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Neue Textilprojekte beleben Kasachstans Leichtindustrie
Trotz Rekordernten bei Baumwolle ist Kasachstan bei Textilien und Bekleidung zu gut 90 Prozent auf Importe angewiesen. Neue Gesetze und Fabriken sollen eine Trendumkehr einleiten.
27.08.2026
Die Leichtindustrie Kasachstans steckt noch in den Kinderschuhen. Ihr Anteil am verarbeitenden Gewerbe lag 2025 nach Angaben des kasachischen Statistikbüros bei lediglich 0,8 Prozent. Das zeigt sich auch am Marktanteil einheimischer Produzenten von Textilien, Bekleidung und Schuhen. Beobachtern zufolge liegt dieser im einstelligen Bereich. Dabei verfügt Kasachstan über wichtige Standortvorteile für die Textilindustrie. Das Land erzielte in den letzten Jahren Rekordernten bei Baumwolle und bietet niedrige Energiepreise sowie moderate Lohnkosten.
Dass die Branche dennoch nur langsam wächst, hängt vor allem mit Billigimporten aus Nachbarländern zusammen. Hinzu kommt, dass die heimische Textilindustrie in der Vergangenheit nur begrenzt gefördert wurde. Entsprechend gering fiel die Investitionsbereitschaft aus.
Aktuelle Zahlen deuten jedoch auf eine Belebung der Branche hin. Produktion und Investitionen nehmen zu, nachdem mehrere Verarbeitungsbetriebe ihre Tätigkeit aufgenommen haben. Gleichzeitig gehen die Exporte von Rohbaumwolle zurück. Weitere geplante Textilfabriken sowie Gesetzesinitiativen zur Förderung der Branche sollen die Trendumkehr festigen. Deutsche Anbieter von Textilmaschinen könnten davon profitieren. Im Nachbarland Usbekistan sind sie bereits aktiv.
Textilindustrie in das Blickfeld internationaler Investoren geraten
Vor allem in der Textilindustrie sind die Investitionen zuletzt deutlich gestiegen. Im Jahr 2025 vervierfachten sie sich gegenüber dem Vorjahr auf 74 Millionen US-Dollar (US$). Nach Angaben der Regierung gingen auch mehrere Betriebe an den Start, darunter:
- ein Wollverarbeitungsprojekt im Gebiet Aktöbe,
- eine Anlage zur Herstellung gewebter Geostoffe aus Polypropylen im Gebiet Atyrau,
- sowie die erste Phase eines Baumwollkomplexes im Gebiet Turkestan.
Bei dem letztgenannten Vorhaben handelt es sich um ein langfristig angelegtes Großprojekt des chinesischen Unternehmens Xinjiang Lihua Group. Das Unternehmen will insgesamt 360 Millionen US$ in Anbau und die Ernte von Baumwolle sowie mehrere Verarbeitungsbetriebe investieren. Nach Medienberichten sollen bei voller Auslastung der Anlage jährlich mehr als 13.000 Tonnen Garn, über 47 Millionen Quadratmeter Stoffe, 2 Millionen Sets Bettwäsche sowie 4 Millionen Decken produziert werden.
sind in Kasachstans Leichtindustrie tätig, so der Verband Qaz Textile Industry.
Das Ausmaß des Projekts wird im Vergleich zur derzeitigen Produktion der kasachischen Textilindustrie deutlich. Nach Angaben des Industrieministeriums wurden 2025 landesweit lediglich 500 Tonnen Garn sowie 5 Millionen Quadratmeter Stoff hergestellt.
Die bislang geringen Importe von Textilmaschinen stiegen 2025 deutlich an. Nach durchschnittlich rund 2 Millionen US$ pro Jahr in den Vorjahren erreichten sie 20 Millionen US$. Deutschland war 2025 nach China das zweitwichtigste Lieferland. Die deutschen Exporte von Maschinen zum Spulen, Wickeln und Haspeln von Garnen nach Kasachstan erreichten 6 Millionen US$.
Weitere Lieferchancen könnten durch Textilprojekte entstehen, die sich derzeit in Vorbereitung befinden. Neben Baumwolle soll künftig erstmals Industriehanf in großem Maßstab genutzt werden.
| Projekt | Investitionen | Stand | Anmerkungen |
|---|---|---|---|
| Agroindustrieller Komplex für den Anbau und die Verarbeitung von Industriehanf | bis zu 150 | In Vorbereitung | Investor aus Usbekistan |
| Agrarindustrieller Cluster für den Anbau und die Verarbeitung von Industriehanf im Gebiet Kysylorda | 102 | In Umsetzung (bis 2027) | Harvest Agro (Schweiz) |
| Projekt zur Anbau und Verarbeitung von Industriehanf und Flachs im Gebiet Kostanai | Phase 1: 2; Phase 2: 62 | In Umsetzung | Investor aus den USA |
Ausstoß der Branche soll bis 2030 auf über 1,5 Milliarden US-Dollar steigen
Zur Förderung der Branche erarbeitet die Regierung gemeinsam mit dem Verband Qaz Textile Industry derzeit ein Entwicklungsproramm. Es wird darauf abzielen, das Produktionsvolumen bis 2030 von aktuell 500 Millionen auf mehr als 1,5 Milliarden US$ zu verdreifachen. Dafür plant die Regierung unter anderem:
- Lokalisierung: Bei staatlichen Beschaffungen soll der Anteil heimischer Textilerzeugnisse erhöht werden.
- Steueranreize: Eine Abschaffung von Körperschaft- und Mehrwertsteuer wird diskutiert.
- Kennzeichnung: Pflichtkennzeichnungen sollen Schmuggel und Scheinproduktion eindämmen sowie faire Wettbewerbsbedingungen fördern.
- Finanzierung: Präferenzkredite mit einem Zinssatz von maximal 6 Prozent sollen Investitionen attraktiver machen.
Regierung führt stufenweise Pflichtmarkierung ein
Bereits ab dem 1. Dezember 2026 führt Kasachstan schrittweise die Pflichtkennzeichnung für die Textil- und Bekleidungsindustrie ein. Damit soll die Rückverfolgbarkeit ihrer Erzeugnisse sichergestellt werden.
Mit China und Usbekistan grenzt Kasachstan beispielsweise an Länder, die Textilschwergewichte sind. Dank Massenfertigung beziehungsweise niedriger Lohnkosten lassen sich Textilien dort deutlich günstiger produzieren.
"Während einheimische Firmen hohe Steuern und vergleichsweise hohe Löhne zahlen, umgehen einige Importeure den Zoll und können ausländische Produkte deutlich billiger anbieten", sagt Ilya Zabaznov vom Branchenverband Qaz Textile Industry in einem TV-Interview.
Neben Schmuggel gilt laut Zabaznov auch Scheinproduktion als ein erhebliches Problem der Branche. Er kritisiert, dass Unternehmen Local-Content-Vorgaben umgehen und von Beschaffungsvorteilen profitieren, obwohl ihre Waren kaum oder gar nicht in Kasachstan veredelt wurden. Die geplante Pflichtmarkierung dürfte dieses Vorgehen zukünftig erschweren.
| Phase | Startdatum | Kennzeichnungspflichtige Produkte |
|---|---|---|
| 1. | 1. Dezember 2026 | Kunstpelzkleidung, gestrickte Unterwäsche, Skianzüge, Oberbekleidung, Bettwäsche, Küchen- und Badwäsche |
| 2. | 1. März 2027 | Neue Kategorien von Textilien und Bekleidung werden hinzugefügt (die genaue Liste wird im kasachischen Amtsblatt Adilet veröffentlicht) |
| 3. | 1. Oktober 2027 | Vollständige Abdeckung aller Produkte der Leichtindustrie |
German Pavilion auf größter Textilmesse Zentralasiens
Die Maßnahmen könnten den aktuellen Trend bei Produktion und Investitionen in nachhaltiges Wachstum überführen. Kasachische Unternehmen würden dann mittelfristig neben Spinn- und Spulmaschinen auch häufiger Ausrüstung zum Weben, Stricken, Veredeln und Konfektionieren beschaffen.
Dass deutsche Textilmaschinen in Zentralasien einen guten Ruf genießen, zeigt ein Blick auf das Nachbarland Usbekistan. Vom 8. bis 10. September 2026 findet dort die Central Asian International Textile Machinery Exhibition statt. Auf der Messe wird es auch einen deutschen Gemeinschaftsstand mit zehn deutschen Firmen geben.
Die Produkte der Aussteller aus Deutschland decken nahezu die gesamte Wertschöpfungskette der Textilindustrie ab. Das Angebot reicht von der Faseraufbereitung bis zur Konfektion. Zentralasiens größte Fachmesse für Textilmaschinen dürfte auch eine gute Gelegenheit bieten, mit kasachischen und usbekischen Einkäufern ins Gespräch zu kommen.