Nahaufnahme verschiedener Abfallprodukte wie Spraydosen und PET-Flaschen auf dunklem Hintergrund mit farbigen Markierungsrahmen und Beschriftungen. Automatische Objekterkennung: KI-Anwendungen identifizieren unterschiedliche Abfallarten mit hoher Genauigkeit. | © Wesort AI

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Kreislauf statt Verbrennung: Die Abfallwirtschaft stellt weltweit auf Recycling um

Ein neuer Umgang mit Müll setzt sich durch. Überall gewinnt die Kreislaufwirtschaft an Tempo, getrieben von klaren Vorgaben. Deutsche Anbieter liefern die Technik – von der Sortierung bis zur digitalen Steuerung ganzer Systeme. 

Von Judith Illerhaus, Gerit Schulze, Jenny Tala | Stockholm, Prag, Johannesburg

Joghurtbecher, Getränkekartons, Zahnpastatuben – alles, was in der Sortieranlage für Leichtverpackungen im niederösterreichischen Sollenau über das Band läuft, passiert zuerst einen Scanner. Der Vorgang erinnert an die Gepäckkontrolle am Flughafen. Spezialkameras, Röntgentechnik und künstliche Intelligenz (KI) spüren fälschlich entsorgte Lithium-Akkus und batteriehaltige Elektrogeräte auf. Dann pusten Luftdüsen die unerwünschten Gegenstände vom Band in feuerfeste Container. Das senkt das Brandrisiko erheblich und holt zugleich kritische Rohstoffe wie Lithium, Kobalt und Seltene Erden zurück in den Recyclingkreislauf. Hinter der im Sommer 2025 eröffneten Anlage steht Prezero, ein Unternehmen der deutschen Schwarz Gruppe. Die Sortiertechnologie stammt vom Würzburger Start-up Wesort AI und soll zukünftig auch in weiteren Werken des europaweit tätigen Entsorgungsunternehmens zum Einsatz kommen.  

Die CEOs von Wesort AI, Johannes und Nathanael Laier (v.l.), präsentieren ihre Software-Lösung zur automatischen Erkennung und Klassifizierung von Wertstoffen in Recyclinganlagen. Die CEOs von Wesort AI, Johannes und Nathanael Laier (v.l.), präsentieren ihre Software-Lösung zur automatischen Erkennung und Klassifizierung von Wertstoffen in Recyclinganlagen. | © Wesort AI

Die Anlage in Sollenau steht für einen globalen Trend: Nur wer sauber trennt und effizient arbeitet, erhält hochwertige Sekundärrohstoffe und bewältigt zugleich die wachsenden Abfallmengen. Laut Weltbank fielen 2022 weltweit rund 2,56 Milliarden Tonnen Abfall an. Bis 2050 könnte die Menge auf etwa 3,86 Milliarden Tonnen steigen. Um gegenzusteuern, verschärfen viele Regierungen die Vorgaben und investieren in Abfallvermeidung, Getrenntsammlung und hochwertiges Recycling. Davon profitieren auch deutsche Unternehmen: Sie liefern moderne Sortier- und Aufbereitungstechnik oder beteiligen sich am Aufbau ganzer Recycling-Systeme. Nach Angaben des VDMA-Fachverbands Abfall- und Recyclingtechnik rechnet die Branche 2026 mit einem Umsatzplus von rund 2,3 Prozent. Dabei liegt die Exportquote bei etwa 70 Prozent.  

Dänemark: 65 Prozent Recycling bis 2035 

Dänemark gehört zu den Ländern, die ihre Abfallwirtschaft neu ausrichten. Deponien spielen kaum noch eine Rolle. Der bislang starke Fokus auf die Müllverbrennung soll zugunsten von Recycling und Kreislaufwirtschaft zurückgedrängt werden. Grundlage ist der nationale Kreislaufwirtschafts- und Abfallplan bis 2032, der eine Recyclingquote von 65 Prozent für Siedlungsabfälle bis 2035 vorsieht. Seit 2022 müssen Haushalte ihren Müll in zehn Arten trennen. Gleichzeitig investiert das Land in neue Sortier- und Recyclingkapazitäten, insbesondere für Kunststoffe, Textilien und Bioabfälle. Der Anpassungsbedarf bleibt hoch: Trotz umfangreicher Getrenntsammlung werden noch große Mengen verbrannt. Geschäftschancen ergeben sich daher für Anbieter von Sortier-, Recycling- und Digitalisierungslösungen sowie für Technologien zur Rückgewinnung wertvoller Rohstoffe aus Abfallströmen. 

         Dänemark verfügt bereits über eine sehr gut entwickelte Entsorgungsinfrastruktur. Mit dem weiteren Ausbau der Kreislaufwirtschaft steigt jedoch der Bedarf an moderner Sortier- und Recyclingtechnik kontinuierlich.

Gunnar Beyer Vertriebsleiter mechanische Behandlung bei Eggersmann

Technik aus Deutschland setzt Maßstäbe 

Der deutsche Anlagenbauer Eggersmann ist seit Jahren auf dem dänischen Markt aktiv. Bereits 2012 errichtete das Unternehmen eine Sortieranlage für Leichtverpackungen in Fredericia. 2024 folgte in Esbjerg die größte Anlage ihrer Art in Dänemark. Sie kann jährlich bis zu 160.000 Tonnen Leichtverpackungsabfälle verarbeiten und für das Recycling in elf Wertstofffraktionen aufbereiten. Die Anlage wird von Resource Denmark betrieben und soll dazu beitragen, mehr Kunststoffabfälle im Land zu verwerten, statt sie zu verbrennen oder zu exportieren. 

Industrielle Abfallsortieranlage mit mehreren Förderbändern in Blau und Grün, die in verschiedenen Ebenen angeordnet sind Industrielle Abfallsortieranlage mit mehreren Förderbändern in Blau und Grün, die in verschiedenen Ebenen angeordnet sind | © Eggersmann

„Dänemark verfügt bereits über eine sehr gut entwickelte Entsorgungsinfrastruktur“, sagt Gunnar Beyer, Vertriebsleiter mechanische Behandlung bei Eggersmann. „Mit dem weiteren Ausbau der Kreislaufwirtschaft steigt jedoch der Bedarf an moderner Sortier- und Recyclingtechnik kontinuierlich.“ Das Unternehmen sieht insbesondere Bedarf an moderner Sortier- und Recyclingtechnik sowie an Lösungen zur Verwertung von Rückständen aus der Müllverbrennung. Mit einem neuen Verfahren zur Aufbereitung von Verbrennungsschlacken will Eggersmann künftig zusätzliche Rohstoffe wie Metalle, Glas und mineralische Baustoffe zurückgewinnen. 

Slowakei: Volle Deponien erhöhen den Handlungsdruck  

Auch die Slowakei muss ihre Abfallwirtschaft umfassend umbauen. Getrieben von EU-Vorgaben und nationalen Klimazielen soll der Anteil deponierter Siedlungsabfälle bis 2035 von derzeit 30 auf 10 Prozent sinken. Gleichzeitig will das Land die Recyclingquote deutlich erhöhen und die Kreislaufwirtschaft in Gang bringen. Abfall wird zunehmend als Ressource gesehen, die kritische Rohstoffquellen schützt. Deutsche Anbieter von Sortier-, Recycling-, Energie- und Digitalisierungslösungen können deshalb mit guten Absatzchancen rechnen. 

Der Modernisierungsbedarf ist erheblich: Das Hausmüllaufkommen steigt kontinuierlich, während die bestehenden Deponien an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Geplant sind neue Sortieranlagen in allen Regionen, der Ausbau von Kompostier- und Biogaslösungen für organische Abfälle sowie drei bis vier neue Müllverbrennungsanlagen. Das größte Projekt plant derzeit die Raffinerie Slovnaft in Bratislava. Für 320 Millionen Euro soll dort eine thermische Abfallverwertung für 220.000 Jahrestonnen entstehen. Außerdem beabsichtigt das Unternehmen, Biokraftstoffe aus gebrauchten Speiseölen, Abfallfetten und anderen Reststoffen zu gewinnen. Das Chemieunternehmen Duslo Šaľa will aus Kunststoffabfällen Pyrolyseöl gewinnen, eine Alternative zu fossilen Rohstoffen. Die entsprechende Raffinerie würde 23 Millionen Euro kosten.

Breite Marktchancen entlang der Wertschöpfungskette 

22,3 %

und damit nicht einmal ein Viertel des globalen Elektroschrotts wurde 2022 ordnungsgemäß gesammelt und recycelt.   

Quelle: The Global E-Waste Monitor 2024 

Außerdem entstehen neue Geschäftsmöglichkeiten, wenn Unternehmen Textilien, Batterien, Elektronikschrott und gefährliche Abfälle zunehmend getrennt sammeln und recyceln. In mehreren Bereichen fehlen noch ausreichende Verwertungs- und Behandlungskapazitäten, sodass Abfälle teilweise ins Ausland exportiert werden müssen. Auch technische Lösungen für eine mengenbasierte Müllgebühr, bekannt als Pay-as-you-throw-Systeme, sind gefragt. 2025 beauftragte OLO, der städtische Entsorger in Bratislava, das Bielefelder Unternehmen c-trace, die Abfallsammlung vollständig zu digitalisieren. „Dieser Auftrag zeigt, dass wir mit unseren innovativen Lösungen die komplexen Anforderungen eines solch anspruchsvollen Projekts erfüllen können“, so Michael Eikelmann, Geschäftsführer von c-trace, nach der Vergabe.  

Viele Investitionsprojekte bekommen Zuschüsse aus EU-Fonds. Für die Sortierzentren laufen bereits Förderaufrufe. Internationale Unternehmen haben eine starke Marktposition. Die Remondis-Tochter TSR Slovakia ist umsatzstärkster Anbieter für Metallrecycling. 

Südafrika: Mit Kooperationen Fortschritte erzielen 

In vielen Ländern Afrikas wächst das Abfallaufkommen schneller, als Städte und Kommunen die Entsorgung ausbauen können. Auch Südafrika steht bei der Abfallwirtschaft unter erheblichem Handlungsdruck. Wachsende Abfallmengen, überlastete Deponien und strengere Umweltvorgaben erhöhen den Investitionsbedarf entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Die Regierung setzt verstärkt auf Recycling, Kreislaufwirtschaft und alternative Verwertungsverfahren, während Kommunen und Unternehmen nach Lösungen für die Behandlung von Bioabfällen, Elektroschrott, Industrie- und Verpackungsabfällen suchen. Finanzielle Engpässe und Umsetzungsdefizite bremsen jedoch vielerorts die Modernisierung. 

Als Vorzeigeprojekt gilt das Johannesburg Alternative Waste Treatment Technology (AWTT) Project, eine öffentlich-private Partnerschaft, die Siedlungsabfälle großtechnisch verwertet und die Deponierung verringert. In der Provinz Western Cape entstehen mit Projekten wie dem Cape Town Gas-to-Energy Coastal Park neue Ansätze, Abfälle energetisch zu nutzen. Die Provinz gilt zudem als Vorreiter der südafrikanischen Kreislaufwirtschaft und fördert Innovationen über das Netzwerk Greencape. 

Wachsendes Interesse am Technologietransfer 

Für deutsche Unternehmen eröffnen sich Chancen insbesondere bei Recycling- und Umwelttechnik, Anlagen zur Energiegewinnung aus Abfällen, Sensorik, Automatisierung und digitalen Lösungen für die Kreislaufwirtschaft. Das wachsende Interesse am Technologietransfer zeigte sich auch im Rahmen des Verbundprojekts Circular Economy Südafrika, das 2026 zwei deutsche Unternehmensdelegationen nach Südafrika führte und zahlreiche Kooperationsmöglichkeiten in den Bereichen Recycling, Abfallverwertung und Ressourceneffizienz identifizierte. 

Eine Reihe deutscher Unternehmen ist bereits im Markt aktiv. So unterstützt Vega Grieshaber mit einer eigenen Niederlassung in Südafrika Betreiber von Wasser-, Recycling- und Industrieanlagen mit moderner Mess- und Automatisierungstechnik. K-Utec, Untha und Bezner bieten Lösungen, mit denen sich Bergbau- und Industrieabfälle verwerten und moderne Recyclingprozesse umsetzen lassen. Das zur Bilfinger-Gruppe gehörende Unternehmen Steinmüller Africa modernisiert Anlagen von Industrie- und Energieunternehmen. Zudem unterstützt die deutsche Entwicklungszusammenarbeit südafrikanische Kommunen bei der Einführung kreislauforientierter Abfalllösungen.

Circular Economy Act: Kreislaufwirtschaft „made in EU” 

Die EU-Kommission arbeitet derzeit an einem neuen Gesetz, das die Regeln für Abfallsammlung, Recyclingquoten, Sekundärrohstoffmärkte und Produktverantwortung in der EU vereinheitlichen soll. Mit dem Circular Economy Act (CEA) will die Kommission einen Binnenmarkt für Abfälle und Sekundärrohstoffe etablieren und Unternehmen die grenzüberschreitende Nutzung recycelter Materialien erleichtern. So soll die Kreislaufquote in Europa von derzeit rund 12 Prozent bis 2030 auf 24 Prozent steigen. Eine stärkere Kreislaufwirtschaft kann zudem Abhängigkeiten verringern, Ressourcen sichern und Emissionen senken. Im Herbst 2026 will die EU-Kommission ihren Vorschlag für den Circular Economy Act vorlegen.