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Bericht Wirtschaftsumfeld | Taiwan | Coronavirus
Taiwan hat die Corona-Krise bisher gut im Griff. Doch die wirtschaftlichen Folgen sind bereits spürbar. Einige Sektoren leiden deutlich, andere Branchen profitieren von der Krise.
26.03.2020
Von Alexander Hirschle | Taipei
Taiwan zieht die Daumenschrauben gegen die Ausbreitung des Coronavirus deutlich an. Bisher galt das Land als Vorreiter bei der Eindämmung der Ansteckungen und wurde hierfür von zahlreichen internationalen Institutionen und Medien gelobt. Der Anstieg der Infektionen erfolgte zunächst tröpfchenweise, bis Anfang März 2020 wurden nur knapp 50 Fälle gezählt – trotz der Nähe zu China. Die Bewohner der Insel fürchten aber eine zweite Welle von Corona-Fällen, da mittlerweile zahlreiche in den USA und Europa lebende Taiwaner zurückkehren.
Und tatsächlich stieg die Zahl der Infektionen ab der zweiten Märzwoche in absoluten Zahlen deutlicher als je zuvor an. Die Regierung beschloss daher eine Einreisesperre für alle Ausländer ab dem 19. März mit Ausnahme von Personen mit Aufenthaltsgenehmigung (Alien Resident Permit, ARC), Diplomaten und wenigen weiteren Sonderfällen. Sämtliche Einreisende müssen eine 14-tägige Quarantäne durchlaufen. Bei Nichtbeachtung der Quarantänevorschriften drohen drastische Geldbußen.
Darüber werden Auslandsreisen für High-School-Schüler und Lehrpersonal bis zum Ende des Schuljahres im Juli 2020 verboten. Bisher hatten die Maßnahmen der Regierung größtenteils gegriffen. Mittlerweile konnten auch die zunächst für mehrere Wochen geschlossenen Schulen und Universitäten wieder geöffnet werden. Messen und Großveranstaltungen werden weiterhin größtenteils nicht durchgeführt. Das Alltagsleben geht mit gedämpfter Dynamik seinen Gang. In den meisten Geschäftsgebäuden stehen Desinfektionsmittel und Fiebermessgeräte bereit.
Hauptleidtragende sind weiterhin vorwiegend Hotels, Gaststätten und der Einzelhandel. Die Belegung in den Herbergen rangiert bei rund 30 Prozent der Kapazitäten, vereinzelt mussten bereits Schließungen angemeldet werden. Bei einem längeren Anhalten der Einreisesperren dürfte sich dieser Negativtrend weiter verstärken. Vor allem aus Südkorea und China kommen zahlungskräftige Besucher, wie auch Europa und den USA.
Die großen Shopping-Malls in Taipei sind nur schwach frequentiert, der Einzelhandel verzeichnete Einbußen zwischen 30 und 50 Prozent auf Jahresbasis seit Ausbruch der Corona-Krise. Für das Gesamtjahr 2020 rechnen Branchenvertreter mit einem Umsatzrückgang von 20 Prozent bei Shopping Centern und Department Stores. Die Regierung erwägt, mittels der Verteilung von Einkaufsgutscheinen dem Negativtrend entgegenzuwirken.
Restaurantbesitzer versuchen über Sonderangebote oder die verstärkte Nutzung von Lieferservices ihre Einnahmenverluste zu begrenzen. Das Wirtschaftsministerium Ministry of Economic Affairs (MOEA) ließ in der lokalen Presse verlauten, an einem Subventionsprogramm für betroffene Restaurants zu arbeiten. Auch für Hotels sollen 50 Millionen US-Dollar (US$) zur Verfügung gestellt werden.
Die Börse geht ebenfalls auf Talfahrt. Der Index TAIEX unterschritt Mitte März erstmals seit mehr als einem Jahr wieder die psychologisch wichtige Marke von 10.000 Punkten. Die lokalen Immobilienpreise dürften in den kommenden sechs Monaten fallen. Das Fachmagazin Housing Monthly rechnet mit einem Rückgang von 28 Prozent bei neuen Bauprojekten im Bereich Wohnimmobilien.
Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt halten sich noch in Grenzen. Eine Umfrage der Onlinebörse 104 Job Bank brachte zutage, dass bisher nur 5,6 Prozent der Firmen ihre Mitarbeiter zu unbezahltem Urlaub bewegen. Im Gegenzug gaben 84,3 Prozent der Befragten an, dass ihre Arbeitszeiten bisher nicht beeinträchtigt seien.
Die Konjunktur verliert dennoch an Fahrt. Nachdem die Regierung die offizielle Prognose für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) für 2020 bereits von real 2,7 Prozent auf 2,3 Prozent heruntergeschraubt hatte, ziehen jetzt private Finanzinstitute nach. Die Vorhersagen sind dabei jedoch noch pessimistischer und erreichen Werte von nur noch knapp 1 Prozent Wachstum.
Denn umso länger die Ausbreitung des Virus andauert und umso stärker sie sich um den Erdball zieht, desto heftiger dürften auch die Folgen für das international stark eingebundene Taiwan werden. So fürchten vor allem die Hersteller von Elektronik und Halbleitern, die zum Teil große Fertigungsstätten in China unterhalten, Lieferengpässe aufgrund der Restriktionen weltweit und vor allem im Reich der Mitte selbst.
Auf der anderen Seite hofft Taiwan, von der Neuausrichtung internationaler Lieferketten als Alternativstandort für Investitionen zu profitieren. Die Produktion von Schutzmasken wird weiter nach oben geschraubt. Neuesten Informationen zufolge wurden die Kapazitäten seit Ausbruch der Corona-Krise innerhalb kürzester Zeit bis Ende März von 4 Millionen auf 10 Millionen erhöht. Bis April soll die Produktion weiter auf 15 Millionen gesteigert und dann sogar mit dem Export von Masken begonnen werden.
Einige Sektoren profitieren hingegen von den Entwicklungen im Rahmen der Corona-Krise. So berichtet der Hersteller von Elektroscootern Gogoro von einem deutlichen Nachfrageschub. Die Bewohner der Insel setzen verstärkt auf Individualverkehr, um sich nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln anzustecken. Auch die Produzenten von multifunktionalen Fitnessgeräten freuen sich über einen steigenden Bedarf, da Gyms in Zeiten von Corona zunehmend gemieden werden. Einige Firmen berichten von einer Vervierfachung der Nachfrage auf Jahresbasis über ihre Online-Vertriebskanäle.
Die Regierung wird übergreifend rund 2 Milliarden US$ zur Verfügung stellen, um mit Hilfe eines bereits verabschiedeten Konjunkturpakets die Folgen der Krise für lokale Firmen abzufedern. Darüber hinaus wurde angekündigt, weitere 1,3 Milliarden US$ über laufende Budgetmittel zuzuschießen. Darüber hinaus ließ das Finanzministerium in den lokalen Medien verlauten, dass betroffenen Unternehmen längere und flexiblere Zahlungsfristen für Steuern eingeräumt werden.