Wirtschaftsausblick | Vereinigtes Königreich
Vereinigtes Königreich: Geringes Wachstum und politische Instabilität
Das Vereinigte Königreich erwartet den fünften Premierminister in vier Jahren. Wieder rutscht das Land in eine Phase der politischen Instabilität.
06.07.2026
Von Marc Lehnfeld | London
Top-Thema: Der fünfte Premierminister in vier Jahren
Wieder steht die britische Regierung vor einem großen Umbruch. Am 22. Juni kündigte Premierminister Keir Starmer unter großem partei- und kabinettsinternem Druck seinen Rücktritt an.
Die Risse in Starmers Machtposition sowohl in der Regierung als auch als Parteivorsitzender wurden über das letzte halbe Jahr immer tiefer. Sie gipfelten in den für Labour verheerenden Wahlen im Mai 2026, als die Partei bei den englischen Kommunalwahlen 1.498 Sitze verlor. Auch musste Labour in Wales erstmals seit 1922 ihre Rolle als stimmenstärkste Partei an die unionskritische Plaid Cymru abgeben.
Zuletzt traten nicht nur der Gesundheitsminister Wes Streeting, sondern auch Verteidigungsminister John Healey zurück. Letzter protestierte damit gegen die weitere Zurückhaltung des Defence Investment Plans und die damit einhergehende geplante Unterfinanzierung des Militärs.
Als potenzieller Nachfolger von Starmer wird Andy Burnham gehandelt. Der in der Labour-Partei populäre ehemalige Bürgermeister des Großraums Manchester tritt nun nach seiner kürzlichen Wahl ins Parlament als Kandidat für den Parteivorsitz an. Er könnte auf dem Sonderparteitag am 17. Juli bestätigt werden. Allerdings können sich Parteimitglieder aus dem Parlament noch bis zum 9. Juli für den Wettbewerb um die Parteispitze aufstellen. Sollte es weitere Kandidaturen geben, würde sich die Wahl für die Nachfolge Starmers bis Ende August ziehen.
Der Wechsel in der Downing Street 10 kommt zu einer ungünstigen Zeit, denn die Liste der Herausforderungen für die regierende Labour-Partei ist lang und anspruchsvoll: Der Irankrieg, der anhaltende Krieg in der Ukraine, das schwache Wirtschaftswachstum bei hoher Staatsverschuldung und hohen Energiekosten.
Der anstehende Regierungswechsel und die damit verbundene Kabinettsumbildung wird wertvolle Zeit kosten. Schließlich steht die nächste Unterhauswahl spätestens im August 2029 an. Noch verfügt die Labour-Partei mit 402 von 650 Sitzen zwar über eine komfortable Mehrheit im Unterhaus, die öffentlichen Zustimmungswerte haben sich aber deutlich verschlechtert. Laut FT Poll Tracker vom 22. Juni würden nur noch 19,4 Prozent die Sozialdemokraten wählen, während die rechtspopulistische Reform UK auf 26,9 Prozent kommt.
Wirtschaftsentwicklung: Hohe Energiepreise setzen Konjunktur unter Druck
Die britische Wirtschaft ist angesichts ihrer hohen Energieimportabhängigkeit sehr anfällig für externe Schocks durch den Erdölpreis und den Irankrieg. Das Vereinigte Königreich verfügt nur über geringe Speicherkapazitäten beim Gas und fährt die Erschließung von Erdgas- und Erdölvorkommen aus der Nordsee zurück.
Die Inputpreise britischer Unternehmen liegen laut britischem Statistikamt im Mai 2026 bereits um 8,7 Prozent höher als noch ein Jahr zuvor. Größter Preistreiber ist Rohöl, dessen Preis im Zwölfmonatsvergleich um rund 72 Prozent gestiegen ist. Grund ist die Blockade der Straße von Hormus und der entsprechende Anstieg des Ölpreises. Bisher zeichnen sich keine Lieferschwierigkeiten ab, aber die Dauer der Blockade birgt ein deutliches Eskalationspotenzial.
Für 2026 und 2027 erwartet Oxford Economics jeweils ein eher moderates reales Wirtschaftswachstum von 0,7 Prozent. Wachstumstreiber bleiben in diesem Jahr die hohen Staatsausgaben, während der Privatkonsum und die Bruttoanlageinvestitionen nur unterdurchschnittlich wachsen. Treiber dafür sind die Inflationssorgen, denn die Preissteigerung wird auch in diesem Jahr 3,4 Prozent betragen. Das dämpft die Konsumlaune der Haushalte und auch Unternehmen investieren in diesem unsicheren Umfeld vorsichtiger, verschieben oder verkleinern ihre Investitionspläne.
Die Achillesferse bleibt aber vor allem der Staatskonsum, der aktuell noch Wachstumstreiber ist, aber auf Basis der hohen Staatsverschuldung von rund 95 Prozent der Wirtschaftsleistung begrenzt ist. Zusätzliche Konjunkturspritzen fallen also aus. Dadurch entsteht auch eine hohe Abhängigkeit der Fiskalpolitik vom Vertrauen der Finanzmärkte, da die Staatsanleihenrenditen die Höhe der Kosten für die Umschuldung der Staatsschulden bestimmen. Aktuell fließen rund 8 Prozent der Staatseinnahmen in Schuldenzinsen. Die Rendite britischer zehnjähriger Staatsanleihen liegt am 26. Juni 2026 bei 4,7 Prozent im Vergleich zu 2,9 Prozent für die Anleihen des Bundes.
Deutsche Perspektive: Bilateraler Handel bleibt stabil
Trotz eines anspruchsvollen Wirtschaftsumfeldes bleibt der britische Markt für deutsche Firmen wichtig. Laut Frühjahresumfrage der AHK Großbritannien bewerten 51 Prozent der befragten Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit im Vereinigten Königreich als positiv, allerdings in einem insgesamt schwachen Umfeld. Nur 2 Prozent rechnen mit einer Verbesserung des britischen Wirtschaftsumfelds.
Der deutsch-britische Handel zeigt im 1. Quartal 2026 wenig Dynamik. Nominal und goldbereinigt schrumpfte der Handel im Vergleich zur Vorjahresperiode wegen fallender Importe um 1,6 Prozent, vor allem weil die Importe um 6,4 Prozent gefallen sind. Der deutsche Güterexport legte, ebenfalls goldbereinigt, nur leicht um 1 Prozent zu, allerdings mit einem Anstieg um fast 6 Prozent bei den Pkw, dem wichtigsten deutschen Exportgut auf die Insel.
Investitionen deutscher Unternehmen zeigen aber auch die Wachstumsfelder im Land in Zeiten einer eher schwachen Konjunktur. So kündigte der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim an, im Londoner Cluster für künstliche Intelligenz (KI) King's Cross in den nächsten zehn Jahren über 170 Millionen Euro zu investieren. Das Geld fließt in ein Forschungszentrum für KI und maschinelles Lernen für die Entwicklung von Pharmaprodukten.
Der Molkereikonzern Ehrmann wiederum investiert rund 26 Millionen Euro in eine Dessertproduktion in Cornwall. Der RWE-Konzern konnte sich staatliche Preisgarantien für PV- und Onshore-Windprojekte im Volumen von 290 Megawatt sichern.
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