Island_Herobild Der markante gelbe Leuchtturm im alten Stadthafen von Reykjavik ist ein Wahrzeichen der isländischen Hauptstadt. | © picture alliance/imageBROKER/A. Sommer

Markets | Island | EU-Referendum

Die Unabhängigkeit setzt sich durch

Ende August hat Island neue Beitrittsverhandlungen mit der EU abgelehnt. Eine Vollmitgliedschaft in der EU ist dieses Jahrzehnt also unwahrscheinlich. Dennoch bietet das Land für deutsche Unternehmen interessante Chancen – nicht nur in klassischen Wirtschaftszweigen, sondern auch in innovativen Nischen. 

Oliver Idem

Von Oliver Idem | Bonn

Das war knapp: Knapp 53 Prozent der Isländer stimmten gegen neue Beitrittsverhandlungen mit der EU. Kein Problem für Kristrún Frostadóttir. Die isländische Premierministerin hatte schon vor der Abstimmung angekündigt, die Entscheidung zu akzeptieren. Auch wenn ihre sozialdemokratische Allianz zuvor für ein Ja gekämpft hatte. “Ich betrachte das nicht als Rückschlag”, sagte Frostadóttir am Tag nach dem Referendum. Vorerst kein EU-Beitritt, so viel ist sicher. Dennoch will die Regierungschefin die Handelsbeziehungen weiter ausbauen. 

Schon heute ist Island politisch und wirtschaftlich eng mit dem europäischen Festland verknüpft. Über den Hafen der isländischen Hauptstadt Reykjavík laufen wichtige internationale Schifffahrtsrouten in den Nordatlantik. Island gehört zum Europäischen Wirtschaftsraum und zum Schengen-Raum. Die Wirtschafts- und Umweltgesetzgebung orientiert sich zum Großteil an EU-Standards. “Besonders großes Potenzial besteht deshalb weiterhin in langfristigen Technologie- und Industriepartnerschaften, bei denen deutsche und isländische Unternehmen ihre jeweiligen Stärken zusammenbringen“, sagt Andreas Wenzel, Geschäftsführer der Deutsch-Dänischen Handelskammer, die deutsche Unternehmen auch zu Island berät. Ein Manko ist jedoch, dass zuletzt der Außenwert der isländischen Krone erheblich schwankte, Inflation und Zinsen hoch sind. So erwartet der Internationale Währungsfonds 2026 eine Inflationsrate von 4,8 Prozent. Dennoch hat die Nation wirtschaftlich viel zu bieten – auch deutschen Unternehmen.  

Erneuerbare Energien als Basis für künftiges Wachstum 

Island bezieht seine Energie zu 90 Prozent aus erneuerbaren Quellen, insbesondere Geothermie und Wasserkraft. Darum rechnet sich sogar die Produktion von Aluminium aus importiertem Bauxit. Und die Möglichkeiten sind noch bei weitem nicht ausgeschöpft: Laut der isländischen Botschaft in Berlin nutzt das Land derzeit lediglich ein Viertel seiner regenerativen Energieressourcen. Mit seinem Potenzial für die Wasserstoffwirtschaft und die Mineralisierung von CO2 im Gestein genießt Island internationale Bedeutung. Ein weiterer Ausbau bringt voraussichtlich enorme Lieferchancen bei Anlagen, Mess- und Netztechnik und Energiesystemen. 

         Island bietet deutschen Unternehmen interessante Chancen vor allem dort, wo deutsche Technologiekompetenz auf isländische Standortvorteile trifft – etwa bei erneuerbaren Energien und Geothermie, grünen Technologien, Infrastruktur sowie in der Fischerei- und Lebensmittelwirtschaft. 

Andreas Wenzel Geschäftsführer Deutsch-Dänische Handelskammer

Günstige und grüne Energie bildet eine solide Basis für digitale Infrastruktur und Technologien. Kein Wunder also, dass die isländische Bevölkerung der Digitalisierung offen gegenübersteht. Die rund 220 isländischen Start-ups sind zu einem nennenswerten Teil im Fintechbereich und anderen Technologiezweigen aktiv. In Zukunft dürften Unternehmen aus Island beispielsweise in den Bereichen künstliche Intelligenz und Cybersicherheit an Bedeutung gewinnen. 

Island: Wohlstand und Gesundheitsversorgung auf hohem Niveau 

In der Gesundheitswirtschaft spielen in den Feldern Medizintechnik, Telemedizin und Diagnostik starke technische Komponenten ebenfalls eine große Rolle. Neben der Alterung der Bevölkerung spricht auch der hohe Wohlstand und die weitreichende Gesundheitsversorgung für künftiges Wachstum. Rund 4.400 Menschen arbeiten im kleinen, aber schnell wachsenden Biotechnologiesektor. 

Fischerei und Lebensmittelverarbeitung gehören zu den klassischen Kernbranchen Islands. So entfielen 2025 knapp 45 Prozent der Exporte auf Nahrungsmittel. Das entsprach einem Warenwert von rund 2,9 Milliarden Euro. Die Nachfrage dieses Sektors nach Automatisierungs-, Verarbeitungs- und Kühltechnik dürfte künftig weiter zunehmen. 

94.000 Euro

beträgt die Wirtschaftsleistung pro Kopf in Island.  

Quelle: IWF 2026 

 

90 Prozent

des Primärenergieangebots stammten 2024 aus erneuerbaren Quellen.  

Quelle: OECD 2026

 

226 Start-ups

sind in Island aktiv.  

Quelle: Plattform StartupBlink 2026

 

Island, ein kleiner Markt abseits des Festlands 

Wer sich in Island geschäftlich engagieren will, sollte jedoch bedenken: Nach wie vor ist die Fischereibranche mit zahlreichen Kleinunternehmen der wichtigste Wirtschaftszweig der Nation. Große produzierende Industriebetriebe sind eher selten und beschränken sich auf Hersteller von Fisch und Meeresfrüchten, Metall und Baustoffen. Zudem bleibt Island mit circa 400.000 Einwohnern ein begrenzter Markt mit oft langen Transportwegen. Ein Blick auf die Chancen in den einzelnen Branchen lohnt sich aber dennoch. Der Ausblick für die Gesamtwirtschaft zeigt nach oben. Der Internationale Währungsfonds geht 2026 von einem Wirtschaftswachstum von real 1,9 Prozent aus. Im Folgejahr soll sich die Zunahme auf 2,1 Prozent beschleunigen.