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Kasachstan will Milliarden in neue Kohlekraftwerke investieren

Kasachstan will acht neue Kohlekraftwerke bauen sowie bestehende Anlagen modernisieren. Das schafft Geschäftschancen bei energieeffizienter und emissionsarmer Technologie.

Von Viktor Ebel | Almaty

Die kasachische Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch. In den vergangenen Jahren konnte der alternde Kraftwerkspark mit dem steigenden Stromverbrauch nicht Schritt halten. Das rohstoffreiche Kasachstan musste Elektrizität aus Russland importieren. Nun gehen lange geplante Gasturbinenkraftwerke sowie Wind- und Solarparks eines nach dem anderen ans Netz. Sie sollen dafür sorgen, dass Kasachstan ab 2027 keinen Strom mehr importieren muss. Für die kasachische Regierung ist die Energieautarkie jedoch nur ein Zwischenziel. 

33 Mrd. t

betragen die Kohlereserven in Kasachstan, so das kasachische Energieministerium

Das zentralasiatische Land will mit günstigem Strom Datenzentren im Land ansiedeln und die überschüssige Elektrizität exportieren. Dafür möchte Kasachstan neben Gas und erneuerbaren Energien auch seine großen Kohlereserven nutzen. Die Regierung kündigte an, bis 2030 acht neue Kohlekraftwerke mit einer Gesamtkapazität von über 5 Gigawatt zu errichten. Der fossile Brennstoff ist auch in Kasachstan nicht unumstritten. Deshalb soll moderne Ausrüstung zum Einsatz kommen, um die Umweltbelastung möglichst gering zu halten. 

Acht neue Kohlekraftwerke in Vorbereitung

Im März 2026 genehmigte die Regierung den Nationalen Plan zur Entwicklung der Kohleverstromung. Hinter dem sperrigen Namen verbergen sich acht neue Kohlekraftwerke in den von Industrie und Bergbau geprägten Gebieten Zentral-, Nord- und Nordostkasachstans. Das größte von ihnen soll mit einer Leistung von 2,6 Gigawatt das Großkraftwerk GRES-3 in Ekibastuz werden. Der Standort beheimatet bereits eines der größten Kohlekraftwerke der Welt (GRES-1). Perspektivisch soll hier mit günstigem Kohlestrom das Data Center Valley, Kasachstans Antwort auf den KI-Hype, versorgt werden.

Insgesamt sollen die acht neuen Kraftwerke rund 5,3 Gigawatt an zusätzlicher Leistung schaffen. Dafür sind Investitionen in Höhe von über 11 Milliarden US-Dollar (US$) veranschlagt. Weitere rund 5 Milliarden US$ sind für die Modernisierung bestehender Kohlekraftwerke vorgesehen. Neben dem Ausbau der Kapazitäten um 1,2 Gigawatt sollen neue Turbinen und Leistungskessel installiert werden. Zudem ist geplant, den Emissionsausstoß um 35 Prozent zu senken. Dafür sollen für etwa 660 Millionen US$ die "besten verfügbaren Techniken“ eingeführt werden, darunter:

  • Rauchgasreinigungssysteme,
  • Neue Feuerungs- und Brennereinrichtungen,
  • Entstaubungsanlagen (Elektrofilter, Gewebefilter, Emulsionsabscheider),
  • Systeme zur Rauchgaskonditionierung.
Elf Kohlekraftwerke stehen vor Modernisierung(Investitionssumme in Millionen US-Dollar)
Projekt

Investitionssumme

(in Millionen US-Dollar)

Leistung

(in Megawatt)

FertigstellungAnmerkungen
Erweiterung und Modernisierung des Kondensationskraftwerks Aksu GRES

310

325

2028

ERG Capital Projects
Erweiterung des Kraftwerks Ekibastus GRES-2 (Kraftwerksblock Nr. 3 und Nr. 4)

2.225

1.100

2028/2030

Samruk Energy; Harbin Electric International
Austausch veralteter Generatoren und Kauf neuer Generatoren in den Heizkraftwerken Balqasch und Schesqasghan

803

50

2028

Kazakhmys Energy
Kauf neuer Dampfkessel und Generatoren für Karaganda Energozentr

315

140

2028

Karaganda Energozentr; Eurasische Entwicklungsbank
Kauf neuer Dampfkessel und Generatoren für das Heizkraftwerk Öskemen

291

100

2029

Kazakhstan Utility Systems; Eurasische Entwicklungsbank
Modernisierung eines Dampfkessels des Heizkraftwerks Stepnogorsk

32

30

2029

Stepnogorskaya Tets
Erweiterung des Heizkraftwerks Schachtinsk

452

130

2030

Shakhtinskteploenergo
Erweiterung des Heizkraftwerks Sogra

135

50

2030

Kazakhstan Utility Systems
Erweiterung des Heizkraftwerks 2 bei Qarmet

413

230

2030

Qarmet
Erweiterung des Kraftwerks Topar GRES

28

250

2030

Kazakhmys Energy
Quelle: Nationaler Plan für die Entwicklung der Kohleverstromung 2026 bis 2030

Russland nicht länger an Kraftwerken beteiligt

Die Entkopplung des kasachischen Energiesektors von Russland betrifft auch die neuen Kohlekraftwerke. Ursprünglich waren die drei Meiler in Kökschetau, Semei und Öskemen in Kooperation mit Moskau geplant worden. Dafür lag auch eine russische Finanzierungszusage vor. Nach stockenden Verhandlungen verkündete der staatliche Energieriese Samruk Energy im Januar 2026, dass Russland aus dem Rennen sei. 

Kurz darauf wurde bekannt gegeben, dass ein kasachisch-singapurisches Unternehmen als EPC-Auftragnehmer (Engineering, Procurement and Construction) verpflichtet wurde. Die Lieferung der Hauptausrüstung, darunter Turbinen, Generatoren sowie Leistungs- und Heißwasserkessel, soll Medienberichten zufolge 2027 beginnen. Ohne russische Beteiligung dürften die Compliance-Hürden bei diesen Projekten für deutsche Unternehmen deutlich niedriger sein. 

Energiesektor wichtiger Abnehmer von Ausrüstung

Die Energiewirtschaft gilt traditionell als wichtiger Abnehmer von Maschinen (Turbinen, Pumpen, Förderanlagen, Ventilatoren), elektrischer Ausrüstung (Generatoren, Transformatoren, Schaltanlagen, Hochspannungstechnik), Mess- und Regeltechnik (Druck-, Temperatur- und Durchflussmesser, Leittechnik) sowie Metallwaren (Industriearmaturen, Ventile, Rohrleitungskomponenten). 

170 Mrd. US$

Investitionsbedarf prognostiziert die Eurasische Entwicklungsbanker für den Energiesektor der zentralasiatischen Länder bis 2030

Damit spiegelt der Bedarf der Branche das Exportportfolio Deutschlands nach Kasachstan wider. So setzt beispielsweise das 2023 ans Netz gegangene 422-Megawatt-Fernheizkraftwerk in der Hauptstadt Astana auf deutsche Technik. Insgesamt 22 Gas- beziehungsweise Zweistoffbrenner der Firma Weishaupt befeuern die dort installierten Heißwasserkessel der BBS GmbH aus Freiberg am Neckar.

Weitere Gaskraftwerke mit deutscher Beteiligung sind ein 1-Gigawatt-Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerk in der Region Turkestan sowie die Umrüstung des Kohlemeilers TEZ-2 in Almaty auf Gas. Für beide Anlagen liefert Siemens Energy moderne Gasturbinen. Diese und weitere Gaskraftwerkprojekte wurden bereits oder werden im Laufe des Jahres 2026 abgeschlossen. Im Bereich der konventionellen Stromerzeugung verlagert sich das Projektgeschehen mittelfristig auf die Kohle.

Die Bruttoanlageinvestitionen im Energiesektor dürften aufgrund der Menge und Kapitalintensität der Projekte erneut zulegen. Im Jahr 2025 stiegen sie bereits um satte 62 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf fast 4,7 Milliarden US$. Damit konnte die Energiewirtschaft ihren Anteil an den gesamten realisierten Bruttoanlageinvestitionen im Land auf 9,5 Prozent steigern. Im Jahr 2022 waren es nur 5,4 Prozent. 

Aufbau von Kohlechemieindustrie geplant

Um die Meiler in den nächsten Jahren mit ausreichend Rohstoffen zu versorgen, will Kasachstan die Kohleförderung ausweiten. Im Jahr 2025 wurden fast 116 Millionen Tonnen Kohle zutage gefördert. Die Prognose des Energieministeriums für 2026 geht bereits von 129 Millionen Tonnen aus. Neben den Kohlekraftwerken könnte die Kohle in naher Zukunft noch eine andere Verwendung finden: Die Kohlechemie soll zu einem neuen Standbein der verarbeitenden Industrie ausgebaut werden. Derzeit werden drei Projekte mit einem veranschlagten Investitionsvolumen von rund 260 Millionen US$ vorbereitet. Dazu zählen eine Kokerei sowie zwei Anlagen zur Herstellung von Dieselkraftstoff aus Kohle. Darüber hinaus werden weitere Vorhaben geprüft, darunter eine Ammoniak- und Harnstoffproduktion sowie eine Anlage zur Erzeugung von Erdgasersatz aus Kohle.