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Coronakrise - die große Chance für den Balkan?

Noch setzt Corona der Wirtschaft auf dem Westbalkan zu. Doch genau dieses Virus könnte zur Chance werden, sollten europäische Unternehmen beim Thema Nearshoring Ernst machen.

Von Martin Gaber | Belgrad


  • Strenge Maßnahmen schützen marode Gesundheitssysteme

    Strenge Maßnahmen schützen marode Gesundheitssysteme

    Die Coronawelle hat den Westbalkan bislang größtenteils verschont. Das chronisch unterfinanzierte Gesundheitswesen entgeht so einem Kollaps.

    Es scheint, als wäre der westliche Balkan (Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien) bislang von der Covid-19-Welle größtenteils verschont geblieben. Die sechs Länder der Region verzeichnen bislang nur rund 11.000 bestätigte Infektionen und knapp 300 Todesfälle. Allerdings ist auch die Testquote eher gering: Nur rund 0,5 Prozent der knapp 18 Millionen Einwohner wurden getestet. Zum Vergleich: In Deutschland sind es fast 3 Prozent.

    Zudem haben die Regierungen in Südosteuropa von Beginn an mit strikten Maßnahmen auf die Pandemie reagiert. Strenge Ausgangsbeschränkungen, teilweise Ausgangssperren und geschlossene Grenzen sollten die Bevölkerung und die Gesundheitssysteme schützen. So konnte eine schnelle Verbreitung verhindert werden.

    Kennzahlen zu Covid-19 auf dem Westbalkan
    Stand: 21.04.2020Quelle: zuständige Gesundheitsbehörden, Pressemeldungen, Vereinte Nationen

    Einwohner (in Millionen)

    17,6

    Durchgeführte Tests

    87.812

    Prozent der Bevölkerung getestet

    0,49

    Positive Coronatests

    10.680

    Todesfälle in Verbindung mit Covid-19

    275

    Belastungsprobe für marode Gesundheitssysteme

    Mit den Maßnahmen wollten die jeweiligen Regierungen die Gesundheitssysteme vor einer Überlastung schützen. Diese gelten seit Jahren als chronisch unterfinanziert, obwohl die offiziellen Zahlen ein hohes Investitionsaufkommen erahnen lassen.

    Serbien und Bosnien-Herzegowina investieren knapp 10 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) in das Gesundheitswesen. Ein Wert, der mit Deutschland oder Österreich konkurrieren kann. In der Realität kommt davon aber nur wenig in den Krankenhäusern an. Dort fehlt es an medizinischer Ausrüstung sowie an Medikamenten. Patienten berichten, dass sie benötigte Arzneimittel vorab kaufen und zur Behandlung in die Krankenhäuser mitnehmen müssten. Auch an Medizinern mangelt es zunehmend. Diese wandern nach Westeuropa ab oder wechseln in moderne Privatkliniken, in denen Patienten die Behandlung aus eigener Tasche bezahlen müssen.

    Ausgaben Gesundheitssystem (in % vom BIP)
    Quelle: Weltbank, wiiw, Statistisches Bundesamt, Bundesanstalt für Statistik

    Albanien

    6,7

    Bosnien und Herzegowina

    9,2

    Montenegro

    7,6

    Nordmazedonien

    6,3

    Serbien

    9,1

    Rumänien

    5,0

    Österreich

    10,3

    Deutschland

    11,5

    Krankenhausbetten und Ärzte pro 1.000 Einwohner
    Stand: 2012-2016Quelle: Weltbank

    Land

    Krankenhausbetten

    Ärzte

    Albanien

    2,9

    1,2

    Bosnien-Herzegowina

    3,5

    2,0

    Montenegro

    4,0

    2,3

    Nordmazedonien

    4,4

    2,9

    Serbien

    5,7

    3,1

    Rumänien

    6,3

    2,3

    Österreich

    7,6

    5,1

    Deutschland

    8,3

    4,2



    Von Martin Gaber | Belgrad

  • Wirtschaft auf dem Balkan zwischen Krise und Hoffnung

    Wirtschaft auf dem Balkan zwischen Krise und Hoffnung

    Die Wirtschaft auf dem Westbalkan leidet: Lieferketten brechen ein und Rücküberweisungen aus dem Ausland könnten ausbleiben. Einige Betriebe versuchen mit neuen Ideen zu überleben.

    Zwischen Ausgangssperren und improvisierten Home-Office-Regelungen versucht die Wirtschaft ihren Weg durch die Krise zu finden. Bosnien und Herzegowina, Nordmazedonien und Serbien als eher industriell geprägte Länder kämpfen mit einbrechenden Lieferketten. Die engen Verflechtungen und Abhängigkeiten Serbiens und vor allem Nordmazedoniens mit der europäischen Automobilindustrie werden zur Herausforderung. Montenegro und Albanien kämpfen ihrerseits mit ausbleibenden Touristen. Der Tourismus macht rund ein Viertel des BIP in den beiden Ländern aus und mindestens jeder fünfte Beschäftigte verdient sein Geld in der Branche. Sollte die Hauptsaison diesen Sommer ausfallen, wird dies beide Länder schwer treffen.

    Noch Ende 2019 hatten die Prognosen für den Westbalkan positiv ausgehen. Obwohl der globale Konjunkturmotor ins Stocken geraten war, schien die Region dem Gegenwind trotzen zu können und sollte mit durchschnittlich 3,4 Prozent in diesem Jahr wachsen.

    Konjunkturprognosen für 2020 (BIP-Veränderung in %)
    Quelle: IWF, Erste Bank Group Research, wiiw, eigene Berechnungen

    Land

    2019

    März 2020

    April 2020

    Albanien

    3,2

    1,7

    -7,0

    Bosnien-Herzegowina

    2,5

    1,2

    -5,0

    Kosovo

    2,8

    1,4

    -5,0

    Montenegro

    3,3

    1,7

    -9,0

    Nordmazedonien

    3,7

    2,0

    -4,0

    Serbien

    4,3

    2,8

    -2,3

    Serbiens Corona-Prognosen überraschen

    Serbiens Präsident Aleksandar Vučić hatte früh angekündigt, dass die Regierung alles versuchen werde, das Schrumpfen der Wirtschaft auf minus 2 Prozent zu begrenzenNun scheinen erste internationale Prognosen diese Ankündigungen ziemlich zu bestätigen. Damit würde sich Serbien nicht nur im regionalen, sondern auch im globalen Vergleich sehr gut durch die Krise navigieren.

    Der vergleichsweise milde Dämpfer für Serbiens Wachstum liegt wohl auch daran, dass das Land zum einen ein solides Konjunkturpaket auf den Weg gebracht hat und zum anderen öffentliche Infrastrukturprojekte am Laufen hält. Eine wichtige Stütze ist zudem ein starker landwirtschaftlicher Sektor sowie die lebensmittelverarbeitende Industrie. Serbiens Exporte liegen im Zeitraum Mitte März bis Mitte April nur rund 23 Prozent unter dem Vorjahreswert. Agrarprodukte und Lebensmittel stehen an der Spitze der Exporte. Mit 57 Millionen Euro erzielte Mais den Spitzenplatz, so das Nachrichtenportal eKapija.

    Bosnien und Herzegowina fehlt langfristige Perspektive

    Prognosen gleichen derzeit dem Blick in die Glaskugel. Dennoch gibt es bereits erste Ausblicke für die Länder des westlichen Balkans für 2021. Serbien und Nordmazedonien könnte der schnelle Wiedereinstieg in internationale Lieferketten gelingen. Auch in Albanien und Montenegro wird die Wirtschaft voraussichtlich schnell in Schwung kommen. Voraussetzung ist, dass die Touristenzahlen nach der Coronakrise wieder rapide ansteigen.

    Lediglich Bosnien und Herzegowina fehlt eine langfristige Perspektive. Der Politik gelingt es auch in der Krise nicht, eine einheitliche Linie und damit zumindest eine kurz- und mittelfristige Strategie zu finden. Daher setzen die Betriebe auch nicht auf den Staat, sondern versuchen sich mit eigenen Ressourcen zu helfen und Arbeitsplätze zu erhalten. Das spürt auch Stefanie Ziska, Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Bosnien und Herzegowina:  "Ich höre von den Unternehmen den Willen und die Anstrengung, jeden Arbeitsplatz zu erhalten." Der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht für Bosnien-Herzegowina lediglich ein Wachstum von 3,5 Prozent nach der Krise.

    Konjunkturprognosen für 2021 (BIP-Wachstum in %)
    Quelle: Internationaler Währungsfonds (IWF)

    Albanien

    8,0

    Bosnien-Herzegowina

    3,5

    Kosovo

    7,5

    Montenegro

    6,5

    Nordmazedonien

    7,0

    Serbien

    7,5

    Brechen Überweisungen aus dem Ausland ein?

    Eine wichtige Konsumstütze könnte durch die Coronakrise wegbrechen. In nahezu allen Ländern des westlichen Balkans spielen Rücküberweisungen aus dem Ausland eine herausragende Rolle. Für einige Familien dienen diese zum Aufstocken des Einkommens, für andere stellen die Finanzspritzen von Angehörigen aus dem Ausland das einzige Einkommen dar. Da die Coronakrise einem globalen Rundumschlag gleicht, müssen weltweit Mitarbeiter in Kurzarbeit oder verlieren ihre Jobs. Unwahrscheinlich ist es also nicht, dass die Rücküberweisungen zumindest geringer ausfallen. Insgesamt könnten dadurch Milliarden Euro ausbleiben, wie die Zahlen der Weltbank belegen. Die Rücküberweisungen entsprechen rund 9 Prozent des BIP aller Westbalkanländer zusammen.

    Rücküberweisungen aus dem Ausland 2019 (Schätzungen)
    Zahlen für Montenegro aus dem Jahr 2018Quelle: Weltbank, eigene Berechnungen

    Land

    Summe in Millionen US-Dollar

    Prozent vom BIP

    Albanien

    1.455

    9,4

    Bosnien-Herzegowina

    2.192

    10,9

    Kosovo

    1.249

    15,6

    Montenegro

    589

    10,9

    Nordmazedonien

    317

    2,5

    Serbien

    4.163

    8,1

    Westbalkan gesamt

    9.965

    8,8

    Neue Ansätze in der Krise

    Die Coronakrise erhöht auch den Innovationsdruck auf Unternehmen und zwingt die Betriebe, ihre Produktion entsprechend anzupassen. Der Fokus liegt dabei auf der Produktion von Schutzausrüstung. Ein Beispiel ist das vornehmlich als Autozulieferer bekannte Unternehmen Prevent. Die Prevent-Gruppe ist der deutschen Öffentlichkeit bislang vor allem durch einen Streit mit dem Autobauer Volkswagen bekannt. Nun produziert man in Bosnien Schutzbekleidung. Auch das Unternehmen EMKA mit Sitz in Velbert und einer Produktionsstätte in Goražde produziert Schutzvisiere für medizinisches Personal, wie das Nachrichtenportal BiznisInfo berichtet. Durch die Umstellung der Produktion können die Unternehmen den Betrieb aufrechterhalten und ihre Mitarbeiter weiterbeschäftigen.

    Einen technologischeren Ansatz verfolgt der Autozulieferer TMD aus Gradačac. Das Unternehmen im Norden von Bosnien und Herzegowina produziert im Normalbetrieb mechanische Komponenten für die Autoindustrie. Nun hat TMD sein Know-how für die Fertigung eines Beatmungsgerätes eingesetzt und einen ersten Prototypen entwickelt. Ob es tatsächlich zur Serienreife kommt, bleibt offen.


    Von Martin Gaber | Belgrad

  • Westbalkan mit großem Potenzial für Nearshoring

    Westbalkan mit großem Potenzial für Nearshoring

    Der Westbalkan gilt schon seit einiger Zeit als attraktiver Nearshoring-Standort. Die Coronakrise könnte diese Tendenz beschleunigen.

    Die globale Coronakrise könnte für den Balkan langfristig eine große Chance werden. Globalisierung und verflochtene Weltwirtschaft werden derzeit an den Pranger gestellt. Gleichzeitig gibt es in der europäischen Wirtschaft Überlegungen, Fertigungsstandorte verstärkt in Europa aufzubauen oder nach Europa zurückzuholen. Damit wäre man weniger krisenanfällig, berichtet beispielsweise Der Spiegel. Die Schlagworte hierfür sind Nearshoring und Reshoring.

    Aus deutscher Sicht bedeutet das die Produktion in Ost- und Südosteuropa. Der Westbalkan könnte für die Europäische Union das werden, was Mittelamerika für die Vereinigten Staaten ist: Ein Investitions- und Zulieferstandort mit großer geo- und wirtschaftspolitischer Bedeutung. Und das direkt vor der Haustür, kommentiert Patrick Martens, Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Nordmazedonien.

    Gerade für die Industrie sind dabei Bosnien und Herzegowina, Nordmazedonien und Serbien interessante Standorte. Alle drei Länder sind in Bezug auf Produktivität und Lohnkosten sehr wettbewerbsfähig und liegen geographisch geschickt direkt vor den Toren der Europäischen Union. Patrick Martens dazu: “Das Ergebnis der Coronakrise ist noch nicht absehbar. Ich bin jedoch optimistisch, dass die Krise genutzt wird und Nordmazedonien bei der Neuausrichtung der Elektro-, Automobil- und Pharmaindustrie in Bezug auf Nearshoring und Lieferketten in der ersten Reihe sitzen wird. Am Westbalkan und den Mittelmeeranrainerstaaten wie Tunesien und Marokko gibt es kein vorbei.“

    Arbeitskräfte sind noch ausreichend vorhanden. Dies unterstreicht auch David Parkmann, Stellvertretender Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Bosnien und Herzegowina: "Deutsche Unternehmer schätzen die Verfügbarkeit motivierter Arbeitskräfte innerhalb eines konkurrenzfähigen Lohnniveaus." Im Gegensatz dazu ist es in den Ländern Mittel- und Osteuropas, wie Ungarn oder Slowenien, nur noch schwer möglich, Arbeitskräfte in ausreichender Zahl zu finden. Sollte die europäische Politik und Wirtschaft auch über Corona hinaus an einer Lokalisierungsstrategie für die industrielle Produktion festhalten, dann könnte die Krise für den Balkan tatsächlich zu einer großen Chance werden.

    Das sieht auch der Geschäftsführer der Deutsch-Serbischen Wirtschaftskammer, Martin Knapp, so: "Die AHK Serbien bereitet sich darauf vor, dass das Land nach der heißen Phase der Coronakrise noch stärker als bisher in den Mittelpunkt des Interesses deutscher Investoren treten wird. Auch die Nachfrage nach potentiellen Zulieferern hat bereits begonnen wieder anzusteigen. Sicher war die Straffung von Lieferketten schon vorher für viele ein wichtiges Projekt, aber nach den Erfahrungen der Krise erwarten wir hier nochmal eine deutliche Zunahme der Anfragen."

    Von Martin Gaber | Belgrad

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