Interview | EU | Automobilindustrie

"Niedrigere Energiekosten und schnellere Genehmigungen nötig"

Europas Automobilindustrie leidet unter hohen Energiepreisen und starker Regulierung. Sigrid de Vries vom Verband ACEA blickt dennoch optimistisch in die Zukunft der Branche.

Gerit Schulze

Von Gerit Schulze | Prag

Sigrid de Vries, Generaldirektorin beim Verband der Europäischen Automobilhersteller (ACEA) Sigrid de Vries, Generaldirektorin beim Verband der Europäischen Automobilhersteller (ACEA) | © ACEA - David Plas

Die European Automobile Manufacturers' Association (ACEA) vereint 17 führende europäische Hersteller von Pkw, Lkw und Bussen, darunter alle deutschen Autokonzerne. Der Verband ist eine wichtige Stimme der Branche und bringt sein Fachwissen in Europas Entscheidungsprozesse ein. Im Interview mit Germany Trade & Invest beschreibt Generaldirektorin Sigrid de Vries, welche Herausforderung der Automobilsektor meistern muss und in welchen Segmenten Europa weiterhin einen Vorsprung hat.

Frau de Vries, welche Faktoren beeinflussen derzeit am stärksten die Entwicklung der europäischen Automobilindustrie?

Es ist eine Kombination aus mehreren Belastungen gleichzeitig. Europas Automobilindustrie ist konfrontiert mit einer schwächeren Nachfrage, einem verschärften globalen Wettbewerb, geopolitischen Unsicherheiten und Störungen in den Lieferketten. Hinzu kommen hohe Energie- und Produktionskosten sowie ein zunehmend komplexes regulatorisches Umfeld. Gleichzeitig steht die Branche vor der größten Transformation ihrer Geschichte hin zur emissionsfreien Mobilität. Europa verbindet ambitionierte regulatorische Anforderungen mit industriellen Rahmenbedingungen, die oft weniger wettbewerbsfähig sind als in anderen Weltregionen.

Was ist nötig, um Europas Wettbewerbsfähigkeit als Automobilstandort wieder zu stärken?

Wir müssen zunächst die strukturellen Nachteile angehen: niedrigere und vorhersehbare Energiekosten, schnellere Genehmigungs- und Netzanschlussverfahren, geringere Verwaltungsbelastungen und Zugang zu qualifizierten Arbeitskräften. Außerdem brauchen wir mehr Unterstützung bei Investitionsausgaben und Betriebskosten für strategische Investitionen, besonders die Batterieproduktion. Europa benötigt stärkere Wertschöpfungsketten für Batterien und kritische Rohstoffe. Gleichzeitig muss es offene und diversifizierte internationale Partnerschaften aufrechterhalten.

Die Regulierung muss sich stärker an den Marktgegebenheiten ausrichten. Vereinfachungen sollten kontinuierlich erfolgen, überlappende Anforderungen reduziert und die CO₂-Grenzwerte ausreichend Flexibilität bieten, damit Hersteller weiterhin in die Transformation investieren können.

"Europa verfügt nach wie vor über eine starke Basis in Forschung und Ingenieurwesen."

In welchen Technologiebereichen der Automobilindustrie ist Europa weiterhin stark?

Europa verfügt nach wie vor über eine starke Basis in Forschung, Entwicklung und Ingenieurwesen. Die Automobilunternehmen der EU einschließlich Zulieferer investierten zwischen 2019 und 2024 fast 450 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung. Sie standen 2024 für mehr als 40 Prozent der weltweiten Ausgaben dieser Branche.

Europas Stärke erstreckt sich auf fortschrittliche Fahrzeugentwicklung, elektrifizierte Antriebe, Batterietechnologien, Energieeffizienz, digitale Produktion und zunehmend durch Software definierte Fahrzeuge. Europa verfügt weiterhin über tiefgehendes Know-how in der modernen Fertigung und industriellen Integration.

Wie verändert die Expansion chinesischer Hersteller den europäischen Automarkt?

Der Wettbewerb verschärft sich eindeutig. Im Jahr 2025 stiegen die EU-Importe aus China um fast 31 Prozent. In China hergestellte Autos erreichten nahezu 10 Prozent des EU-Marktes für batterieelektrische Fahrzeuge. Gleichzeitig gingen die Fahrzeugexporte der EU nach China deutlich zurück. Chinesische Hersteller erhöhen den Wettbewerbsdruck in puncto Bezahlbarkeit und Geschwindigkeit bei der Markteinführung. China hat über viele Jahre hinweg strukturelle Vorteile aufgebaut, gestützt auf kontinuierliche Investitionen in Batterien, einen gesicherten Zugang zu kritischen Rohstoffen, niedrigere Energiekosten und ein dichtes Netz an Ladeinfrastruktur.

Wettbewerb an sich ist nicht das Problem; er fördert Innovationen. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob die Unternehmen unter gleichen Bedingungen konkurrieren. Europas Antwort sollte sein, gleiche Wettbewerbsbedingungen sicherzustellen und gleichzeitig die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Wird Europa unter diesen Umständen seine breite industrielle Basis behalten? Oder erwarten Sie, dass sich die Autoproduktion auf weniger Standorte konzentriert?

Künftige Produktionsinvestitionen werden sich zunehmend dort konzentrieren, wo die Gesamtbedingungen für Investitionen am attraktivsten sind: wettbewerbsfähige Energiepreise, angemessene Infrastruktur, qualifizierte Arbeitskräfte, vorhersehbare Regulierung und wirksame Investitionsförderung.

Mittel- und Osteuropa spielt beispielsweise eine strategische Rolle in der europäischen Automobilproduktion und verfügt über erhebliche industrielle Kapazitäten sowie eine große Zahl qualifizierter Arbeitskräfte. Die Region hat weiter viel Potenzial, nicht nur bei der Fahrzeugproduktion, sondern auch bei leistungsfähigen Zulieferern, bei Batterien und neuen Mobilitätstechnologien.

Lassen Sie uns in die Zukunft blicken: Wo wird die europäische Automobilindustrie im Jahr 2030 stehen?

Bis 2030 wird die Branche stärker elektrifiziert, digitalisiert und softwaregetrieben sein. Produktionsstandorte werden weiter umgestaltet worden sein, Kompetenzen bei Batterien und Leistungselektronik werden erheblich wichtiger geworden sein. Die Beschäftigten werden zunehmend Fähigkeiten bei Software, Hochvoltsystemen, Batterien, künstlicher Intelligenz und moderner Fertigung benötigen.

Die Hauptprofiteure werden jene Länder sein, die das wettbewerbsfähigste Gesamtpaket aus Energie, Infrastruktur und Fachkräften bieten. 

Letztlich lautet die größere Frage jedoch, ob Europa insgesamt die nächste Generation von Investitionen in die Automobilindustrie anziehen kann. Die Transformation wird stattfinden. Die politische Herausforderung besteht darin sicherzustellen, dass die neuen Fahrzeuge, Batterien, Technologien und Arbeitsplätze in Europa entstehen und nicht an anderen Standorten.

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