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Handel & Lieferketten

Ukrainekrieg: Engpass für Rohstoffe und globale Lieferketten

Russland und die Ukraine sind bei zahlreichen Rohstoffen weltweit führende Produzenten. Der Krieg in der Ukraine setzt globale Lieferketten unter Druck.

Im internationalen Handel entstehen Lieferengpässe bei der Versorgung mit wichtigen Rohstoffen. Dazu gehören Energieträger, Metalle und Agrargüter, aber auch Düngemittel und Edelgase.

Russland ist ein global bedeutender Lieferant von Energierohstoffen und Düngemitteln. Die Ukraine spielt eine wichtige Rolle bei der Produktion von Sonnenblumenöl, bestimmten Edelgasen und für Deutschland auch in der Belieferung mit ausgewählten Elektronikprodukten.

Als führenden Produzenten von Getreide kommt beiden Ländern eine Schlüsselposition für die globale Ernährungssicherheit zu. Ausbleibende Lieferungen von Stahl und Metallen aus beiden Ländern setzen die Metallindustrie unter Druck.

  • Der Westen will unabhängig von Energieträgern aus Russland werden

    Europa ist stark abhängig von Energieträgern aus Russland. Die EU verbietet den Kauf von Kohle und plant ein Ölembargo. Vor allem Deutschland bleibt auf Gaslieferungen angewiesen.

    Russland ist der drittgrößte Ölförderer der Welt und Europas wichtigster Lieferant. Rund ein Viertel der in der Europäischen Union (EU) jährlich verbrauchten 500 Millionen Tonnen Erdöl kommen aus dem größten Flächenland der Welt. Deutschland bezog 2021 rund 35 Prozent seiner Öleinfuhren aus Russland und senkte diesen Anteil bis Ende April 2022 auf 12 Prozent, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck. Im Jahr 2021 importierte die Bundesrepublik Rohöl im Wert von 9,7 Milliarden Euro, meldet das Statistische Bundesamt. Für die USA ist Russland mit einem Marktanteil von 8 Prozent der drittgrößte Öllieferant. Insgesamt exportierte Russland 2021 Öl im Wert von rund 152 Milliarden Euro und erzielte damit rund 45 Prozent seiner Ausfuhrerlöse.

    Deutschland senkt Anteile Russlands an den Importen von Energieträgern

    Energieträger

    Anteil russischer Energieträger an den deutschen Importen

    Jahr 2021

    April 2022

    Erdgas

    55%

    35%

    Erdöl

    35%

    12%

    Steinkohle

    50%

    8%

    Quelle: Bundeswirtschaftsministerium vom 28. April 2022

    Europäische Union plant Ölembargo

    Die EU-Kommission arbeitet am 6. Sanktionspaket gegen Russland, das ein Ölembargo enthalten soll. Deutschland will seine Ölimporte aus Russland bis Ende 2022 vollständig einstellen. Doch die Sache ist nicht ganz einfach. Ein Ölembargo gegen Russland hätte gravierende Folgen für Ostdeutschland. Die USA, Kanada, Australien und Großbritannien haben bereits Anfang März 2022 ein vollständiges Verbot neuer Käufe von russischem Öl verhängt.

    Während der Ölpreis an den Rohstoffbörsen mit Kriegsbeginn auf rund 140 US-Dollar (US$) pro Barrel Brent stark angestiegen war, sank der Preis am 11. April auf 98,48 US$ und somit in etwa auf das Niveau vor Beginn der russischen Ukraine-Invasion. Inzwischen sind die Preise jedoch wieder gestiegen durch das bevorstehende Ölembargo der EU. Am 27. April kostete Brent 105,32 US$ pro Barrel, WTI 102,02 US$ pro Barrel und Urals 73,01 US$ pro Barrel.

    Die OPEC senkte die Prognose der russischen Fördermenge auf 11,2 Millionen Barrel pro Tag (bpd). Im April 2022 förderte Russland mit 1,372 Millionen Tonnen bereits 9 Prozent weniger Rohöl als im März.

    Ersatz könnte aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) kommen. Beide Länder verfügen über freie Förderkapazitäten und könnten den Rückgang der russischen Ölexporte teilweise kompensieren, lehnen bislang aber eine außerplanmäßige Erhöhung der Fördermengen ab. Zur Erinnerung: Im Mai 2020 hatten die OPEC+-Länder als Reaktion auf die COVID-19-Krise neue Bedingungen des Abkommens beschlossen und die Ölproduktion um 9,7 Millionen Barrel pro Tag reduziert. Seit August 2021 erhöht die OPEC+ die Produktion kontinuierlich um 400.000 Barrel pro Tag. Bei diesem Tempo beabsichtigen die OPEC+-Länder, die Produktion bis September 2022 zu steigern und alle reduzierten Produktionsmengen vollständig auf den Markt zurückzugeben.

    Die westlichen Ölkonzerne Exxon Mobil, BP, Shell, Total, Equinor und Eni kündigten an, sich aus gemeinsamen Projekten mit russischen Ölkonzernen zurückzuziehen und nicht mehr in neue Vorhaben zu investieren. Die Vitol Group will den Handel mit russischem Öl bis Ende 2022 einstellen. Russland bietet sein Öl daher mit einem Preisabschlag von rund 30 US$ pro Barrel auf dem Weltmarkt an. Ende März 2022 schloss Indien einen Importvertrag für 3,5 Millionen Barrel mit einem Preisnachlass von rund einem Drittel. Auch der staatliche indonesische Ölkonzern Pertamina erwägt den Kauf von russischem Rohöl.

    Europa kann russische Gasimporte kurzfristig nicht ersetzen

    Russland ist eines der wichtigsten Gasförderländer der Welt. Die EU deckt rund 40 Prozent ihres Gasverbrauchs von rund 500 Milliarden Kubikmetern pro Jahr aus dem größten Flächenstaat. Die EU-Kommission legte den Mitgliedsstaaten einen Plan vor, um die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen zu reduzieren. Bis Ende 2022 sollen die Gasimporte aus Russland um zwei Drittel im Vergleich zum Vorjahr sinken. Um die Versorgungssicherheit für den kommenden Winter zu gewährleisten, schreibt die EU-Kommission zum 1. Oktober 2022 für die Gasspeicher eine Mindestfüllmenge von 90 Prozent vor.

    Deutschland bezog vor Kriegsbeginn rund 55 Prozent seines Gases aus Russland und hat diesen Anteil inzwischen auf 35 Prozent gesenkt, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck am 28. April 2022. Als Reaktion auf den Angriff Russlands auf die Ukraine setzte die Bundesregierung die Zertifizierung der Pipeline Nord Stream 2 aus. Ein Embargo auf Gaslieferungen über die bestehenden Pipelines wird bislang von der Bundesregierung abgelehnt, doch der Druck auf Deutschland wächst. Bis Mitte 2024 will Deutschland weitgehend unabhängig von russischem Gas werden, erklärte Habeck.

    Aserbaidschan bietet sich als Ersatz an und will seine jährliche Lieferung nach Europa durch den südlichen Gaskorridor 2022 auf 9,1 Milliarden Kubikmeter erhöhen. Zudem könnten Flüssiggasimporte (LNG) aus den USA, Algerien oder Katar Abhilfe schaffen. In der EU sind aktuell 26 LNG-Terminals in Betrieb, die 25 Prozent des gesamten Gasbedarfs decken. Die Bundesrepublik verfügt derzeit über kein Regasifizierungsterminal für LNG. Zwei Projekte sollen mit Hochdruck an der Nordseeküste realisiert werden.

    Russland ergreift Gegenmaßnahmen und fakturiert seit Anfang April 2022 Gaslieferungen nur noch auf Rubelbasis. Europäische Energiekonzerne bezahlen jedoch weiter in Euro. Die Bundesregierung sorgt für die Einstellung der Gaslieferungen vor. Ende März 2022 rief Robert Habeck die Frühwarnstufe des Notfallplans Gas aus. Im Ernstfall übernimmt die Bundesnetzagentur (BNetzA) die Entscheidung, wer mit Gas versorgt wird. Zur Sicherstellung der Befüllung der Gasspeicher, fungiert die BNetzA seit 4. April 2022 auch als Treuhandverwaltung der Gazprom Germania GmbH.

    Erreichten die Preise nach Beginn der russischen Invasion in die Ukraine präzedenzlose Höchststände - Gas kostete auf dem niederländischen Terminmarkt TFF zeitweise rund 3.900 US$ pro 1.000 Kubikmeter - sank der Gaspreis Mitte April 2022 wieder auf den niedrigsten Stand seit Kriegsbeginn. Die europäischen Gaspreise am TTF-Hub stiegen am Morgen des 27. April um 21 Prozent auf 125 Euro pro MWh, nachdem Gazprom seine Lieferungen nach Polen und Bulgarien eingestellt hatte. Doch später stabilisierte sich der Preis für Gas Futures bei 110 Euro pro MWh.

    Wintershall Dea kündigte an, sich nicht mehr an neuen Projekten zur Förderung von Öl und Gas in Russland zu beteiligen. Die bestehenden Aktiva an den Gasfeldern Juschno-Russkoje und Atschimowskoje will der deutsche Konzern hingegen behalten. Der Energiekonzern Uniper will weiterhin russisches Gas im Rahmen bestehender Verträge beziehen.

    EU verbietet Kauf von Kohle aus Russland

    Russland ist der weltweit drittgrößte Exporteur von Kohle. Im Jahr 2021 nahm das größte Flächenland mit der Ausfuhr von rund 227 Millionen Tonnen des Energieträgers rund 18 Milliarden US$ ein. Die EU deckt rund 45 Prozent ihres jährlichen Bedarfs von rund 50 Millionen Tonnen mit Importen aus Russland. Der Anteil von Kokskohle liegt bei rund 30 Prozent, der Anteil von Kraftwerkskohle bei 60 Prozent. Die Bundesrepublik bezog vor Kriegsbeginn die Hälfte (50 Prozent) der Kohleimporte aus Russland und senkte diesen Anteil bis Ende April 2022 auf 8 Prozent. China deckt rund 5 Prozent seines Kohlebedarfs über russische Einfuhren ab.

    Die EU stellte Anfang April 2022 zum Stichtag 10. August 2022 den Einkauf, die Einfuhr sowie den Transport russischer Kohle unter Sanktionen. Die Bundesregierung will bis Ende Herbst 2022 vollständig auf russische Kohle verzichten, erklärte Robert Habeck. Als alternative Lieferländer kommen die USA, Kolumbien und Südafrika in Frage. Doch könnten sie die hochwertige und schwefelarme russische Kokskohle nur teilweise ersetzen.


    Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

  • Europa will unabhängig von russischem Öl werden

    Die Europäische Union will den Import von russischem Öl verbieten. Deutsche Raffinerien müssen ihre Bezugsquellen diversifizieren. Russland sucht neue Abnehmer in Asien.

    Die Europäische Union (EU) will dem Kreml eine wichtige Einnahmequelle entziehen. Kommissionschefin Ursula von der Leyen kündigte am 4. Mai 2022 das sechste Sanktionspaket gegen Russland an, das ein schrittweises Ölembargo enthält. Der Staatenverbund bezieht rund ein Drittel seines Öls aus Russland, meldet die Internationale Energieagentur (IEA). Seit Kriegsbeginn reduzierte die EU ihre Einfuhren aus Russland bereits um 20 Prozent. Mit dem Programm REPowerEU will sie unabhängig von russischem Öl und Gas werden. In die Diversifizierung der Bezugsquellen, den Ausbau grüner Energien und in Energiesparmaßnahmen fließen bis 2027 rund 210 Milliarden Euro.

    Deutschland senkte seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine seine Abhängigkeit von russischem Öl von 35 auf 12 Prozent, gab Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck bekannt. Die Bundesrepublik strebt einen gänzlichen Verzicht auf Öl und raffinierte Produkte aus Russland an, ergänzte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock.

    EU will auch Transport und Versicherung von russischem Öl untersagen

    Das geplante Ölembargo sieht vor, den Import von Rohöl aus Russland innerhalb von sechs Monaten einzustellen. Nach acht Monaten sollen auch keine Ölprodukte mehr nach Europa kommen. Bislang steht ein einstimmiger Beschluss der EU-Mitgliedsstaaten jedoch aus. Vor allem Ungarn lehnt die Maßnahmen ab und fordert milliardenschwere Hilfen. Auch Bulgarien, die Slowakei und Tschechien hängen stark von Lieferungen über die Druschba-Pipeline ab. Für sie sollen die Übergangsfristen bis 2024 verlängert werden.

    Die EU-Kommission will europäischen Firmen auch den Transport von russischem Öl per Tanker sowie die Erbringung technischer und finanzieller Dienstleistungen verbieten. Gegen das Transportverbot per Schiff äußern die Mittelmeeranrainer Griechenland, Zypern und Malta noch Vorbehalte. Sie fürchten Nachteile für ihre Handelsflotte. Griechische Reeder verfügen über die weltweit größte Flotte an Öltankern.

    Das geplante Verbot, Öltransporte zu versichern, ist dagegen unumstritten und dürfte es Russland erschweren, Öl an alternative Abnehmer zu liefern. Kaum ein Staat erlaubt einem nicht versicherten Tankschiff die Ansteuerung seiner Häfen. Viele westliche Versicherungsgesellschaften haben ihren Sitz in der EU oder unterliegen europäischem Recht.

    Aufwändige Umrüstung deutscher Raffinerien auf andere Ölsorten

    Die Auswirkungen des EU-Ölembargos betreffen auch Deutschland. Die Raffinerien PCK in Schwedt und Leuna sind von Öllieferungen über die Druschba-Pipeline abhängig. Beide Raffinerien sind auf die Viskosität des russischen Öls der Sorte Urals aus den Feldern Westsibiriens ausgelegt. Eine Umrüstung auf andere Rohölsorten dauert mehrere Monate. Auch die Anlieferung über alternative Routen gestaltet sich aufwändiger. Von den Ostseehäfen in Rostock und Gdańsk soll Öl per Tanker angelandet und über Pipelines weitergepumpt werden.

    Um Öl aus nichtrussischen Quellen verarbeiten zu können, müssen zudem die Eigentümer zustimmen. Die Raffinerie in Schwedt gehört zu 54 Prozent Rosneft Deutschland, einem Tochterunternehmen des russischen Ölkonzerns Rosneft. Sollte der Konzern die Verarbeitung von nichtrussischem Öl verweigern, will die Bundesregierung eine Treuhandverwaltung einsetzen. Der Bundestag verabschiedete am 12. Mai 2022 ein entsprechendes Gesetz. Der Eigentümer der Raffinerie in Leuna, der französische Mineralölkonzern Total, kündigte bereits an, ab 2023 kein russisches Erdöl mehr kaufen zu wollen.

    Folgen des Embargos für Russland erst mittelfristig spürbar

    Das europäische Importverbot soll Russlands Einnahmen aus dem Ölverkauf beschneiden. Öl und Gas machen rund 45 Prozent der Einnahmen im Staatshaushalt aus. Mehr als die Hälfte der russischen Energieexporterlöse kommen bisher aus Europa.

    Russland zeigt sich von dem Ölembargo unbeeindruckt. Der aktuell hohe Weltmarktpreis gleicht das sinkende Exportvolumen vorerst aus. Jedoch meiden westliche Händler freiwillig russisches Öl. Die sinkende Nachfrage drückt den Preis auf dem Spotmarkt. Der Exportpreis für Öl der Sorte Urals sank im April auf etwa 80 US-Dollar (US$) pro Barrel und lag damit rund 25 Prozent unter dem Preis für die Nordseesorte Brent. Zudem ist absehbar, dass keine neuen langfristigen Lieferverträge mit Russland abgeschlossen werden. Mittelfristig müssen russische Ölkonzerne daher Rabatte gewähren, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben.

    Infolge des Embargos dürfte die russische Ölproduktion allmählich sinken. Für das Jahr 2022 rechnet die russische Regierung im Vergleich zum Vorjahr mit einem Rückgang der Fördermenge um 17 Prozent auf 434 Millionen Tonnen. Das beschert dem Staatshaushalt weniger Einnahmen. Im April 2022 sank der Erlös aus der Steuer auf die Rohstoffgewinnung im Vergleich zum Vorjahresmonat um 37,4 Prozent auf rund 730 Milliarden Rubel (rund 11 Milliarden Euro), berichtete die Nachrichtenagentur Reuters.

    Moskau sucht alternative Abnehmer

    Russland muss die entstehende Absatzlücke mit alternativen Abnehmern kompensieren und legt den Fokus dabei auf Staaten, die sich den westlichen Sanktionen nicht anschließen. Jedoch stellt der Öltransport eine große Herausforderung dar. Bislang fließt der Großteil des russischen Öls über Pipelines nach Europa. Für die Umlenkung dieser umfangreichen Mengen hin zu Absatzmärkten in Asien müsste erst eine neue Pipeline-Infrastruktur errichtet werden. Die Realisierung wird mehrere Jahre beanspruchen.

    Auch auf dem Seeweg sind die Transportkapazitäten beschränkt. Zudem verlangen Länder wie Indien, das im April 2022 zum größten Abnehmer von Urals-Öl aufstieg, kräftige Rabatte von rund 35 US-Dollar pro Barrel. Auch China importiert derzeit nur wenig mehr russisches Öl. Wegen des Corona-Lockdowns in Shanghai stieg die Rohölimportmenge im April 2022 im Vergleich zum Vorjahresmonat nur leicht um 11 Prozent oder 175.000 Barrel pro Tag. Die Lieferungen nach Indien nahmen im gleichen Zeitraum dagegen um rund 30 Prozent zu.

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

  • Industrie bleibt vorerst auf russisches Metall angewiesen

    Russland ist ein wichtiger Lieferant von Metallen. Die Automobil- und Elektronikindustrie sowie der Maschinen- und Flugzeugbau können ihre Abhängigkeit erst mittelfristig senken.

    Metalle gehören nach Erdöl, Ölprodukten, Erdgas und Kohle zu den wichtigsten Exportgütern Russlands. Bei Aluminium, Nickel, Palladium und Titan hält das größte Flächenland einen signifikanten Weltmarktanteil. Die Europäische Union (EU) und die Bundesrepublik decken einen Großteil ihres Metallbedarfs aus Russland. Von Lieferungen aus Russland abhängig sind vor allem die Automobil- und Elektronikindustrie sowie der Maschinenbau.

    Russlands Krieg gegen die Ukraine sorgt für Unsicherheit auf dem Weltmarkt für Rohmetalle und metallhaltige Vorstoffe. Bei einem Lieferstopp dürfte sich das weltweite Defizit an Halbleitern weiter verschärfen. Mit einem weiteren Anstieg der Preise ist zu rechnen.

    Die EU verhängte im 4. und 5. Sanktionspaket ein Importverbot für bestimmte Eisen- und Stahlerzeugnisse aus Russland. Betroffen sind unter anderem kalt- und warmgewalzte Bleche aus nicht legiertem oder legiertem Stahl, Bleche mit metallischem Überzug oder Stäbe und Leichtprofile aus rostfreiem Stahl. Metalle wie Aluminium, Kupfer, Nickel, Palladium und Eisenerz unterliegen hingegen keinen EU-Sanktionen.

    Die von der EU und USA sanktionierten Oligarchen Oleg Deripaska (Rusal), Alexej Mordaschow (Severstal) und Alischer Usmanow (Metalloinvest) sind an Metallurgiekonzernen beteiligt. Ein Unternehmen, bei dem die sanktionierte Person keine tatsächliche Kontrolle oder Mehrheitsbeteiligung auf das Unternehmen ausübt, unterliegt nicht automatisch Einschränkungen. Eine Prüfung, ob die sanktionierte Person doch faktisch die Kontrolle ausübt, ist trotzdem zwingend erforderlich. Weder Nornickel noch sein Hauptaktionär, Wladimir Potanin, wurden bisher mit EU-Sanktionen belegt, weil russische Nickellieferungen zurzeit nicht ersetzt werden können.

    Lieferengpässe befeuern Preisrallye bei Aluminium

    Mit einem Marktanteil von 10 Prozent ist Russland nach China der zweitgrößte Aluminiumproduzent weltweit. Rusal, der einheimische Platzhirsch, deckt 5 Prozent des weltweiten Aluminiumbedarfs. Im Jahr 2021 exportierte Rusal 3,9 Millionen Tonnen. Rund die Hälfte der Ausfuhren gingen in die EU und die USA. China bezieht rund ein Fünftel seiner Aluminiumimporte aus Russland.

    Ende März 2022 verhängte die australische Regierung ein Ausfuhrverbot für Bauxit und Aluminiumoxide. Dadurch soll Russlands Fähigkeit zur Herstellung von Aluminium eingeschränkt werden. Das größte Flächenland bezieht knapp 20 Prozent seines Bedarfs an Bauxit aus Australien.

    Aus Sorge vor drohenden Lieferengpässen aus Russland steigen die Weltmarktpreise. Der Aluminiumpreis erreichte am 21. März 2022 an der Metallbörse London Metall Exchange (LME) mit über 3.800 US-Dollar (US$) pro Tonne eine neue historische Höchstmarke. Bis 20. April 2022 sank der Preis leicht auf 3.264 US$.

    Autobauer sind auf Nickel und Palladium aus Russland angewiesen

    Russland deckt - nach Indonesien und den Philippinen - rund 10 Prozent des weltweiten Bedarfs an Nickel. Deutschland bezieht rund 40 Prozent des Metalls aus Russland. Wichtigster Lieferant ist der Bergbau- und Metallurgiekonzern Nornickel. Das Kombinat auf der Halbinsel Taimyr in der Region Krasnojarsk produzierte 2021 rund 193.000 Tonnen Nickel. Das Metall kommt unter anderem zur Produktion von Edelstahl und von Lithium-Ionen-Batterien für Elektromobile zum Einsatz.

    Befürchtungen von Lieferengpässen lassen die Weltmarktpreise steigen. Der Preis für Nickel stieg an der Londoner Metallbörse (LME) sprunghaft an. Kostete eine Tonne am 7. März 2022 mehr als 100.000 US$, pendelte sich der Preis zum 20. April 2022 bei rund 33.800 US$ ein.

    Bei Palladium hält Russland einen Weltmarktanteil von mehr als 40 Prozent. Deutschland deckt rund ein Viertel seines Bedarfs an dem Platinmetall aus Russland, die USA sogar ein Drittel. Palladium kommt in der Automobilindustrie vor allem für die Produktion von Katalysatoren und in der Elektronikindustrie zum Einsatz.

    Aus Sorge vor Lieferausfällen steigen die Preise. Am 7. März 2022 erreichte der Preis für eine Feinunze (rund 31,1 Gramm) Palladium mit rund 3.300 US$ einen historischen Rekordwert. Bis 20. April 2022 sank der Preis auf rund 2.500 US$. Als Ersatzlieferant könnte Südafrika einspringen, der neben Russland wichtigste Produzent von Palladium. Jedoch wird es einige Monate dauern, bis die Produktionsmenge erhöht werden kann.

    US-Flugzeugbauer will Titanlieferungen aus Russland ersetzen

    Russland ist nach China und Japan der drittgrößte Produzent von Titan. Der Weltmarktanteil des größten Flächenlandes liegt bei 13 Prozent. Wichtigster Hersteller ist VSMPO Avisma (gehört zur Staatsholding Rostec) in der Sonderwirtschaftszone Titanowaja Dolina im Gebiet Swerdlowsk. Das leichte und widerstandsfähige Metall kommt bevorzugt beim Flugzeugbau zum Einsatz. In jeder Boeing 787-9 sind bis zu 19 Tonnen Titan verbaut. Bislang unterliegt Titan keinen EU- oder US-Sanktionen.

    Nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine erklärte Boeing trotz seines Joint Ventures mit VSMPO, den Kauf von russischem Titan auszusetzen. Airbus hält an Titanlieferungen aus Russland dagegen vorerst fest. Der europäische Flugzeugbauer bezieht rund 60 Prozent dieses Metalls aus Russland.

    Palettenhersteller müssen russische Stahlnägel ersetzen

    Europäische Produzenten von Holzpaletten suchen händeringend nach alternativen Lieferanten für Spezial-Stahlnägel. Bislang kommen rund 90 Prozent des Drahtstahls, aus dem die Nägel gefertigt werden, aus Russland. Stahllieferungen unterliegen jedoch EU-Sanktionen. Im Jahr 2021 produzierten deutsche Hersteller rund 120 Millionen Paletten, davon waren rund die Hälfte mehrfach verwendbare Europaletten.

    Die Suche nach neuen Lieferanten von Stahlnägeln nimmt nach Ansicht des Bundesverbands Holzpackmittel, Paletten und Exportverpackung (HPE) sechs bis acht Monate in Anspruch. In der Zwischenzeit drohen den Herstellern Lieferengpässe und damit Produktionsausfälle.


    Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

  • Ukrainekrieg gefährdet Versorgung mit Weizen und Speiseöl

    Russlands Angriff auf die Ukraine gefährdet ein Drittel der globalen Getreideproduktion. Versorgungsengpässe drohen. Die EU verbietet die Einfuhr von bela-/russischen Düngemitteln.

    Russland ist der größte Getreideproduzent der Welt. Im Jahr 2021 steigerte das größte Flächenland der Erde seine Ausfuhren im Vergleich zum Vorjahr um 12 Prozent auf rund 11,4 Milliarden US-Dollar (US$). Zusammen mit der Ukraine, der "Kornkammer Europas", decken beide Länder rund ein Drittel des Weltmarkts für Getreide ab. Bei Mais produzieren Russland und die Ukraine rund ein Fünftel der weltweiten Menge. Der gemeinsame Anteil bei Sonnenblumenkernen und -öl beläuft sich sogar auf fast 80 Prozent.

    Lieferausfälle bei Getreide bedrohen Versorgungslage

    Russlands Krieg gegen die Ukraine erschwert die Aussaat von Feldfrüchten in großen Teilen des Landes. Zudem behindern die Kampfhandlungen an der Schwarzmeerküste, wo sich die Exporthäfen befinden, die Ausfuhr von bereits geerntetem Getreide aus der Ukraine. Außerdem soll Russland Ende März 2022 fünf voll beladene ukrainische Getreidefrachter aus dem Hafen Berdjansk entführt haben, meldete die ukrainische Nachrichtenagentur Ukrinform.

    Mitte März 2022 erließ die russische Regierung ein Ausfuhrverbot für Weizen, Mengkorn, Roggen, Gerste und Mais bis 30. Juni 2022 in Länder der Eurasischen Wirtschaftsunion mit Ausnahme von Belarus. Damit soll der Inlandsbedarf gedeckt werden. Neben den Exporten aus der Ukraine und Russland fällt die Winterweizenernte in Australien wegen Überflutungen aus und Kanada meldete wegen extremer Hitze und Dürre im Herbst 2021 die schlechteste Getreide- und Rapsernte seit 14 Jahren.

    Als Folge dieser Angebotsverknappung steigen die Weltmarktpreise. Am 7. März 2022 kostete eine Tonne Weizen an der Pariser Terminbörse 422,5 Euro. Zum 14. April 2022 pendelte sich der Weizenpreis bei 401 Euro ein.

    In Europa ist die Versorgung mit Getreide im Kalenderjahr 2022 gesichert, bestätigt Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes. Der Agrarhandelskonzern Baywa rechnet jedoch mit einem Anstieg der Lebensmittelpreise in Deutschland um bis zu 15 Prozent. Betroffen seien vor allem Backwaren. Zudem gefährdet das Defizit an Getreide aus Russland und der Ukraine die Fleischversorgung in Deutschland. Aus beiden Ländern kam auch Futtergetreide für die Schweine- und Rinderhaltung.

    Gravierende Folgen haben die Lieferausfälle bei Getreide hingegen für die Hauptabnehmerländer in Afrika sowie im Nahen und Mittleren Osten. Eritrea bezieht seine Weizenlieferungen vollständig aus Russland und der Ukraine. Bei Somalia sind es mehr als 90 Prozent. Der Libanon und Madagaskar decken jeweils drei Viertel ihres Weizenbedarfs aus Russland. Ägypten, Äthiopien, der Sudan und die Türkei importieren rund 40 Prozent ihrer Getreidelieferungen aus dem größten Flächenland. Die Vereinten Nationen rechnen mit 8 Millionen bis 13 Millionen Menschen in Afrika, Asien und dem Nahen Osten, die von Hunger bedroht sind. Zudem dürften Preissteigerungen zu sozialen Unruhen führen, wie zurzeit in Sri Lanka. Der Irak stellt 100 Millionen US-Dollar für Weizen-Notkäufe bereit.

    Exportverbote für Ölsaaten verknappen Angebot

    Die russische Regierung erließ zum 1. April bis 31. August 2022 ein Ausfuhrverbot für Sonnenblumenkerne und Raps. Seit dem 15. April 2022 gilt zudem eine Exportquote von 1,5 Millionen Tonnen für Sonnenblumenöl und von 700.000 Tonnen für Sonnenblumenpresskuchen. Dadurch soll der Rohstoffbedarf der lokalen verarbeitenden Betriebe und der Viehwirtschaft gedeckt werden. Bereits Ende März 2022 hob die Russland den Ausfuhrzoll auf Leinöl auf mindestens 100 US$ pro Tonne an.

    Ferner kontrolliert die Regierung die Ausfuhr von Sojabohnen und Sojaschrot stärker. Vom 1. April bis 31. August 2022 ist der Export nur noch an Grenzübergängen im Fernöstlichen Föderationsbezirk und in Kaliningrad sowie in die EAWU-Mitgliedsstaaten erlaubt.

    Ausfuhrbeschränkung bei Düngemitteln verstärkt Defizit bei Getreide

    Russland und Belarus gehören zu den führenden Anbietern von mineralischen Düngemitteln. Das größte Flächenland war 2020 der weltweit zweitgrößte Lieferant von Stickstoff- und der drittgrößte Exporteur von Kalidünger. Rund vier Fünftel der Produktion von Düngemitteln gehen ins Ausland.

    Die EU sanktioniert in ihrem 5. Sanktionspaket ab 10. Juli 2022 die Einfuhr von Düngemitteln aus Russland und Belarus. Betroffen sind mineralische oder chemische Dünger, die Stickstoff, Phosphor und Kalium enthalten, sowie andere Düngemittel aus Kalium. Daneben stehen mit den Oligarchen Dmitri Masepin (Uralchim, Uralkali), Andrej Melnitschenko (Evrochim) und Andrej Gurjew (Phosagro) die Eigentümer der wichtigsten russischen Düngemittelhersteller auf der europäischen Sanktionsliste. Der norwegische Düngemittelhersteller Yara kündigte an, seine Zusammenarbeit mit russischen Lieferanten einzustellen.

    Die russische Regierung hob Mitte April 2022 die Exportquoten für Düngemittel bis 31. Mai 2022 an. Die Quote für Stickstoffdünger stieg um 231.000 auf 5,7 Millionen Tonnen und für Mehrnährstoffdünger um 466.000 auf 5,6 Millionen Tonnen. Die Maßnahme soll lokalen Herstellern neue Absatzmärkte in Ländern eröffnen, die Russland gegenüber keine Sanktionen verhängen.

    Mitte März 2022 verhängte die Ukraine zur Aufrechterhaltung der Inlandsversorgung ein Exportverbot für Stickstoff-, Phosphat-, Kali- und kombinierten Düngemittel. Ein dauerhafter Rückgang der Düngemittellieferungen könnte zu Ernteausfällen und einer Nahrungsmittelknappheit führen.

    Europäische Hersteller müssen infolge der steigenden Energie- und Rohstoffpreise die Produktion von Stickstoffdünger drosseln. Sowohl Ammoniumnitrat als auch Erdgas verteuerten sich im Zuge des Krieges drastisch. Ende März 2022 kostete Düngemittel auf dem Weltmarkt rund 40 Prozent mehr als vor Beginn der russischen Invasion in die Ukraine.

    Erdgas macht bis zu 80 Prozent der Herstellkosten aus, weil es zugleich als Rohstoff und Energieträger zum Einsatz kommt. Sollte ein EU-Embargo gegen russisches Erdgas kommen, müsste die Branche ihre Produktion weitgehend einstellen.


    Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

  • Krieg in Europas Kornkammer gefährdet Nahrungsmittelversorgung

    Russlands Angriff beeinträchtigt die ukrainische Landwirtschaft. Kampfhandlungen, Diebstahl und Hafenblockaden reduzieren Anbau- und Exportmengen. Eine Versorgungskrise droht.

    Die Ukraine gilt wegen ihrer fruchtbaren Schwarzerdeböden als "Kornkammer Europas". Im Jahr 2021 trug der Agrarsektor 10,6 Prozent zur Entstehung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bei. Der Anteil landwirtschaftlicher Produkte an den Ausfuhren lag bei 41 Prozent. Die Branche erwirtschaftet mit rund 20 Milliarden US-Dollar (US$) rund ein Drittel der Exporterlöse des Landes. Deutschland importierte 2021 für rund 1,9 Milliarden US$ Agrarprodukte aus der Ukraine, darunter Getreide, Mais und Sonnenblumensaaten.

    Der russische Angriffskrieg zieht den Agrarsektor stark in Mitleidenschaft. Seit Ende Februar 2022 wurden landwirtschaftliche Vermögenswerte wie Landtechnik, Gewächshäuser oder Viehzuchtanlagen im Wert von rund 6,4 Milliarden US$ beschädigt, berechnet die Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen.

    Von den Kampfhandlungen sind rund 14 Prozent des weltweiten Getreidehandels betroffen. Das Getreidedefizit auf den Weltmärkten bekommen vor allem Abnehmer im Nahen Osten sowie in Nord- und Ostafrika zu spüren. Somalia und Eritrea beziehen rund die Hälfte ihres Getreides aus der Ukraine. Der Libanon, Mauretanien, Tunesien und Dschibuti hängen fast vollständig von Einfuhren aus der Ukraine ab.

    Krieg verringert Aussaatflächen und Ernteerträge

    Die Aussaat verläuft trotz der Kampfhandlungen und der Blockade von Saatgutlagern auf dem ukrainisch kontrollierten Territorium weitgehend erfolgreich. Anfang Mai 2022 war die Frühjahrsaussaat, die teilweise unter Lebensgefahr vorgenommen wurde, bereits zu 80 Prozent abgeschlossen.

    Aktuell werden mit 14 Millionen Hektar rund 75 Prozent der Anbauflächen des Landes genutzt, meldet der Ukrainian Agrobusiness Club (UCAB). Etwa 13 Prozent des Staatsgebiets sind vermint. Blindgänger und ausgelaufener Treibstoff behindern den Getreidebau. Anbaugebiete im Osten und Süden des Landes sind derzeit von russischen Truppen besetzt.

    Die Knappheit bei Düngemitteln verschärft die Situation. Bei Getreide und Ölsaaten wird die Ernte im Jahr 2022 kriegsbedingt nur rund 63 Millionen Tonnen betragen, schätzt der Ukrainische Getreideverband (UZA). Nach der Rekordernte aus dem Vorjahr mit rund 106 Millionen Tonnen bedeutet dies einen Rückgang um ein Drittel. Bei Mais erwartet der Branchenverband mit 23,1 Millionen Tonnen ein Minus von rund 40 Prozent. Die Sonnenblumenernte wird mit rund 9,8 Millionen Tonnen um 43 Prozent geringer ausfallen als im Vorjahr. Die Rapsernte halbiert sich voraussichtlich auf 1,5 Millionen Tonnen.

    Diebstahl verschärft Defizit bei Getreide

    Russische Streitkräfte plündern in den besetzten Gebieten im Osten und Süden des Landes. Die FAO schätzt, dass die Besatzer seit Kriegsbeginn rund 700.000 Tonnen Getreide entwendet haben, darunter auch Saatgut. Insgesamt könnten rund 1,5 Millionen Tonnen Getreide aus den besetzten Gebieten im Osten und Süden des Landes dem Raubzug zum Opfer fallen, befürchtet der stellvertretende Landwirtschaftsminister Taras Wysotskyj. Die russische Armee greift darüber hinaus gezielt Getreidespeicher an. Zudem häufen sich die Berichte über den Diebstahl landwirtschaftlicher Geräte.

    Hafenblockade behindert Getreideausfuhr

    Die Ukraine war im Jahr 2021 mit 44,9 Millionen Tonnen weltweit der viertgrößte Exporteur von Getreide, darunter 16,6 Millionen Tonnen Weizen. Diese können rund 400 Millionen Menschen ernähren. Bei Maisexporten lag die Ukraine ebenfalls auf Platz vier. Vor dem Krieg wurde fast der gesamte Export landwirtschaftlicher Produkte über Häfen abgewickelt. Monatlich wurden bis zu 5 Millionen Tonnen Getreide verschifft.

    Seit Kriegsbeginn blockiert die russische Marine die ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer. Anfang Mai 2022 meldete die FAO, dass rund 5 Millionen Tonnen Getreide nicht mehr von dort exportiert werden können. In Silos lagern zudem weitere 20 Millionen Tonnen der letztjährigen Ernte. Liegt das Getreide länger als drei Monate, droht es zu verderben. Im Schwarzen Meer treiben Seeminen und beschädigten bereits mehrere Frachtschiffe. Der Branchenverband UZA rechnet damit, dass die Ukraine im Jahr 2022 rund 35 Millionen Tonnen Getreide exportieren wird. Einnahmeausfälle von bis zu 50 Prozent sind die Folge. Damit fehlen den Landwirten finanzielle Mittel zum Kauf von Saatgut und Düngemitteln für die Winteraussaat.

    Um den Teufelskreis zu durchbrechen, sucht die Regierung nach Alternativen. Der bulgarische Hafen Warna soll als Logistikdrehscheibe für den Export von Getreide, Sonnenblumenkernen und Mehl fungieren. Die litauische Regierung bietet den Hafen Klaipeda als Umschlagterminal für landwirtschaftliche Produkte an. Zudem sind die lettischen Häfen Riga, Ventspils sowie Liepaja im Gespräch.

    Eisenbahn kann nur einen Bruchteil der Ausfuhren ersetzen

    Die Ukraine treibt den Export von Getreide mit der Eisenbahn voran. Jedoch sind die Kapazitäten beschränkt. Die Ausfuhrmenge per Schiene liegt bei rund 600.000 Tonnen pro Monat. Der Abtransport der aktuell vorhandenen Agrarrohstoffe würde bei den vierfachen Kosten für die Logistik rund 40 Monate dauern. Die Umstellung der Spurbreiten an der Westgrenze erhöht den Aufwand. Zudem greift Russland verstärkt das Schienennetz an.

    Die Ukrainische Eisenbahn (Ukrzaliznytsya) steigert kontinuierlich ihr Frachtvolumen. Im April 2022 betrugen die Getreideausführen über die Schiene bereits 3,5 Millionen Tonnen, erklärte Taras Wysotskyj. In den kommenden Monaten soll die Kapazität um die Hälfte steigen. Die Deutsche Bahn organisiert eine Getreidebrücke für Agrarprodukte aus der Ukraine. Pro Zug sollen 52 Container mit Getreide abtransportiert werden. Die private Initiative "Grain Train" setzt ebenfalls auf intermodale Container. Täglich sollen 45 Züge mit je 1,8 Kilometer Länge zwischen Lwiw und Duisburg verkehren.

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

  • Holz und Papier unterliegen Ein- und Ausfuhrbeschränkungen

    Europa verbietet die Einfuhr von Holzwaren aus Russland. Auch Zellstoff und Papier stehen auf der Sanktionsliste. Russland reagiert mit einem Ausfuhrstopp auf bestimmte Rundhölzer.

    Russland, Belarus und die Ukraine sind wichtige Holzlieferanten für Europa. Im Jahr 2021 exportierten die drei Länder zusammen rund 34 Millionen Kubikmeter des Rohstoffs. Die Europäische Union (EU) importiert vor allem Nadelschnittholz, Birkensperrholz und Eiche. Im Jahr 2021 nahmen europäische Holzverarbeiter mit 8,5 Millionen Kubikmeter Nadelschnittholz rund ein Viertel der Gesamtexporte der drei Staaten ab.

    Der mit Abstand wichtigste Holzlieferant ist Russland. Das größte Flächenland der Erde beheimatet mit rund 815 Millionen Hektar die größten Wälder weltweit. Im Jahr 2021 stiegen die Ausfuhren von Holz und Holzwaren im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent auf rund 11 Milliarden Euro. Der Großteil der Ausfuhren besteht aus Rund-, Schnitt- und Brennholz mit einer geringen Verarbeitungstiefe. Europa deckt rund 10 Prozent seines Holzbedarfs aus Russland. Deutschland importierte 2021 rund 750.000 Kubikmeter Nadelschnittholz aus dem größten Flächenland.

    EU verbietet Handel mit Holz aus Russland und Belarus

    In ihrem 5. Sanktionspaket vom 8. April 2022 beschloss die EU ein Einfuhrverbot für Holz, Holzwaren und Holzkohle aus Russland. Für Belarus verhängte die EU-Kommission ebenfalls einen Importstopp. Dem Importverbot aus Russland unterliegen unter anderem Holz aus Nadelbäumen, Buche sowie Pappeln und Aspen, in Längsrichtung gesägtes, geschältes oder gehobeltes Holz, Faserplatten, Sperr- und Lagenholz, sowie Balken und Pfosten. Des weiteren dürfen keine Messer und Schneidklingen für Maschinen und Geräte für die Holzbearbeitung ausgeführt werden. Zudem stufen die Zertifizierungsorganisationen FSC und PEFC Holz aus beiden Ländern als Konfliktholz ein. Beide Organisationen setzen ihre Handelszertifikate für Holz und Forstprodukte aus Russland und Belarus aus.

    Der finnische Holzkonzern UPM kündigte an, den Betrieb des Sperrholzwerks in Tschudowo im Gebiet Nowgorod einzustellen. Die finnische Metsä Group lässt den Betrieb im Sägewerk Swir bis auf Weiteres ruhen. Das finnische Unternehmen Koskisen wird die Schnittholzproduktion in Russland einstellen. Der schwedische Möbelhändler IKEA schloss vor Ort seine Filialen. Seine Zulieferer sind damit gezwungen, ebenfalls ihre Tätigkeit einzustellen.

    Russland verhängt Ausfuhrstopp auf Rundholz

    Als Gegenmaßnahme verhängte die russische Regierung am 10. März 2022 bis Ende 2022 einen Exportstopp für bestimmte Holzarten in Staaten, die Sanktionen gegen das Land verhängt haben. Betroffen sind unter anderem Rund- und Sperrholz, Furnier, Holzbriketts und Pellets. Als Folge der Ein- und Ausfuhrverbote steigen die Preise. Der Hauptverband der deutschen Bauindustrie schließt wegen des Mangels an Bauholz und Paletten sogar einen vorübergehenden Stopp bei Bauvorhaben nicht aus.

    EU sanktioniert Ausfuhr von Papierwaren nach Russland 

    Russland gehört zu den weltweit zehn führenden Herstellern von Zellstoff, Wellpappe und Papier. Ein Großteil der Produktion geht in den Export. Im Jahr 2021 stieg der Wert der Ausfuhren von Zellstoff im Vergleich zum Vorjahr um rund 30 Prozent auf rund 1,1 Milliarden Euro. Die Exporte von Zeitungspapier legten um 12,3 Prozent auf rund 340 Millionen Euro zu. Die Hauptabnehmerländer sind Finnland, China und Deutschland. Die Bundesrepublik bezog 2021 Papier im Wert von rund 103 Millionen Euro aus Russland.

    Die EU verbietet in ihrem 5. Sanktionspaket die Einfuhr bestimmter Sorten von Kraftpapier und -pappe aus Russland. Dem Einfuhrverbot unterliegen unter anderem Kraftsackpapier und Kraftpappe, Wellpapier, nicht gestrichenes oder überzogenes Papier, Pergament- und Naturpauspapier, sowie Schreib- und Druckpapier. Auch Halbstoffe aus Natron- oder Sulfatzellstoff, sowie Sulfitzellstoff dürfen nicht aus Russland eingeführt werden. Einem EU-Ausfuhrverbot unterliegen Maschinen und Apparate zur Produktion von Papier oder Pappe.

    Europäische Unternehmen kehren Russland den Rücken. Der portugiesische Zellstoff- und Papierhersteller Navigator stellt seinen Betrieb in Russland und Belarus ein. Der schwedisch-finnische Konzern Stora Enso, der in Russland drei Wellpappefabriken betreibt, setzt seinen Betrieb bis auf weiteres aus und stoppt alle Importe von dort.


    Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

  • Angriffskrieg Russlands lähmt Produktion in der Ukraine

    Die ukrainische Wirtschaft bricht drastisch ein. Die Produktionsausfälle ziehen globale Folgen nach sich. Umfangreiche internationale Hilfen stützen das Land. (Stand: 26. April 2022)

    Tod, Flucht, zerstörte Häuser und Infrastruktur - der von Russland am 24. Februar 2022 begonnene Krieg bringt den Menschen in der Ukraine unermessliches Leid. Immens sind auch die wirtschaftlichen Verluste. Laut Schätzungen der Kyiv School of Economics beliefen sich die direkten Schäden an Gebäuden und an der Infrastruktur bis zum 24. März 2022 auf fast 63 Milliarden US-Dollar (US$). Werden indirekte Folgen berücksichtigt, steigen die Verluste auf bis zu 600 Milliarden US$. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Ukraine belief sich 2021 auf weniger als 200 Milliarden US$.

    BIP-Rückgang von 20 Prozent erwartet

    Wegen des Kriegs steht rund ein Drittel der ukrainischen Wirtschaft still, erklärte Finanzminister Serhij Martschenko am 20. März 2022. Viele Unternehmen bemühen sich um einen Umzug in den vom Krieg weniger betroffenen Westen des Landes.

    Laut einer Umfrage der European Business Association bereiten den Unternehmen aktuell folgende Punkte die größten Probleme:

    • Schwierigkeiten mit der Logistik;
    • Probleme mit der Warenversorgung;
    • eingefrorene Verträge mit ausländischen und lokalen Kunden;
    • geringe Kaufkraft der Bevölkerung;
    • beschädigte Einrichtungen, Vermögenswerte, Infrastruktur;
    • fehlende finanzielle Mittel und Investitionen;
    • Mangel an Rohstoffen.

    Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass das BIP im laufenden Jahr real um bis zu 35 Prozent einbricht. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) erwartet einen Rückgang um real 20 Prozent, wenn in den nächsten Monaten ein Waffenstillstand geschlossen wird. Im Jahr 2023 könnte sich die Wirtschaft dann wieder erholen: Dank umfassender Hilfen beim Wiederaufbau erwartet die EBWE im kommenden Jahr beim BIP ein Plus von 23 Prozent.

    Landwirtschaft bangt um Ernte

    Noch aber halten die Kriegshandlungen unvermindert an. Dies führt auch in der Landwirtschaft zu großen Sorgen, einer Schlüsselbranche der ukrainischen Wirtschaft. In den vergangenen Jahren standen Agrargüter und Nahrungsmittel für rund 45 Prozent der ukrainischen Warenexporte. Bei vielen Produkten zählt die Ukraine zu den führenden Herstellern weltweit, darunter bei Sonnenblumenöl, Weizen und Mais. Viele Länder in Nordafrika und Asien hängen stark von Lebensmittelimporten aus der Ukraine ab.

    Der Landwirtschaft bereiten die Blockade der Seehäfen sowie der Mangel an Personal, Treibstoff, Dünger und Finanzmitteln große Probleme.

    Am 21. April 2022 gab Premierminister Schmyhal bekannt, dass für die laufende Saison rund 80 Prozent der letztjährigen Aussaatfläche bestellt werden. Bei einer Fortsetzung des Krieges drohen jedoch allein bei Getreide Ernteausfälle von 40 bis 50 Prozent, so der Agrarverband UCAB.

    Dies führt zu einer deutlichen Verknappung von Lebensmitteln auf dem Weltmarkt, hohen Preissteigerungen und birgt große Gefahren für die Ernährungssicherheit vor allem in Entwicklungsländern.

    Metallindustrie leidet unter Kriegsfolgen

    Auch der Bergbau und die Metallindustrie, weitere bedeutsame Devisenbringer der Ukraine, sind stark von den Kriegshandlungen betroffen. Erze, Metalle und Metallwaren stehen für rund ein Viertel der ukrainischen Warenausfuhr. Bei den Kämpfen um die Hafenstadt Mariupol wurden die großen Stahlwerke von Metinvest (Azovstal sowie Illich Steel and Iron Works) zerstört. Laut Generaldirektor Jurij Ryschenkow produzierten die Werke zuvor mehr als ein Drittel des Stahls im Land.

    Auswirkungen auf weltweite Lieferketten

    Zwar besteht das Gros der ukrainischen Exporte aus Rohwaren und Gütern mit einer geringen zusätzlichen Wertschöpfung. Die Krise zeigt jedoch die große Bedeutung des Landes für globale Lieferketten bei verschiedenen Nischenprodukten. Hierzu zählen Kabelbäume. Weil die Lieferungen aus der Ukraine ausblieben, mussten große deutsche Automobilhersteller ihre Produktion drosseln. Allerdings hat der wichtige Produzent Leoni die Produktion in seinen westukrainischen Werken wieder aufgenommen.

    Für weitere Engpässe auf dem Weltmarkt sorgen Produktionsausfälle bei den Firmen Cryoin und Ingas. Beide stehen für bis zu 50 Prozent der weltweiten Produktion von Neon, einem Edelgas, das für die Produktion von Mikrochips benötigt wird.

    Spürbar sind die Produktionsausfälle in der Ukraine auch bei Holzwaren sowie in der IT-Industrie. Immer mehr westliche Firmen hatten in den vergangenen Jahren auf IT-Dienstleistungen aus der Ukraine zurückgegriffen.

    Land ist auf internationale Hilfe angewiesen

    Angesichts wegbrechender Steuereinnahmen, hoher Ausgaben für das Militär und der gewaltigen Schäden an der Infrastruktur ist die Ukraine stark auf die finanzielle Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft angewiesen. Laut Angaben von Premierminister Denys Schmyhal hat die Ukraine bis Ende März 2022 finanzielle Hilfen von mehr als 3 Milliarden US$ erhalten. Verhandlungen über weitere 10 Milliarden US$ laufen. Dank der Unterstützung kann die Ukraine ihren Schuldendienst bislang leisten.

    Beim Wiederaufbau nach dem Krieg hofft die Ukraine auf einen neuen Marshallplan. Der EU-Rat kündigte am 24. März 2022 eine Geberkonferenz und die Gründung eines Solidaritätsfonds für die Ukraine an. Die Weltbank gab am 12. April bekannt, das Land mit 1,5 Milliarden US$ zur Aufrechterhaltung öffentlicher Dienstleistungen im Gesundheits- und Sozialsystem zu unterstützen. Beim Wiederaufbau könnten auch die bei westlichen Zentralbanken eingefrorenen Währungsreserven der russischen Nationalbank helfen.

    Übersicht über Finanzhilfen für die Ukraine

    Organisation/Staat

    Umfang

    Anmerkungen

    USA

    13,6 Mrd. US$

    Paket für humanitäre und militärische Hilfen; unterzeichnet von Präsident Joe Biden am 15. März 2022

    Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE)

    2,1 Mrd. Euro

    Unterstützungspaket für Unternehmen, Kommunen und Energiesicherheit; Bereitstellung von Handelsfinanzierungen; Bekanntgabe am 9. März 2022; aufgestockt am 27. April 2022

    Internationaler Währungsfonds (IWF)

    1,4 Mrd. US$

    Soforthilfe (Rapid Financing Instrument); genehmigt vom Exekutivrat am 9. März 2022

    Europäische Union (EU)

    1,2 Mrd. Euro

    Makrofinanzielle Nothilfe; Genehmigung durch EU-Rat am 21. Februar 2022

    Europäische Union (EU)

    1,5 Mrd. Euro

    Militärhilfe; Entscheidung über Aufstockung auf 1,5 Mrd. Euro am 13. April 2022

    Weltbank

    925 Mio. US$

    Soforthilfen einschließlich finanzieller Mittel mehrerer Einzelstaaten (Niederlande, Schweden, Vereinigtes Königreich, Dänemark, Lettland, Litauen, Island, Japan); weitere Hilfen im Umfang von 3 Mrd. US$ geplant (Stand: März 2022)

    Weltbank

    1,5 Mrd. US$

    Finanzhilfe zur Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen; Bekanntgabe am 12. April 2022

    Europäische Investitionsbank (EIB)

    668 Mio. Euro

    Soforthilfe: Finanzierung von kritischer Infrastruktur, Hilfe beim Wiederaufbau; Genehmigung durch Verwaltungsrat am 4. März 2022

    Europäische Union (EU)

    noch offen

    Entscheidung des EU-Rats über Gründung eines Solidaritäts-Treuhandsfonds am 24. März 2022; Ziel: Unterstützung beim Wiederaufbau nach Kriegsende

    Vereinigtes Königreich

    400 Mio. Pfund

    Bisherige Hilfszusagen in den Bereichen Wirtschaft, Militär und humanitäre Hilfe

    Italien

    110 Mio. Euro

    Finanzielle Unterstützung; unterzeichnet am 27. Februar 2022

    Ohne Anspruch auf VollständigkeitQuelle: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

    Ukraine führt Zoll- und Steuererleichterungen ein

    Um die Wirtschaft zu unterstützen und die Importe lebenswichtiger Produkte wie Lebensmittel und Treibstoff zu vereinfachen, hat die ukrainische Regierung in den vergangenen Wochen verschiedene Steuer- und Zollleichterungen eingeführt. Die Maßnahmen gelten, solange Kriegsrecht herrscht.

    Von Fabian Nemitz | Bonn

  • Ukrainische Stahlbranche trotzt Zerstörungen und Seeblockade

    Die ukrainische Metallurgie leidet stark unter den Folgen des Krieges. Einige Betriebe fahren die Produktion jedoch wieder hoch und optimieren ihre Exportlogistik.

    Russland und die Ukraine waren vor Ausbruch des Krieges wichtige Lieferanten von Rohmaterial und Vorprodukten für Europas Stahlindustrie. Während Importe aus Russland sanktioniert werden, leiden ukrainische Hersteller unter zerstörten Produktionsanlagen, fehlenden Seetransporten und Personalmangel. Von Januar bis April 2022 betrug die Stahlproduktion laut Branchenportal UkrRudProm nur 3,9 Millionen Tonnen und lag damit um 46 Prozent unter dem Vorjahreswert.

    Werke in Mariupol waren Rückgrat der Metallindustrie

    Das Stahlwerk Asowstal in Mariupol ist fast vollständig zerstört, eine Wiederaufnahme der Produktion ist vorerst nicht abzusehen. Ebenso mussten die Eisen- und Stahlwerke "Iljitsch" (Ilyich Steel) in der belagerten Stadt ihren Betrieb einstellen. Die beiden Fabriken sorgen in Friedenszeiten für 30 bis 40 Prozent der ukrainischen Metallurgieproduktion. Eigentümer ist die Unternehmensgruppe Metinvest des Milliardärs Rinat Achmetow. 

    Welche Bedeutung hat Asowstal für die Ukraine?

    Das schwer umkämpfte Fabrikgelände in Mariupol ist zu einem Symbol des ukrainischen Widerstands geworden. Es hat laut Branchendienst GMK Center aber auch große Bedeutung für die Wirtschaft des Landes. Seine Stahlprodukte kommen beim Schiffbau, beim Kraftwerks- und Brückenbau sowie bei der Verlegung von Pipelines und Eisenbahngleisen zum Einsatz.


    Das Werk wurde 1933 gegründet. Es produzierte 2021 rund 4,3 Millionen Tonnen Stahl. Das ist ein Fünftel der landesweiten Produktion.


    Asowstal sorgte für 0,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und für 3,8 Prozent aller ukrainischen Exporte. Fast ein Drittel des EU-Bedarfs an Eisenbrammen kamen vor dem Krieg aus Mariupol. Die Metinvest-Werke in Italien und im Vereinigten Königreich hängen komplett von Asowstal-Vorprodukten ab.


    In der Ukraine selbst ist das Stahlwerk der einzige Lieferant von Breitspurgleisen und Verbindungselementen für Schienen. Diese Produkte werden derzeit besonders gebraucht, um die im Krieg zerstörte Infrastruktur wiederherzustellen. Auf dem 11 Quadratkilometer großen Fabrikgelände hat Eigentümer Metinvest seit 2013 mehr als 1 Milliarde US-Dollar investiert.

    Zu Metinvest gehört Saporischstal in Saporischschja, das Anfang März 2022 ebenfalls heruntergefahren wurde. Für das 1. Quartal 2022 beziffert Metinvest den Rückgang der Metallproduktion mit 30 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Dem Konzern fehlen die aus den Kriegsgebieten geflüchteten Menschen. Die Gruppe hat zurzeit 4.000 offene Stellen.

    Produktion fährt langsam wieder hoch

    Bereits im April fuhr Saporischstal jedoch zwei Hochöfen wieder hoch und nahm die Gusseisenschmelze auf. Das Unternehmen will die Produktion umstellen und mehr Metallbleche für die Bauwirtschaft herstellen.

    Eines der wenigen großen Stahlwerke, das die Produktion weitgehend stabil hält, ist Kametstal (frühere Bezeichnung DMK) in Kamjanske, das ebenfalls zu Metinvest gehört. Anfang Mai 2022 sollen die Anlagen laut der Geschäftsführung komplett ausgelastet gewesen sein. Einer der drei Hochöfen werde planmäßig gewartet. Die Fabrik liegt wie das Nikopol-Werk für Ferrolegierungen im Dnipropetrowsker Gebiet. Auch dort wird weiter produziert.

    Der globale Gigant ArcelorMittal betreibt in Krywyj Rih das Stahlwerk Kryworischstal. Am 4. März 2022 fuhr das Unternehmen kriegsbedingt die Stahlproduktion herunter und stoppte die Hochöfen. Einer davon ist seit 11. April wieder in Betrieb. Die Bauarbeiten an der 2020 begonnenen Pelletierungsanlage wurden vorerst eingestellt. Das Unternehmen hält aber an seinen Plänen fest, den Hochofen Nummer 9 und die Lagerung von Erzabfällen für 420 Millionen US-Dollar (US$) zu modernisieren. 

    Europa braucht ukrainische Eisenbahnräder

    Die ukrainische Interpipe ist einer der größten Eisenbahnradhersteller der Welt. Die Europäische Union (EU) importiert 70 Prozent ihres Bedarfs an Rädern für Güterwaggons aus der Ukraine, berichtet der Branchendienst GMK Center. Wegen Personal- und Materialmangels musste das Unternehmen im März 2022 seine Produktion teilweise stoppen. Bei den verbliebenen Anlagen wurde das Sortiment umgestellt, beispielsweise auf die Fertigung von Panzersperren.

    Anfang April fuhr Interpipe in den Werken Dnipro, Nikopol und Nowomoskowsk die Produktion von Radsätzen wieder hoch. Der Großteil soll nach Europa exportiert werden. Allerdings sind die Transportkapazitäten auf der Straße begrenzt und die Produktionsvolumina daher noch gering. 

    Das auf rostfreie Rohre spezialisierte Unternehmen Centravis in Nikopol nahm Ende April 2022 die Produktion von Fahrzeugkomponenten wieder auf.

    Blockierte Seehäfen verhindern höheres Exportvolumen

    Neben Zerstörungen durch Artillerie- und Raketenbeschuss sorgt die Logistik für Probleme bei der ukrainischen Metallurgiebranche. Da Russland alle Seehäfen blockiert, ist der wichtigste Transportweg zu den Exportmärkten versperrt. Die Eisenbahn kann nur teilweise einspringen, weil ihre Kapazitäten für Geflüchtete und für Agrargüter benötigt werden. Einige Metallurgiebetriebe fuhren Anlagen herunter, weil sie ihre Waren nicht mehr abtransportieren konnten. Das Nickelkombinat Pobuske im Gebiet Kirowohrad teilte mit, wegen der Hafenblockade nur mit 50 Prozent Auslastung zu arbeiten.

    Vor dem Krieg ging die Hälfte der exportierten Walzwerkprodukte in die EU und andere europäische Länder, weitere 10 Prozent wurden nach Nordamerika geliefert. Bei Gusseisen nahmen die USA die Hälfte der ukrainischen Ausfuhren ab. Wichtige Kunden sind außerdem die Türkei und China.

    Zollfreie Einfuhr in die EU und USA

    Am 9. Mai 2022 kündigten die USA an, die Einfuhrzölle in Höhe von 25 Prozent auf ukrainischen Stahl für ein Jahr lang aufzuheben. Im Jahr 2021 kauften die Vereinigten Staaten in der Ukraine Eisen und Stahl für mehr als 1 Milliarde US$. 

    Auch die EU hat angekündigt, alle Zölle und Quoten für ukrainische Erzeugnisse ein Jahr lang abzuschaffen.

    Ukrainische Experten gehen davon aus, dass die einheimische Metallurgie nach Kriegsende Russlands Marktanteile in Europa und Nordamerika übernehmen könnte.

    Fakten & Zahlen zur ukrainischen Metallurgiebranche

    Die Metallurgiebranche ist ein wichtiger Wirtschaftszweig der Ukraine.


    Mehr als 1 Million Menschen sind in der Metallurgie beschäftigt.


    Im Jahr 2021 produzierte sie:

    • 21,1 Millionen Tonnen Gusseisen,
    • 21,3 Millionen Tonnen Stahl und
    • 19 Millionen Tonnen Walzerzeugnisse.

    Die Exporterlöse betrugen 14 Milliarden US$.

    Über 20 Prozent der Ausfuhren entfielen auf Schwarzmetalle.


    Die Stahlwerke der EU bezogen 2021 fast ein Fünftel ihres Bedarfs an Eisenerzpellets aus der Ukraine (19 Prozent). Selbst China ist bei diesem Vorprodukt zu 18 Prozent von ukrainischen Lieferungen abhängig, berichtet das Kiewer Marktforschungsinstitut GMK Center. Die Pellets werden bei der Herstellung von Roheisen verwendet.

    Wichtige Metallurgiewerke der Ukraine, die aktuell weiter produzieren

    Bezeichnung

    Produktion 2021

    Eigentümer

    Kametstal

    2,3 Mio. t Gusseisen

    2,4 Mio. t Stahl

    2,4 Mio. t Walzgut

    Metinvest

    Saporischstal

    4,5 Mio. t Gusseisen

    3,8 Mio. t Stahl

    3,2 Mio. t Walzgut

    Metinvest

    Kryworischstal

    5,3 Mio. t Gusseisen

    4,9 Mio. t Stahl

    4,6 Mio. t Walzgut

    ArcelorMittal

    Centravis

    19.450 t rostfreie Rohre

    Atanasow-Familie

    Nikopol-Werk für Ferrolegierungen

    647.000 t Ferrolegierungen

    Frühere Eigentümer der Privatbank

    Werk für Ferrolegierungen Saporischja

    212.000 t Ferrolegierungen

    Frühere Eigentümer der Privatbank

    Pobuski feronikelewy kombinat

    11.700 t Nickel (Januar bis September)

    Solway Investment Group

    Quelle: GMK Center

    Förderung von Eisenerz stabil

    Voraussetzung für das Hochfahren der Stahlindustrie ist die Belieferung mit Eisenerz. Von den zehn großen Förder- und Erzaufbereitungsanlagen der Ukraine befinden sich acht im Gebiet Dnipropetrowsk sowie jeweils eine in den Gebieten Poltawa und Saporischschja. Auch diese Betriebe sind von Kampfhandlungen bedroht.

    Laut verschiedenen Angaben nutzen sie zwischen 30 und 75 Prozent ihrer Kapazitäten. Die Erzfördersparte von ArcelorMittal im Gebiet Krywyj Rih erreichte im April 2022 einen Ausstoß von 500.000 Tonnen Eisenkonzentrat, nach 320.000 Tonnen im März. Der Export funktioniert wieder besser, nachdem ein Umschlagpunkt für die Bahnverladung saniert wurde.

    Dagegen ist das Eisenerzkombinat KZRK in Krywyj Rih von den Zerstörungen bei Asowstal stark betroffen. Fast 60 Prozent seiner Produktion gingen vor dem Krieg in die Donezker Region. Das Unternehmen will versuchen, die Erzqualität zu verbessern, um so neue Kunden in der EU zu finden.

    Von Gerit Schulze | Berlin

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