SWOT-Analyse | Litauen

Fokus auf erneuerbare Energien

Litauen will zukünftig Strom exportieren. Dafür müssen neue Kapazitäten zur Energieerzeugung aufgebaut werden. Problematisch sind der Fachkräftemangel und die Schattenwirtschaft.

Von Niklas Becker | Helsinki

Litauen ist seit 2004 Mitglied der EU und der NATO. Im Jahr 2015 führte das baltische Land den Euro als offizielle Währung ein. Mit knapp 2,8 Millionen Einwohnern ist Litauen im europäischen Vergleich zwar klein, aber gleichzeitig der größte Absatzmarkt unter den drei baltischen Ländern. Anders als Estland und Lettland profitiert Litauen von einer direkten logistischen Anbindung an Polen.

SWOT-Analyse Litauen

S

Stärken Strengths

  • Günstige Ostseelage zwischen Polen, Lettland, Estland, Nordeuropa und GUS
  • EU-, Euroraum- und Nato-Mitglied
  • Sieben Freihandelszonen mit deutlichen Steuervergünstigungen
  • Im EU-Vergleich noch niedrige Arbeitskosten bei hoher Produktivität
  • Verfügbarkeit von EU-Fördermitteln
W

Schwächen Weaknesses

  • Kleiner Binnenmarkt mit rund 2,8 Mio. Einwohnern
  • Zunehmender Fachkräftemangel bei hoher Arbeitslosigkeit
  • Hohe Abhängigkeit von Energieimporten
  • Starke Bedeutung von Industrien mit geringer Wertschöpfung
  • Unprofessionelle öffentliche Ausschreibungen 
O

Chancen Opportunities

  • Investitionen der Industrie zur Verbesserung der Energieeffizienz
  • Weiterentwicklung der Industrie durch ausländische (auch deutsche) Investoren
  • Verbesserte Schienenanbindung durch Rail-Baltica-Projekt
  • Regierungsziele zum Aufbau eigener Stromproduktion
  • Potenzial zum Nearshoring und als Beschaffungsmarkt
T

Risiken Threats

  • Steigendes Ausmaß der Schattenwirtschaft
  • Abhängigkeit von EU-Fördermitteln
  • Berufsausbildung teilweise am Markt vorbei
  • Stromnetz ist Teil des russischen BRELL-Systems
  • Druck auf Wettbewerbsfähigkeit durch anhaltende Lohnsteigerungen

Arbeitskosten steigen weiter

Unternehmen in Litauen mussten 2022 im Schnitt 13,20 Euro für eine Arbeitsstunde bezahlen. Damit weist das größte baltische Land die siebtniedrigsten Arbeitskosten innerhalb der EU auf. In der jüngeren Vergangenheit ist jedoch ein deutlicher Anstieg der Löhne und Gehälter zu verzeichnen. So vermeldete Litauen 2022 mit 13,7 Prozent den drittgrößten Anstieg der Arbeitskosten im EU-Vergleich. Im Jahr 2021 registrierte das Land gar das höchste Wachstum. 

Ein Grund für die kräftigen Lohnsteigerungen ist der litauische Arbeitskräftemangel. Trotz einer Arbeitslosenquote von 6 Prozent im Jahr 2022 finden viele Betriebe im Land keine Mitarbeiter. Zum Teil ist das auf eine an den Bedürfnissen der Wirtschaft vorbeilaufende Ausbildung zurückzuführen. Im Jahresverlauf 2022 und 2023 hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt aufgrund der wirtschaftlichen Abkühlung jedoch etwas entspannt. In einer Unternehmensbefragung der Europäischen Kommission gaben im 4. Quartal 2023 noch 14 Prozent der Industrieunternehmen an, dass der Arbeitskräftemangel die eigene Produktion einschränkt. Zum Jahresende 2021 waren es noch 30 Prozent. 

Litauen will Stromexporteur werden

Das baltische Land will in einigen Jahren Strom an andere EU-Länder exportieren. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Derzeit importiert Litauen etwa drei Viertel seines Strombedarfs. In Zukunft ist daher mit verstärkten Investitionen in die Energieproduktion vor allem erneuerbare Energien zu rechnen. Dabei rückt besonders Offshore-Windenergie stärker in den Fokus. 

Neusten Schätzungen zufolge werden für Litauens Energiewende Investitionen von mehr als 70 Milliarden Euro benötigt. Unterstützung beim Aufbau heimischer Stromerzeugungskapazitäten bekommt Litauen von der EU. Anfang Dezember 2023 unterzeichnete das baltische Land eine neue Vereinbarung mit der Europäischen Kommission, die zusätzliche Fördermittel im Rahmen der Aufbau- und Resilienzfazilität in Höhe von 1,75 Milliarden Euro sichert, 550 Millionen Euro davon sind für Investitionen in erneuerbare Energiequellen vorgesehen. 

Deutsche Firmen interessieren sich für Litauen als Investitionsstandort

In den vergangenen Jahren konnte Litauen viele Investoren aus dem Ausland gewinnen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die sich abkühlende Weltwirtschaft sowie anhaltende Probleme bei den Lieferketten haben den Trend zuletzt verlangsamt. Litauens Regierung will deshalb neue Anreize für ausländische Investoren schaffen. Bereits jetzt sind Firmen bei Investitionsprojekten in den insgesamt sieben Freihandelszonen unter anderem für zehn Jahre von der Unternehmenssteuer befreit. Danach gilt für weitere sechs Jahre ein verminderter Steuersatz. 

Bei deutschen Unternehmen spielt Litauen als möglicher Investitionsstandort weiterhin eine Rolle. Presseberichten zufolge erwägt beispielsweise die Deutsche Bank, ein Service-Center in Litauen zu eröffnen. Auch der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall prüft laut litauischen Parlamentsvertretern Möglichkeiten zum Bau eines Werks in Litauen. 

Dabei ist das baltische Land nicht nur als Investitionsstandort interessant für deutsche Unternehmen. Dank EU-Mitgliedschaft, der logistischen Nähe und einem niedrigeren Lohnkostenniveau als in Deutschland, wird Litauen als Beschaffungsmarkt für die deutsche Wirtschaft immer interessanter. Die Fertigstellung des Bahn-Infrastrukturprojekts Rail Baltica würde die Anbindung Litauens weiter verbessern. Die ursprünglich für 2025 vorgesehene Fertigstellung verzögert sich allerdings. 

Ausmaß der Schattenwirtschaft auf Rekordniveau

Ein Problem in Litauen bleibt die Schattenwirtschaft. Im Jahr 2022 belief sich das Ausmaß auf 25,8 Prozent des heimischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Damit war die Schattenwirtschaft so groß wie noch nie seit Beginn der Erfassung im Jahr 2009, zeigt der von der Stockholm School of Economics in Riga veröffentlichte "Shadow Economy Index for the Baltic Countries". Seit 2014 messen die Experten ein wachsendes Ausmaß der Schattenwirtschaft im Land. Damals betrug der Umfang noch 12,5 Prozent des BIP. 

Kennern des Landes zufolge ist die Qualität der litauischen Ausschreibungsverfahren teilweise verbesserungswürdig. Dies führt dazu, dass laufende Ausschreibungen korrigiert oder gar zurückgenommen und neu aufgesetzt werden. In der Vergangenheit kam es auch zu Einzelfällen von zugeschnittenen Ausschreibungen.