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Branchenbericht | Ukraine | Stromübertragung, -verteilung, -netze

Ukraine will mehr Strom in Europa verkaufen

Seit Mitte März 2022 ist das Stromnetz der Ukraine mit dem Netz der Europäischen Union verbunden. Die Synchronisierung bietet Chancen für beide Seiten, ist aber nicht ohne Risiko.

Von Gerit Schulze | Berlin

Die Abkoppelung der Ukraine vom Nachbarland Russland zeigt sich besonders im Energiesektor. Am 23. Februar 2022 - also einen Tag vor Kriegsbeginn - klinkte sich die Ukraine aus dem russisch dominierten Verbundnetz IPS/UPS aus.

Russlands Angriff beschleunigt die Integration

Am 16. März 2022 haben die Ukraine und Moldau ihre Netze mit dem kontinentaleuropäischen Stromnetz verbunden. Der Schritt war seit fünf Jahren in Planung, sollte aber frühestens 2023 vollzogen werden. Russlands Angriff beschleunigte die Ereignisse. Seit dem 26. April 2022 hat der ukrainische Übertragungsnetzbetreiber NPC Ukrenergo einen offiziellen Beobachterstatus im Verband der Europäischen Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E).

Der Zusammenschluss fand angesichts des Zeitdrucks als Notsynchronisierung statt. Eigentlich hätte Kiew noch weitere Inseltests durchführen müssen, um zu zeigen, dass das Stromnetz stabil ist. Es stehen Nachweise aus, dass die Ukraine interregionale Frequenzabweichungen bewältigen und ausgleichen kann. Dafür sind Technologien wie Stromrichter zur Frequenzumwandlung (Statcom), modulare Drehstromübertragungssysteme (m-SSSC) und Stromspeicher nötig. Westliche Hersteller stehen mit ihren Produkten bereit, das ukrainische Netz stabil zu machen.

Erst dann kann aus der Notsynchronisierung eine normale Synchronisierung werden, die einen gemeinsamen Stromhandel ermöglicht. Bislang darf die Ukraine nur Strom aus dem EU-Netz beziehen, selbst aber noch keine überschüssige Elektrizität einspeisen.

Vorteile einer vollständigen Synchronisierung mit dem EU-Netz
  • Ukraine verringert Abhängigkeit von Russland.
  • Netzbetreiber Ukrenergo kann laut Weltbank etwa 11 Milliarden Euro an künftigen Investitionen einsparen, wenn er zügig moderne Technologien zur Frequenzkontrolle und -steuerung sowie zur Nachfrageprognose einführt.
  • Mögliche Reduzierung der Treibhausgasemissionen des osteuropäischen Energiesektors um 18 Prozent (14 Millionen Tonnen pro Jahr), weil der Strommix der Ukraine relativ klimaneutral ist.
  • Bislang nötige Abregelung von Stromerzeugungsspitzen kann in Osteuropa einschließlich der Ukraine um 3,6 Prozent gesenkt werden. Das entspricht einer Einsparung von 850 Millionen Euro.
  • Niedrigere Strom-Endverbraucherpreise und höhere Einnahmen für die Übertragungsnetzbetreiber.

Quelle: Synchronising Ukraine's and Europe's electricity grids, Berlin Economics, Mai 2021

Strombedarf wegen des Krieges gesunken

Da wegen des Krieges schon jeder achte Ukrainer das Land verlassen musste und viele Industriebetriebe stillstehen, ist der Strombedarf zurzeit sehr niedrig. Nach Angaben der Erzeuger und Netzbetreiber werden von 53 Gigawatt installierter Leistung nur 12 bis 13 Gigawatt abgerufen. Einige Anlagen wurden heruntergefahren. Anfang Mai 2022 stellte das größte Wärmekraftwerk des Landes in Saporischschja den Betrieb ein, weil dort keine neuen Kohlelieferungen eintrafen. Die geringere Stromproduktion und der geringere Verbrauch im Land haben beim Anschluss an das europäische Netz geholfen.

„Die Synchronisation mit dem europäischen ENTSO-E war erfolgreich, alles funktioniert zuverlässig und stabil.“ Das sagte der Geschäftsführer des ukrainischen Stromerzeugers und Netzbetreibers DTEK, Maxim Timchenko, Ende April in einem Interview mit der Wirtschaftszeitung Ekonomitschna prawda.

Ein Vorteil ist, dass die Ukraine bereits Stromtrassen Richtung Ungarn, Polen und Slowakei hat. Von Moldau führt eine Leitung ins Nachbarland Rumänien. Jedoch sind die gemeinsamen Übertragungskapazitäten über die in Kontinentaleuropa übliche Wechselstromfrequenz von 50 Hertz noch gering.

Hohe Investitionen für Ausbau der Netze nötig

Eine Studie von Berlin Economics von Mai 2021 nennt einen Investitionsbedarf von 684 Millionen Euro, um die grenzüberschreitenden Übertragungsleitungen in die Nachbarländer der Europäischen Union (EU) auszubauen.

Die Ukraine wollte bereits in der Vergangenheit überschüssigen Strom auf den europäischen Markt liefern. Schon 2017 kündigte Netzbetreiber Ukrenergo an, perspektivisch 18 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr in die EU-Ländern zu verkaufen. Das Unternehmen erwartete dadurch Erlöse von 1,3 Milliarden Euro.

Energieminister German Galuschtschenko erklärte im April 2022, dass die Exportkapazitäten des Landes bei 2 Gigawatt liegen. Es könne aber mit kleineren Leistungen begonnen werden. Das Energiesystem habe zurzeit ausreichend Reserven, um einen stabilen Export zu gewährleisten, sagte Galuschtschenko laut Branchenportal Kosatka.Media.

Strombranche braucht weitere Reformen

Bevor der Stromhandel mit Europa Fahrt aufnimmt, muss die Ukraine noch einige Hausaufgaben erledigen:

  • Netzverstärkung und Sicherung stabiler Frequenzen,
  • Teilnahme an Datenplattformen zum Marktaustausch,
  • Sammlung von Daten zur Stromnachfrage und Prognose von Nachfragespitzen,
  • Deregulierung und Entmonopolisierung des Strommarktes,
  • Verbesserung der Rechtssicherheit für private Investoren,
  • Einführung einer CO2-Bepreisung.

Ukraine erzeugt über die Hälfte des Stroms aus Kernkraft

Der Energiemix der Ukraine ist relativ klimaneutral. Im Jahr 2021 entfiel über die Hälfte der Stromproduktion auf Kernkraft. Weitere 15 Prozent wurden in Wasser-, Wind- und Solarkraftwerken erzeugt. Damit diese CO2-freien Kapazitäten in Europa anerkannt werden, müsste die Ukraine ein Zertifizierungssystem für grüne Energie einführen.

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Ausbau der Übertragungsleitungen geplant

Neben der Netzstabilität braucht die Ukraine mehr Transportmöglichkeiten in die westlichen Nachbarländer. Die EU und der Netzbetreiberverband ENTSO-E verlangen von ihren Mitgliedern, dass sie mindestens 10 Prozent ihrer Stromerzeugungskapazitäten in grenzüberschreitende Übertragungsleitungen einspeisen können. Bis 2030 sogar 15 Prozent. Die Ukraine plant laut ihrer Energiestrategie, schon 2025 diese Quote zu erreichen. Das wären Kapazitäten von über 8 Megawatt.

Davon ist das Land noch weit entfernt. Laut einer Studie der Initiative Low Carbon Ukraine kann die Ukraine derzeit maximal eine Leistung von 1,5 Megawatt in die benachbarten EU-Länder transportieren. Ein kleines Gebiet in der Westukraine, die „Burschtin Energieinsel“ rund um das Wärmekraftwerk Burschtin war bereits vor Kriegsbeginn mit dem EU-Netz synchronisiert. Von dort führen zwei Hochspannungsleitungen mit 220 Kilovolt (kV) nach Ungarn, je eine 400-Kilovolt-Leitung nach Ungarn, Rumänien und in die Slowakei sowie eine 750-Kilovolt-Leitung nach Ungarn. Diese müssen aber grundlegend modernisiert werden.

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Ein weiterer Ausbau der Cross-border-Übertragung ist geplant. Zwei wichtige Projekte sind die Leitung vom Kernkraftwerk Piwdennoukrainska ins rumänische Isaccea und von Mukatschewo ins slowakische Veľké Kapušany. Diese beiden Leitungen könnten zusätzlich für bis zu 2 Gigawatt Übertragungskapazitäten sorgen.

Hilfszusagen für zerstörte Energieanlagen

Das ukrainische Stromnetz ist durch den russischen Angriff stark beschädigt worden. Netzbetreiber Ukrenergo berichtet auf LinkedIn im Tagesrhythmus über Zerstörungen und Reparaturmaßnahmen.


Die Europäische Energiegemeinschaft brachte Anfang April 2022 einen "Ukraine Energy Support Fund" auf den Weg. EU-Länder und andere internationale Geber sollen den Fonds mit Finanzmitteln speisen, die beim Wiederaufbau der ukrainischen Energieinfrastruktur helfen. Von dem Geld werden Energieträger, Ausrüstungen und Dienstleistungen bezahlt. Als erstes Land hatte Dänemark eine Finanzzusage abgegeben.


Daneben hat das Vereinigte Königreich eine Spende von 500 mobilen Notstromaggregaten an die Ukraine angekündigt, ein Drittel davon wurde bereits geliefert.


Auch Unternehmen beteiligen sich am Wiederaufbau. Der französische Konzern Schneider Electric hat Netzausrüstungen im Wert von 4 Millionen Euro an Kiew übergeben.


Kernkraftwerksbetreiber Energoatom kündigte an, dass der US-Konzern Westinghouse fünf Atomreaktoren in der Ukraine errichten will. Die Meiler sollen an den Standorten bestehender Kraftwerke gebaut werden.


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