Wirtschaftsumfeld | Ungarn | Parlamentswahlen 2026
Machtwechsel in Ungarn: Unternehmen hoffen auf Reformen
Nach dem Wahlsieg von Tisza steht die Wirtschaftspolitik vor einem Neustart. Die Sanierung der Staatsfinanzen wird zur ersten Bewährungsprobe.
13.04.2026
Von Kirsten Grieß | Budapest
Der Orbán-Herausforderer Péter Magyar steuert nach der Parlamentswahl am 12. April 2026 auf einen Erdrutschsieg zu. Seine Tisza-Partei könnte mit einer Zweidrittelmehrheit im Parlament regieren. Während Orbán den Ukraine-Krieg ins Zentrum seiner Kampagne stellte, konzentrierte sich Magyar auf innenpolitische Themen und adressierte die Alltagssorgen vieler Menschen in Ungarn. Er kritisierte Korruption im Umfeld der Regierungspartei und machte sie für Probleme im Gesundheits- und Bildungssystem sowie für die schwache wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich.
Ungarns Wirtschaft unter Druck
Die ungarische Wirtschaft stagniert seit drei Jahren: 2025 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,3 Prozent. Lange trugen die exportorientierte Industrie, insbesondere die Automobilbranche, sowie umfangreiche EU-Fördermittel die Konjunktur. Seit über zwei Jahren ist die Industrieproduktion wegen schwacher Auslandsnachfrage rückläufig, zudem sind seit 2022 Milliarden an EU-Geldern eingefroren. Zuletzt stützte vor allem der private Konsum das Wachstum, auch begünstigt durch Wahlgeschenke der Fidesz-Regierung.
Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) berechnete im März 2026, dass das Haushaltsdefizit in den ersten beiden Monaten bereits rund 40 Prozent des Defizitziels von 5 Prozent des BIP erreichte. Geopolitische Risiken sind darin noch nicht berücksichtigt. Aufgrund der Energieimportabhängigkeit und energieintensiven Industrie zählt Ungarn zu den EU-Volkswirtschaften, die besonders stark von den wirtschaftlichen Folgen des Krieges im Nahen Osten betroffen sind. Die Nationalbank senkte im März ihre Wachstumsprognose für 2026 von 2,4 auf 1,7 Prozent.
Vor den Frühjahrsrunden der Ratingagenturen warnen Fitch und S&P, dass eine Anpassung der Kreditbewertung nötig werden könnte, sollten nach der Wahl keine Haushaltskorrekturen erfolgen. Das Rating liegt derzeit im unteren Investment-Grade-Bereich mit negativem Ausblick. Eine Herabstufung auf "Ramsch"-Niveau würde den Forint schwächen, Importpreise und Kreditzinsen erhöhen. Das träfe auch deutsche Investoren.
Haushaltslage begrenzt Handlungsspielräume
Für eine Regierung unter Ministerpräsident Péter Magyar dürfte der Haushalt zur ersten Bewährungsprobe werden. Ratingagenturen könnten einen Regierungswechsel zunächst positiv bewerten und eine mögliche Herabstufung vertagen. Magyar setzt darauf, die Auszahlung eingefrorener EU-Gelder von rund 18 Milliarden Euro zu erreichen. Dafür sind institutionelle Reformen erforderlich, die eine stabile parlamentarische Mehrheit voraussetzen.
Ein mögliches Szenario ist, dass die neue Regierung einen Teil der EU-Kohäsionsmittel freisetzen kann, sobald glaubwürdige Antikorruptionsmaßnahmen erfolgen. EU-Insider rechnen jedoch mit Verzögerungen bei den Auszahlungen. Schneller könnten Gelder im Rahmen der SAFE-Kreditlinie, des EU-Kreditprogramms zur Förderung der Verteidigungsindustrie, bewilligt werden. Der finanzielle Spielraum für Investitionen bliebe dennoch begrenzt. Mittelfristig könnten Steuermehreinnahmen und Fortschritte bei der Korruptionsbekämpfung den Haushalt entlasten.
Unternehmen fordern mehr Planbarkeit und Rechtssicherheit
Seit 2022 fehlen EU-Fördergelder als wichtiger Konjunkturimpuls. Betroffen sind vor allem Unternehmen der Bau- und Energiewirtschaft, die auf eine Normalisierung der Beziehungen zur EU hoffen. Laut Konjunkturumfrage der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer (DUIHK) zählt die bisherige Wirtschaftspolitik zu den größten Geschäftsrisiken in Ungarn. Unternehmen fordern mehr Planbarkeit und Rechtssicherheit.
EU-Förderung 2021 bis 2027
Ungarn kann bis 2027 rund 22 Milliarden Euro an Kohäsionsmitteln der EU und bis 2026 Zuschüsse über 5,8 Milliarden Euro sowie Kredite in Höhe von 3,9 Milliarden Euro aus dem EU-Wiederaufbaufonds abrufen. Brüssel blockiert die Auszahlung seit 2022 aufgrund von Defiziten bei der Rechtsstaatlichkeit und der Korruptionsbekämpfung. Ende 2023 erhielt Ungarn 1 Milliarde Euro aus dem Wiederaufbaufonds und trotz öffentlicher Kritik 10 Milliarden Euro aus dem Kohäsionsfonds. Eine Klage dagegen ist anhängig. Da die Reformbemühungen weiter als unzureichend gelten, könnte Ungarn sämtliche Wiederaufbaumittel und auch Teile der Kohäsionsmittel verlieren.
Einige Dienstleistungssektoren sahen sich unter der bisherigen Regierung stark von staatlichen Eingriffen betroffen, darunter Einzelhandel, Kommunikation, Energie und Finanzwesen. Branchenvertreter kritisieren seit Jahren kurzfristige Sondersteuern, Preisbegrenzungen und regulatorische Eingriffe, von denen ausländische Unternehmen oft stärker betroffen sind.
Arbeitsmarkt und Energiepreise im Fokus
Nach Einschätzung von Róbert Keszte, DUIHK-Vorstand und Country Director von AUMOVIA, zählen neben dem regulatorischen Umfeld der Arbeitsmarkt und die Energiepreise zu den wichtigsten Themen für Unternehmen. Auf beiden Feldern hat die Fidesz-Regierung wenig überzeugt – etwa bei Lohnkosten, ausländischen Arbeitskräften oder Industriestrompreisen. Viele Unternehmen erwarten nun Verbesserungen, auch wenn konkrete wirtschaftspolitische Schritte der neuen Regierung noch offen sind.
Magyar hat für zentrale Politikfelder ein Expertenteam vorgestellt. Wirtschaft und Energie verantwortet der frühere Shell-Manager István Kaptány. Zu den Kandidaten von Tisza zählen zahlreiche Ökonomen und Unternehmer. Das Programm sieht weitreichende wirtschaftspolitische Reformen vor, die bisherige Subventionspolitik soll kritisch überprüft werden. Mit verlässlicheren staatlichen Institutionen will Tisza Unternehmen vor allem mehr Rechtssicherheit, Planbarkeit und fairen Wettbewerb ermöglichen.
Regierungsbildung und institutionelle Hürden
Das amtliche Endergebnis der Wahlkommission wird spätestens am 1. Mai erwartet. Das neue Parlament tritt voraussichtlich am 11. Mai erstmals zusammen. Bis dahin bleibt die Fidesz-Regierung geschäftsführend im Amt. Anschließend schlägt Staatspräsident Tamás Sulyok einen Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten vor. Die Wahl des Tisza-Kandidaten gilt als sicher.
Die neue Regierung trifft jedoch auf einen Staat, den Viktor Orbán während seiner 16-jährigen Amtszeit tiefgreifend umgebaut hat. Die Verfassungsreform von 2011 erschwert die Novellierung vieler Gesetze, zudem sind Schlüsselpositionen im Staatsapparat mit Fidesz-Getreuen besetzt. Eine Zweidrittelmehrheit im Parlament dürfte die Handlungsfähigkeit der neuen Regierung deutlich stärken.