Markets | Ungarn | EU-Förderung
Ungarns Aufbruch: Milliarden aus Europa
Die neue Regierung in Budapest setzt auf einen Neustart mit Brüssel. Dass die EU bisher blockierte Mittel in Milliardenhöhe freigegeben hat, verbessert die Perspektiven für deutsche Unternehmen. Offen bleibt, wie die neue Förder- und Wirtschaftspolitik der Regierung Magyar konkret aussehen wird.
08.06.2026
Von Kirsten Grieß | Budapest
Die EU-Flagge weht wieder am ungarischen Parlament. Als erste Amtshandlung ließ die gerade vereidigte Parlamentspräsidentin Ágnes Forsthoffer am 9. Mai 2026 das blaue Sternenbanner am Budapester Országház hissen. Noch am gleichen Tag wurde Péter Magyar zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Zehntausende Ungarn verfolgten die Zeremonie auf Videoleinwänden und feierten vor dem Parlament bis tief in die Nacht.
Wenige Wochen später folgte auf die symbolische Geste ein konkretes Ergebnis. Die EU-Kommission kündigte an, bis zu 16,4 Milliarden Euro an bislang blockierten Fördermitteln freizugeben. Nach Jahren der Konflikte wächst die Hoffnung auf eine engere Zusammenarbeit mit der Europäischen Union. Die Zusage aus Brüssel wird von vielen Beobachtern als sichtbares Zeichen dieser Annäherung gewertet.
EU-Geldmittel: Freigabe sorgt für Dynamik
Die jüngste Einigung mit der Europäischen Union dürfte auch erhebliche Auswirkungen auf die ungarische Wirtschaft haben. Zusätzliche Investitionen in Verkehrsinfrastruktur, Energienetze, Wohnungsbau, Gesundheit und Bildung könnten das seit drei Jahren stagnierende Wirtschaftswachstum wiederbeleben. Auch deutsche Unternehmen erwarten positive Effekte. Wo öffentliche Investitionen zunehmen, entstehen neue Geschäftsmöglichkeiten für Anbieter von Energietechnik, Industrieausrüstung, Baudienstleitungen oder Medizintechnik. Darüber hinaus signalisiert die Entscheidung aus Brüssel, dass das Vertrauen in die Reformbereitschaft der neuen ungarischen Regierung wächst.
Vor der Wahl bezeichneten die meisten deutschen Unternehmen das Verhältnis zur Europäischen Union als eines der wichtigsten Handlungsfelder einer neuen Regierung. Entsprechend aufmerksam wurde die Einigung in Brüssel verfolgt. Von Euphorie kann dennoch keine Rede sein. Viele Unternehmen begrüßen den neuen Kurs, warten aber auf konkrete wirtschaftspolitische Entscheidungen.
Erste Signale sprechen für einen Stimmungsumschwung. Der Wert der Landeswährung Forint stieg nach dem Regierungswechsel deutlich. Laut Umfragen der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer (DUIHK) verbesserten sich auch die Erwartungen der Mitgliedsunternehmen. Sowohl die Geschäftsaussichten als auch die Einschätzungen zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung werden inzwischen deutlich positiver bewertet. Die neue Regierung profitiert dabei von einem erheblichen Vertrauensvorschuss. Gleichzeitig steht sie unter Druck, ihre wirtschaftspolitischen Ankündigungen mit Maßnahmen zu unterlegen. Bei vielen Vorhaben ist noch unklar, wie die konkret aussehen werden.
EU-Mittel für Ungarn
Kommission gibt 16,4 Milliarden Euro frei – Brüssel knüpft Auszahlung an Reformen
Die EU-Kommission blockierte noch bis Ende Mai 2026 rund 18 Milliarden Euro für Ungarn: Jetzt sollen 6,5 Milliarden Euro an Zuschüssen und 3,5 Milliarden Euro an Krediten aus dem Corona-Wiederaufbaufonds sowie 6,4 Milliarden an Kohäsionsgeldern freigegeben werden. Die Auszahlung ist an Reformen zur Korruptionsbekämpfung und Rechtsstaatlichkeit geknüpft. Zudem muss Budapest einen überarbeiteten Wiederaufbauplan umsetzen und bis Ende August 2026 die vereinbarten Reformen sowie förderfähige Projekte abschließen. Bei den Kohäsionsmitteln stehen zusätzlich Grundrechtsfragen im Raum.
Förderpolitik: neuer Fokus auf Innovationen
Der Regierungswechsel hat die Erwartungen von Wirtschaft und Gesellschaft spürbar verändert. Die neue Führung verspricht einen funktionierenden Staat, transparente Entscheidungen, mehr Rechtssicherheit und eine engere Zusammenarbeit mit Europa.
Das neu geschaffene Ministerium für Wirtschaft und Energie übernimmt István Kapitány. Der frühere Shell-Manager galt bereits im Wahlkampf als wichtigster Wirtschaftsexperte Magyars. Das Ressort wurde neu zugeschnitten, Kapitány verantwortet künftig zusätzlich die Bereiche Energie und Außenwirtschaft. Letztere war unter der Vorgängerregierung dem Außenministerium zugeordnet. Die deutsche Wirtschaftscommunity hat insbesondere die Ernennung von Dr. Ágnes Fábián zur Staatssekretärin für Wirtschaftsentwicklung positiv aufgenommen. Die ehemalige Geschäftsführerin von Henkel Magyarország gehörte von 2016 bis 2025 dem Vorstand der DUIHK an und ist weiter Mitglied im Beirat.
Inhaltlich deutet sich eine Neujustierung der Förderpolitik an. Während die Vorgängerregierung industrielle Großansiedlungen ausländischer Investoren großzügig subventionierte, soll die Förderung künftig stärker auf ungarische KMU, Zukunftsbranchen und Forschung & Entwicklung ausgerichtet sein. Konkrete Förderkriterien liegen bislang nicht vor. Bereits laufende Großinvestitionen deutscher Unternehmen, etwa die Werkserweiterung von Mercedes-Benz in Kecskemét oder die neue BMW-Gigafabrik in Debrecen, dürften davon allerdings nicht mehr betroffen sein.
Als wirtschaftliche Zukunftsfelder nennt die Regierung Energiespeicher, künstliche Intelligenz, Robotik, Verteidigungsindustrie, Raumfahrt und Biotechnologie. Größere Investitionen werden insbesondere im Energiesektor erwartet. Nach Angaben des Ministeriums konzentriert sich der neue Energiestaatssekretär zunächst auf Maßnahmen, die für die Umsetzung der Vereinbarungen mit Brüssel und den Einsatz der freigegebenen EU-Mittel erforderlich sind. Gleichzeitig zeichnet sich eine stärkere Öffnung für erneuerbare Energien ab: Vor allem bei der Windkraft könnte es zu Bewegung kommen. Die Regierung plant, bestehende bauliche Beschränkungen aufzuheben, die den Windkraftausbau bislang stark begrenzt haben. Daraus ergeben sich Chancen für deutsche Anbieter von Energie- und Übertragungstechnik. Gleiches gilt beim notwendigen Ausbau der ungarischen Netzinfrastruktur.
Migration und Steuern: Pläne stoßen auf Kritik
Gleichzeitig bleibt vieles offen, und neben viel Zustimmung stoßen einzelne Vorhaben der Regierung auch auf Kritik. So ist geplant, die Einreise von Gastarbeitern aus Nicht-EU-Staaten ab Juni einzuschränken. Wegen des anhaltenden Arbeits- und Fachkräftemangels sehen das viele Unternehmen kritisch. Vor allem die Industrie ist auf zusätzliche Arbeitskräfte angewiesen. Experten fürchten um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts, Wirtschaftsverbände drängen auf Konsultationen. Offen bleibt auch, wie schnell die Regierung Sondersteuern abbauen kann, die unter der Vorgängerregierung für binnenmarktorientierte Branchen wie Banken und Einzelhandel eingeführt wurden. Die neue Regierung hat versprochen, „schrittweise“ vorzugehen, konkrete Zeitpläne liegen bislang jedoch nicht vor. Zusätzlichen Druck könnte eine Klage erzeugen, die die EU-Kommission im April beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) eingereicht hat.
Die EU-Flagge am Parlament stand zur Wahl des neuen Ministerpräsidenten für einen politischen Neuanfang. Wenige Wochen später haben die europäischen Farben auch eine wirtschaftliche Bedeutung bekommen. Mit der angekündigten Freigabe von bis zu 16,4 Milliarden Euro ist aus dem Symbol ein greifbarer Erfolg geworden. Ob daraus ein nachhaltiger wirtschaftlicher Aufschwung entsteht, muss jetzt die praktische Regierungsarbeit zeigen.
Wirtschaftskurs nach der Wahl
Magyar setzt auf Investitionen, Technologie und Reformen
Die Regierung will Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum stärken. Dafür setzt Budapest auf folgende Prioritäten:
Förderpolitik: Fokus auf KMU, moderne Technologien, F&E und wertschöpfungsstarke Investitionen
Energie: Diversifizierung der Versorgung, Ausbau von Windkraft, Geothermie und Energieeffizienz
Verkehr: Modernisierung von Bahnnetz und Bahnflotte, Überprüfung der Straßenkonzessionen
Arbeitsmarkt: Gastarbeiterstopp, Modernisierung des Arbeitsrechts
Haushalt: Einhaltung der Maastricht-Kriterien, Vorbereitung der Euroeinführung
Öffentliche Vergabe: strengere Kontrollen und mehr Transparenz