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Wirtschaftsumfeld | Russland | Krieg in der Ukraine

Unterschiedliche Motive bewegen Unternehmen zum Marktaustritt

Russlands Angriffskrieg und Sanktionen des Westens machen Businesspläne deutscher Firmen zu Makulatur. Doch auch aus moralischen Gründen beenden Unternehmen ihr Engagement im Land.

Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

Warenverkehrs- und Finanzsanktionen der EU und USA, gerissene Lieferketten oder Logistikprobleme - die Liste der Folgen des Ukrainekrieges ist lang. Nach einer Phase des Abwartens in den ersten Monaten nach Kriegsbeginn ist bei zahlreichen Unternehmen mittlerweile die Erkenntnis gereift, dass es kein „business as usual" mehr geben wird. Entsprechend denken zahlreiche Entscheider darüber nach, ihr Geschäft abzuwickeln und dem größten Flächenland auf absehbare Zeit den Rücken zu kehren. „Ein baldiges Russland-Comeback ist nicht in Sicht", dämpft Michael Harms, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (OA) dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) die Hoffnungen auf eine baldige Rückkehr.

Auf dem Spiel stehen zahlreiche Fabriken, Produktionsanlagen sowie Lager- und Verkaufsflächen, in die deutsche Unternehmen in den letzten drei Jahrzehnten investiert hatten. Der Bestand deutscher Direktinvestitionen (FDI) belief sich zum 1. Januar 2022 auf 21,5 Milliarden Euro.

Deutsche Wirtschaft unterstützt Sanktionen mehrheitlich

Eine breite Mehrheit deutscher Firmenlenker, Eigentümer und Anteilseigner verurteilt Russlands Angriffskrieg. Rund 70 Prozent der europäischen Investoren wollen dort 2022 keine Investitionen mehr tätigen, ergab eine Geschäftsklimaumfrage der Association of Businesses (AEB) vom Juni 2022. Die Hälfte der Teilnehmer schätzt das Risiko, binnen Jahresfrist ihr Geschäft in Russland schließen zu müssen, als mittel bis hoch ein. Die Verluste dürften verkraftbar sein. Bei einem Großteil deutscher Firmen lag der Anteil des Russlandgeschäfts am Gesamtumsatz vor dem 24. Februar 2022 im niedrigen einstelligen Prozentbereich, meldet der Ostausschuss.

Sanktionsprüfung gestaltet sich sehr aufwändig

Die personen-, gebiets- und güterbezogenen Sanktionen der EU und USA machen Geschäfte in Russland immer schwieriger. Rund 80 Prozent der Teilnehmer der AEB-Umfrage spüren direkte Auswirkungen der Strafmaßnahmen auf ihr Geschäft. Da kein Totalembargo verhängt wurde, das sämtlichen Handel mit Russland verbietet, ist der Prüfaufwand immens. Dabei steckt der Teufel häufig im Detail. Das Sanktionsmanagement ist die größte Herausforderung für deutsche Firmen mit Russlandgeschäft, ergab eine Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG.

Lieferanten müssen sanktionierte Geschäftspartner, Warengruppen und Dienstleistungen identifizieren sowie Exportbeschränkungen beachten. Die Klärung der Eigentumsverhältnisse, beispielsweise ob hinter einem Geschäftspartner ein sanktionierter Oligarch steckt, stellt vor allem kleinere Firmen vor besonders große Herausforderungen. Jeder Handelspartner muss genau geprüft werden, ob nicht gelistete Personen im Hintergrund maßgeblich Einfluss ausüben.

Zudem unterliegen nicht nur Produkte, die Lieferanten selbst herstellen, den Sanktionen, sondern auch technische Hilfe sowie Finanzdienstleistungen. Hinzu kommen Einschränkungen beim Zahlungs- und Kapitalverkehr. Durch den Ausschluss von zehn russischen Banken und deren Tochtergesellschaften vom SWIFT-System muss jede Überweisung manuell abgewickelt werden, was den Aufwand weiter in die Höhe treibt.

Rückzug kann Imageschäden vorbeugen

Immer mehr Kunden machen eine Kaufentscheidung auch von moralischen Argumenten abhängig. So kommt der Rückzug eines Unternehmens aus Russland bei den Verbrauchern gut an, ermittelte die PR-Agentur Daniel J. Edelman in ihrem Trust Barometer 2022. Bürger westlicher Länder sind insgesamt eher bereit, die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland abzubrechen, als Einwohner aus anderen Weltregionen, fanden das Meinungsforschungsinstitut Latana und die NGO „Allianz der Demokratie“ heraus. Hinzu kommt der Druck der veröffentlichten Meinung sowie repräsentativer Umfragen.

Auch die Meinung von Eigentümern und Aktionären sowie Geschäftspartnern und Mitarbeitern spielt bei der Entscheidungsfindung eine immer wichtigere Rolle. Firmen müssen bei der Entscheidung, ihr Geschäft in Russland fortzusetzen oder zu gehen, ihre eigenen Corporate Social Responsibility (CSR)-Standards berücksichtigen.

Firmen, die sich entscheiden, auf dem russischen Markt zu bleiben, sehen sich hingegen einem steigenden Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. „Ein Festhalten am Geschäft in Russland kann eine Marke auf Dauer beschädigen“, warnt Reputationsexperte Bernhard Bauhofer von der Beratungsfirma Sparring Partners in einem Interview. Das gelte vor allem im Konsumgüterbereich. Unternehmen, die weiter auf Russland setzen, müssen sehr gute Argumente vorbringen, um ihre Kunden von diesem Schritt zu überzeugen. Zum Beispiel durch die Belieferung mit Lebens- oder Arzneimitteln sowie Medizintechnik zu humanitären Zwecken. Ansonsten droht ein nachhaltiger Imageschaden.

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