Beziehungsebene. Ich muss den anderen sympathisch finden. Ich möchte natürlich auch, dass da Fachkompetenz ist. Aber wenn der andere nicht sympathisch ist, nicht ein bisschen humorvoll ist, nicht ein bisschen spontan sein kann, dann halte ich ihn vielleicht für fachlich kompetent, aber ich vertraue ihm menschlich nicht.
Dieser Beziehungsaufbau ist eine der Sachen, die Deutsche in Frankreich unterschätzen. Lieber anrufen, statt eine Mail zu schreiben, ein bisschen Smalltalk machen, sich mit anderen an die Kaffeemaschine stellen. Das kostet Zeit, ist aber eine Investition in eine bessere Zusammenarbeit.
Und was brauchen deutsche Führungskräfte, um in Frankreich erfolgreich zu sein?
Ambitionierte Ziele setzen. Wenn man in Frankreich motivieren will, dann ist es gut, etwas Druck aufzubauen. Wenn dann nur 80% der Ziele erreicht werden, ist es immer noch “globalement” gut. Außerdem sollten die Emotionen mit angesprochen werden: „Wir möchten Marktführer werden“, nicht einfach nur: „Wir wollen unsere Marge um 10% erhöhen.“
Noch dazu ist in Frankreich die Power Distance größer. Es gibt hier wirklich den „Grand Patron“. Und der Grand Patron entscheidet. Daher sollte man sich als Führungskraft niemals anmerken lassen, dass man das Thema nicht kennt. Lieber auf Informationsfang gehen und sich eine Meinung bilden. Und dann sagen: "OK, das ist jetzt, was ich hier entscheide". Es wird nicht gemeinsam entschieden, die Entscheidung kommt top-down.
Und, auch wichtig: Führungskräfte sollte sich durch ihre Kleidung absetzen. Kleidung ist in Frankreich wie Autos in Deutschland. Gute Kleidung ist prestigereich, und als Chef brauchst du Prestige.
Wo sehen Sie die größten Gegensätze?
Deutsche lieben Sicherheit, Franzosen Herausforderungen. Deutsche mögen gerne Prozesse, die eingehalten werden, weil sie wissen, dass sie sich bewährt haben. Im Projektmanagement gibt es in Deutschland oft eine sehr lange Konzeptionsphase. Das bringt Franzosen manchmal an ihre Grenzen, weil sie diese Phase als Sabotage und Resistenz interpretieren.
In Frankreich dagegen reicht es, wenn man einen groben Plan hat. Wichtig ist, erst einmal anzufangen. Die Feinjustierungen werden direkt während des Projektes getätigt. Und die Risiken? Die werden in Frankreich nicht so gründlich analysiert wie in Deutschland. Das kommt natürlich nicht gut an bei den Deutschen.
Die Deutschen lieben Perfektion - die Franzosen Funktionsgerechtigkeit.
Deutsche machen alles so gut, so perfekt wie es geht. Franzosen machen es so gut wie nötig. Es ist dann vielleicht nicht die perfekte Lösung, dafür ist sie aber schnell und produktiv. Da knallen natürlich Welten aufeinander, wenn der eine sagt, er will es so gut wie möglich machen und der andere so gut wie nötig.
Und wie können diese Welten zusammenkommen?
Deutsche und Franzosen könnten lernen, ihre Komplementarität zu nutzen. Deutsche verbessern kontinuierlich Prozesse, analysieren und antizipieren gerne Risiken. Franzosen haben geniale Ideen und sind gut unter Druck und im Improvisieren. Wenn man es schafft, diese Komplementarität zu nutzen, dann ist das super. Das macht doch ein Team stark. Wenn man sich akzeptiert und akzeptieren kann, dass der andere anders ist. Aber dafür braucht es halt auch Vertrauen.
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