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Healthcare Monitor - Schweden setzt auf Digitales

Die Pandemie zwingt Schweden zur Verschiebung der Mittel, aber nicht der Prioritäten. Zahlreiche Investitionen sorgen für Chancen, die Bündelung im Einkauf macht sie interessant.

Von Michał Woźniak | Stockholm

 

  • Entwicklungen im Gesundheitswesen

    Die Pandemie treibt kurzfristig die Gesundheitsausgaben nach oben. Die langfristigen Ziele bleiben unverändert, Bereiche wie Psychologie und Altenpflege bekommen aber mehr Mittel.

    Die schwedische Coronapolitik - ohne Lockdowns, mit nur punktueller Maskenpflicht, begrenzter Testkampagne und kaum Einreisebeschränkungen aus der Europäischen Union (EU)- zog weltweit eine Flut an Kommentaren nach sich. Die Pandemiebilanz gibt der für die entsprechenden Empfehlungen verantwortlichen Behörde für öffentliche Gesundheit nur begrenzt recht: Bis Anfang November 2021 zählte Schweden pro Einwohner eine etwa doppelt so hohe Fallzahl und um ein Viertel höhere Todeszahl wie Deutschland. Im Vergleich zu den beiden, sehr strenge Maßnahmen ergreifenden, Nachbarländern Dänemark und Norwegen war der Verlauf um ein Vielfaches gravierender.

    Eckdaten Gesundheitsmarkt

    Indikator

    Wert

    Einwohnerzahl (2020 in Mio.)

    10,4

    Bevölkerungswachstum (2020 in %)

    0,5

    Altersstruktur der Bevölkerung (2020)

     Anteil der unter 14-Jährigen (in %)

    16,5

     Anteil der über 65-Jährigen (in %)

    19,1

    Durchschnittseinkommen (2020 in Euro) 1)

    3.443

    Gesundheitsausgaben 1) 2)

     pro Kopf (2020 in Euro)

    5.235

     öffentlich (2020 in Mrd. Euro)

    46,0

     privat (2020 in Mrd. Euro)

    8,1

    Anteil der Gesundheitsausgaben 2)

     am BIP (2020 in %)

    11,4

     Medikamente (2020 in %)

    9,2

    Anzahl Krankenhäuser (2020), davon

    100

     öffentlich (in %)

    85

     privat (in %)

    15

    Ärzte/1000 Einwohner (2019)

    4,3

    Krankenhausbetten/1000 Einwohner (2019)

    2,1

    1) Umrechnung anhand des Jahresdurchschnittkurses 2020 der EZB: 1 Euro = 10,4848 skr; 2) vorläufige ZahlenQuelle: Schwedisches Statistikamt SCB; OECD; Socialstyrelsen 2021

    Entsprechend zwang die Belastung des Gesundheitswesens die Regierung vertraglich festgehaltene Obergrenzen der Arbeitszeit des medizinischen Personals auszusetzen. Das europaweit kleinste Angebot an Krankenhausbetten pro Einwohner führte zum Bau eines provisorischen Krankenhauses an der Stockholmer Messe. Allerdings blieben Danteske Szenen aus, der Rückbau der 600 Betten fing kaum mehr als zwei Monate nach der Eröffnung an.

    Haushaltplan 2022 zeigt kurzfristige Anpassungen auf

    Andererseits wurden zwischen März 2020 und Juli 2021 über 50.000 Operationen weniger durchgeführt als in den drei Jahren zuvor. In der Tageschirurgie war der Ausfall von Operationen doppelt so hoch. In beiden Fällen hat sich die Situation seit Mitte 2021 normalisiert, laut dem Zentralamt für Gesundheits- und Sozialwesen können die Rückstände aber noch nicht abgebaut werden. Damit helfen sollen zusätzliche über 600 Millionen Euro, die die Regierung 2022 zur Bewältigung des Nachholbedarfs in der Gesundheitspflege bereitstellen will. Daneben fanden sich mehr Mittel für eine Verbesserung der Dienstleistungen rund um die Schwangerschaft - vom pränatalen Stadium, über die Geburt bis zur Nachsorge. Ferner soll die Ausbildung von Krankenpflegepersonal gefördert werden, auch im Hochschulbereich. Für diese sollen auch mehr Berufsbildungsplätze in Krankeneinrichtungen bereitgestellt werden.

    Nochmal gestärkt wurde der Bereich Psychologie, Psychiatrie und Suizidprävention. Die bereits in den Vorjahren stark gestiegenen Ausgaben - aus dem Zentralbudget hat sich der Zuschlag zwischen 2016 und 2020 verdoppelt - sollen nun zusätzlich die mentalen Folgen der Pandemie reduzieren. Bis 2024 sollen deswegen pro Jahr über 200 Millionen Regierungs-Euro die regionalen Mittel ergänzen. Gestärkt werden sollen vor allem die psychische Fürsorge seitens der Hausärzte, aber auch die Kinder- und Jugendarbeit. Die schwedischen Regionen, wie Östergötland mit der dritten Phase in Linköping, investieren daneben in den Ausbau der Einrichtungen.

    Langzeitfokus auf Altenpflege

    Noch stärker ins Scheinwerferlicht rückte Covid-19 die Altenpflege. Das kommunal verwaltete System wird als einer der Hauptgründe für die vergleichsweise hohe Sterberate gesehen: Von den bis Anfang November 2021 an Coronafolgen verstorbenen 15.000 Personen, lebte laut Socialstyrelsen mehr als ein Drittel in Senioreneinrichtungen. Eine auf öffentlichen Druck hin gebildete Sonderarbeitsgruppe, die Corona-Kommission, soll Ende Februar 2022 einen Endbericht mit Verbesserungsvorschlägen liefern. Für das "Scheitern der Strategie zum Schutz älterer Menschen", hat sie bereits erste Gründe genannt: zersplitterte Organisation; zu geringe Personalressourcen mit unzureichenden Qualifikationen; unzureichender Rechtsrahmen; Hürden bei der Beschäftigung von Ärzten und dem Zugang zur medizinischen Ausrüstung; späte und unangemessene Entscheidungen und Maßnahmen.

    Bereits 2020 wurden deswegen Zusatzmittel für den Pflegebereich erhöht. Nun wurde die Initiative zur Lohnfortzahlung für Ausbildungsmaßnahmen während der Arbeitszeit bis mindestens 2023 verlängert. Auch Sprachkurse werden finanziert und auf weitere Beschäftigtengruppen ausgeweitet. Erhöht wurde ferner die Investitionsförderung für Seniorenwohnungen. Die Errichtung einer einheitlichen, digitalen Sozialinfrastruktur - zur Stärkung des Informationsaustausches zwischen öffentlichen Akteuren und Freisetzung von Ressourcen in der Wohlfahrt - will sich die Regierung in den Jahren 2022 bis 2024 jährlich etwa 5 Millionen Euro kosten lassen. Geringfügig mehr Geld ist im gleichen Zeitraum eingeplant für die Umsetzung der EU-Verordnung über das zentrale digitale Zugangstor.

    Digital in die Zukunft

    Der digitale Aspekt ist auch einer der Eckpunkte der langfristigen schwedischen Gesundheitspolitik. Die Vision E-Health 2025 wurde bereits 2016 vorgestellt. Viele Maßnahmen laufen bereits. Das Rückgrat des Systems bildet das landesweite Gesundheitsportal 1177. Viele Funktionen, wie Arzttermine, Gesundheitsdatenabrufe, Gesundheitsinformationen, Onlinebehandlungspläne, Rezeptverwaltung und -Erneuerung oder momentan auch das Corona-Impfprogramm werden bereits darüber abgewickelt. Weitere Vorhaben sind aber nach wie vor im Implementierungsstadium. Dazu zählt vor allem die Anbindung der regionalen IT-Lösungen an das Zentralsystem; die Übertragung und Zusammenführung vorhandener Spezifikationen und Dokumentation im Gesundheitssektor zu einem landesweiten System unter der Behörde E-Hälsomyndigheten; die Anbindung der inländischen E-Rezept-Lösung an die weiteren EU-Staaten; vor allem aber Fragen der Cybersicherheit.

    E-Health wird auch bei der Strategie zur "nära vården", also in etwa der nahen Betreuung, unumgänglich sein. Ihre Ziele:

    • Koordination innerhalb oder zwischen Leistungserbringern zu stärken,
    • die Erreichbarkeit zu verbessern,
    • Patientenverträge einzuführen,
    • die Kontinuität und Partizipation für Patienten und Angehörige erhöhen,
    • Gesundheitsförderungs- und Präventionsarbeit zu leisten.

    Der Patient soll zukünftig dank besserer Informationen mehr für seine Gesundheit und Krankheitsprävention tun und somit das System entlasten. Muss der Patient es dennoch nutzen, sollen Qualität und Komfort wesentlich höher sein.

    Von Michał Woźniak | Stockholm

  • Gesundheitssystem

    Dank Zulagen aus Steuergeldern ist das dezentralisierte Gesundheitssystem für jeden zugänglich. Anders als die private Versorgung spielt die private Vorsorge nur eine Nebenrolle.

    Das schwedische Gesundheitssystem wird in seinen Grundzügen durch das Gesundheitspflegegesetz von 2017 geregelt. Dieses sieht eine noch stärkere Dezentralisierung vor als in den beiden Nachbarländern Dänemark und Norwegen. Seitens der Regierung werden größtenteils durch das Zentralamt für Gesundheits- und Sozialwesen (Socialstyrelsen) einzig die Eckpfeiler, Rechtsgrundlagen und Standards der Krankenpflege festgelegt. Sie bezuschusst zudem direkt die Gesundheitsausgaben der Regionen und Kommunen sowie die zahnärztliche Behandlung von Patienten ab dem 24. Lebensjahr.

    Für die Zahnbehandlung jüngerer Patienten kommen die 21 Provinziallandtage (landstig) auf. Sie müssen ferner "den Einwohnern eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung und medizinische Betreuung bieten und sich für die Gesundheit der gesamten Bevölkerung einsetzen". Entsprechend obliegt ihnen die Sicherung der Gesundheitspflege insgesamt, deren Planung, Organisation sowie die Mittelverteilung. Die 290 Gemeinden übernehmen die Langzeit-, Behinderten- und Altenpflege.

    Einer für alles

    Das Fundament des Systems stellen die etwa 1.200 Gesundheitszentren (vårdcentral) dar. Jeder Besitzer der schwedischen Personalidentifikationsnummer (personnummer) kann sich frei aussuchen, bei welcher er sich einschreiben will und dies auch im Nachhinein ändern. Abgesehen von Notfällen sind sie die erste Anlaufstelle für Patienten. Termine werden üblicherweise telefonisch oder über das landesweite Gesundheitsportal 1177 vereinbart.

    Dabei werden Patienten mit nahezu allen Beschwerden zuerst an eine Pflegefachkraft vermittelt, die die Ersteinschätzung übernimmt und auch Anweisungen bezüglich des Genesungsprozesses geben kann. Wiegt der Fall schwerer, gelangen Patienten zu Allgemeinmediziner:innen. Diese können rezeptpflichtige Medikamente verschreiben und gegebenenfalls Spezialuntersuchungen anordnen oder die Patienten an einen Spezialisten weiterleiten. Abgesehen von Pränatal-, Kinder- und Krebsmedizin sowie psychiatrischer Hilfe gilt allerdings eher das Gebot, zuerst Basisbehandlungen zu verschreiben.

    Nicht ohne Eigenbeteiligung

    Systematisch wird bereits dafür gesorgt, dass nicht wegen jeder kleinen Beschwerde das Gesundheitssystem eingespannt wird. Bei digitalen Erstkonsultationen wird keine Eigenzulage erwartet. Wer die vårdcentral in persona aufsuchen möchte, zahlt etwa 10 Euro für den Termin bei der Pflegefachkraft, etwa das Doppelte für eine Viertelstunde mit Allgemeinmediziner:innen und bis etwa 40 Euro für einen Spezialistenbesuch. Auch für Krankenhausaufenthalte gilt eine Selbstbeteiligung - etwa 12 Euro täglich für die ersten zehn Tage und etwa die Hälfte dieser Summe für jeden weiteren Tag danach.

    Damit langfristige Beschwerden die Patientenfinanzen nicht zu sehr beanspruchen, wurden allerdings Obergrenzen für die Selbstbeteiligung aufgestellt, die zurzeit etwa ein Zehntel des monatlichen Durchschnittseinkommens betragen: Für Arztbesuche sind es knapp 120 Euro, für rezeptpflichtige Arzneimittel etwa 240 Euro, jeweils über einen Zeitraum von 12 Monaten.

    Hauptsächlich öffentlich finanziert

    In der Zahnmedizin sind die Obergrenzen gestaffelt. Personen, die älter als 23 Jahre sind, müssen entsprechende Kosten bis zu einer Summe von etwa 300 Euro über 12 Monate ganz aus der eigenen Tasche decken. Zwischen etwa 300 und 1.500 Euro übernimmt die Nationale Agentur für Sozialversicherung (Försäkringskassan) die Hälfte, darüber 85 Prozent der anfallenden Kosten. Diese werden allerdings nicht anhand der freigestaltbaren Preise der jeweiligen Praxis berechnet, sondern der Referenzpreisliste der Agentur für Zahnärztliche und Pharmazeutische Beihilfe (TLV). Zusätzlich wird am 1. Juli jeden Jahres ein sogenanntes "jährliches Zahnpflegegeld" zugesprochen, das durch ein entsprechendes Gesetz von 2002 geregelt wird. Je nach Altersgruppe beträgt dieses etwa 30 oder 60 Euro und verfällt bei Nichtinanspruchnahme nach zwei Jahren.

    All die Zuschüsse und Gratisbehandlungen werden aus öffentlichen Mitteln getragen. Das Budget setzt sich dabei aus drei Basisteilen zusammen. Zum einen ist es der Krankenversicherungsbeitrag von 3,55 Prozent des Bruttogehaltes, der ausschließlich von Arbeitgebern getragen wird. Dieser wird hauptsächlich durch Einnahmen aus Regional- und Gemeindesteuern ergänzt sowie bei Bedarf aus Steuereinnahmen der Zentralregierung. Pandemiebedingt sind die letztgenannten deutlich gestiegen - für 2020 und 2021 dürften sie sich auf etwa 25 Milliarden Euro summieren.

    Privat sind vor allem Dienstleister

    Private Krankenversicherungen gewinnen zwar seit einiger Zeit an Zuspruch in Schweden, decken aber weiterhin nur einen Bruchteil der Ausgaben ab. Weit wichtiger sind private Dienstleister. Auf sie entfiel 2019 laut dem schwedischen Statistikamt SCB nahezu jede Fünfte für die Gesundheitspflege von den Regionen ausgegebene Krone. Der Anteil variiert dabei stark: In der Hauptstadtregion nähert er sich einem Viertel, in einigen kleineren Provinzen überschreitet er kaum 5 Prozent.

    Laut Socialstyrelsen beschäftigen Privatdienstleister knapp 30 Prozent des medizinischen Personals in Schweden. Doch auch bei diesem Anteil bestehen große Unterschiede je nach Bereich und Posten. So ist etwa jede siebte Strahlentherapeut:in privat angestellt. In der biomedizinischen Wissenschaft oder der Sprachtherapie beträgt der Anteil jeweils etwa 20 Prozent, in der Psychologie und Psychotherapie etwa 50 Prozent. Der größte Privatisierungsgrad ist in der Physiotherapie zu finden - neun von zehn arbeiten hier privat.

    Von Michał Woźniak | Stockholm

  • Förderung und Investitionen

    Die Auftragsvielfalt schafft Chancen im Bau- und Technologiebereich. Die breite Innovationsunterstützung ist inländischen Akteuren gewidmet, lässt aber Raum für Partnerschaften.

    Ein wichtiger Punkt der Investitionen im schwedischen Gesundheits- und Pflegewesen bleiben Krankenhäuser. Neben fortlaufenden Modernisierungen wird die bestehende Infrastruktur - teilweise basierend auf über 100 Jahre alten Anlagen - ersetzt. Ein Beispiel dafür ist das momentan wohl größte Vorhaben, das neue Krankenhaus in Helsingborg mit einem Auftragsvolumen von etwa 1,3 Milliarden Euro. Die als Alternative überlegte Anpassung des bisherigen Zentralkrankenhauses an die Bedürfnisse und Anforderungen der neuesten Technik und Methoden wäre um etwa 15 Prozent teurer geworden.

    Ausgewählte Investitionsvorhaben

    Art des Projekts

    Art der Investition

    Zeitraum

    Investitionssumme (in Millionen Euro)

    Beschreibung des Projekts

    Krankenhaus (Helsingborg) 

    Neubau

    Standortplanung läuft; Bauzeit 11-13 Jahre

    1.300

    Soll bisheriges Zentralkrankenhaus ersetzen, umfasst insofern nahezu alle Bereiche; Fokus auf Digitalisierung.

    Universitätskrankenhaus (Lund)

    Neubau/Modernisierung

    Standortentscheidung 12.2021 geplant

    k.A.

    Modernisierung bestehender Gebäude, Neubau eines Traumacenters für Südschweden.

    Notfallkrankenhaus (Västerås)

    Neubau

    2022-2030

    680

    Ersatz für das bisherige Krankenhaus aus dem 1960er Jahren; umfasst unter anderem Notaufnahme, Chirurgie, Diagnosestation.

    Krankenhaus (Stockholm)

    Neubau

    Landaufkau läuft bis 2022; erste Teile sollen 2025 fertiggestellt werden

    k.A.

    Umfasst unter anderem Notaufnahme, Diagnostik, Spezialkliniken, Geriatrie, Familiencenter, Pflegeheim.

    Notfallkrankenhaus (Växjö)

    Neubau

    Investitionsentscheidung Februar 2022; Bauzeit 6-7 Jahre

    490

    Starker Fokus auf Digitalisierung und Automatisierung; soll dem Konzept der "nahen Betreuung" Rechnung tragen und kleiner als das bisherige ausfallen.

    Krankenhaus (Kiruna)

    Neubau

    Vorbereitung der Machbarkeitsstudie läuft; geplante Fertigstellung zwischen 2028 und 2030

    k.A.

    Ersatz des bestehenden Krankenhauses im Zuge der Stadtverlagerung.

    Krankenhaus (Sala)

    Neubau

    Fertigstellung 2022

    57

    Umfasst unter anderem Kinderklinik, Augenklinik, Zahnklinik, Psychiatrie.

    Quelle: Pressemeldungen; Recherchen von Germany Trade & Invest

    Nicht jedes Projekt wird mit einem solchen finanziellen Elan angegangen. Außerhalb der größeren Städte werden auch kleinere Gesundheitseinrichtungen gebaut. Die Auftragswerte fangen im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich an. Für einen etwa 3.100 Quadratmeter großen Anbau für klinische Chemie, Bildgebung und funktionelle Medizin erwartete das Krankenhaus in Umeå Preisangebote von etwa 11 Millionen Euro. Kaum mehr will die Kommune Håbo für die Projektierung und den Bau eines Altenheimes mit 40 Betten für Demenzkranke ausgeben. In Fagersta will das gemeinsame Kommunaltechnikunternehmen NVK derweil nahezu 30 Millionen Euro für ein Seniorheim ausgeben. Preislich ähnlich dürfte sich ein 60-Betten-großes Seniorenheim in Halmstad ansiedeln.

    Es muss nicht immer das Komplettprojekt sein

    Neben der Ausführung schlüsselfertiger Komplettprojekte können auch Teilarbeiten übernommen werden. Im Rahmen der Altenpflege in Västerås wurde beispielsweise nur der Ausbau von 80 Wohnungen ausgeschrieben. Bei der technischen Modernisierung eines Gebäudes des Krankenhauses in Falun plant der Auftraggeber die Region Dalarna mit einem Budget von etwa 5 Millionen Euro. Knapp darunter fallen die Preisvorstellungen der Region Västerbotten für den Umbau und Adaptierung von vier Etagen eines achtstöckigen, technischen Gebäudes am Norrländischen Universitätskrankenhaus. Und um die Tätigkeit der Gesundheitseinrichtungen während der Bau- und Renovierungsarbeiten nicht allzu sehr zu beeinträchtigen öffnen sich auch Geschäftschancen für Hersteller modularer Gebäude. Das Krankenhaus im Gottländischen Visby entscheidet bis Mitte November über einen entsprechenden Auftrag - vier Etagen und 2.500 Quadratmeter groß, soll das Konstrukt Patientenaufnahme, Bereitschaftsräume und Teile der Verwaltung zeitweise aufnehmen.

    Neben Bauleistungen werden für die obengenannten Vorhaben Medizinproduktelieferanten gesucht. Der Bedarf reicht von Inkontinenzprodukten, über Osteosynthese- und Verbrauchsmaterialien oder Besucherbetten und orthopädischen Implantaten, bis zu Elektrokardiogrammen, Kardiotokograohen, Anästhesiegeräten oder Bilddiagnoseapparaten. Ferner finden sich regelmäßig Ausschreibungen für den zahnärztlichen Bedarf, beispielsweise für komplette Dentaleinheiten. Verbrauchsmitteleinkäufe werden um Skalleneffekte zu erreichen, auch hier gebündelt. Davon profitieren auch Anbieter, die sich beispielsweise in der Region Kalmar drei Aufträge für zahnärztliche Instrumente und Verbrauchsmittel im Wert von etwa 1 bis 2 Millionen Euro sichern konnten.

    Staat fördert Gesundheitsinnovationen auf breiter Front

    Was die Aufträge vereint, ist der fehlende Anteil an Fördermitteln der Europäischen Union. Wegen seines Wohlstands kommt Schweden nur im sehr begrenzten Umfang in deren Genuss. Auch bei der Forschungsunterstützung werden hauptsächlich inländische Mittel angewendet. Alleine der Schwedische Forschungsrat, mit einem jährlichen Fördertopf von etwa 700 Millionen Euro, einer der wichtigsten Innovationsunterstützer im Land, vergab seit 2008 nahezu 3 Milliarden Euro an Fördermitteln für die Medizin- und Gesundheitsforschung. Die Ende Oktober veröffentlichte Förderliste 2021 umfasste über 250 Projekte und eine Mittelzuteilung von über 110 Millionen Euro, die bis 2026 ausgeschüttet werden sollen.

    Der größte Nutznießer bleibt das Karolinska Institutet, mit Hauptsitz in Stockholm. Auf den Plätzen folgten die Universitäten in Göteborg, Lund, Uppsala und Linköping. Eine wichtige Forschungsinitiative im Gesundheitsbereich stellt auch das Cluster Healthtech Nordic dar, das unter anderem mit Mitteln aus dem europäischen Interreg-Funds getragen wird. Um diesen anzapfen zu können schlossen sich mehrere Regionen aus Schweden, Norwegen und Dänemark zusammen. Mittlerweile vereint die Initiative laut eigenen Angaben über 250 Unternehmen mit einem breiten Tätigkeitsspektrum. Die Schwerpunkte bilden dabei digitale Lösungen für den Gesundheits- und Pflegesektor sowie für die Diagnose.

    Neben dem Forschungsrat verteilt auch die Innovationsagentur Vinnova Mittel. So läuft beispielsweise bis Ende November die Antragsfrist für Projekte im Bereich Datenaustausch und -analyse in Verbindung mit Typ-1-Diabetes. Weitere laufende Aufrufe umfassen Themenbereiche, wie die Entwicklung neuer und verbesserter Biopharmazeutika oder den Einsatz von Internet-of-Things-Lösungen (IoT). Die Agentur finanziert ferner zwei kontinuierliche Förderinitiativen mit. Zum einen das auf den Lifescience-Bereich ausgerichtete Swelife. In seinem Rahmen werden sogenannte strategische Rahmenvorhaben unterstützt. Diese sind an sich nicht auf Profit ausgerichtet, sondern sollen dem Sektor in Schweden bei der Verbesserung der globalen Wettbewerbsposition helfen. Beispiele sind ein Programm für kleine und mittelständische Unternehmen, das bei der Bewerbung um Mittel des Europäischen Innovationsrates hilft. Auf konkrete Lösungen und Produkte ausgelegt ist das zweite Programm Medtech4Health. Dieses richtet sich an verschiedene Akteure des Gesundheitswesens - von der Forschung, über Lösungs- und Technologieanbieter bis zu den Gesundheitseinrichtungen - und soll vor allem die Zusammenarbeit zwischen ihnen verbessern. Entsprechend wird im Bewerbungsprozess die Bildung von Partnerschaften von Vertretern aller genannter Bereiche vorausgesetzt.

    Von Michał Woźniak | Stockholm

  • Rahmenbedingungen und Marktzugang

    Bündelung von Bedarfen führt zu niedrigeren Preisen, macht Ausschreibungen für Anbieter aber interessanter. Mit neuen Werkzeugen soll das Innovationsinteresse gestärkt werden.

    Als Mitglied der Europäischen Union (EU) unterliegt Schweden der entsprechenden Richtlinie über öffentliche Ausschreibungen, die durch mehrere Gesetze ins Landesrecht überführt wurde. Da sie die mit Abstand meisten Mittel für die Gesundheitsversorgung bereitstellen, sind die 21 Provinziallandtage (landstig) auch die größten Kunden im Land. Dabei schreiben sie nicht nur Großgeräte oder komplexe Projekte aus. In ihren Einkaufsabteilungen laufen auch Bedürfnisse kleinerer Gesundheitsdienstleister zusammen und werden zu größeren Aufträgen gebündelt. Eine solche Zusammenführungsdienstleistung bietet kleineren Einheiten beispielsweise der Dienstleister Adda. Als Einzelauftraggeber können daneben noch die größeren Krankenhäuser auftreten. Generell sind die Einkäufer aber bestrebt, in einer Größenordnung einzukaufen, die eine nationale oder EU-weite Ausschreibung begünstigt.

    Die Tender werden überwiegend digital abgewickelt. Dies setzt eine Veröffentlichung in mindestens einer, meistens aber mehreren der fünf von der schwedischen Wettbewerbsbehörde (Konkurrensverket) registrierten Auftragsdatenbanken voraus. Für die Gesundheitsbranche relevant sind Avrop, CTM, Kommers Annons und Mercell. Bei größerem Auftragswert wird gemäß der Brüsseler Regeln auch EU-weit ausgeschrieben, womit potenzielle Geschäftschancen auf dem entsprechenden EU-Portal zu finden sind.

    Die Beschaffung von Waren und Dienstleistungen wird anhand von Rahmenverträgen mit den Lieferanten abgewickelt. Bleiben die Kosten unter dem Schwellenwert, sind auch Direkteinkäufe üblich. Dies gilt auch für medizinische Hilfsmittel die von den regionalen Einkaufszentralen gehandhabt werden. Für eine Anschaffung setzten diese Voraus, dass der Anbieter beim Hilfsmittelservice von Inera registriert ist.

    Darauf achten Käufer

    Die Kaufentscheidung wird auch in Schweden von ökonomischen Aspekten beeinflusst. Bei den Einkäufen der Regionen heißt das zumeist der günstigste Preis. Zusammen mit der oftmals fehlenden Marktübersicht und Kenntnissen über neueste Errungenschaften, bedeutet dies einen schweren Stand für innovative - und dadurch meist teurere - Lösungen. Bei Großgeräten und spezialisierten Technologien unter anderem für Krankenhäuser ist mehr Spielraum drin. Dort wird eher auf Lebenszeitkosten als den Einkaufspreis selbst geschaut. Deswegen gewinnen in ihrem Fall ausführliche Informationen über Lebensdauer, Qualität, Service oder Umfang des Instandhaltungsangebots an Bedeutung.

    Im Rahmen der Vergabeprozesse gewinnt die Vorstellung der eingesetzten Technologie zunehmend an Bedeutung. Damit soll der Einsatz neuester Lösungen begünstigt werden. Dank der guten Englischkenntnisse im Land, kann dabei diese Sprache genutzt werden. Allerdings sind entsprechend geschulte Verkäufer, die der Landessprache mächtig sind nach wie vor von Vorteil. Nicht nur, weil die meisten, darunter internationalen Ausschreibungen auf Schwedisch publiziert werden. Sie kennen auch die lokalen Beschaffenheiten und Bedürfnisse besser und können das Leistungsangebot besser an diese anpassen.

    Dabei können oftmals mit einer Klappe drei Fliegen geschlagen werden. Wegen der sprachlichen und kulturellen Nähe sind die meisten Vertriebspartner auf dem gesamten skandinavischen Markt tätig - neben Schweden also auch in Dänemark und Norwegen. Da sie zumeist auf einzelne Segmente spezialisiert sind, ist vor der Entscheidung eine tiefgründige Recherche empfehlenswert.

    Breite Konkurrenz

    Der Vertriebspartner sollte auch bei der Feststellung eventueller Hürden beim Export nach Schweden behilflich sein. Grundsätzlich gelten dort EU-Normen und -Regeln, darunter die CE-Kennzeichnung. Allerdings wurde die seit Mai 2021 auch in Schweden geltende EU-Verordnung über Medizinprodukte mit eigenen Vorgaben ergänzt. Deswegen sollte Kontakt mit der staatlichen Agentur für Medizinprodukte (Läkemedelsverket) aufgenommen werden, die für die Überprüfung und Zulassung medizinischer Ausrüstungen im Königreich zuständig ist. Für den Markteintritt zuträglich sind ferner gesundheitsökonomische Bewertungen, eine Kosten-Nutzen-Rechnung und Nachweise zum klinischen Nutzen.

    Davon, dass der Aufwand vertretbar ist und sich lohnt, zeugt die breite Unternehmerlandschaft. Laut dem schwedischen Statistikamt waren 2020 in der Industrie für Medizin- und Zahnarzttechnik 876 Firmen tätig. Davon hatten 10 Prozent eine zweistellige Mitarbeiterzahl. Von den 22 Unternehmen der Industrie für pharmazeutische Grundprodukte hatten demnach immerhin 18 Prozent mindestens 10 Mitarbeiter, von den 123 aus dem Bereich pharmazeutischer Präparate immerhin 29 Prozent. Weist der Pharmabereich insgesamt eine wachsende Tendenz auf, so ist die Anzahl der Medizintechnikunternehmen in den letzten Jahren um über 200 zurückgegangen. Der Großteil davon dürfte auf Konsolidierung zurückzuführen sein.

    Deutschland ist wichtigster Lieferant

    In den 2010er Jahren kontinuierlich gewachsen ist derweil die Importnachfrage nach medizinischen Produkten. Der Wert jährlich eingeführter Elektrodiagnoseapparate sowie medizinischer Instrumente und Geräte stieg zwischen 2010 und 2019 um über 60 Prozent. Bei Importen aus Deutschland lag die Dynamik bei 72 Prozent. Bei pharmazeutischen Produkten und Arzneimitteln betrug der Zuwachs insgesamt 57 Prozent und aus Deutschland sogar 89 Prozent. Der deutsche Marktanteil betrug 24 Prozent bei Medizintechnik und 20 Prozent im Pharmabereich. Bedingt durch die Pandemie wuchs 2020 der Wert in beiden Bereichen um etwa ein Zehntel, was allerdings zumindest teilweise auf höhere Preise zurückzuführen ist. Angesichts der coronadiktierten Produktauswahl wiesen Waren aus Deutschland nicht ganz so starke Zuwächse auf.

    Einfuhr ausgewählter medizintechnischer Produkte nach Schweden (in Millionen Euro)

    Produktgruppe (nach SITC)

    2018

    2019

    2020

    2020 deutscher Anteil

    774.1 Elektrodiagnoseapparate und -geräte

    103

    135

    147

    53,6

    774.2 Röntgenapparate etc.

    102

    106

    106

    29,5

    741.83 Sterilisierapparate

    6

    8

    10

    21,2

    785.31 Rollstühle

    16

    12

    12

    21,4

    872.1 Zahnmedizinische Instrumente; a.n.g.

    69

    73

    59

    34,0

    872.21 Spritzen, Nadeln, Katheter, Kanülen etc.

    202

    217

    228

    20,3

    872.25 Ophthalmologische Instrumente

    31

    26

    22

    6,0

    872.29 Andere Instrumente, Apparate und Geräte

    399

    404

    427

    14,2

    872.3 Therapiegeräte, Atmungsgeräte etc.

    117

    121

    203

    17,3

    872.4 Medizinmöbel etc.

    29

    30

    37

    22,0

    899.6 Orthopädietechnik, Prothesen etc.

    385

    369

    341

    18,3

    Summe

    1.459

    1.501

    1.592

    21,9

    Quelle: Schwedisches Statistikamt SCB

    Von Michał Woźniak | Stockholm

  • Kontaktadressen

    Bezeichnung

    Anmerkungen

    Germany Trade & Invest

    Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft

    Exportinitiative Gesundheitswirtschaft

    Die Exportinitiative bündelt Unterstützungsangebote für die Internationalisierung der Gesundheitswirtschaft

    AHK Schweden

    Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

    Socialdepartementet

    Ministerium für Gesundheit und Soziales

    Läkemedelsverket

    Zulassungsstelle für Medizinprodukte

    Socialstyrelsen

    Zentralamt für Gesundheits- und Sozialwesen

    Folkhälsomyndigheten

    Behörde für öffentliche Gesundheit

    E-Hälsomyndigheten

    Koordinationsbehörde für e-Health Projekte

    Swedish Medtech

    Branchenverband für Medizintechnik

    LIF

    Branchenverband der forschenden Pharmaindustrie

    MTF

    Branchenverband für Medizintechnik

    Dagens Medicin

    Branchenportal

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