Sie sind ein ausländisches Unternehmen, das in Deutschland investieren möchte?

Wirtschaftsumfeld | Russland | Arbeitsmarkt, Lohn- und Lohnnebenkosten

Lohnkosten

Inflation und Fachkräftemangel zwingen Russlands Arbeitgeber zu Lohnerhöhungen. Die Personalfluktuation bleibt hoch. Deutsche Firmen stehen als Arbeitgeber hoch im Kurs.

Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

Der Fachkräftemangel zwingt Russlands Arbeitgeber zur Anhebung ihres Gehaltsniveaus. Rund zwei Drittel der Unternehmen sind bereit, im Jahr 2021 die Löhne ihrer Angestellten zu erhöhen, ergab eine Umfrage der Personalagentur Kelly Services. Die Steigerung liegt im Schnitt bei 4 bis 6 Prozent. Auch Boni werden wieder gewährt.

Lohnsteigerungen können Inflation oft nicht kompensieren

Der Durchschnittslohn im Land wird 2021 nominal um 9,1 Prozent auf rund 56.000 Rubel (etwa 638 Euro) steigen, schätzt das Wirtschaftsministerium in seiner aktualisierten Prognose von Mitte Juli 2021. Ab 2022 ist mit einem nominalen Wachstum der Gehälter um jährlich 6,6 Prozent zu rechnen. Bis 2024 steigen sie voraussichtlich auf rund 68.000 Rubel. Der monatliche Mindestlohn wird ab 1. Januar 2022 von derzeit 12.792 Rubel (rund 145 Euro) auf 13.617 Rubel angehoben. Die Maßnahme betrifft 4,7 Millionen Arbeitnehmer.

Die Inflationsrate von 6,5 Prozent auf Jahresbasis (Stand: Juni 2021) macht einen Großteil der Lohnerhöhungen für viele Arbeitnehmer jedoch wieder zunichte. Im Pandemiejahr 2020 musste ein Drittel der Arbeitnehmer Gehaltseinbußen hinnehmen, meldet die Recruiting-Agentur Hays. Ein weiteres Drittel konnte das nominale Einkommensniveau halten. Rund 30 Prozent erhielten mehr Geld, darunter Mitarbeiter in den Bereichen IT und Telekommunikation, Gesundheitswesen, Transport und Logistik, sowie im Onlinehandel und der Baubranche. In der Unterhaltungsbranche, im Hotel- und Gastgewerbe, sowie im Gewerbeimmobilienmarkt gab es hingegen Einkommensrückgänge.

Entwicklung der durchschnittlichen Bruttomonatslöhne

2018

2019

2020

2021 1)

nominal (in Rubel)

43.445

47.867

51.083

56.000

nominal (in Euro) 2)

587

661

618

-

nominale Veränderung (in %) 3)

11,0

10,2

6,7

9,6

jährliche Inflationsrate (in %) 4)

3,9

3,8

4,9

5,7 - 6,2

1) Prognose; 2) nach Jahresdurchschnittskursen der EZB; 3) gegenüber Vorjahr in Landeswährung; 4) laut Verbraucherpreis-IndexQuelle: Föderaler Statistikdienst Rosstat, Wirtschaftsministerium, Russische Zentralbank, Eigene Berechnungen

Durchschnittliche Bruttomonatslöhne nach Region

2020 (in Rubel)

Veränderung 2020/19 (in %) 1)

2020 (in Euro) 2)

Landesdurchschnitt

51.083

6,7

618

Gebiet Magadan (Hochlohnregion)

102.397

7,8

1.237,9

Autonomer Bezirk Tschukotka (Hochlohnregion)

121.314

12,8

1.466,6

Autonomer Bezirk der Jamal-Nenzen (Hochlohnregion)

110.759

9,1

1.339,0

Moskau (Hochlohnregion)

95.719

6,1

1.157

Gebiet Iwanowo (Niedriglohnregion)

28.165

4,5

340,5

Republik Tschetschenien (Niedriglohnregion)

29.611

6,8

358,0

Republik Kabardino-Balkarien (Niedriglohnregion)

29.908

9,8

361,6

1) nominal; 2) EZB-Jahresdurchschnittskurs 1 Euro = 82,72 RubelQuelle: Föderaler Statistikdienst Rosstat

Durchschnittliche Bruttomonatslöhne nach Branchen

2020 (in Rubel)

Veränderung 2020/19 (in %)1)

2020 (in Euro)2)

Insgesamt

47.468

7,5

573,8

Bauwirtschaft

43.547

1,6

526,4

Energiewirtschaft

52.880

5,3

639,3

Bergbau

94.898

6,5

1.147,2

Verarbeitendes Gewerbe

46.201

4,4

558,5

.darunter:

.Herstellung von Nahrungsmittel

37.182

5,9

449,5

.Herstellung von Getränken

45.382

3,0

548,6

.Textilindustrie

28.908

8,3

349,5

.Holzindustrie

30.394

2,5

367,4

.Papierindustrie

50.764

6,1

613,7

.Chemische Industrie

56.836

4,3

687,1

.Gummi- und Kunststoffindustrie

37.761

5,3

456,5

.Maschinenbau

47.135

6,2

569,8

.Metallurgie

56.979

6,6

688,8

.Computer, Elektronik und Optik

56.637

2,2

684,7

.Elektrotechnik

45.847

2,1

554,2

.Fahrzeugbau

46.585

2,3

563,2

.Reparatur und Montage von Maschinen und Ausrüstungen

51.696

3,6

625,0

.Einzel- und Großhandel; Reparatur von Fahrzeugen

42.410

7,2

512,7

Hotels und Gaststätten

26.851

-5,9

324,6

Transport und Lagerung

52.820

2,8

638,5

Informations- und Telekommunikationstechnik

84.948

9,6

1.026,9

Gesundheitswesen und Sozialdienstleistungen

49.402

14,5

597,2

Finanzwesen, Banken, Versicherung

112.301

7,8

1.357,6

Immobilienbranche

38.213

2,8

462,0

1) nominal; 2) EZB-Jahresdurchschnittskurs 2020: 1 EUR = 82,72 RubelQuelle: Föderaler Statistikdienst Rosstat

Durchschnittliche Bruttomonatslöhne nach ausgewählten Positionen

2021 (in Rubel)

2021 (in Euro) 2)

Geschäftsführerin 1)

500.000 – 1.800.000

5.583 – 20.100

Niederlassungsleiterin

400.000 - 850.000

4.467 – 9.492

Direktorin Geschäftsentwicklung

320.000 – 800.000

3.573 – 8.934

Produktionsleiterin

130.000 – 220.000

1.452 – 2.457

Supply Chain Managerin

330.000 – 800.000

3.685 - 8.934

Programmiererin

130.000 – 300.000

1.452 – 3.350

Sekretärin mit Fremdsprachenkenntnissen

120.000 – 170.000

1.340 – 1.898

Buchhalterin

70.000 – 150.000

781 – 1.675

Kraftfahrerin

80.000 – 110.000

893 – 1.228

1) zur besseren Lesbarkeit wird bei den Berufsbezeichnungen die jeweilige Begrifflichkeit sowohl für die männliche als auch die weibliche Form verwendet; 2) Zum Durchschnittskurs der EZB von 1. Januar bis 30. Juni 2021: 1 Euro = 89,55 RubelQuelle: Antal Russia

Produktivität verharrt auf niedrigem Niveau

Die Arbeitsproduktivität in russischen Betrieben beträgt nur rund die Hälfte im Vergleich zur Europäischen Union. Viele Ursachen sind hausgemacht: Zahlreiche russische Arbeitgeber investieren wenig in die berufliche Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Bei den meisten Arbeitnehmern endet der Lernprozess nach der Schule oder Universität. Statt selbst Fachkräfte auszubilden, werden diese oftmals von der Konkurrenz abgeworben. Ausbildungsstand und berufliche Tätigkeit klaffen häufig auseinander. Bei 45 Prozent der Angestellten stimmt die Qualifikation nicht mit den an sie gestellten Anforderungen überein, ermittelte die Boston Consulting Group.

Mehrere deutsche Firmen decken ihren Fachkräftebedarf in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer und ihrem Programm zur dualen Berufsausbildung.

Deutsche Arbeitgeber überzeugen mit Kontinuität

Jedes dritte Unternehmen in Russland kämpft mit einer hohen Personalfluktuation. Jobhopping, der Wechsel zur Konkurrenz für ein etwas höheres Gehalt, ist nach wie vor weit verbreitet. Rund jeder fünfte Arbeitnehmer suchte sich 2020 einen neuen Arbeitgeber. Deutsche Unternehmen setzen hingegen meist auf personelle Stabilität und punkten bei Arbeitnehmern mit der Verlässlichkeit, auch in Krisenzeiten Löhne pünktlich zu zahlen.

Personalchefs aus Deutschland sollten bei Einstellungsgesprächen lokale Besonderheiten kennen. Russische Bewerber nennen bei ihren Gehaltsvorstellungen üblicherweise den Nominallohn. Dieser beinhaltet die 13 Prozent Einkommensteuer, die vom Arbeitnehmer abzuführen sind, nicht aber die Sozialabgaben von etwa 30 Prozent, für die allein der Arbeitgeber aufkommt. Die Pandemie verändert den Prozess der Personalsuche. Online-Interviews mit Kandidaten werden von der Ausnahme zur Regel.

Ausländische Unternehmen zahlen für Personal im mittleren bis höheren Management oftmals höhere Gehälter als russische Arbeitgeber. Damit werden meist notwendige Zusatzqualifizierungen, wie Fremdsprachenkenntnisse (Deutsch oder Englisch), vergütet. Generell setzen Firmen in Russland aus Kostengründen verstärkt auf einheimisches Personal und ersetzen Expatriates aus Europa.

Weitere Lohnbestandteile

In Russland erhalten Arbeitnehmer eine stärker leistungsbezogene Entlohnung als in Deutschland. Generell gilt: Je höher ein Mitarbeiter, insbesondere eine Führungskraft, in der Hierarchie steht, desto umfangreicher sind die zusätzlichen Lohnbestandteile.

Während Dienstwagen dem Top-Management vorbehalten sind, zählt eine vom Arbeitgeber finanzierte private Krankenzusatzversicherung zu den festen Bestandteilen eines Arbeitsvertrages. Wer gemäß der Tätigkeitsbeschreibung mobil erreichbar sein muss, bekommt ein Mobiltelefon gestellt. Arbeiter oder einfache Angestellte erhalten als Zusatzleistungen meist Verpflegungszuschüsse sowie private Unfall- und Rentenversicherungen. Weitere Lohnbestandteile können Firmendarlehen, Mitarbeiterrabatte und Fortbildungen sein.

In Unternehmen mit Schichtbetrieb müssen Zuschläge von 20 Prozent für jede Nachtarbeitsstunde gezahlt werden, wenn die Lohnarbeit zwischen 22:00 und 6:00 Uhr geleistet wird. Dabei handelt es sich um den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestsatz, der innerhalb eines Unternehmens kollektivvertraglich auch höher ausfallen kann.

Mehrarbeit, die über die vertraglich beziehungsweise tariflich festgelegte Arbeitszeit um bis zu zwei Stunden hinausgeht, muss generell mit einem Zuschlag von mindestens 50 Prozent auf den Normalsatz vergütet werden. Dauert die Mehrarbeit länger als 2 Stunden, wird ein Zuschlag von mindestens 100 Prozent auf den Normalsatz gewährt. Unterliegt der Arbeitstag keinen zeitlich festgelegten Normen, kommt diese Regelung nicht zur Anwendung.

Der Arbeitgeber kann Mitarbeitern freiwillig einen Bonus auszahlen, der abhängig vom Jahresergebnis nach individueller Leistung gestaffelt ist. In Arbeitsverträgen für Führungskräfte wird häufig ein 13. (und gegebenenfalls weiteres) Monatsgehalt vereinbart, dessen Auszahlung meist vom Erreichen der Umsatzziele abhängig ist.

Sozialversicherungsbeiträge 

Sozialabgaben machen in Russland rund ein Drittel des Bruttogehalts aus.

Sozialbeiträge 2021 (in Prozent der Bemessungsgrundlage)

Rentenversicherung (Arbeitgeberanteil)

22,0

Krankenversicherung (Arbeitgeberanteil)

5,1

Abgabe für Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Mutterschaftsschutz (Arbeitgeberanteil)

2,9

Arbeitslosenversicherung (Arbeitgeberanteil)

0

Sonstige Versicherungen (Arbeitgeberanteil)

0

Erläuterungen zu Beitragsbemessungsgrenzen

bis zu 912.000 Rubel Bruttojahresgehalt für Sozialversicherung, bis zu 1.150.000 Rubel Bruttojahresgehalt für Rentenversicherung1), der darüber liegende Gehaltsanteil wird mit 10% versteuert

1) Summe der Arbeitgeberanteilt bei Rentenversicherung (22%), Krankenversicherung (5,1%) und bei Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (2,9%)Quelle: Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK)

Dieser Inhalt gehört zu

Feedback
Anmeldung

Bitte melden Sie sich auf dieser Seite mit Ihren Zugangsdaten an. Sollten Sie noch kein Benutzerkonto haben, so gelangen Sie über den Button "Neuen Account erstellen" zur kostenlosen Registrierung.