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Internationale Geber treiben Wasserprojekte in Tunesien voran

Trockenheit, marode Leitungen und kaum Abwassernutzung: Das tunesische Wassermanagement steht vor großen Aufgaben. Viele Projekte werden mit internationalen Geldern umgesetzt.

Verena Matschoß

Von Verena Matschoß | Tunis

Der Sommer 2026 hat die strukturellen Schwächen der tunesischen Wasserversorgung erneut deutlich gemacht. Während der Hitzewellen kam es regional zu Unterbrechungen der Trinkwasserversorgung. Zugleich führten die stark gestiegene Nachfrage sowie Produktions- und Logistikprobleme zu Engpässen bei abgefülltem Mineralwasser.

Tunesien zählt zu den wasserärmsten Ländern der Welt. Laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) stehen pro Person rund 380 Kubikmeter an erneuerbaren Frischwasserressourcen zur Verfügung. Damit liegt das Land deutlich unter der international gebräuchlichen Schwelle von 500 Kubikmetern für absolute Wasserknappheit. Das Wassersystem stößt bereits heute an seine Grenzen. Klimawandel, Übernutzung des Grundwassers, ineffiziente Netze, niedrige Wasserpreise und der sehr hohe Verbrauch der Landwirtschaft verschärfen die ohnehin kritische Lage.

Tunesien baut Trinkwasserversorgung ausTrinkwasserkomponente des Water Security and Resilience Program der Weltbank (Auswahl an Projekten)
ProjektDetails

Laufzeit (Monate)

Geschätztes Budget (Mio. US$)

Erweiterung der Meerwasserentsalzungsanlage Zarat (Gabès)Ausbau von 50.000 auf 100.000 Kubikmeter pro Tag

18

70

Ausbau der Fernwasserleitungen und VerteilnetzeNeue beziehungsweise verstärkte Leitungen für Gabès, Médenine und Tataouine inklusive neuer Pumpinfrastruktur

24

46

Verbesserung der Verteilnetze in Sfax, Kébili und TozeurAustausch alter Leitungen, Netzsektorisierung, Einbau von Durchflussmessern, Drucksensoren und Reglern; Modernisierung von insgesamt über 50 bis 60 Kilometern Netz

24

78

Einführung intelligenter WasserzählerBeschaffung und Installation intelligenter Zähler, Stärkung der Kapazitäten der SONEDE

12

11

Quelle: Programm RESEau 2026

Deutschland ist größter bilateraler Geldgeber

Aufgrund der angespannten Haushaltslage kann die Regierung den Finanzierungsbedarf im Wassersektor nicht allein stemmen. Der Sektor ist eines der wichtigsten Betätigungsfelder internationaler Geberbanken. Deutschland ist über die KfW Entwicklungsbank mit einem Portfolio von circa 950 Millionen Euro derzeit der größte bilaterale Geldgeber. Die KfW Entwicklungsbank übernimmt zudem eine wichtige Rolle bei der Geberkoordinierung.

Eines der größeren neuen Programme genehmigte die Weltbank im Jahr 2026. Mit einer Finanzierung von 332,5 Millionen US$ (US$) werden in einer ersten Phase zwei Projekte zur Stärkung der Resilienz der Bewässerungs- und Trinkwasserversorgung umgesetzt. Die zweite Phase soll sich auf den Abwasserbereich konzentrieren. Das Gesamtprogramm ist auf zehn Jahre angelegt und sieht einen Finanzierungsrahmen von bis zu 700 Millionen US$ vor.

Informationen über Projekte und Ausschreibungen

Bei der Planung und Umsetzung von Vorhaben im Wassersektor schreiben Geberorganisationen Bau-, Liefer- und Beratungsleistungen oft international aus. Deutsche Unternehmen können an den Ausschreibungen teilnehmen.

GTAI informiert dazu tagesaktuell über Ausschreibungen im Bereich Wasser und Umwelt.

Die internationale Finanzierung eröffnet deutschen Unternehmen Chancen. Bei Bauaufträgen sind deutsche Unternehmen bisher wenig vertreten. Sie sind aber wichtige Lieferanten von Technik und Ausrüstungen. Branchenvertretern zufolge sind Anbieter aus Indien, Pakistan, der Schweiz und China wichtige Wettbewerber. Auch türkische Anbieter gewinnen an Bedeutung. Generell gut aufgestellt sind deutsche Ingenieur- und Planungsfirmen. Bei KfW-finanzierten Vorhaben kamen beispielsweise die deutschen Ingenieur- und Beratungsunternehmen GOPA, Dorsch und GKW zum Zuge.

 Deutsche Technik genießt im tunesischen Wassersektor einen hervorragenden Ruf und kommt in zahlreichen KfW-finanzierten Vorhaben zum Einsatz. Neue Ausschreibungen in den Bereichen Abwasser und Trinkwasserversorgung sind derzeit in Vorbereitung. Für deutsche Unternehmen bestehen daher gute Chancen, sich an kommenden Vorhaben zu beteiligen.

Elena Matthiolius Portfoliomanagerin, KfW Büro Tunesien

Marodes Wassernetz hat hohe Leitungsverluste 

Die 37 Stauseen Tunesiens liegen ungleich verteilt. Der weitaus größte Teil der Oberflächenwasserressourcen befindet sich im Nordwesten des Landes, wo die meisten Niederschläge fallen. Derzeit werden mehrere neue Staudämme errichtet. Zu den fortgeschrittenen Projekten zählen Douimis im Gouvernorat Bizerte und Mellègue 2 im Gouvernorat Kef. Der Staudamm Raghai befindet sich seit 2026 in der Bauphase. Die KfW Entwicklungsbank unterstützt seinen Bau finanziell. 

Eine der wichtigsten künstlichen Wasseradern des Landes ist der Medjerda-Cap-Bon-Kanal, der Wasser aus dem Norden in die Küstenregionen transportiert. Die KfW Entwicklungsbank unterstützt die Sanierung und Modernisierung zentraler Teile dieser Infrastruktur finanziell.

Ende August 2025 lag der durchschnittliche Füllstand der Stauseen bei nur 30 Prozent. Da das Jahr 2026 deutlich regenreicher war, stieg auch der Füllstand. Anfang September 2026 erreichte er 50 Prozent. Neben der Abhängigkeit von Regenfällen ist der Zustand des Leitungsnetzes Grund zur Sorge. Nach Angaben des Versorgungsunternehmens SONEDE liegen die Wasserverluste in Teilen des Netzes bei 30 bis 40 Prozent. Im Jahr 2025 musste der Wasserversorger durchschnittlich 650 Reparatureinsätze pro Tag durchführen. KfW-finanzierte Projekte zielen darauf ab, Wasserverluste in sieben südlichen Regionen zu reduzieren und die Trinkwasserversorgung im ländlichen Raum von Béja zu verbessern.

Die SONEDE hat allerdings wenig Geld, um das Leitungsnetz instand zu halten. Der durchschnittliche Wassertarif ohne Grundgebühr liegt bei umgerechnet 37 Cent pro Kubikmeter. Die Trinkwasserversorgung arbeitet damit nicht kostendeckend. Dies schränkt die finanziellen Spielräume ein. Auch bei der Tarifpolitik wurde die SONEDE von der KfW Entwicklungsbank beraten. Bisher fanden vier von fünf geplanten Tarifanpassungen statt. 

Meerwasserentsalzung wird wichtiger

Tunesien baut die Meerwasserentsalzung zu einer wichtigen zusätzlichen Säule seiner Trinkwasserversorgung aus. Neben der seit 2018 betriebenen Anlage auf Djerba gingen seit 2024 neue Großanlagen in Zarat und Sfax ans Netz. Ende September 2026 folgte nach mehrjährigen Verzögerungen die Anlage in Sousse. Damit soll vor allem die Wasserversorgung der besonders unter Wasserstress stehenden Küstenregionen und des Südens stabilisiert werden. Deutschland unterstützt den Ausbau finanziell über die KfW Entwicklungsbank: Sie stellte für die Entsalzungsanlage auf Djerba einen Kredit von 60 Millionen Euro und für die Anlage in Zarat 82 Millionen Euro bereit. Für die kommenden Jahre ist der Ausbau einiger Anlagen geplant. 

Die Trinkwasserproduktion erreichte 2025 rund 834 Millionen Kubikmeter und lag damit 5,5 Prozent über dem Vorjahr. Dazu trug wesentlich bei, dass die Meerwasserentsalzungsanlagen in Sfax und Zarat erstmals ganzjährig in Betrieb waren. Neben der Meerwasserentsalzung baut Tunesien im Süden mit Finanzierung der KfW auch die Brackwasserentsalzungsanlagen aus. Steigende Energieaufwendungen für die Meerwasserentsalzung erhöhen allerdings den Druck auf eine Reform der Wasserpreise.

Großer Bedarf im Abwasserbereich

Bei der Abwassernutzung gibt es in Tunesien noch erhebliches Potenzial. Die 131 Kläranlagen des staatlichen Abwasserunternehmens ONAS behandelten 2025 rund 300 Millionen Kubikmeter Abwasser. Laut Landwirtschaftsministerium wurden im selben Jahr nur 4,4 Millionen Kubikmeter gereinigtes Abwasser in der Landwirtschaft genutzt. 

Auch im Abwasserbereich unterstützen internationale Geber. Das Programm DEPOLMED wird von der französischen Entwicklungsbank AFD, dem Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO), der Europäischen Investitionsbank und der EU finanziert. Es soll die Einleitung unzureichend gereinigter Abwässer ins Mittelmeer reduzieren. Die Laufzeit ist bis Ende 2028 vorgesehen. Es umfasst insbesondere die Sanierung und Erweiterung von vier Kläranlagen in Sud Méliane, Sousse Nord, Jedaida und Kélibia. 

Die KfW Entwicklungsbank fördert seit 2018 mit 69 Millionen Euro die Abwasserentsorgung in zehn Mittelstädten, unter anderem durch den Bau von Kläranlagen, Pumpstationen und Transferleitungen sowie die Stärkung der Kapazitäten des Abwasserunternehmens ONAS. 

Landwirtschaft soll vermehrt aufbereitetes Abwasser nutzen

Besonders problematisch ist die Wassernutzung in der Landwirtschaft. Während große Teile der Getreide- und Olivenproduktion auf Niederschläge angewiesen sind, benötigen bewässerte Kulturen, darunter Gemüse und Datteln, zusätzliche Wasserressourcen. Tunesien hat seine Bewässerungslandwirtschaft über Jahrzehnte ausgebaut; 2025 umfassten die bewässerten Flächen rund 445.000 Hektar. Die Bewässerungslandwirtschaft steht heute für etwa 75 Prozent der Wasserentnahmen.

Im Jahr 2025 waren 37 Kläranlagen mit tertiären Behandlungsstufen ausgestattet. Diese weitergehende Reinigung soll die Belastung durch Reststoffe und Bakterien reduzieren. Zudem soll das gereinigte Abwasser für Bewässerung, Grünflächen, Industrie oder Grundwasseranreicherung besser nutzbar gemacht werden.

Kontaktadressen

Bezeichnung

Anmerkungen

Deutsch-Tunesische Industrie- und Handelskammer

AHK Tunesien unterstützt und berät bei Markterschließung und Messepräsenz

Société Nationale de l’Exploitation et de Distribution des Eaux (SONEDE)Staatliches Wasserversorgungsunternehmen, gehört zum Zuständigkeitsbereich des Ministeriums für Landwirtschaft, Wasserressourcen und Fischerei (MARHP)

Office National de l'Assainissement (ONAS)

Staatliches Unternehmen der Abwasserentsorgung und -aufbereitung, gehört zum Zuständigkeitsbereich des Umweltministeriums

Observatoire Nationale de l'Agriculture (ONAGRI)Behörde im Zuständigkeitsbereich des Ministeriums für Landwirtschaft, Wasserressourcen und Fischerei, jährliche Veröffentlichung eines nationalen Wasserberichts

"Ohne technische Präsenz vor Ort mit einem tunesischen Partner geht es nicht"

Jilani Benmbarek, Geschäftsführer, OASIS TECHNICAL CORPORATION, Wasserwirtschaft Jilani Benmbarek, Geschäftsführer, OASIS TECHNICAL CORPORATION, Wasserwirtschaft | © Jilani Benmbarek

Der Luftfahrtingenieur Jilani Benmbarek ist Geschäftsführer der OASIS TECHNICAL CORPORATION (OTC), die in Tunesien Produkte von KSB, insbesondere Pumpen und Ventile, vertreibt. Der Kundendienst, einschließlich der Bereitstellung von Ersatzteilen und Wartungsleistungen, wird von JV TECH TUNISIA übernommen, einem Gemeinschaftsunternehmen von OTC und KSB. 

Herr Benmbarek, wie entwickelt sich aus Ihrer Perspektive die Nachfrage im tunesischen Wassersektor?

Es kommt Bewegung in den Markt. Wichtige Projekte in den Bereichen Trinkwasser und Abwasser werden auf den Weg gebracht. Insbesondere die Meerwasserentsalzung gewinnt an Bedeutung. KSB ist in diesem Bereich inzwischen ein wichtiger Akteur. Auch die Sanierung bestehender Anlagen steht auf der Tagesordnung.

Wer sind Ihre größten Kunden im Wassersektor?

Zu den Kunden zählen vor allem öffentliche Akteure aus der Wasser- und Landwirtschaftsverwaltung, darunter der staatliche Wasserversorger SONEDE, sowie große Staatsunternehmen aus der Abwasser-, Energie- und Chemiewirtschaft.

Sie sind bereits seit 40 Jahren exklusiver Vertriebspartner für KSB. Wie haben sich die Anforderungen an einen Techniklieferanten gewandelt?

Die Zeiten sind vorbei, in denen ein ausländisches Unternehmen einfach nur seine Technik verkauft und dann verschwindet. Heute braucht es einen Partner vor Ort und eine dauerhafte technische Präsenz. Wartung und die Verfügbarkeit von Ersatzteilen müssen sichergestellt sein. Dies ist meist auch schon Voraussetzung, um an öffentlichen Ausschreibungen teilzunehmen.

Wo sehen Sie aktuell die größten Schwierigkeiten in Tunesien?

Der kritischste Punkt ist der Zugang zu Finanzierung. Das hohe Zinsniveau erschwert Investitionen und die Finanzierung über Banken erheblich. Hinzu kommen Zahlungsverzögerungen öffentlicher Unternehmen und komplizierte Ausschreibungsbedingungen.