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Wirtschaftsumfeld | China | Digitalisierung

Digitale Geschäftspraxis für China – Virtuell nah am Kunden

Digitale Tools wie virtuelle Messen oder Video-Livestreams schaffen neue Möglichkeiten im Chinageschäft. Wer erfolgreich sein will, muss sie kennen und richtig einsetzen.

Der Geschäftsalltag digitalisiert sich zunehmend - dies gilt ganz besonders für China. Corona hat diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt. Rasant entwickeln sich neue Möglichkeiten der Kundenansprache via E-Commerce.

Zentrale Bedeutung kommt der App WeChat zu, aber ihr Einsatz ist nicht ohne Risiko. Auch Videoplattformen wie Taobao Live, Douyin und Kuaishou spielen für das Marketing eine wichtige Rolle. Durch Abschottung ist ein chinaspezifisches digitales Ökosystem entstanden.

In Deutschland gängige Softwarelösungen funktionieren in China häufig nicht oder nur eingeschränkt. Ebenso ist der Internetzugriff auf ausländische Webseiten oft versperrt. Im Chinageschäft gilt es daher, sich auf das lokale Umfeld einzustellen, Risiken zu miniminieren und trotzdem die Möglichkeiten zu nutzen.

  • Auf Distanz digital erfolgreich unterwegs

    Die Reisebeschränkungen Chinas infolge der Coronapandemie zwingen viele zur Geschäftstätigkeit auf Distanz. Digitale Tools helfen diese zu überbrücken. Welche sind geeignet?

    Geschäftsreisen, Messebesuche, Vertragsunterzeichnungen und Maschineninstallationen – alles wird auf unbestimmte Zeit verschoben. Denn Chinas Grenzen sind seit Februar 2020 für den Großteil ausländischer Geschäftsleute geschlossen. Von heute auf morgen hat die Covid-19-Pandemie auch deutsche Unternehmen zu neuen digitalen Kommunikationskanälen, Marketing- und Kontrollinstrumenten gezwungen. „Gerade für kleine und mittelständische Firmen ist dies in China eine große Herausforderung“, erklärt Stefan Justl, Leiter der PR- und Digitalkommunikationsagentur Storymaker in Shanghai.

    Während die chinesischen Konkurrenten durchstarten, müssen deutsche Firmen für den Erfolg die neue geografische Distanz erst einmal digital überwinden: Das gilt für die tägliche interne Unternehmenskommunikation über Grenzen hinweg wie für digitale Kundenansprache und endet beim digitalen Messebesuch. Gerade für den Umgang mit China ist dabei einiges zu beachten. 

    Per Video grenzüberschreitend kommunizieren

    Für formelle Onlinemeetings und Webinare zwischen Deutschland und China setzen Firmen häufig Plattformen ein, die sich auch in Deutschland schon bewährt haben wie etwa Microsoft Teams, Webex oder GoToMeeting. Aller­dings klagen Nutzer in der Volksrepublik über teilweise in­stabile Internetverbindungen, was häufig am Hosten der Konferenzen außerhalb Chinas liegt. Die anfängliche hohe Beliebtheit der Plattform Zoom für Videokonferenzen hat aufgrund von Datenschutzlücken gelitten, auch wenn diese laut firmeneigener Angaben inzwischen behoben sind. Plattformen wie Zhumu, Umeet oder BizConf (Partner von Zoom in China) richten sich an inländische chinesischsprachige Nutzer. Die Transitdaten werden alle in China gehostet. Generell gilt bei Videokonfe­renzen zu beachten: Eine Dokumentation durch Aufzeichnung erfordert die Zustimmung aller Teilnehmer.

    An WeChat führt kein Weg vorbei

    Generell verdient Datenschutz und -sicherheit in China besondere Aufmerksamkeit; dies gilt auch für den Umgang mit der Tencent-App WeChat. Sie ist aus der Geschäftskommunikation in und mit China nicht wegzudenken und ein Allround-Instrument, das laut Justl „aus der Kommunikation im privaten Umfeld in die Geschäftswelt gewandert ist. Bis heute sind die Grenzen verschwommen.“ Nach wie vor benutzen Arbeitnehmer in der Regel ihr privates WeChat-Konto zur Kommunikation per Wort, Bild und Ton mit Kunden, Kollegen und Freunden. 

    Sprachnachrichten sind in China weit verbreitet. Zu Dokumentationszwecken müssen sie zunächst verschriftlicht werden. Dabei wird der Kommunikationsverlauf in WeChat eher ausnahmsweise über die Desktop-Version der App dokumentiert. Allerdings gibt es bereits spezielle Archivierungssoftware für jegliche via WeChat (aber auch WhatsApp) geführte Kommunikation. Diese adressiert jedoch nicht die Bedenken einiger Firmen, dass WeChat sensible Informationen auf Tencent-Servern speichert.

    Da die Unterscheidung zwischen privater und geschäftsbezogener Kommunikation im Rahmen der normalen WeChat-App kaum möglich ist, hat Tencent seit 2016 mit der App WeCom (WeChat Work) ein auf diese Bedürfnisse der Geschäftswelt zugeschnittenes Angebot geschaffen, das laufend erweitert wird. Seine Nutzerzahlen vervielfachten sich in der Coronapandemie in wenigen Monaten auf 250 Millionen Nutzer im Mai 2020 und auf knapp 400 Millionen Nutzer Ende 2020. Insgesamt nutzten 5,5 Millionen Unternehmen jeglicher Größe die Plattform Ende 2020. 

    Unter deutschen Firmen in China scheint WeCom bislang jedoch wenig verbreitet zu sein. Nach Darstellung auf der Website von TeleMessage, einem Anbieter mobiler Archivierungslösungen, hat WeCom die Messaging-API für Unternehmen deaktiviert, sodass diese keine Firmenchats mehr mit den Unternehmensservern synchronisieren können.

    Livestreaming - das Marketinginstrument der Stunde

    Für Marketingzwecke und Kundenansprache melden auch immer mehr deutsche Firmen WeChat-Unternehmenskonten an (Service-Accounts und Subscription-Accounts). „Marketing geht in China nicht mehr ohne WeChat“, erklärt Justl. Auch den neuen Video-Sharing- und Livestreaming-Trend hat es bereits in sein Universum integriert. Seit Januar 2020 können individuelle wie Unternehmenskontenbesitzer eigene Videokanäle auf WeChat Channels eröffnen, die dann unter Followern und Freunden geteilt werden können.

    Als erste internationale Luxusmarke richtete Louis Vuitton im März 2020 einen eigenen WeChat-Channel ein, deutsche Marken sind gefolgt. Auch E-Commerce via Livestreaming ist bereits seit längerem im WeChat-Universum durch Verlinkung des Live-Miniprogramms mit dem eCommerce-Miniprogramm der jeweiligen Marke möglich. Erst seit Januar 2021 können allerdings WeChat-Nutzer direkt aus dem Angebot an Live-Streaming und Video-Sharing auswählen, ohne die Clips vorher von Freunden empfohlen zu bekommen.

    Tatsächlich integriert WeChat damit Livestreaming und Selling-Angebote wie sie bisher vor allem auf den Video-Plattformen Douyin (im Ausland als TikTok bekannt), Kuaishou oder Bilibili zu sehen waren. Tencent betreibt ferner die eigenen Livestreaming-Plattformen Douyu und Huya, die traditionell aus den Bereichen Gaming und E-Sports kommen. Führend beim E-Commerce via Livestreaming ist Taobao Live. Livestreaming unter Einbeziehung von teuer bezahlten Key Opinion Leaders (KOL) und Key Opinion Consumers (KOC – begeisterte Konsumenten, die aus Überzeugung eher glaubwürdig für das Produkt werben) gewinnt immer mehr an Bedeutung und ist „das“ Marketing- und Verkaufsinstrument der Stunde in China.

    Von Corinne Abele | Shanghai

  • Digitale Kommunikationstools in China auf dem Vormarsch

    Einreisebeschränkungen aufgrund von Corona bringen digitale Formate ins Spiel. Welche Tools eignen sich für welchen Zweck und wo können deutsche Firmen Unterstützung erhalten?

    Das Interview wurde mit der German Industry & Commerce Greater China GmbH geführt, dem Deutschlandbüro der AHK China.

    GTAI: Welche Kommunikationstools eignen sich im geschäftlichen Umfeld in China für welchen Zweck?

    AHK China: Für die Geschäftswelt spielt WeChat eine übergeordnete Rolle. Ob intern mit Kollegen oder nach außen mit Geschäftspartnern, die Kommunikation läuft heute fast ausschließlich über die App. Die Vorstellung, dass ein Vertriebsmitarbeiter wichtige Kundenkontakte auf seinem privaten Account hält, ist für deutsche Unternehmen oft befremdlich. Es bedarf daher klarer Regeln zur geschäftlichen Nutzung von WeChat.

    Als Marketinginstrument ist WeChat eine von vielen Plattformen in Chinas digitalem Ökosystem. Zu den bekanntesten zählen zudem Weibo, eine chinesische Kombination aus Facebook und Twitter, und Douyin (TikTok). Unabhängig von der Plattform gilt aber die alte Fußballerweisheit: "Entscheidend ist, was auf dem Platz passiert" - sprich eine zielgruppenorientierte Ansprache und spannende Inhalte für ein Produkt, das den Zeitgeist und Geschmack chinesischer Konsumenten trifft.

    GTAI: Wie wirkt sich die Coronapandemie auf den Einsatz von digitalen Tools im Geschäftsalltag aus?

    AHK China: In China mussten Unternehmen nationale wie internationale Dienstreisen absagen. Firmen haben daher verstärkt in Konferenztechnik und entsprechende Software investiert, um Geschäftstermine digital abzuwickeln. Auch wir als AHK haben in unserem Büro in Shanghai ein professionelles Studio installiert, um den Marktbedingungen gerecht zu werden. Dieses kann von Firmen etwa für Unternehmenspräsentationen, Veranstaltungen oder das Onboarding neuer Mitarbeiter genutzt werden.

    Einen echten Boom erlebt derzeit E-Learning.

    Die zeit- und ortsunabhängige digitale Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern dürfte auch über die Covid-19-Pandemie hinaus Bestand haben und für Unternehmen neue Optionen zur Qualifizierung von lokalen Arbeitskräften oder Geschäftspartnern bieten. Der Trend zu einem verstärkten Einsatz von Systemen für Enterprise-Resource-Planning, Product-Lifecycle- oder Customer-Relationship-Management zur Digitalisierung von Geschäftsprozessen setzte in China bereits vor der Pandemie ein. Ein maßgeblicher Treiber ist hierbei der wachsende Onlinehandel und die Digitalisierung von Marketing- und Kundenprozessen.

    Die Bereitschaft deutscher Unternehmen, in die digitale Transformation zu investieren, drückt sich auch in der diesjährigen Geschäftsklima-Umfrage der Deutschen Handelskammer in China aus. So beabsichtigt ein Drittel der befragten Firmen, in den nächsten zwei Jahren Investitionen in die Digitalisierung von Geschäftsprozessen zu tätigen.

    GTAI: Eines der größten Geschäftshindernisse in der Coronakrise sind die strengen Einreisebeschränkungen, etwa für Service-Techniker. Gibt es hierfür Lösungsmöglichkeiten mittels digitaler Tools?

    AHK China: Uns erreichen wöchentlich mehrere Anfragen von Unternehmen, die dringend Ingenieure und Techniker für Inbetriebnahmen oder Qualitätskontrolle nach China entsenden möchten. Die Einreisebeschränkungen stellen deutsche Firmen daher vor große Herausforderungen, gerade weil die Industrieproduktion in der Volksrepublik nach dem Einbruch im 1. Quartal 2020 wieder auf Hochtouren läuft. Dies spiegeln auch die Ergebnisse unserer Blitzumfragen wider. So berichteten die Teilnehmer der Umfrage vom November 2020, dass die Reisebeschränkungen für 74 Prozent die größte Herausforderung im operativen Geschäft darstellten. Hervorgehoben werden die Möglichkeiten zur Geschäftspflege sowie die Teilnahme an Messen. Wir versuchen, dabei zu unterstützen. So können deutsche Betriebe seit kurzem Mitarbeiter aus den AHK-Büros vor Ort einsetzen, die mithilfe einer Virtual-Reality-Brille die Produktion beim Kunden oder Lieferanten besuchen. Das Unternehmen ist mit dem Mitarbeiter direkt verbunden und kann in Echtzeit Anweisungen geben und Dokumente visualisieren. Einsatzmöglichkeiten sind beispielsweise Fabrikbesuche oder technische Abnahmen.

    Digitale Dienstleistungen der AHK China

    Rubrik

    Dienstleistungen

    Digitaler Markteinstieg

    Strategieberatung zum digitalen Markteintritt; Unterstützung bei Auswahl der Verkaufsplattform; Suche nach passenden Geschäftspartnern für Vertrieb, Logistik und Marketing

    Einrichtung & Pflege eines Firmen-Accounts auf WeChat

    Unterstützung bei Einrichtung eines offiziellen Unternehmenskontos bei WeChat; Instandhaltung und Pflege des erstellten Kontos

    Webservice

    Hilfe bei Ausrichtung der Marketingstrategie; SEO-Optimierung; Online-Marketing; Registrierung der chinesischen Domain und Hosting; Anpassung des Webdesigns; Webseitenentwicklung; Gestaltung von Online-Werbebannern; Übersetzung und Anpassung der Inhalte

    Video & Digital Events Services

    Live-Broadcasting-Studio in Shanghaier Büro zur Ausrichtung von professionellen, digitalen Events mit bis zu 500 Teilnehmern; Visite von chinesischen Lieferanten und Geschäftspartnern mittels Virtual-Reality-Brille

    Quelle: AHK China

    GTAI: Firmen können angesichts der Einreisebeschränkungen auch nicht für Fachmessen nach China reisen. Sind digitale Formate oder die virtuelle Messepräsenz geeignete Alternativen?

    AHK China: Für deutsche Firmen gehören Messen zu den wichtigsten Vertriebsinstrumenten im Chinageschäft. Von den Einreisebeschränkungen sind vor allem Unternehmen betroffen, die über keine Tochtergesellschaft oder lokale Partner verfügen. Auch in der Volksrepublik wurden Messen teilweise in den virtuellen Raum verlegt, so beispielswiese die Canton Fair 2020. Mittlerweile finden viele wichtige Industriemessen unter strengen Hygienemaßnahmen wieder physisch statt – teilweise ergänzt durch digitale Komponenten.

    In Corona-Zeiten bieten digitale Messen sicherlich eine Alternative, ersetzen aber nicht die physische Präsenz.

    Viele Firmen haben sich daher entschieden, sich über die AHK auf Messen vertreten zu lassen. Unsere Mitarbeiter betreuen den Stand, während Vertreter des jeweiligen Unternehmens digital dazu geschaltet werden und so Gesprächstermine direkt wahrnehmen können.

    GTAI: Der persönliche Kontakt gilt gerade in China als essentiell für den Geschäftserfolg. Wird die Coronapandemie daran etwas nachhaltig ändern?

    AHK China: Die Covid-19-Pandemie wird in der deutsch-chinesischen Geschäftspraxis ihre Spuren hinterlassen und hat sicherlich auch Firmen dazu angeregt, die eigenen Geschäftsreisen zu hinterfragen. Vieles, und so wird es uns oft von Unternehmensseite gespiegelt, funktioniert irgendwie doch online. Laut Erfahrungen mit Mitgliedsfirmen vor Ort gilt dennoch: Ein Blick auf den Markt und das Verständnis für Land und Leute lassen sich nicht digital substituieren. Gerade in der für deutsche Unternehmen oft so fremden Geschäftskultur ist es ein essentieller Bestandteil für erfolgreiche Geschäfte.

    Der persönliche Kontakt als wichtige Erfolgskomponente für die Anbahnung und Pflege von Geschäftsbeziehungen wird Corona überdauern. 

    Von Christina Otte

  • WeChat-Nutzung erfordert eine klare Strategie

    Sven Spöde, Senior Consultant Digital Communication bei Oliver Schrott Kommunikation (OSK), berichtet im GTAI-Interview, welche Aspekte Firmen bei WeChat beachten sollten.

    Sven Spöde Sven Spöde | © www.svenspoede.com

    Warum sollten sich deutsche Unternehmen, die den chinesischen Markt bedienen, für WeChat interessieren?

    Wer in China aktiv kommunizieren möchte, kommt an WeChat nicht vorbei, denn die App ist zu so etwas wie der Kommunikationsinfrastruktur des Landes geworden. Was in Deutschland teilweise noch Telefon und E-Mail sind, ist in der Volksrepublik WeChat. Auch wenn die Anwendung erst ihr zehnjähriges Jubiläum feiert, kann man sagen, dass keine andere App jemals zuvor so stark zur Entwicklung eines Landes beigetragen hat.

    Wichtigste Business-Funktionen von WeChat im Überblick

    Funktion

    Beschreibung

    WeChat-App

    Die App ersetzt Visitenkarten sowie die Kommunikation per E-Mail und vernetzt Personen in China, sowohl beruflich als auch privat, per Direktchats und über Chatgruppen.

    WeChat Official Accounts

    Wichtiger als eine Homepage ist in China der Official Account. Hier stellen Unternehmen Informationen bereit und kommunizieren Neuigkeiten an ihre Abonnenten.

    WeChat Video Channels

    Die seit 2020 neu angebotenen Video Channels sind zu einer der wichtigsten Funktionen von WeChat geworden und bieten viel Potenzial. Während trendy Werbevideos über Douyin, die Schwester-App von TikTok, verbreitet werden, wird hierüber vor allem seriös kommuniziert.

    WeChat Mini-Programme

    Mit den Mini-Programmen lassen sich App-Szenarien besser realisieren als mit aufwändigen Webseiten und Apps, denn sie sind schnell entwickelt. Wenn das Ziel klar formuliert ist, können Firmen eigenen Zielgruppen so unkompliziert einen Mehrwert bieten. Auch die Corona-App in China konnte dank des "WeChat Mini Program Framework" innerhalb von wenigen Wochen aufgesetzt werden.

    WeChat for Work / WeCom / WeChat Enterprise

    WeCom ist die wohl weitreichendste Lösung des WeChat-Universums. Damit lassen sich fast alle Kritikpunkte der "normalen" WeChat-Plattform ausräumen: Es besteht eine Trennung zwischen beruflichen und privaten Kontakten; Unternehmen behalten bei eventuellen Mitarbeiterwechseln die Kontakthoheit. Außerdem sind IT-Compliance sowie Verschlüsselung gegeben.


    Wie können deutsche Firmen einen Official Account – ein sogenanntes Unternehmenskonto – bei WeChat eröffnen? Was gilt es hierbei zu beachten?

    Die gute Nachricht: Es war noch nie so einfach, ein Unternehmenskonto auf WeChat zu eröffnen wie im Jahr 2021. Fast jedes in Deutschland gemeldete Unternehmen hat die Möglichkeit dazu. Man muss lediglich seine Firmenidentität nachweisen und eine verantwortliche Person bestimmen, um auch die rechtliche Verantwortung zu tragen. War es vor wenigen Jahren noch notwendig, dafür die Hilfe einer Agentur in Anspruch zu nehmen, eine Niederlassung in China zu gründen oder einen Strohmann zu beauftragen, kann nun direkt ein Konto eröffnet werden. Für einige Branchen, etwa die Pharmaindustrie, gibt es allerdings Einschränkungen.

    Welche Unterschiede bestehen zwischen sogenannten Subscription- und Service-Accounts? Welche Vor- und Nachteile bringen die Kontoarten für ausländische Unternehmen mit?

    Als ausländische Firma ohne eine Niederlassung in China lässt sich generell nur ein Service-Account eröffnen. Doch wie es in der Volksrepublik häufig der Fall ist, gibt es auch hierbei Ausnahmen. Vereinfacht gesagt würde ich jedem Unternehmen – ob mit oder ohne Niederlassung in China – einen Service-Account empfehlen. Diese Account-Art bietet gerade für die Integration eigener Systeme mehr und bessere Funktionen. Zudem ist die Sichtbarkeit deutlich höher. Subscription-Accounts eignen sich vor allem für Blogs und Medien. Gegebenenfalls könnte es sinnvoll sein, ein Profil für Presseinhalte als Subscription-Account zu registrieren. Der eigentliche Firmenkanal sollte jedoch als Service-Account angemeldet sein.

    Unterschiedliche Account-Typen bei WeChat

    Service-Account

    Subscription-Account

    Kunden-Interaktionskanal mit Personalisierung durch CRM

    Veröffentlichung von vielen und regelmäßigen Informationen

    Mehr Funktionen und Programmier-Schnittstellen

    Reduzierte Funktionalität (Payment, etc.)

    Hohe Sichtbarkeit

    Reduzierte Sichtbarkeit im Abonnement-Ordner

    4 Push-Newsletter / Monat

    Höhere Frequenz durch tägliche Newsletter (ohne Push)

    Für ausländische Unternehmen ohne Niederlassung in China verfügbar

    Nicht ohne Niederlassung in China verfügbar

    Welchen Schwierigkeiten können deutsche Unternehmen bei WeChat begegnen?

    Während die Eröffnung eines Accounts relativ unkompliziert verläuft, besteht die größte Herausforderung im marktgerechten und kundenadäquaten Betrieb des Kanals. Dafür sind eine passende Strategie und der richtige Content entscheidend. WeChat ist so mächtig, dass alles möglich ist – aber was macht Sinn? Eine zielorientierte Strategie hilft, unnötige Kosten zu vermeiden.

    Die Anwendung erfordert die Erstellung von professionellen Inhalten, da kein anderer Kanal derart qualitätsverwöhnt ist. WeChat-Content erfüllt in etwa die Rolle eines Kundenmailings. Das heißt: Der Inhalt muss sitzen sowie möglichst präzise und relevant sein. Unternehmen sollten business-relevanten Mehrwert bieten.

    Die Qualität der veröffentlichten Inhalte ist für deutsche Firmen die größte Herausforderung, da sie oftmals die Relevanz von WeChat-Content unterschätzen.

    Welche Risiken gibt es im Umgang mit WeChat?

    Aufgrund von Verboten durch das Headquarter nutzen Mitarbeiter in China WeChat für geschäftliche Kontakte oft einfach "privat". Die Konsequenz ist, dass genau das erreicht wird, was das Verbot verhindern sollte: Angestellte pflegen Unternehmenskontakte innerhalb der App als Privatkontakte. Das führt zu erheblichen Sicherheits- und Compliance-Risiken. Stellen Sie sich vor, eine deutsche Firma würde die geschäftliche E-Mail-Kommunikation untersagen, sodass Mitarbeiter notgedrungen auf ihre private E-Mail-Adresse ausweichen müssten. Ähnlich verhält es sich mit WeChat in China. Verbote anstelle einer professionellen Infrastruktur mit klaren internen Kommunikationsregeln führen langfristig zu wachsenden Problemen.

    Das größte Risiko ist eine "graue" WeChat-Nutzung ohne Strategie, wie sie leider von einigen Niederlassungen deutscher Unternehmen in China betrieben wird.

    WeChat wird hierzulande auch als Überwachungs-App bezeichnet. Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang das Thema Datenschutz?

    WeChat ist eine moderne Technologie-Plattform und den Gesetzen der jeweiligen Länder unterworfen, in denen sie verstärkt genutzt wird. Der Dienst ist bemüht, die jeweiligen lokalen Gesetze zum Datenschutz zu beachten. So müssen etwa Nutzer in Europa Datenschutzerklärungen zustimmen, die deutlich detaillierter und umfangreicher sind als die Pendants bei Facebook und WhatsApp.

    Das Geschäftsmodell von WeChat basiert nicht darauf, Nutzer auszuwerten und ihnen entsprechende Werbung anzuzeigen, wie es bei vielen US-Apps der Fall ist.

    Was den Datenschutz in China angeht, werden die Themen Überwachung durch Strafverfolgungsbehörden, Zensur und Datenschutz oft vermischt. Bei der Überwachung und Zensur hat die Volksrepublik klare Gesetze und Vorschriften, die sich deutlich von den in Europa üblichen Entsprechungen unterscheiden. Firmen sollten vor dem Markteinstieg in China festlegen, ob die Gesetzgebung zu den eigenen Werten passt. Entscheidet man sich, auf dem chinesischen Markt aktiv zu werden, muss man sich an die dortigen Spielregeln halten. Dazu gehört auch das Thema Datenschutz.

    Der Datenschutz von Konsumenten ist in der Volksrepublik in Anlehnung an die europäische Datenschutz-Grundverordnung rechtlich verankert. Als Firma an Daten seiner Abonnenten zu kommen, ist über WeChat deutlich schwieriger als über amerikanische Plattformen. Erst durch den Einsatz weiterer IT-Systeme, wie etwa Social-CRM-Tools, lassen sich Daten erheben und festhalten. WeChat verfügt mit seiner Brand-Safety-Plattform zudem sogar über Mechanismen, um Markeneintragungen zu hinterlegen und die Verwendung von Drittfirmen ohne Erlaubnis zu unterbinden.

    Ironischerweise laufen speziell Unternehmen, die offiziell eine WeChat-Nutzung ablehnen, beim Umgang mit Kundendaten in die Falle. Denn ihre Mitarbeiter machen mit ihren persönlichen Accounts genau das, was – auch in China – rechtlich verboten ist. Um das zu verhindern, sollten Unternehmen eine klare WeChat-Strategie entwickeln anstatt die Verwendung der App per se zu verteufeln. Die eigentliche Kritik gegenüber WeChat und anderen Kommunikationstechnologien betrifft das chinesische Rechtssystem beziehungsweise dessen Umsetzung.

    Vor dem Hintergrund von Corona, welche Trends sehen Sie in Bezug auf WeChat?

    • WeChat ist die Kommunikationsinfrastruktur von China. Durch die dortigen technischen Schnittstellen konnte die Regierung schnell und effektiv kommunizieren.
    • Mithilfe von WeChat-Mini-Programmen waren Unternehmen und Behörden in der Coronapandemie in der Lage, ihre Angebote in kürzester Zeit zu digitalisieren und online anzubieten. Das ist ein echter Innovationsvorsprung von China, denn in Deutschland benötigen wir hierfür deutlich mehr Zeit.
    • In der Unternehmenskommunikation und im Marketing waren Kurzvideos schon vor Covid-19 ein Trend – durch WeChat Video Channels sind sie essenziell geworden.
    • Die WeChat-Suche wird derzeit um eine Vielzahl an neuen Funktionen erweitert, mit der Firmen in der Suche gefunden werden und ihre Zielgruppen informieren können. Hier wird es in der nächsten Zeit spannende Entwicklungen geben.

    Jede Firma und jede Person, die in China unternehmerisch aktiv sein möchte, sollte eine klare WeChat-Strategie vor Augen haben. Wer das nicht beachtet, sollte von dem chinesischen Markt lieber Abstand nehmen.

  • Wie Covid-19 die künftige Messekultur prägt

    Nach Covid-19 ist wie vor Covid-19 – nur anders: Michael Kruppe, General Manager des Shanghai New International Expo Centre (SNIEC) im Gespräch mit GTAI über Messen in Shanghai.

    Michael Kruppe, Sniec Michael_Kruppe | © Michael Kruppe, Sniec

    Wann war Ihre letzte Messeveranstaltung vor dem Ausbruch des Coronavirus auf dem SNIEC-Gelände? Gibt es schon einen Termin für die erste Post-Covid-19-Messe?

    Unsere letzte Messe vor der Pandemie war die Marintec China im Dezember 2019. Seither mussten wir rund 40 Messen absagen. Die Entscheidungsbefugnis liegt dabei allein bei der Wirtschaftsabteilung der Stadt Shanghai. Nun wird die Halbleitermesse Semicon China als erste Messe Ende Juni 2020 auf unserem Gelände stattfinden. Bislang ist rund die Hälfte unserer Einnahmen weggebrochen. Bis zum Jahresende 2020 sollten wir jedoch 50 bis 70 Prozent des Vorjahresniveaus erreichen können.

    Manche sehen digitale Messen als Alternative. Welche Erfahrungen hat SNIEC damit gemacht?

    Natürlich begleiten wir den digitalen Trend, aber wir gehen nicht von einer massiven Veränderung der Märkte aus.

    Dass der persönliche Austausch auf Messen in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten ersetzt werden kann, sehe ich nicht.

    Hier und da wird es Hybridversuche geben, Online- und Offline-Formate miteinander zu verbinden. Damit tatsächlich Geld zu verdienen, ist jedoch schwierig. Nach meiner Einschätzung dürften die damit erzielten Einnahmen in den nächsten fünf Jahren einen Umsatzanteil von höchstens 10 Prozent erreichen.

    Schon vor Covid-19 hat die Regierung die Bereiche E-Commerce und Digitalisierung stark vorangetrieben. Jetzt ist eine gute Möglichkeit, diese Trends auch im Messewesen zu testen. SNIEC ist seit Mai 2020 vollständig auf 5G umgerüstet. Wir sind quasi auf Stand-by. Auch denken wir darüber nach, zwei Hallen zu "virtuellen Hallen" umzurüsten. Firmen könnten sie als permanente Showrooms und auch für Online-Messen nutzen.

    Covid-19 beschleunigt die Digitalisierung. Müssen auch Messeveranstalter digital aufrüsten, um beispielsweise stärkeres digitales Tracking von Besuchern und Ausstellern zu ermöglichen?

    Auch das war bereits vor Covid-19 ein Thema. Die Antwort lautet daher bereits seit etwa sechs Jahren "Ja". Besucher-Tracking können wir schon lange. Aber keiner hat bislang ein richtiges Geschäftsmodell, wie damit Einkünfte zu erzielen sind.

    Den Besucherstrom mithilfe von Gesichtserkennung nachzuverfolgen, wird kommen. Wir können uns dieser Quasi-Auflage als öffentlicher Veranstaltungsort nicht entziehen.

    Unser Joint Venture-Partner, die Lujiazui Development Group, ist direkt unter der Shanghaier Regierung angesiedelt.

    Chinas Internetgiganten sind nicht zu bremsen. Sehen Sie in ihnen neue Wettbewerber im Messewesen?

    Sie sind bereits da. Erst kürzlich war ich zur Gründung des digitalen Messe-Joint Ventures von Alibaba und der Stadt Shanghai eingeladen. Bereits zuvor konnte ich mich einmal persönlich mit Jack Ma (Anmerkung: Gründer von Alibaba) unterhalten. Von der Finanzierungsseite ist das für die Internetgiganten alles kein Problem. Aber sie wissen kaum wie digitale Messen funktionieren – geschweige denn physische Messen. Sie können nicht Firmen und Branchen so zusammenbringen, dass konkrete Lösungen und neue Produkte entstehen. Erst danach kommen digitale Plattformen ins Spiel. Daher sehe ich das physische Messewesen als Industrie auch für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre bestätigt. Sind die Produkte und Lösungen da, dann kommen die elektronischen Plattformen ins Spiel.

    Viele Messen in Shanghai wurden durch den Covid-19-Ausbruch vom Frühjahr 2020 in den Herbst verschoben. Ist das realistisch?

    Absolut. Wir haben jetzt grünes Licht von der Regierung erhalten und unser Kalender ist im 2. Halbjahr 2020 voller als ursprünglich geplant. Die Reisebeschränkungen bleiben natürlich ein Problem. Manche Messen werden dies mit lokalen Besuchern und Ausstellern kompensieren können, andere nicht.

    Aber obwohl 70 bis 80 Prozent der Messen von SNIEC internationale Messen sind, kamen im letzten Jahr mindestens 90 Prozent der 8 Millionen Besucher aus China, etwa 5 Prozent aus Asien und nur etwa 2 bis 3 Prozent aus westlichen Ländern. Insgesamt ist die Lücke daher gering. Hinzu kommt, dass alle großen internationalen Firmen in China vertreten sind. Anstatt des Managers aus Frankfurt kommt dann einfach der Kollege aus Dalian, Hangzhou oder Shanghai zur Messe. Ich gehe davon aus, maximal 10 bis 20 Prozent der Besucher zu verlieren.

    Herr Kruppe, Sie sind Optimist. Gelingt der internationalen Messebranche in Shanghai noch 2020 der Wiedereinstieg in eine Art Normalität?

    Ich bin da zuversichtlich. Wir haben mit der Regierung fast täglich Protokolle und Abläufe besprochen, um am "Tag X" fertig zu sein und – wie der Trailer des SNIEC zeigt – den Besuchern eine sichere Messe bieten zu können. Die Verantwortung dafür tragen Veranstalter und Betreiber des Messegeländes gemeinsam. Natürlich werden Masken verfügbar sein und bei jedem Besucher über Infrarot-Einrichtungen Fieber gemessen. Auch wird die Besucherzahl in den einzelnen Hallen begrenzt sein. Aber eine für jede Messe gültige Formel gibt es nicht.

    Die Veranstaltungen – denken Sie nur an reine Fachmessen wie die Marintec oder an Publikumsmessen wie die China Joy – sind einfach zu unterschiedlich. Aber irgendwann werden die Abläufe und Kontrollen Standard werden. Und ihr Erfolg hängt dann letztlich vom Verhalten der Menschen ab.

    Ich bin seit 30 Jahren in China und habe viele verschiedene Normalitäten miterlebt, die sich immer wieder verändert haben. Wir werden auch jetzt wieder eine neue Normalität erreichen.

    Herr Kruppe, ich bedanke mich für das Gespräch.

    Das Interview führte Corinne Abele in Shanghai.

    Anmerkung: Das Messegelände Shanghai New International Expo Centre (SNIEC) ist ein 50:50-Joint Venture zwischen der Messe München, Messe Düsseldorf und Messe Hannover einerseits und der Shanghai Lujiazui Development Group andererseits. Dies ist in dieser Form in China einmalig. Mit einer Auslastungsquote von 75 Prozent ist SNIEC in dieser Kategorie Weltmarktführer. Im Dezember 2019 feierte es sein zwanzigjähriges Bestehen.

    Von Corinne Abele | Shanghai

  • Neue Wege des Messebesuchs auf Distanz

    Trotz weitgehend geschlossener Grenzen finden in China seit Monaten physische Messen statt. Dabei gibt es online Alternativen - als Ergänzung oder Ersatz.

    Während in Deutschland das Messewesen immer noch danieder liegt, ist es in China bereits im Sommer 2020 unter Auflagen wieder angelaufen. Michael Kruppe, General Manager des Shanghai New International Expo Centre (SNIEC), einem 50:50-Joint Venture zwischen der Messe München, Messe Düsseldorf und Messe Hannover einerseits und der Shanghai Lujiazui Development Group andererseits, zieht daher trotz der Coronakrise für 2020 insgesamt eine positive Bilanz. „Wir haben eine Auslastung von 48 Prozent erreicht; für 2021 streben wir 65 Prozent an.“ Zwar fehlen Besucher aus dem Ausland, doch im wichtigen chinesischen Markt sind die großen deutschen Unternehmen ohnehin bereits seit Jahren vor Ort vertreten.

    Augen und Ohren vor Ort haben

    Anders sieht es bei einigen Mittelständlern aus, für die der chinesische Markt aber nicht weniger wichtig ist. Aufgrund geschlossener Grenzen ist ein Messebesuch nicht möglich, an eine Teilnahme als Aussteller nicht zu denken – es sei denn man hat Augen und Ohren vor Ort. Dies kann der lokale Sourcing- und Vertriebspartner sein. Doch auch die Auslandshandelskammer (AHK) Greater China mit insgesamt sechs Büros auf dem chinesischen Festland bietet seit Februar 2021 an, für deutsche Mittelständler diese Rolle kostenpflichtig zu übernehmen. So können beispielsweise vom Unternehmen speziell gebriefte AHK-Mitarbeiter ausgewählte Messen und wichtige Kunden und Partner des Unternehmens besuchen. Auch können sie alte Kontakte pflegen und neue finden. Denn wie lange Chinas Grenzen für Geschäftsreisende noch geschlossen bleiben, vermag derzeit keiner zu sagen.

    On/Off-Hybridlösungen gefragt

    Das Angebot der AHK ist ein Lösungsansatz mit weitgehend traditionellen Mitteln, ergänzt durch digitale Instrumente. So können neu auf der Messe gewonnene Kundenkontakte beispielsweise mit Hilfe eines WeChat-Unternehmensaccounts, Webinaren oder Online-Präsentationen nachgehalten und vertieft werden. Auch Firmenbesuche via virtueller Brille könnten künftig möglich sein.

    Viele Antworten auf die neuen Herausforderungen sind eine Mischung aus Off- und Online-Angeboten. Hier sieht auch Kruppe die Zukunft, sollte der Flächenbedarf bei Messen künftig kleiner werden. Er überlegt, ein bis zwei Hallen auf seinem Messegelände zu permanenten Showrooms mit digitaler Infrastruktur und Ausstattung für Livestreaming-Events oder zu virtuellen Verkaufsräumen umzubauen. Bereits seit Oktober 2020 gibt es auf dem ganzen Messegelände 5G.

    Virtuelle Industriefachmessen als Herausforderung

    Prinzipiell sieht er die virtuellen Möglichkeiten vor allem als Ergänzung zu eher an Endkonsumenten orientierte Konsummessen – wie beispielsweise der Gaming-Messe „China Joy“: „Wir hatten 80.000 Kids und Teenager – da kann man ein Streaming-Event daraus machen.“ Dass sich vor allem virtuelle Messen für Konsumprodukte eignen, zeigen auch Beispiele wie die von Baidu im Mai 2020 veranstaltete reine Online-Hochzeitsmesse. Für technologieorientierte Industriefachmessen, die innovationsorientiert sind und überdies viele erklärungsbedürftige Produkte aufweisen, hält Kruppe das virtuelle Messeformat für deutlich weniger geeignet. Der dort stattfindende persönliche Austausch zwischen Technologieexperten könne virtuell kaum nachempfunden werden.

    Prinzipiell seien virtuelle Angebote zwar „nice to have“, jedoch zeigten die Erfahrungen der Messebranche, dass deren Anteil am Umsatz der gesamten Messeveranstaltung unter zwei Prozent blieben. Kruppe: „Das Modell Hybrid-Messe ist einfach nicht kostendeckend.“

    Internetgiganten bieten Cloud-Lösungen an

    Das chinesische Wirtschaftsministerium unterstützt in einer Richtlinie vom 13. April 2020 die digitale Transformation der Messeindustrie. Und die Internetgiganten des Landes nutzen das virtuelle Einfallstor für ihren Eintritt ins Messegeschäft. Bereits im Mai 2020 hat beispielswiese Alibaba mit dem Council for the Promotion of International Trade (CCPIT) in Shanghai ein Joint Venture für digitale Messen und Ausstellungen gegründet. Angeboten wird eine cloudbasierte Plattform, die die Kombination verschiedener Technologien wie 5G, 3D und Big Data erlaubt. Auch Tencent veröffentlichte noch im Mai 2020 seine „Cloud Conference and Exhibition“-Lösung und war alleiniger Technologiepartner der ersten digitalen Kantonmesse im Juni 2020. Neben virtuellen Messe- und Standbesuchen waren digitale Match-Makings und Vertragsunterzeichnungen, Livestreamings sowie Instant Messaging mit Simultanübersetzungen möglich. Der digitale Dialog zwischen Verkäufer und Käufer fand verschlüsselt und geschützt vor unliebsamen Teilnehmern statt.

    Digitalen Standaufbau vorbereiten

    Digitaler Technologiepartner der on- und offline stattfindenden China International Fair for Investment & Trade (CIFIT) in Xiamen im September 2020 wiederum war Alibaba. Unter anderem entstand in der Cloud eine virtuelle Messehalle mit zahlreichen Ständen mit 3D und VR (Virtual Reality)-Technologien für den virtuellen Austausch und Begegnungen zwischen Ausstellern und Besuchern.

    Auch Germany Trade & Invest nutzte die vom Veranstalter CIFIT zur Verfügung gestellte Plattform für den virtuellen Standaufbau. Als Aussteller in China dürfte es sich künftig lohnen, digitale Inhalte für derartige Zwecke parat zu haben. Denn Firmen können diese nicht nur für virtuelle Messen, sondern auch für alternative Online-Hausmessen oder -Technologietage zur Kundenansprache nutzen.

    So veranstaltete beispielsweise der deutsche Spezialchemiekonzern Lanxess AG nach Absage der wichtigen Industriemesse „ChinaPlas“ im April 2020 für Alt- wie potenzielle Neukunden in der APAC-Region erstmals einen „Lanxess Virtual Day“.  Dieser dauerte vier Tage, bestehend aus einem vorgeschalteten Pressetag, 56 technischen Webinaren in unterschiedlichen Sprachen sowie einem virtuellen Messestand. Bei dem Pionierprojekt setzte Lanxess auf bewährte und schlanke Technik, um die Komplexität eines solchen Projektes zu reduzieren. Inzwischen sind ähnliche Veranstaltungen auch in anderen Regionen geplant.

    Von Corinne Abele | Shanghai

  • Statt Messeteilnahme digitales Pilotprojekt "Lanxess Virtual Day"

    Ulf Dressler, Leiter des Bereichs Unternehmenskommunikation für Asien beim Spezialchemiekonzern Lanxess, macht Mut für digitale Pionierarbeit.

    Ulf Dressler
Leiter des Bereichs Unternehmenskommunikation für Asien
LANXESS China (Chemical) Co. Ltd. Ulf Dressler | © www.lanxess.cn

    GTAI: Herr Dressler, Lanxess hat als ein Pionier im B2B-Bereich einen eigenen „Lanxess Virtual Day“ für den APAC-Raum auf die Beine gestellt. Wie kam es dazu?

    Dressler: Ausgangspunkt war die Absage der für uns wichtigen Industriemesse ChinaPlas im April 2020 in Shanghai. Damals begann sich Chinas Wirtschaft erst zaghaft von den Covid-19-Auswirkungen zu erholen. Wir wollten nicht bis zur nächsten Messe 2021 warten, sondern selbst etwas digital machen. Direkt nach Absage der Messe im Mai haben wir erste Ideen entwickelt; das Event fand dann Mitte September 2020 statt. Innerhalb von ein paar Monaten haben wir alles neu konzipiert – es war das erste seiner Art. Aber genau deshalb wollten wir das Projektmanagement nicht in Agenturhände geben: Gerade am Anfang muss man selbst die Kontrolle behalten. Und schließlich wollen wir auch selbst lernen und unsere eigenen Erfahrungen machen.

    GTAI: Aus der ursprünglichen Idee eines virtuellen Messestands wurde schließlich ein viertägiges digitales Event „Lanxess Virtual Day in APAC“ mit technischen Webinaren sowie einem Pressetag. Wie ist dieses Format entstanden?

    Dressler: Tatsächlich dachten wir am Anfang hauptsächlich an einen virtuellen Messestand. Den haben wir dann auch mit Hilfe einer Agentur umgesetzt, und er wurde über vier Tage 1.600mal besucht. Einige Kunden haben wir virtuell speziell durch die verschiedenen Angebote des Stands geführt. Aber für die acht Geschäftseinheiten von Lanxess, die sich dann am digitalen Event beteiligten, waren vor allem die technischen Webinare wichtig. Dafür haben wir Inhalte und Redner aus Deutschland, Amerika, China, Japan und ASEAN aufgeboten. Im Mittelpunkt stand immer der direkte Mehrwert - sowohl für Bestands-  als auch für potenziell neue Kunden. Am Ende haben wir innerhalb von drei Tagen 56 Webinare in englischer, chinesischer und japanischer Sprache abgehalten.

    GTAI: Wie war die Resonanz?

    Dressler: Wir hatten für die technischen Webinare über 3.500 Teilnehmer, darunter gut ein Drittel Bestandskunden und etwas über ein Drittel potenzielle Neukunden. Für unsere Produkte ist das ein Super-Ergebnis. Auch der vorgeschaltete Pressetag mit On- und Offline-Events, mit Liveübertragung in chinesischer und englischer Sprache, fand eine gute Resonanz in den Medien.

    GTAI: Welche Rolle spielt Werbung für ein derartiges digitales Event?

    Dressler: So ein digitales Event muss von allen, besonders von den beteiligten Geschäftseinheiten direkt beworben werden. Wir haben Ihnen die entsprechenden Materialien zur Verfügung gestellt und sie auf ihre Kunden angesetzt. Die Kommunikationsabteilung allein kann nicht alle Leute erreichen.

    So ein digitales Event ist keine Messe. Die Teilnehmer kommen nicht automatisch.

    Wir haben im Vorfeld Unmengen von Emails verschickt, über LinkedIn Werbung gemacht, unsere in China gehostete Landing Page in WeChat kompatiblem Format aufgesetzt und über unseren Official Account verschickt. Auch mit KOL (Key Opinion Leader) haben wir zusammengearbeitet. Unsere Landing Page verzeichnete allein 15.000 Views, die Event-Agenda wurde 4.000 Mal angeklickt und unsere Broschüren knapp 800 Mal heruntergeladen. Nochmal: Für ein B2B-Unternehmen ist das sensationell.

    GTAI: Der „Lanxess Virtual Day“ hat den ganzen APAC-Raum adressiert, mit Schwerpunkten in China, Japan und ASEAN. Bekanntlich steckt der Teufel im Detail, häufig im technischen Detail. Was gilt es zu beachten?

    Dressler: Uns war vor allem wichtig, es nicht zu komplex zu machen und den Zugang für alle Teilnehmer sicherzustellen. So muss zum Beispiel der Registriervorgang einfach und schnell sein – ohne zu viele Kundendaten abzufragen. Sonst registrieren sich die Leute nicht. 

    Die technischen Lösungen müssen regional kompatibel sein oder angepasst werden.

    Auch sind regional unterschiedliche und jeweils passende technische Lösungen gefragt; ein modularer Ansatz bietet sich an. Für unsere Kunden im ganzen APAC-Raum haben wir Webex-Events eingesetzt. In China kann man jedoch die App beispielsweise auf den neuen Huawei-Mobiltelefonen nicht herunterladen. Daher prüfen wir gerade Alternativen wie die deutsche Webinar- und Meeting-Software Edudip.

    GTAI: Der „Virtual Day“  war das erste digitale Projekt dieser Art von Lanxess. Was würden Sie wieder so machen - und was ganz anders?

    Dressler: Grundsätzlich sind wir den richtigen Weg gegangen. Aber zeitweise drei Webinare parallel mit jeweils 45 Minuten und 15 Minuten Pause abzuhalten – das ist zu eng, für Teilnehmer und Teilnehmerinnen wie für den Organisator. Da darf keiner krank werden. Künftig werden wir mehr Zeit dazwischen einplanen.

    Potenzielle Fehler antizipieren – und so vermeiden

    Gleichzeitig muss die eingesetzte Technik bewährt sein und schlank bleiben, sonst wird es schnell zu komplex. Die Webinare sind ja Live-Events. Wenn die Technik zusammenbricht, warten alle. Obwohl wir uns durch Covid-19 seit einem Jahr virtuell bewegen, ist der Umgang mit den digitalen Tools noch lange keine Selbstverständlichkeit. Alle Vortragenden im Unternehmen müssen vorab geschult und gebrieft werden. Gleichzeitig ist für einen fehlerfreien Ablauf die interne Abstimmung zwischen den beteiligten Geschäftsbereichen sowie IT und Unternehmenskommunikation grundlegend.

    Für mich war das bislang eines meiner intensivsten Projekte – und das, obwohl ich in Quarantäne saß. Mein Team hat das super gemacht. Wir haben gelernt, dass wir so ein Event inhouse mit gängigen Webinar- und Event-Lösungen stemmen können; nur den virtuellen Messestand haben wir bei einer Agentur in Auftrag gegeben. Derzeit planen wir ähnliche Veranstaltungen auch in Europa und weiteren Regionen.

    GTAI: Herr Dressler, vielen Dank für das Gespräch.

    Das Gespräch führte Corinne Abele, Germany Trade & Invest Shanghai.


    Von Corinne Abele | Shanghai

  • Bedenken zum Datenschutz in China nicht unbegründet

    Dr. Dennis-Kenji Kipker, wissenschaftlicher Geschäftsführer am Institut für Informations-, Gesundheits- und Medizinrecht (IGMR) der Universität Bremen, erklärt, worauf es bei Datensicherheit in China ankommt.


    Dennis-Kenji-Kipker-7-2019-center_RZ Dr. Dennis-Kenji Kipker | © Universität Bremen

    Was sind die wichtigsten Trends bei Datenschutz und Datensicherheit in China? 

    Datensicherheit und ihre Regulierung spielen in China schon seit geraumer Zeit eine Rolle. Die entsprechende Gesetzgebung ist deutlich jünger. Es kristallisiert sich immer stärker heraus, dass die Volksrepublik Datenschutz anhand von Schlüsseltechnologien reguliert, die besondere Rahmenbedingungen erfordern. Hierzu gehören zuvorderst Kryptografie und künstliche Intelligenz (KI). China beabsichtigt, bis 2030 die globale Vorherrschaft für KI zu erlangen, sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Damit sind umfassende Regelungen verbunden, um die sichere Entwicklung und Nutzung zu gewährleisten.

    Zwei Aspekte beschleunigen zurzeit die Entwicklung des chinesischen Datenschutzes: der Handel mit Drittstaaten, die ein höheres Datenschutzniveau besitzen, und die Bekämpfung des Missbrauchs von personenbezogenen Daten im eigenen Land. In der Vergangenheit wurde das Thema nicht immer großgeschrieben. Das soll und wird sich in den nächsten Jahren vermutlich ändern. Gleichwohl hat China gegenwärtig noch kein Datenschutzniveau, das mit den jahrzehntelang gewachsenen und immer wieder fortentwickelten Maßstäben der Europäischen Union (EU) vergleichbar wäre.

    Welche Unterschiede sehen Sie zum Datenschutz und der Datensicherheit in der EU?

    Im aktuellen chinesischen Recht zur Nutzung von personenbezogenen Daten finden sich zahlreiche Regelungsprinzipien wieder, die schon aus der EU-Datenschutz-Grundverordnung bekannt sind. Hierzu gehören die Einwilligung, aber auch die Wahrnehmung von Betroffenenrechten und technisch-organisatorische Anforderungen an die Datensicherheit. Die Sanktionen bei Verstößen sind teilweise gravierend. Dennoch gestattet das geltende chinesische Recht umfangreiche Datenverarbeitungsbefugnisse zu Zwecken der staatlichen Sicherheit, zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung oder aus Gründen des Gemeinwohls. Die EU-Regelungen sind eher in separate Gesetze gefasst, wohingegen in der Volksrepublik nicht immer eine klare Trennung vorgenommen wird.

    Einer der zentralsten Unterschiede zwischen China und der EU dürfte im unterschiedlichen Verständnis des Datenschutzes liegen.

    Die EU und insbesondere Deutschland gehen vom Wert des Einzelnen und der sogenannten "informationellen Selbstbestimmung" aus, während Datenschutz in China – wie in vielen anderen ostasiatischen Staaten – eine größere Rolle für die Aufrechterhaltung des gemeinsamen Zusammenlebens spielt.

    Das Bundesamt für Verfassungsschutz empfahl Firmen kürzlich aufgrund von Sicherheitsbedenken für Reisen nach China einen Reiselaptop und ein "Wegwerfhandy" (Prepaid) zu verwenden und diese nach der Rückkehr zu entsorgen. Wie schätzen Sie die Datenschutzrisiken vor diesem Hintergrund ein?

    Chinesische Gesetze erlauben aufgrund der inhaltlichen Weite eine Vielzahl von Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen durch Behörden zu unterschiedlichen Zwecken.

    Die Bedenken sind daher nicht unbegründet. In den Medien liest man zudem immer wieder von staatlicher Spionagetätigkeit und von Fällen der Industriespionage. Die chinesische Regierung hat in der Vergangenheit eine Vielzahl von Maßnahmen mit Blick auf sichere IT-Nutzung und die Sicherung der Übertragungswege angekündigt, ohne dass anschließend einschneidende Maßnahmen folgten.

    Die Volksrepublik ist sich des Wertes der transnationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit jedoch durchaus bewusst, und ist daher bemüht, einen Ausgleich zwischen Restriktionen und Freiheiten zu finden. Das zeigt sich an verschiedenen Leuchtturmprojekten im Bereich Digitalisierung. Dazu zählen "Free Trade Areas", die für verschiedene Städte wie Hainan, Shanghai, Beijing und Zhejiang geplant sind. Neben der Marktliberalisierung sehen sie die Vereinfachung von grenzüberschreitenden, transnationalen Datenflüssen vor. Dennoch ist Vorsicht angeraten, aber dies gilt auch für zahlreiche andere Staaten der Welt.

    China drängt mit seinen Firmen im Rahmen der Digitalen Seidenstraße immer stärker auf internationale Märkte vor und setzt dort technologische Standards der Zukunft. Sehen Sie dies auch im Hinblick auf Datenschutz und wenn ja, inwiefern?

    Hier muss man differenzieren. Chinesische Tech-Unternehmen verfügen über ein ganz erhebliches Innovationspotenzial. Andernfalls würden wir in der EU keine politischen Debatten über die digitale Souveränität führen. Gleichwohl ist meine Meinung, dass viele dieser Technologien, die neu entwickelt werden, nicht unbedingt zu mehr Datensicherheit oder Datenschutz beitragen müssen. Ganz im Gegenteil: Die zunehmende Auswertung von personenbezogenen Daten ist in den letzten Jahren im Allgemeinen immer lukrativer geworden und wird durch neue Technologien wie Big Data und Data Mining, KI und Internet of Things mit Blick auf Verbraucherdaten sogar noch gefördert.

    Das ist aber generell kein chinesisches Problem, sondern auch eines, das für EU- und US-Unternehmen gilt. Problematisch wird es in der Praxis dann, wenn teils sensible personenbezogene Daten in der Cloud nach China übertragen werden. Denn die Volksrepublik gilt im Sinne des EU-Datenschutzrechts nach wie vor nicht als sicher anerkanntes Drittland.

    Die Nachverfolgung von Covid-19-Infektionsketten wurde in China mithilfe von Gesichtserkennungssoftware und mit Datensammlungen über WeChat intensiviert. Wie schätzen Sie die Entwicklung des Datenschutzes vor dem Hintergrund der Coronapandemie ein?

    China stellt bei der Bekämpfung von Corona keine Ausnahme dar, denn auch andere Staaten wie Südkorea oder Singapur bedienten sich umfassender Datensätze und verknüpften diese miteinander. Geschuldet ist dies vor allem dem abweichenden Verständnis von Datenschutz und Gemeinwohl in Fernost. Insoweit glaube ich nicht, dass die Nutzung von Überwachungstechnologien in China in Zusammenhang mit der Coronapandemie etwas an der generellen politischen Tendenz beim Datenschutz ändern wird. Vielmehr bestätigt es das bereits bestehende Verständnis, das sich nun in konkreten Maßnahmen manifestiert.

    Mit welchen Aspekten sollten sich ausländische Unternehmen in China im Bereich Datenschutz vertraut machen?

    Das kommt vor allem auf das Geschäftsfeld an, in dem sie tätig werden wollen. Gerade für die Technologieregulierung gilt, dass es ein hochkomplexes Netzwerk an Gesetzen, untergesetzlichen Vorschriften und technischen Standards gibt, die zur Auslegung des Rechts genutzt werden können.

    Firmen, die auf den chinesischen Markt streben, sollten sich zunächst einmal mit den Basics vertraut machen.

    Das fängt schon mit der Frage an, ob ich nur meine Waren vermarkten will oder eine feste Niederlassung betreibe, ob ich eigene Server vor Ort aufsetze oder im Austausch mit EU-Servern stehe, ob ich kryptografische Produkte verwende und welche Art von Daten in China generiert werden. Für viele dieser Fragen lassen sich tatsächlich recht verlässliche Antworten finden, weil es vielfach Standardprobleme sind.

    Wie können sich deutsche Firmen für Herausforderungen beim Datenschutz in der Arbeit mit China wappnen?

    Das Wichtigste ist, die eigenen Mitarbeiter im Umgang mit IT zu schulen. Das fängt damit an, dass man nicht versuchen sollte, privat über das Firmennetz gesperrte ausländische Seiten aufzurufen, weil dies das ganze Firmennetz lahmlegen kann. Umsichtig sein und Awareness schaffen, ist hier ganz zentral. Das gilt aber letztlich auch für jede andere fremde Rechtsordnung, in der sich das Unternehmen niederlässt.

    Gesetze zur Datensicherheit in China stellen an Unternehmen hohe Anforderungen, insbesondere das Cybersecurity Law in Bezug auf Datenlokalisierung und Datensicherheitsmanagement. Können KMU diese überhaupt einhalten?

    Das Problem liegt hier nicht an den hohen Anforderungen, die das chinesische Recht auferlegt, sondern daran, dass es sich um eine fremde Rechtsordnung mit einer komplett anderen Behördenzuständigkeit und einer sprachlichen Barriere handelt. Auch in der EU bestehen hohe Anforderungen an Datenschutz, sofern personenbezogene Daten verarbeitet werden. KMU müssen diese Vorgaben hierzulande ebenfalls beachten, was in der Vergangenheit weitestgehend möglich war. Das Problem für KMU liegt beim ausländischen Marktzugang darin, überhaupt erst zu ermitteln, welche Compliance-Vorgaben gelten und wie diese konkret umgesetzt werden können.

    Welche Vorgehensweise empfehlen Sie deutschen Firmen, die chinesische Software für ihr Geschäft verwenden?

    Generell sollte sichergestellt werden, dass ausländische IT-Produkte, denen man nicht hundertprozentig vertraut, nicht in kritischen Bereichen eingesetzt werden.

    Zudem sollten sie keinen Zugriff auf kritische Informationsressourcen haben. Ferner ist vorab zu untersuchen, ob die Software Daten ins Ausland leitet. Für personenbezogene Daten ist dies nämlich nicht ohne Weiteres zulässig. Vorsicht ist auch bei der Datenspeicherung in ausländischen Clouds geboten, da vielfach nicht bekannt ist, welche staatlichen Zugriffsmöglichkeiten hier bestehen. Bestes Beispiel sind leider die USA, die eine extensive Überwachungspraxis pflegen.

    Von Katharina Viklenko | Bonn

  • Gesetzesentwürfe im chinesischen Datenschutzrecht

    Im Jahr 2020 veröffentlichte China Entwürfe zweier eigener Gesetze hinsichtlich Datensicherheit sowie zum Schutz persönlicher Informationen. Sie werden im Folgenden beleuchtet.

    Einleitung

    Beide Gesetze stehen in China in der ersten Kategorie des aktuellen Gesetzgebungsplans (13th NPC Standing Committee Legislative Plan (2018 bis 2023)). Ein Anlass, die aktuellen Entwürfe etwas genauer zu betrachten. 

    Entwurf des Datensicherheitsgesetzes

    Ein Entwurf eines „Data Security Law“ (中华人民共和国数据安全法(草案): Chinesisch; nachfolgend: DSL-E) wurde Anfang Juli 2020 veröffentlicht und konnte bis Mitte August 2020 kommentiert werden.

    Unter seinem Schutzgegenstand „Daten“ versteht der Entwurf nach Art. 3 jede Aufzeichnung von Informationen in elektronischer oder nicht-elektronischer Form – ausgenommen Staatsgeheimnisse, militärbezogene Daten, vermutlich auch persönliche Informationen (vgl. Art. 49 DSL-E). Zu den „Datenaktivitäten“ zählen laut Definition unter anderem die Sammlung, Speicherung, Verarbeitung und Übertragung. Gemäß Art. 2 DSL-E soll das Gesetz einerseits Anwendung auf die Durchführung solcher Aktivitäten innerhalb von China finden, andererseits sollen aber auch Organisationen oder Individuen außerhalb Chinas haften, wenn sie derartige Aktivitäten vornehmen, die die nationale Sicherheit oder das öffentliche Interesse Chinas beeinträchtigen (extraterritorialer Anwendungsbereich).

    Ferner sind auch diese Regelungen enthalten:

    Je nach Wichtigkeit für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung und den jeweils möglichen Auswirkungen von Datenmissbrauch auf etwa die nationale Sicherheit soll ein Datenschutzsystem mit verschiedenen Stufen und Klassifikationen aufgestellt werden - nebst branchenbezogenen und regionalen Katalogen zum Schutz „wichtiger Daten“, jeweils zu erstellen von der Provinzregierung (vgl. Art. 19 DSL-E). Ein zentraler Mechanismus zur Bewertung von Datensicherheitsrisiken, zum Informationsaustausch, zur Überwachung und frühen Warnung soll etabliert werden, siehe Art. 20 DSL-E. Ist diese durch die Aktivitäten berührt, soll nach Art. 22 DSL-E eine nationale Sicherheitsüberprüfung (national security review) mit endgültiger Entscheidung erfolgen. Artikel 24 DSL-E sieht vor, dass China im Falle diskriminierender Maßnahmen eines Landes gegenüber China hinsichtlich datenbezogener Investitionen oder Handel entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen können soll.

    Auch sind Vorschriften zu Pflichten bei der Durchführung von Datenaktivitäten und in Kap. 6 DSL-E zur Haftung bei Verstößen mit Bußgeldern von bis zu 1 Million Renminbi Yuan (RMB) umfasst.

    Entwurf des Gesetzes zum Schutz persönlicher Informationen

    Am 21. Oktober 2020 folgte mit dem Entwurf des „Personal Information Protection Law" (中华人民共和国个人信息保护法(草案): Chinesisch; nachfolgend: PIPL-E) die Veröffentlichung des zweiten Gesetzesentwurfs, bestehend aus 70 Artikeln. Die Kommentierungsfrist endete am 19. November 2020. Wird es verabschiedet, wäre es das erste Gesetz Chinas ausschließlich zum Schutz persönlicher Informationen. Deren Schutzumfang wäre dann deutlich größer als aktuell. Trotz einiger Ähnlichkeiten zur EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) weist der Entwurf auch Unterschiede auf.

    Aufgrund der in Art. 3 PIPL-E vorgesehenen Extraterritorialität der Anwendbarkeit würde sich diese in bestimmten Fällen auch auf die Verarbeitungsaktivitäten außerhalb Chinas erstrecken: Etwa, wenn die Verarbeitung persönlicher Informationen natürlicher Personen innerhalb Chinas zum Zwecke der Erbringung von Dienstleistungen an solche Personen in China erfolgt. Mit Ausnahme anonymisierter Informationen wird unter einer „persönlichen Information“ nach Art. 4 PIPL-E jede Art von elektronisch oder durch andere Mittel aufgenommener Information verstanden, die eine natürliche Person identifiziert oder identifizieren kann.

    Der Entwurf enthält in Art. 13 weitere zulässige Gründe zur Datenverarbeitung. Bislang basiert diese grundsätzlich allein auf dem Vorliegen der Einwilligung (etwa in Art. 42 Cybersicherheitsgesetz). Nach dem PIPL-E soll die Verarbeitung zudem rechtmäßig sein, wenn sie zum Beispiel zur Vertragserfüllung notwendig ist (Art. 13 Nr. 2), ein öffentlicher Gesundheitsnotstand (Nr. 4) oder die Vornahme von Handlungen im öffentlichen Interesse (Nr. 5) sie erfordern oder sie anderweitig rechtlich erlaubt ist (Nr. 6). Mehr Einzelheiten werden hinsichtlich der Einwilligung und erstmals zu sensiblen Daten (in Art. 29 ff. PIPL-E) geregelt. Neben einigen Grundprinzipien der Verarbeitung wie Transparenz (Art. 7) und Datenminimierung (Art. 6) sind im PIPL-E auch Rechte des Datensubjekts (etwa auf Auskunft, Berichtigung oder Löschung) in Art. 44 ff. vorgesehen. Eine Verarbeitung persönlicher Informationen, die die nationale Sicherheit gefährdet, ist nach Art. 10 PIPL-E untersagt.

    Kapitel 3 des Entwurfs betrifft die grenzüberschreitende Bereitstellung persönlicher Daten. Diese soll nach Art. 38 an bestimmte Voraussetzungen geknüpft sein. Bei Bereitstellung persönlicher Informationen außerhalb Chinas müssen Individuen über die in Art. 39 PIPL-E genannten Punkte informiert und deren Einwilligung eingeholt werden. Betreiber kritischer Informationsinfrastrukturen und Verarbeiter, die bestimmte Schwellenwerte überschreiten, sollen gemäß Art. 40 PIPL-E die gesammelten persönlichen Informationen innerhalb Chinas speichern müssen; bei unbedingter Erforderlichkeit der Übertragung ins Ausland ist grundsätzlich eine Sicherheitsbewertung zu bestehen. Die Datenübertragung an Dritte erfordert nach Art. 24 PIPL-E eine Einwilligung der betroffenen Person.

    Artikel 62 PIPL-E sieht unter anderem bei schweren Verstößen empfindliche Bußgelder für Unternehmen von bis zu 50 Millionen RMB oder 5 Prozent des Jahresumsatzes des Vorjahres vor.

    Ausblick

    Es bleibt abzuwarten, wie schnell die beiden Entwürfe das weitere Gesetzgebungsverfahren durchlaufen und ob sie in naher Zukunft in Kraft treten werden. Auf der Agenda der diesjährigen Tagung des Nationalen Volkskongresses standen sie nicht.

    Eine große Zahl weiterer untergesetzlicher Regelungen und Richtlinien, vor allem im Bereich Cybersicherheit, befindet sich derzeit im Entstehen.

    Zum Thema:

    GTAI-Länderbericht Recht kompakt China

    Von Julia Merle | Bonn

  • E-Commerce und Datenschutz in China

    Im Bereich des E-Commerce ist seit dem 1. Januar 2019 das E-Commerce Law anwendbar. Auch das Cybersecurity Law ist zu beachten. 

    Das am 31. August 2018 verabschiedete E-Commerce Law trat am 1. Januar 2019 in Kraft.

    Es reguliert E-Commerce-basierte Transaktionen und Dienstleistungen und formuliert Verbraucherschutzvorgaben. Es ist einschlägig, wenn eine chinesische Partei beteiligt ist (Crossborder E-Commerce/CBEC). Das Gesetz gibt Standards für Sammlung und Nutzung der im Rahmen von E-Commerce generierten Daten vor (Art. 23 ff. E-Commerce Law).

    Hinsichtlich der erforderlichen Lizenzen ist bei dem Vertriebskanal zu unterscheiden, ob der Vertrieb aus dem Ausland erfolgt und über eine eigene Online-Plattform. Bei B2C-Geschäften ist zwischen dem Vertrieb mittels eines Webshops über einen Dritten (platform) oder dem Verkauf über eine selbst betriebene Webseite (operator) abzugrenzen. Die chinesischen E-Commerce-Anbieter als Pendant zu Amazon (beispielsweise Taobao, Tmall) verfügen über eine sehr hohe Marktstellung und bieten für Verkäufer eigene Stores in verschiedenen Formaten an.

    Verbraucher haben gemäß Art. 24 des Verbraucherschutzgesetzes ein siebentägiges Rückgaberecht, ohne Gründe angeben zu müssen. Weitere Regelungen des E-Commerce Law betreffen den elektronischen Zahlungsverkehr und die Zustellung, die Haftungsregelungen des Verkäufers entsprechend den üblichen Bestimmungen.

    Seit dem 1. Mai 2018 ist der „National Standard of Information Security Technology – Personal Information Security Specification" (GB/T 35273-2017) in Kraft, der Parallelen zu EU-, und OECD- Richtlinien aufweist. Es wird zwischen sensiblen persönlichen Daten, bei deren Verletzung wesentliche Nachteile entstehen (ID, Biometrik, Anschauungen, Ethnie, Gesundheit, Finanzen) und generellen persönlichen Daten unterschieden. Geregelt werden Erhebung, Speicherung, Weitergabe von Daten und das Informationsrecht der Nutzer. Ist die Datenverarbeitung das Hauptgeschäft, sind mehr als 200 Mitarbeiter angestellt und werden über 500.000 individuelle Datensätze verarbeitet, ist ein Datenschutzbeauftragter zu benennen. Eine neue Fassung dieser Specification (GB/T 35273-2020) wird am 1. Oktober 2020 in Kraft treten. Darin wird die Anzahl der verarbeiteten personenbezogenen Datensätze auf 1 Million Personen angehoben (Ziffer 11.1).  

    Für Unternehmen generell zu beachten ist das im Juni 2017 in Kraft getretene Cybersicherheitsgesetz (Cybersecurity Law). Um von den Bestimmungen erfasst und als Netzwerkbetreiber definiert zu werden, reicht bereits der Betrieb eines Servers in China aus. Dann müssen alle erhobenen Kundendaten sowie wichtige Geschäftsinformationen in China gespeichert werden. Diese Daten dürfen nur in besonderen Fällen außer Landes exportiert werden. 

    In Bezug auf das Cybersecurity Law gibt es inzwischen einige Regulations und Measures, zum Teil liegen sie als Entwurf vor. Die sogenannten Measures for Cybersecurity Review“  vom 27. April 2020 traten am 1. Juni 2020 in Kraft. Die Schaffung eines solchen Systems zur Überprüfung der nationalen Sicherheit hinsichtlich Betreibern kritischer Informationsinfrastrukturen bei deren Kauf von Netzwerkprodukten oder –dienstleistungen mit möglicher Auswirkung auf die nationale Sicherheit ist in Art. 35 Cybersecurity Law vorgesehen.

    Das am 26. Oktober 2019 verabschiedete Kryptografiegesetz (Encryption Law oder auch Cryptography Law) ist seit dem 1. Januar 2020 in Kraft, es betrifft insbesondere die kommerzielle Verschlüsselung. 

    Anfang Juli 2020 wurde ein Entwurf eines Data Security Law zur Kommentierung bis zum 16. August 2020 veröffentlicht. 

    Stand des Berichtes: 9. Juli 2020

    Von Julia Merle, Robert Herzner

  • Online-Handel in China ist trotz Alibaba-Dominanz vielfältig

    Hersteller von Konsumgütern benötigen für ein erfolgreiches Online-Geschäft eine ausgereifte Marketingstrategie. Jenseits von Alibaba und JD.com gibt es interessante Plattformen.

    Drei Monate lang war Jack Ma, der ansonsten allgegenwärtige Gründer und Haupteigentümer des legendären Internetkonzerns Alibaba, von der Bildfläche verschwunden. Dann tauchte er am 20. Januar 2021 in einer von den chinesischen Medien verbreiteten Videobotschaft wieder auf. Westliche Zeitungen kolportieren, er sei den Regierenden in Beijing zu mächtig beziehungsweise zu selbstbewusst geworden und müsse sich nunmehr in Zurückhaltung üben.

    Tatsächlich ist Alibaba im boomenden E-Commerce-Sektor der unangefochtene Platzhirsch. Mit seinen Plattformen TMall und Taobao erzielte er in China im Endkundengeschäft (Business-to-Consumer; B2C) in den ersten drei Quartalen 2020 laut Angaben des chinesischen Marktforschungsunternehmens Analysys einen Marktanteil von nahezu zwei Dritteln. Auf Rang zwei folgte deutlich abgehängt JD.com mit einer Quote von rund einem Viertel.

    Zusammen brachten es die beiden Anbieter somit auf einen Anteil von fast 90 Prozent. Trotz dieser starken Konzentrierung auf zwei Anbieter ist der Wettbewerb hart. Die großen Mitspieler müssen sich ständig gegenüber neuen Konkurrenten behaupten. Wird die Konkurrenz zu erfolgreich, kaufen die Marktführer sie auch gerne auf. Somit dürfte sich an den Marktverhältnissen mittelfristig nicht allzu viel ändern. Gegen Alibaba laufen allerdings aktuell Ermittlungen wegen monopolistischer Praktiken.

    Kleinere Mitspieler ebenfalls erfolgreich

    Weitere, deutlich kleinere Mitspieler im E-Commerce sind Suning und Vipshop. Daneben gibt es die Plattform Pinduoduo, die nach Angaben von Analysten in jüngster Vergangenheit ein rasantes Wachstum hingelegt haben soll. Gemessen an den Nutzerzahlen liegt sie bereits auf Augenhöhe mit JD.com. Jedoch fallen die Umsätze pro Bestellung wesentlich kleiner aus als bei der Konkurrenz. Pinduoduo ist damit eine Art Discounter innerhalb der Branche. Angaben zum Marktanteil in China liegen nicht vor.

    RED (Xiaohongshu) ist ein weiterer erfolgreicher Nischenanbieter. Die Plattform hat sich vor allem auf weibliche Nutzer und Produkte aus dem Bereich Mode und Schönheitsmittel konzentriert. Interessanterweise sind ihre Kunden im Durchschnitt deutlich älter als bei der Konkurrenz. Dafür kommen sie überwiegend aus den großen Metropolen des Landes.

    In der Nische ist noch Platz

    Die großen Konkurrenten sind geografisch wesentlich breiter aufgestellt. Taobao und JD.com bedienen auch kleinere Städte und ländliche Regionen. Doch dies erfordert hohe Investitionen in die Lager- und Transportinfrastruktur. Zugleich ist die Kaufkraft im Hinterland wesentlich geringer als in den wohlhabenden Küstenmetropolen.

    Eines haben aber alle chinesische Online-Anbieter gemein: Die meisten ihrer Kunden – weit über 80 Prozent – sind jünger als 35 Jahre. An der Altersstruktur zeigt sich zugleich, dass es noch ein erhebliches, bisher kaum erschlossenes Absatzpotenzial bei reiferen Kunden gibt. Gerade die Altersklasse zwischen 36 und 50 Jahren verfügt im Durchschnitt über eine hohe Kaufkraft.

    Chinesische Plattformen führen auch global

    Auch international spielen führende chinesische Online-Händler eine dominierende Rolle. Nach Angaben von Forbes erzielten Alibaba (mit Taobao und TMall), JD.com und Pinduoduo 2019 einen Anteil am globalen E-Commerce von über 40 Prozent. Für 2020 liegen zwar noch keine Zahlen vor, dennoch dürften die chinesischen Anbieter ihren weltweiten Anteil weiter ausgebaut haben.

    Vertrieb: Nur online oder lieber hybrid?

    Was müssen deutsche Anbieter von Konsumgütern, die den chinesischen Markt bedienen wollen, beachten? Zunächst sollten sie eine Entscheidung darüber treffen, ob sie ihre Waren nur online vertreiben wollen. Das ist bei vielen Produkten durchaus möglich und empfehlenswert, doch es bestehen auch gewisse Grenzen. Gerade Markenhersteller kommen nicht daran vorbei, klassische Vertriebswege einzuschlagen.

    Gleiches gilt für Produkte, die Verbraucher, selbst wenn sie diese Waren im Internet bestellen, vorher begutachten oder ausprobieren möchten. Im Möbelhandel fahren viele Anbieter etwa eine hybride Strategie und unterhalten Vorzeigeläden, in denen sich die Kunden einmal auf ihr Wunschsofa setzen können. Auch im Textilhandel wollen viele Konsumenten die Kleidungsstücke vorab anprobieren. Nicht zuletzt befürchten viele Internetnutzer, an gefälschte Markenware zu gelangen. Hochwertiger Schmuck oder edle Uhren werden daher lieber im Flagship-Store gekauft.

    Wer einen chinesischen Online-Anbieter für den Absatz seiner Produkte wählt, sollte einiges beachten. Die Plattformen bieten Millionen von Artikeln an, sodass die eigene Ware schnell untergehen kann. Eine prominente Platzierung entscheidet letztendlich über den Verkaufserfolg. Um diese zu erreichen, braucht man nach Einschätzung der deutschen Firma KW-Commerce eine ausgereifte Strategie.

    Ohne ein gutes Marketingteam läuft wenig

    Einerseits müsse man den Online-Anbieter dafür entsprechend vergüten. Dieser sei zusätzlich davon zu überzeugen, dass es sich bei der eigenen Ware um ein besonders begehrtes Produkt handele, das einen hohen Umsatz erzielen wird. Erst dann könnte sich eine besonders gute Platzierung erreichen. Anschließend muss man mit umfangreichen Marketingmaßnahmen dafür sorgen, dass die Umsätze auch wirklich sprudeln.

    Nach Angaben von KW-Commerce benötigen Unternehmen eine komplette Marketingmannschaft, um ihre Ware im chinesischen Netz bekannt und beliebt zu machen. Dabei sollten Firmen unter anderem auf Livestreaming sowie Werbung und Verbreitung in den sozialen Netzwerken wie WeChat (Stichwort: Social Commerce) setzen. Die erforderlichen Marketingkosten belaufen sich beispielsweise bei Platzierung der Ware bei TMall nach Einschätzung des deutschen Handelshauses Melchers auf circa 12 Prozent des Bruttoumsatzes. Die Verkaufsprovisionen betragen etwa 10 bis 20 Prozent.

    Von Roland Rohde | Hongkong

  • Livestreaming gewinnt im chinesischen Online-Handel an Bedeutung

    Rund 10 Prozent des Umsatzes im E-Commerce wurden 2020 mithilfe von Livestreaming-Events erzielt. Die Kunden sind aber teils unzufrieden. Auch die Rückgabequote fällt hoch aus.

    Der E-Commerce in China boomt seit vielen Jahren praktisch ungebremst. Covid-19 hat für zusätzlichen Rückenwind gesorgt. Außerdem gibt es in der Branche fundamentale Änderungen. Insbesondere bei den Methoden, mit denen Online-Anbieter ihre Kunden ansprechen beziehungsweise ihre Waren verkaufen, zeichnen sich Neuerungen ab.

    Für Hersteller von Konsumwaren reicht es nicht mehr aus, ihre Waren prominent auf einer Plattform zu platzieren. Sie müssen noch aktiver werden, um sich gegenüber der Konkurrenz durchzusetzen. Die Aufmerksamkeit der Kunden zu gewinnen, rückt nunmehr in den Vordergrund der Bemühungen. Livestreaming entpuppt sich dabei als ideale Marketingmaßnahme.

    Chinesische Internetnutzer verbringen nämlich einen Großteil ihrer Zeit im weltweiten Netz mit dem Anschauen von Kurzvideos. Zugleich waren sie 2020 wesentlich länger online als noch vor dem Ausbruch der Coronapandemie. Der China Internet Report 2020 der South China Morning Post (SCMP) kam für März 2020 auf eine durchschnittliche Verweildauer von 7,2 Stunden pro Tag. Im Vergleich zum Vorjahresmonat kam dies einer Steigerung von fast 30 Prozent gleich.

    Über eine halbe Milliarde Nutzer beim Livestreaming

    Zwar dürften die Werte nach der Rückkehr zum einigermaßen normalen gesellschaftlichen Leben im Frühsommer 2020 wieder etwas gesunken sein. Doch der Beliebtheit von Livestreaming tat dies anscheinend keinen Abbruch. Nach Angabe von Forbes soll die Anzahl der Zuschauer von entsprechenden Sendungen 2020 um 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 560 Millionen gestiegen sein. Gemäß Schätzungen des aktuellsten China Internet Report gab es 2020 mehr als 600 Millionen Livestreaming-Nutzer – eine Steigerung von 54 Prozent im Vergleich zu 2018.

    China Daily und SCMP berichteten, dass im 1. Halbjahr 2020 laut Angaben des chinesischen Handelsministeriums mehr als 10 Millionen Livestreaming-Sendungen im Bereich E-Commerce mit rekordverdächtigen 50 Milliarden Views abgehalten wurden. Rund 400.000 Menschen hätten entsprechende Events moderiert. Zumeist wurden Modeartikel, Kosmetik und Nahrungsmittel vermarktet.

    Damit entpuppt sich die Sparte inzwischen als wichtiger Arbeitgeber. Bei den Moderatoren handelt es sich zunehmend um Prominente und wichtige Influencer. Sie werden nicht nur für die Sendung selbst bezahlt, wobei die Höhe der Entlohnung von der Anzahl der Zuschauer abhängt. Darüber hinaus erhalten sie für jeden verkauften Artikel eine Kommission. Das macht Livestreaming allerdings anfällig für Missbrauch.

    Branche zieht teilweise schwarze Schafe an

    China Daily berichtet durchaus kritisch über den Sektor. So würden einzelne Veranstalter die Anzahl der Zuschauer mithilfe von Bots künstlich nach oben drücken, um eine höhere Entlohnung zu erhalten. Die Verkaufs- und Werbemethoden können ebenfalls fragwürdig sein. Laut Angaben der China Consumers Association hätten sich in Umfragen fast 40 Prozent der Nutzer über irreführende Werbung, niedrige Produktqualität oder gefälschte Waren beschwert. Daher sei die Rückgabequote der Produkte mit 30 bis 70 Prozent auch sehr hoch.

    Zum Umsatz der mittels Livestreaming verkauften Produkte gibt es unterschiedliche Angaben. China Daily kommt für 2020 auf fast 140 Milliarden US-Dollar (US$). Das entspricht einem Anteil von rund 10 Prozent am E-Commerce-Geschäft mit Konsumgütern und kam gegenüber dem Vorjahr einer nominalen Steigerung von mehr als 120 Prozent gleich. Im Vergleich zu 2018 sind die Umsätze sogar um den Faktor sieben gestiegen. Im Jahr 2016 existierte das Geschäft derweil praktisch noch gar nicht.

    Alibaba mit 80 Prozent Marktanteil

    Wenn man auf eine der größeren chinesischen E-Commerce-Plattformen kommt, gelangt man von dort aus direkt zu den Livestreaming-Events. Danach erfolgt eine Weiterleitung auf die Anbieter von Kurzvideos. Dort ist der größte Anbieter Taobao Live von Alibaba. Er kommt laut Forbes beim Livestreaming innerhalb des E-Commerce auf einen Marktanteil von 80 Prozent. Weitere wichtige Anbieter von Kurzvideos sind Tiktok, das in China unter dem Namen Douyin läuft, sowie Kuaishou, hinter dem der Internet-Konzern Tencent steht. Interessant ist, dass es Taobao Live erst seit 2016 gibt. Das zeigt einerseits wie jung die Sparte noch ist, andererseits wie rasch sie sich konsolidiert hat.

    Auch für ausländische Anbieter von Konsumwaren dürfte Livestreaming im Rahmen von Marketingmaßnahmen künftig eine größere Rolle spielen. Auf diese Weise können Unternehmen unter anderem ihre Marke besser positionieren und jüngere Konsumenten ansprechen. Bei der Auswahl der Firmen, die das Event durchführen, sollte derweil größte Sorgfalt an den Tag gelegt werden.

    Von Roland Rohde | Hongkong

  • E-Learning wächst in China rasant

    Der boomende E-Education-Sektor hat durch die Coronapandemie zusätzlichen Auftrieb erhalten. Auch danach dürfte er auf Wachstumskurs bleiben und sich konsolidieren.

    Noch ist Covid-19 in China nicht besiegt. Allerdings lässt sich bereits jetzt sagen, dass die Pandemie die ohnehin rasch voranschreitende Digitalisierung der chinesischen Wirtschaft und Gesellschaft weiter beschleunigt hat. Nicht nur der E-Commerce, sondern auch Felder wie E-Health und E-Education können als die großen Krisengewinner bezeichnet werden.

    Der E-Learning-Sektor konnte besonders profitieren. Während der Schließung der Schulen und Universitäten im Frühjahr 2020 mussten alle Schüler und Studenten wohl oder übel auf das Internet ausweichen. Doch da China die erste Infektionswelle relativ rasch in den Griff bekam, konnten auch die Lehrinstitute wieder binnen kurzer Zeit zum normalen Präsenzbetrieb übergehen.

    Für die Anbieter von Dienstleistungen im Bereich Online-Lernen brachte die Pandemie trotzdem mehr als nur ein vorübergehendes Zusatzgeschäft. Man konnte zahlreiche neue Nutzer gewinnen, von denen zumindest ein Teil auch längerfristig bei der Stange bleibt. Zufriedene Kunden kehren bekanntlich zurück, zumal E-Learning echte Vorteile bietet.

    Verbraucher entdecken Vorteile des E-Learning

    So haben die Nutzer erkannt, dass Online-Unterricht wesentlich günstiger ist als entsprechende Offline-Angebote (zum Teil um bis zu 60 Prozent). Zudem ergeben sich Zeitersparnisse, da lange Anfahrtszeiten wegfallen. Insgesamt ist in China die Akzeptanz gegenüber Online-Angeboten im Allgemeinen und E-Learning im Besonderen gestiegen. Dazu trug auch bei, dass die Bevölkerung verstärkt in Telekommunikationstechnologie investierte. Für Online-Unterricht sind leistungsfähige Endgeräte nötig. Der Umsatz an Notebooks, Tablets, Druckern und Projektoren nahm stark zu.

    Laut Angaben des nationalen Statistikamtes stieg der wertmäßige Einzelhandelsumsatz an Telekommunikationsausrüstungen in den ersten elf Monaten 2020 um nominal rund 12 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Angesichts der eher schwächelnden Konsumausgaben waren das erstaunlich gute Werte. Der gesamte Einzelhandelsumsatz war nämlich im vorliegenden Zeitraum um knapp 5 Prozent gefallen.

    Internetaffine Bevölkerung unterstützt Trend

    Es gibt inzwischen nur noch relativ wenige Chinesen, die nicht im Internetzeitalter angekommen sind oder über kein Smartphone verfügen. Laut dem Ministerium für Industrie und Informationstechnologie MIIT (Ministry of Industry and Information Technology) und dem schwedischen Konzern Ericsson gab es Ende 2020 fast 1,5 Milliarden Verträge für ein internetfähiges (4G und 5G) Endgerät in China. Das entsprach angesichts einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden einer Sättigungsquote von über 100 Prozent.

    Über die Größe des Marktes für Digitale Bildung gibt es derweil weniger Daten. Die Angaben der verschiedenen Marktforschungsunternehmen klaffen zum Teil deutlich auseinander. Doch einig sind sich alle darin, dass Covid-19 für einen zusätzlichen Schub für die Sparte gesorgt hat und dass deren Umsatz weiter kräftig wachsen wird.

    Angaben zum Marktvolumen weichen ab

    Laut Schätzungen des Analysehaus iResearch belief sich der chinesische Markt für E-Learning 2019 auf umgerechnet gut 45 Milliarden US-Dollar (US$), ein Wachstum von nominal (und auf Basis der Inlandswährung) rund einem Viertel. Allerdings stammt die Studie vom Frühjahr 2019 und hat somit die Auswirkungen der Coronapandemie noch nicht berücksichtigt.

    Die Analysten von iiMedia Research gehen in ihrem Anfang 2020 veröffentlichten Bericht für 2020 von einem Marktvolumen von etwa 70 Milliarden US$ aus, ein nominales Plus (wiederum auf Basis der Inlandswährung) von einem Fünftel. Die Anzahl der Nutzer von E-Learning-Angeboten betrug 350 Millionen, was einem Zuwachs von über einem Drittel zu 2019 gleichkommt. Gegenüber 2016 ergibt sich sogar eine Steigerung um mehr als das Dreifache. 

    China größter Markt für Massenkurse (MOOCs)

    Laut einem Bericht der China Daily vom Dezember 2020 haben im abgelaufenen Jahr insgesamt 540 Millionen Chinesen einen Online-Massenkurs (Massiv Open Online Course, MOOC) besucht. Damit bilde die Volksrepublik in diesem Segment den größten Markt der Welt. Rund 150 Millionen Studenten und Schüler konnten auf diese Weise zudem offiziell Punkte für ihr Studium und Schuljahr sammeln.

    Für 2021/22 muss sich die Branche trotz aller Wachstumsaussichten etwas mehr nach der Decke strecken. Kommt es zu keinem weiteren großen Ausbruch mit erneuter Schließung der Schulen und Universitäten, dürfte der coronabedingte Rückenwind wegfallen. Die Zuwachsraten bei den Umsätze könnten auf deutlich unter 20 Prozent fallen. Zudem sind wieder größere Anstrengungen bei der Kundenakquise nötig, was die Firmen kostenseitig belasten wird. Im Jahr 2020 brauchte kaum ein Unternehmen die Werbetrommel zu rühren. Nach Angaben der China Daily konnte der Sektor Werbeaufwendungen von mehreren Milliarden US$ einsparen.

    Administrative Vorgaben werden strenger

    Die Anbieter müssen sich auch auf strengere administrative Maßnahmen einstellen. Bereits in den vergangenen Jahren hatten die Behörden eine Reihe von Vorschriften erlassen, um dem Wildwuchs in der Branche Herr zu werden. Zudem unterliegen in China die Medien und das Internet umfänglichen Kontrollen.

    Vom boomenden E-Learning-Markt profitieren in erster Linie chinesische Firmen. Doch es eröffnen sich auch Chancen für ausländische Anbieter. Das Interesse etwa von Seiten chinesischer Studenten an einem internationalem Fernstudium dürfte steigen. Infolge der deutliche geringeren Kosten können wesentlich mehr Chinesen einen ausländischen Uniabschluss erlangen.

    Branche ist noch stark fragmentiert

    Die E-Learning-Sparte besteht aus vielen kleinen und meist spezialisierten Anbietern. Es ist aber davon auszugehen, dass es zu einer raschen Konsolidierung innerhalb der Branche kommen wird. Die großen Tech-Konzerne dürften zahlreiche kleinere Mitbewerber aufkaufen.

    Die größten Unternehmen für E-Learning in China (2020)

    Name

    Spezialisierung

    Internetadresse

    1

    Zuoyebang

    Grund- und Mittelschule

    http://www.zybang.com/

    2

    TAL Education Group

    Grund- und Mittelschule

    https://en.100tal.com 

    3

    Hujiang Education Technologies Co. Ltd

    Allgemeine Ausbildung

    https://class.hujiang.com/

    4

    Youdao

    Allgemeine Ausbildung

    https://www.youdao.com/ 

    5

    Seewo

    IT-Schulung

    https://www.seewo.com/ 

    6

    17zuoye

    Grund- und Mittelschule

    https://www.17zuoye.com

    7

    Koolearn Tech

    Allgemeine Ausbildung

    https://www.koolearn.com/ 

    8

    China Distance Education

    Allgemeine Ausbildung

    https://www.cdeledu.com/ 

    9

    Yuanfudao

    Grund- und Mittelschule

    https://www.yuanfudao.com/ 

    10

    Fenbi

    Berufsbildung

    https://fenbi.com

    11

    Kaishu Story

    Frühkindliche Erziehung

    https://www.kaishustory.com

    12

    Shanghai Liulishuo Information Technology

    Sprachstudium

    https://www.liulishuo.com/ 

    13

    Tencent Education

    Allgemeine Ausbildung

    https://k12.qq.com

    14

    iFLYTEK

    IT-Schulung

    https://www.iflytek.com/edu

    15

    Acadsoc

    Sprachstudium

    https://www.acadsoc.com.cn/
    Quelle: Guangzhou Daily Data & Digit Institute (GDI)

    Von Roland Rohde | Hongkong

  • Chinas Tech-Giganten marschieren entlang der Seidenstraße

    Chinas digitale Seidenstraße wird vor allem von den großen Tech-Firmen des Landes umgesetzt. Immer häufiger beteiligen sie sich an der Tech-Szene anderer Länder.

    Schon lange bevor die digitale Seidenstraße offiziell die politische Bühne betrat, waren die großen Internet- und Tech-Giganten Chinas im Ausland aktiv. Seit Anfang der 2000er Jahre eroberten sie Märkte vor allem in Asien, aber auch in Afrika, Lateinamerika und Europa. Während ZTE und Huawei sowie ihre Tochterfirmen Untersee- und Überlandkabel verlegten, Datenzentren und Telekommunikationsinfrastruktur aufbauten, arbeitete vor allem Alibaba an der Erweiterung seiner E-Commerce-Welt über Chinas Grenzen hinaus.

    So betrat bereits 2013 Alibabas E-Commerce-Plattform Taobao den singapurischen Markt – lange bevor die digitale Seidenstraße offiziell ausgerufen wurde. Inzwischen kontrolliert der Online-Gigant nicht nur zwei der einflussreichsten E-Commerce Plattformen in Südostasien: Lazada und Tokopedia. Parallel hat es seine Dateninfrastruktur und Logistiknetzwerk aufgebaut. Dies geschah häufig in Kooperation mit oder durch lokale Partner. Bereits 2016 betonte Jack Ma, Gründer von Alibaba, auf dem International Economic Forum in Russland, dass die für die Firma wichtigsten Regionen entlang der Seidenstraße lägen.

    Mit der App zur Mitfahrgelegenheit

    Das Beispiel Alibaba zeigt, dass die digitale Seidenstraße zwar von Chinas Tech-Giganten sowohl bei Infrastruktur als auch bei Anwendungen umgesetzt wird, die Firmen aber vor allem auch ihren eigenen Geschäftsstrategien folgen. Der Kampf um Marktanteile - vor allem in innovativen digitalen Wachstumsbereichen angefangen von Digital Health über Mobile Payment und FinTech bis hin zu Ride-Hailing - geht entlang der Seidenstraße weiter.

    So erreicht Tencent mit seiner aufgrund ihres Datenzugriffs in starke Kritik geratenen Mega-Social-App Wechat zunehmend Nutzer außerhalb Chinas. WeChat hat eigene Niederlassungen unter anderem in Australien und Indonesien, sich an Vietnams E-Commerce-Giganten Tiki beteiligt sowie ein Joint Venture mit der thailändischen Einzelhandelsgruppe Central Group gegründet. Durch derartige Beteiligungen nutzen Chinas Internetfirmen die spezifische Marktkenntnis und Kundennähe der regionalen E-Commerce-Anbieter; gleichzeitig verbinden sie diese mit dem eigenen Logistiknetzwerk und erweitern ihre Datenbasis im jeweiligen Markt.

    Auch Chinas Ride-Hailing Super-Plattform Didi Chuxing ist bereits seit langem in Asien und damit auch entlang der Seidenstraße unterwegs. Mit der App werden Fahrgäste an Fahrer vermittelt. Entstanden aus der wettbewerblichen Patt-Situation zwischen Alibabas Kuaidi Dache und Tencents Didi Dache 2015, dominiert die Plattform den chinesischen Markt. Bereits 2015 investierte Didi Chuxing in die Ride-Hailing-Plattformen Grab (Indonesien), Lift (USA) sowie Ola (Indien). Ganz übernahm es 2017 Taxify (jetzt Bolt), das Ride-Hailing in Afrika und Europa anbietet sowie die brasilianische Mobilitätsplattform 99. Unter eigener Flagge ist die Plattform inzwischen in Japan und Australien, aber auch seit 2020 in Russland, Neuseeland und der Dominikanischen Republik tätig.

    Chinas Internet-Giganten beteiligen sich an ausländischen Bezahlplattformen

    Von strategischer Bedeutung für den jeweiligen Marktzugang sind auch mobile Bezahlsysteme und FinTech-Apps, die über strategisch wichtige Daten zur Kundenkaufkraft, Kreditwürdigkeit und Kaufverhalten verfügen. Im Heimatmarkt China liefern sich seit Jahren vor allem Alibabas Alipay und Tencents WechatPay einen harten Kampf. Entlang der Seidenstraße sind beide mobilen Bezahlsysteme bereits unterwegs. Gemäß des Fintech100 Report 2019 von KPMG und H2 Ventures befinden sich die chinesischen FinTech-Anbieter Ant Financial (Alibaba), JD Digits (JD.com) und Du Xiaoman Financial (Baidu) unter den Top 10 FinTech-Unternehmen weltweit. Ihre Hauptkunden sind zwar hauptsächlich in China; doch haben sie andere Märkte im Visier – nicht zuletzt über Beteiligungen an dort heimischen Anbietern.

    So befindet sich Indiens mobiler Bezahldienst Paytm, der PayPal in Asien vom dritten Platz verdrängt hat, zu 30 Prozent im Besitz von Ant Financial. JD.com und Tencent haben sich an der indonesischen App Gojek beteiligt, die als Ride-Hailing Plattform startete und inzwischen Bezahldienste, Food Delivery und andere Fintech- und Shopping-Dienstleistungen anbietet. Anfang 2019 übernahm Gojek wiederum coins.ph – ein in den Philippinen beliebter mobiler Bezahldienst. Bereits 2017 hatte Ant Financial in die philippinische Mobile Wallet App Mynt investiert. An Gojeks singapurischem Erzrivalen Grab ist der chinesische Versicherer und KI-Tech-Gigant PingAn bereits beteiligt. Während Alibaba Zeitungsberichten zufolge beabsichtigt 4 Milliarden US-Dollar in das Unternehmen zu investieren; Gespräche sollen laufen. Chinas große Internetgiganten sind damit direkt oder indirekt an den in Südostasien dominierenden Bezahlplattformen beteiligt.

    Chinesische Bildungsangebote prägen die Tech-Szene weltweit

    Auch durch Schulungen für Talente oder junge Start-ups aus den Ländern entlang der Seidenstraße erweitern Chinas digitale Giganten ihren Einfluss auf die dortige Tech-Szene. Amy Karam vom Canadian Global Affairs Institute sieht eine deutliche Absicht der digitalen Seidenstraße darin, Tech Business Parks in Partnerländern zu gründen, die China einen Einblick in und potenziellen Zugang zu künftigen Tech-Innovationen und Start-ups ermöglichen.

    Wuchs Chinas digitales Empire lange unbemerkt über die Landesgrenzen hinweg, trifft es inzwischen auf Widerstand. So versuchen die USA ByteDance´s App TikTok sowie WeChat zu verbieten. In Indien waren Anfang Dezember 2020 bereits über 200 chinesische Apps geblockt. Und das könnte erst der Anfang sein. Chinesische Beteiligungen – auch Minderheitsbeteiligungen – an hoffnungsvollen Tech-Start-ups dürften künftig schwieriger werden. Als jüngster Fall soll Pressemeldungen zufolge Ant Financial beabsichtigen, seine Beteiligung am indischen FinTech Paytm zu verkaufen. Die sich verschlechternden diplomatischen Beziehungen zwischen Indien und China sollen laut Bloomberg einer der Hauptgründe dafür sein.

    Von Corinne Abele | Shanghai

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