SWOT-Analyse | Lettland
Erneuerbare Energien rücken in den Mittelpunkt
Lettlands Arbeitskosten gehören weiterhin zu den niedrigsten in der EU. Chancen für deutsche Unternehmen bietet der Aufbau von Windkraftanlagen in der lettischen Ostsee.
04.01.2024
Lettland ist mit 1,9 Millionen Einwohnern das fünftkleinste Land der EU. Die lettische Wirtschaftsleistung pro Kopf ist geringer als in den beiden Nachbarländern Estland und Litauen. Die Hauptstadt Riga ist die größte baltische Metropole.
Großes Potenzial für Offshore-Windenergie
Lettland zählt zu den Ostseeanrainerstaaten mit dem größten Potenzial für die Erzeugung von Strom aus Offshore-Windkraftanlagen. Nach Einschätzung der Europäischen Kommission könnten Anlagen mit einer Gesamtkapazität von bis zu 14,5 Gigawatt in der lettischen Ostsee installiert werden. Zum Vergleich: Für Deutschland beziffert die Kommission das Potenzial auf 8 Gigawatt.
Das baltische Land betrachtet den Ausbau vor allem durch eine sicherheitspolitische Brille. Mithilfe der erneuerbaren Energien will man sich unabhängig von ausländischen – vor allem russischen – Energieimporten machen. Mit Nachbarland Estland wird beispielsweise der gemeinsame Offshore-Windpark Elwind entwickelt. In einigen Jahren dürfte der in Lettland erzeugte Strom aus erneuerbaren Energien die Inlandsnachfrage übersteigen. Das baltische Land könnte dann grünen Wasserstoff produzieren und nach Deutschland exportieren.
Der Ausbau von erneuerbaren Energien ist dringend notwendig, denn aus Russland importiertes Erdgas spielte im lettischen Energiemix eine wichtige Rolle. So lag die Importabhängigkeit von russischem Erdgas 2021 bei 100 Prozent. Seit Januar 2023 ist die Einfuhr von Gas aus Russland jedoch untersagt. Um die heimische Gasnachfrage zu decken, spielt das Flüssiggas-Terminal im Nachbarland Litauen eine große Rolle. Lettland besitzt mit Inčukalns den einzigen Gasspeicher im Baltikum. Dieser wird bis 2025 weiter ausgebaut.
Auf politischer Ebene will Lettland die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland möglichst weit minimieren. Nach Einschätzung von Marktkennern gibt es im Land aber Wirtschaftsvertreter, die darauf hoffen, dass die Beziehungen zu Russland nach dem Ende des Ukrainekrieges wieder ausgebaut werden können. Besonders deutlich wird dies im Energiesektor.
Günstiger Produktionsstandort
Lettland verzeichnete in der jüngeren Vergangenheit einen deutlich höheren Anstieg der Arbeitskosten als im EU-Durchschnitt. Die Zuwächse fielen allerdings niedriger aus als in vielen anderen Staaten Ost- und Mitteleuropas. Zudem bleibt Lettland im EU-Vergleich weiterhin ein Land mit relativ niedrigen Kosten. Im Jahr 2022 mussten lettischen Firmen im Durchschnitt 12,40 Euro für eine Stunde Arbeit bezahlen. Der EU-Durchschnitt lag bei 30,20 Euro. Lettland bietet damit das sechstniedrigste Arbeitskostenniveau innerhalb der EU. Ein weiterer Standortvorteil sind die Sonderwirtschaftszonen. Sie werben mit einer deutlichen Ermäßigung der Körperschaftsteuer.
Arbeitskräfte auch außerhalb der Hauptstadtregion knapp
Der Fachkräftemangel im Land gefährdet zunehmend die Wettbewerbsfähigkeit lettischer Firmen. In einer Unternehmensumfrage der Europäischen Kommission im 4. Quartal 2023 gab jedes fünfte lettische Industrieunternehmen an, dass der Arbeitskräftemangel die eigene Produktion einschränkt. Besonders Firmen in der Hauptstadtregion sind betroffen. Aber auch in den anderen Teilen des Landes wird die Suche nach Fachkräften immer aufwändiger.
Um dem entgegenzuwirken, werben lettische Betriebe immer mehr Arbeitskräfte aus nicht EU-Ländern an. Die Unternehmen berichten allerdings von einem hohen bürokratischen Aufwand. Lettlands Wirtschaftsministerium hat Mitte Dezember 2023 die Anforderungen für die Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften in nicht reglementierten Berufen gelockert.
Um mit dem Fachkräftemangel klar zu kommen, setzen immer mehr Firmen im Land auf Automatisierung. Hier ist der Nachholbedarf noch groß, das zeigt der neueste World Robotics Bericht der International Federation of Robotics. Dem Report zufolge kamen 2022 in Lettland zwölf Industrieroboter auf 10.000 Beschäftigte. In den Nachbarländern Estland und Litauen waren es 38 beziehungsweise 40.
Ausbildungsniveau entspricht nicht Bedürfnissen des Marktes
Zu den Herausforderungen des lettischen Investitionsstandorts zählt zudem das Ausbildungsniveau. In einigen Bereichen hinkt dieses dem Niveau anderer europäischer Länder hinterher. Nach Einschätzung ausländischer Investoren im Land läuft die Berufsausbildung sowie die Hochschulbildung zum Teil an den Bedürfnissen der Unternehmen vorbei. Auch in der öffentlichen Verwaltung gibt es ihrer Ansicht nach Verbesserungsbedarf. Zwar weist diese einen hohen Digitalisierungsgrad auf, allerdings fehle es zum Teil an klaren Zuständigkeiten.
Nach wie vor ist die Schattenwirtschaft in Lettland weit verbreitet. Im Jahr 2022 betrug sie laut dem von der Stockholm School of Economics in Riga veröffentlichten "Shadow Economy Index for the Baltic Countries" 26,5 Prozent des lettischen Bruttoinlandsprodukts. Es ist der höchste Wert unter den baltischen Ländern. Besonders groß ist der Umfang der Schattenwirtschaft nach wie vor im Bausektor. Aber auch im Einzelhandel sowie dem Dienstleistungssektor registrierten die Experten hohe Ausmaße.