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Archangelsk profitiert vom Aufschwung der Arktisregion

Russlands Pläne zur Erschließung der Arktis rücken das Gebiet Archangelsk ins Rampenlicht. Die Region benötigt Hafenausrüstung, Anlagen zur Rohstoffförderung und Medizintechnik.

Von Gerit Schulze | Moskau

In politisch aufgeheizten Zeiten bleiben Russlands Regionen an Kooperationen mit der deutschen Wirtschaft interessiert. Das zeigte Mitte Februar 2022 ein Treffen des Gouverneurs der Region Archangelsk, Alexander Zybulski, mit dem deutschen Botschafter in Moskau, Géza Andreas von Geyr, und Unternehmensvertretern.

Der Gebietschef skizzierte eine Reihe von Investitionsvorhaben, die rund um die Hafenstadt am Weißen Meer geplant sind und an denen sich deutsche Firmen beteiligen könnten. Das Föderationssubjekt ist größer als Spanien, zählt aber kaum mehr Einwohner als Köln.

Eckdaten zum Gebiet Archangelsk

Fläche (einschließlich Autonomer Kreis der Nenzen)

590.000 km²

Einwohner (2022)

1,11 Millionen

Größte Städte (2020)

Archangelsk: 350.000

Sewerodwinsk: 180.000

Kotlas: 75.000

Korjaschma 35.000

Bruttoregionalprodukt (2019)

7,7 Milliarden Euro

Bruttoanlageinvestitionen (2020)

2,4 Milliarden Euro

Wert der Bauleistungen (2021)

1,2 Milliarden Euro

Einzelhandelsumsatz (2021)

3,6 Milliarden Euro

Einzelhandelsumsatz pro Kopf (2021)

3.200 Euro

  zum Vergleich: Russland insgesamt

3.100 Euro

Durchschnittslohn (Januar bis November 2021)

420 Euro

  zum Vergleich: Russland insgesamt

670 Euro

Wichtige Branchen

Schiffbau, Holzverarbeitung,
Zellstoff- und Papierindustrie,
Rohstoffförderung, Fischfang

Quelle: Rosstat, Bundesbank (Wechselkurse)

Umschlagmenge im Hafen steigt

Viel Dynamik ist in den kommenden Jahren rund um den Hafen zu erwarten, der ein wichtiger Umschlagplatz für den Ausbau der russischen Arktis ist. Von hier aus werden die Flüssiggasanlagen auf der Halbinsel Jamal und Häfen weiter östlich versorgt.

In Archangelsk wurden 2021 über 5 Millionen Tonnen Zellstoff und Papier, Metalle, Holz, Container, Schwermaschinen und Massengut umgeschlagen. Ein Viertel davon geht ins Ausland. Auch die Republiken Komi und Karelien wickeln ihre Lieferungen über den Hafen ab. "Allerdings kommen die Schiffe meist leer an und nehmen dann Güter für den Export auf", sagt der regionale Wirtschaftsminister Viktor Ikonnikow. "Es gibt also viel Potenzial, auch Importe über unseren Hafen umzuschlagen.“

Derzeit sind acht Terminalbetreiber in Archangelsk aktiv, die laut Ikonnikow in neue Ausrüstungen, Kai- und Krananlagen investieren. Geplant sei ein weiteres Containerterminal, um mehr Warenlieferungen für Asien via Nordostpassage abzufertigen.

Ein neuer Tiefseehafen soll 50 Kilometer nördlich von Archangelsk in der Dwina-Bucht entstehen. Das Projekt hängt aber von der sogenannten Belkomur-Eisenbahnlinie ab, die das Weiße Meer über die Republik Komi mit der Uralregion verbinden soll. Eine Umsetzung dieses Vorhabens ist derzeit nicht in Sicht.

Produktion von grünem Wasserstoff geplant

Ein weiteres Großvorhaben in der Region ist ein Produktionscluster für grünen Wasserstoff. Die Gebietsregierung hatte das Projekt Ende 2021 angeregt und eine Jahreskapazität von 1 Million Tonnen in Aussicht gestellt. Den grünen Strom dafür könnten ein Gezeitenkraftwerk in der Mesen-Bucht und Windkraftanlagen erzeugen.

Jedoch ist das Projekt "bislang nur eine Idee“, betonte Gouverneur Zybulski auf Nachfrage von Germany Trade & Invest. "Es gibt noch keinen konkreten Investor, aber einige Interessenten.“ Ein Gezeitenkraftwerk sei schon zu Sowjetzeiten projektiert, dann jedoch nie realisiert worden. "Heute erlauben modernere Technologien einen höheren Wirkungsgrad.“

Der Tidenhub in der Bucht beträgt bis zu zehn Meter, sodass die Unterschiede zwischen Niedrig- und Hochwasser eine Stromerzeugung ermöglichen. Deutsche Energiekonzerne wie Uniper interessieren sich bereits für das Vorhaben.

Reiche Rohstoffvorkommen sorgen für Investitionen

Viel Potenzial hat das Gebiet Archangelsk aufgrund seiner Rohstoffvorkommen. Es gibt große Lagerstätten für Bauxit, Basalt und Kalk. Der fränkische Baustoffproduzent Knauf fördert im Bezirk Cholmogory 600.000 Tonnen Gips pro Jahr.

Auch die größten Diamantenminen Europas liegen in der Region. Geologen beziffern die Edelsteinvorräte auf 220 Millionen Karat. Im Jahr 2021 betrug die Ausbeute 8,5 Millionen Karat (1,7 Tonnen).

Ganz andere Volumina sind auf der Insel Juschni geplant, die zum Archipel Nowaja Semlja gehört. Dort liegt die Lagerstätte Pawlowskoje mit riesigen Mengen an Blei, Zink und Silber.

Die Lizenz zur Ausbeutung des Vorkommen hat die Rosatom-Tochter PGRK, die auf der unwirtlichen Insel eine Jahresproduktion von 220.000 Tonnen Zinkkonzentrat und 50.000 Tonnen Bleikonzentrat anstrebt. Im Umfeld entstehen eine Rohstoffaufbereitungsanlage,  ein Hafen, Energieversorgung, Lagereinrichtungen und Wohnraum für 500 Beschäftigte.

Ein Partner für das Großvorhaben ist die finnische Metso Outotec. Die Projektgesellschaft ist aber "offen für deutsche technische Lösungen und Ausrüstungen“, bekundet Wirtschaftsminister Ikonnikow. Nach seinen Angaben ist der Start der Rohstoffförderung für 2024 geplant.

Projekte zur Holz- und Papierverarbeitung

Zu den natürlichen Ressourcen der Region gehören die Wälder. Holzverarbeitung und Papierproduktion sind ein wichtiger Wirtschaftszweig. Die Ilim-Gruppe produziert in Korjaschma jährlich 1,2 Millionen Tonnen Zellstoff, Papier und Verpackungsmaterial. In Nowodwinsk hat Russlands größter Kartonhersteller Archangelski ZBK (2021: 614.000 Tonnen Verpackungskarton) seinen Sitz.

Beide Werke investieren große Summen in Nachhaltigkeit. Das Archangelski ZBK steckte zwischen 2011 und 2020 über 170 Millionen Euro in beste verfügbare Techniken, um die Produktion zu modernisieren und die Emissionen zu senken. Im Herbst 2021 erhielt die finnische Valmet von dem Kombinat einen Lieferauftrag für energiesparende Anlagen zur Zellstoffherstellung.

Laut Wirtschaftsminister Ikonnikow erweisen sich außerdem die Sägewerke der Region als sehr investitionsfreudig. Das betrifft besonders die Produktion von Holzpellets, die häufig nach Europa exportiert werden. Wichtige Hersteller sind ULK, Region-Les und das Sägewerk LDK, das derzeit in der Stadt Onega eine neue Granulierungsanlage errichtet.

Universitäten brauchen Labor- und Medizintechnik

Perspektiven für deutsch-russische Kooperationen sieht Gouverneur Zybulski in der Forschung. Archangelsk hat zwei bekannte Hochschulen: die Nördlich-Arktische Staatliche Universität NARFU und die Medizinische Universität NSMU.

An der NARFU ist ein neuer Campus mit Wohnheimplätzen für 4.000 Studierende, Kongresszentrum, Sporteinrichtungen, Hörsälen und Labors geplant. 

Auf Basis der NSMU entsteht ein Föderales Zentrum für arktische Medizin, das die Auswirkungen des nordischen Klimas auf die menschliche Gesundheit erforscht. Deutsche Medizintechnikhersteller und Laborausrüster bekundeten beim Gespräch mit dem Gouverneur Interesse an einer Kooperation.

Der Hohe Norden lockt mit niedrigen Steuern

Das Gebiet Archangelsk gehört zur Arktischen Zone der Russischen Föderation, der flächenmäßig größten Sonderwirtschaftszone der Welt. Sie erstreckt sich entlang des Polarkreises von Karelien bis Tschukotka.
 

Für Investoren gelten dabei folgende Präferenzen (Auswahl):

  • Gewinnsteuer: 1. bis 5. Jahr 5%; 6. bis 10. Jahr 10%
  • Steuer auf Förderung von Rohstoffen (NDPI): 0,5% des aktuellen Steuersatzes bis 31. Dezember 2032
  • Subventionierte Kreditzinsen
  • Subventionierung der Sozialversicherungsbeiträge von bis zu 75%
  • Abschaffung der Zölle und Einfuhrumsatzsteuer für Produktionsausrüstungen und Komponenten
  • Bereitstellung von Grundstücken für Investitionsprojekte ohne Ausschreibung

Voraussetzungen

  • Mindestens 10 Millionen Rubel Investition (rund 116.000 Euro)
  • Firmenregistrierung in der arktischen Zone
  • Elektronische Antragstellung auf dem Portal Arctic Russia
  • Nachweis, dass die Investitionen tatsächlich in ein neues Projekt fließen
  • Projekt darf nicht in den Bereichen Holzernte, Fischerei und Bergbau stattfinden.

Ansiedlungserfolge

  • Im Gebiet Archangelsk haben bereits über 100 Unternehmen den Status eines Residenten der Sonderwirtschaftszone bekommen.
  • Die angekündigten Investitionen betragen rund 750 Millionen Euro.
  • Zu den Vorhaben gehören eine Möbelfabrik, ein Wintersportzentrum, eine Schiffsreparaturwerft und Sägewerke.

Weitere Informationen finden Sie auf den Seiten der Agentur für regionale Entwicklung.

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