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Ein Jahr Ukrainekrieg: Europa passt seine Lieferketten an

Russlands Krieg und westliche Sanktionen führten zu Lieferengpässen und Preissprüngen bei Energieträgern, Metallen, Düngemitteln und Getreide. Nun entspannt sich die Marktlage.

Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

Die Weltwirtschaft passt sich im zweiten Kriegsjahr besser an die Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine an. Die Europäische Union verringert schrittweise ihre Abhängigkeit von russischen Rohstoffimporten. Überwies der Staatenbund vor dem 24. Februar 2022 für Öl, Gas und Kohle-Lieferungen rund 1 Milliarde US-Dollar (US$) pro Tag nach Russland, ist diese Summe ein Jahr später um rund ein Drittel gesunken. Die deutschen Importe aus Russland fielen 2022 in der Menge um 41,5 Prozent. Hauptgrund für den starken Rückgang sind massive westliche Wirtschaftssanktionen gegen Russlands klassische Exportgüter wie fossile Energieträger, Metalle und Düngemittel. Hinzu kommt der politische Wille, sich aus der russischen Abhängigkeit zu lösen.

  • Europa verringert Abhängigkeit von russischem Öl

    Die EU löst sich von Öllieferungen aus Russland. Ersatz kommt aus Nahost und Kasachstan. Russland kann sein Öl nur mit Preisabschlägen verkaufen, vor allem an China und Indien.

    Vor Kriegsbeginn deckte die Europäische Union (EU) mit 4 Millionen Barrel pro Tag (bpd) rund ein Drittel ihres Rohölbedarfs aus Russland. Bis Ende 2022 gingen die Rohölimporte aus Russland auf rund 600.000 bpd zurück. Nach dem am 5. Dezember 2022 eingeführten Embargo auf zur See transportiertes Öl aus Russland wird sich dessen Anteil am Energiemix der EU weiter verringern. Seit 5. Februar 2023 unterliegt auch die Einfuhr von Ölprodukten per Schiff den Sanktionen.

    Deutschland ersetzt Rohöleinfuhren aus Russland vollständig

    Die Bundesrepublik deckte vor dem Krieg mit rund 687.000 bpd ein Drittel ihres Bedarfs mit russischem Rohöl. Es wurde vor allem über die Pipeline „Druschba“ (Freundschaft) geliefert. Im Januar 2023 sank der Anteil russischen Öls auf Null. Durch das Ende der Öllieferungen per Pipeline nach Deutschland verliert Russland täglich rund 18 Millionen Euro.

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    Ersatz kommt aus Nahost und Kasachstan. Das zentralasiatische Land liefert Rohöl über den Kaspi-Hafen Aqtau und durch die Druschba-Pipeline. Der staatliche kasachische Pipelinebetreiber KazTransOil will 2023 rund 1,2 Millionen Tonnen Rohöl nach Deutschland pumpen. Hauptabnehmer sind die ostdeutschen Raffinerien Schwedt und Leuna, die bislang mit russischem Öl versorgt wurden.

    Preisdeckel auf Rohöl und Ölprodukte lässt Exporterlöse sinken

    Am 5. Dezember 2022 führten die EU, die G7-Staaten und Australien eine Preisobergrenze von 60 US-Dollar (US$) für Lieferungen von russischem Rohöl an Drittstaaten ein. Trotz des Drängens der Baltischen Staaten und Polens will die G7 den Ölpreisdeckel vorerst nicht weiter senken. Seit 5. Februar 2023 ist zudem eine Preisobergrenze von 100 US$ je Fass auf hochwertige russische Ölprodukte wie Diesel und von 45 US$ je Fass auf günstigere Ölprodukte wie Heizöl in Kraft.

    Die Maßnahme zeigt den gewünschten Effekt. Der Preisdeckel beschneidet Russlands Ölexporteinnahmen. Zudem ermöglicht das Instrument auch nicht-westlichen Abnehmern, Russland zu größeren Preisabschlägen auf Öllieferungen zu drängen. Zugleich bleibt die weltweite Versorgung mit Rohöl- und Raffinerieprodukten aus Russland sichergestellt.

    Russlands Ölausfuhren stiegen 2022 um 8 Prozent auf rund 142 Millionen Tonnen, wovon rund 40 Prozent in die EU gingen, meldet die Internationale Energieagentur. In diesem Jahr steigerte Moskau seine Einnahmen mit der Ausfuhr von Öl und Ölprodukten um 42,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf rund 383,7 Milliarden US$, meldet der Föderale Zolldienst. Das entspricht mehr als einem Drittel der russischen Exporterlöse.

    Seit dem Inkrafttreten des Preisdeckels auf Rohöl sank die Menge der Ölexporte um etwa die Hälfte, berechnete der EU-Thinktank Bruegel. Im 1. Quartal 2023 kostete ein Fass der Ölsorte Urals durchschnittlich nur noch 49 US$. Die Exporterlöse mit Rohöl sanken im gleichen Zeitraum auf 22 Milliarden US$, die Steuereinnahmen des russischen Staatshaushalts um 45 Prozent auf rund 18,3 Milliarden Euro.

    Die Situation verändert sich auch durch die Ankündigung des Erdölkartells Opec+ (zu dem Russland gehört), ab Anfang Mai bis Ende Dezember 2023 die Fördermengen um 1,16 Millionen bpd zu kürzen, nicht grundlegend. Zwar kletterte der Preis für ein Barrel Urals kurz nach der Ankündigung Anfang April 2023 auf ein Zwischenhoch von rund 83 US$ pro Barrel. Doch seit Mitte April sinkt der Preis wieder und lag am 1. Mai 2023 bei rund 60 US$.

    Russland leitet Ölexporte nach Asien um

    Die Russische Föderation lenkt ihre Ölausfuhren zu befreundeten Staaten in Afrika und Asien um. Im April 2023 gingen 70 Prozent der russischen Ölexporte nach Indien und 20 Prozent nach China. Beide Staaten schlossen sich dem G7-Ölpreisdeckel nicht an. Im Jahr 2022 stiegen die russischen Ölexporte nach Indien bereits um das 16-fache auf rund 1,6 Millionen bpd. Der Subkontinent bezieht aktuell rund 40 Prozent seiner Ölimporte aus Russland. Die russischen Ölexporte nach China stiegen im 1. Quartal 2023 um 38 Prozent, meldet der Branchendienst Kpler. Der Anteil russischen Öls am chinesischen Import liegt mittlerweile bei rund einem Fünftel. Russland verdrängte im Januar 2023 mit einer Liefermenge von durchschnittlich 1,9 Millionen bpd sogar Saudi-Arabien als wichtigsten Öllieferanten Chinas. Die wichtigsten Abnehmer von russischem Diesel sind die Türkei, Marokko, Brasilien, Tunesien und Saudi-Arabien.

    Durch die steigende Bedeutung des asiatischen Marktes bei gleichzeitig einbrechenden Lieferungen nach Westen sinkt die Bedeutung des Urals-Preisindex. Die bis dato wichtigste russische Sorte bildete jahrzehntelang den Richtwert für Exportpreise von Rohöl nach Europa auf dem freien Markt. Aktuell gewinnt der Preis für Öl, das über die Eastern Siberia Pacific Ocean (ESPO)-Pipeline exportiert wird, als Richtwert an Bedeutung. Dessen Preis stieg seit der Einführung des Ölpreisdeckels. Denn Russlands Lieferkapazitäten über die ESPO-Pipeline und den fernöstlichen Hafen Kozmino sind mit 1,8 Millionen bpd beinahe ausgeschöpft. Zudem treibt die hohe indische und chinesische Nachfrage den Preis, der am 1. Mai 2023 bei rund 68 US$ pro Barrel lag.

    Russland muss Ölförderung drosseln

    Das Energieministerium kündigte am 5. März 2023 an, die Fördermenge um 500.000 bpd (im Vergleich zu 2022) auf rund 9,5 Millionen bpd zu reduzieren. Diese Maßnahme soll bis Ende 2023 beibehalten werden. Im Jahr 2022 stieg die Ölproduktion um 2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 535 Millionen Tonnen.

    Mittelfristig dürfte Russlands Fördermenge weiter sinken. Die Ölfelder sind geologisch komplex, zu ihrer Erschließung wird westliches Know-how benötigt, das jedoch unter Sanktionen steht. Zudem verließen Ölfelddienstleister aus westlichen Ländern wie Halliburton, Schlumberger oder Weatherford den russischen Markt, den sie zu rund einem Fünftel bedienten. Chinesische Alternativen sind noch nicht so weit entwickelt und kommen als Ersatz kurzfristig nicht infrage. Im Jahr 2022 steigerten russische Ölfirmen die Bohrungen um 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf rund 28.000 Kilometer.

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

  • Deutschland löst sich aus Abhängigkeit von russischem Gas

    Europa verringert die Einfuhren von Pipeline-Gas aus Russland. Der Kreml will die wegbrechenden Einnahmen durch verstärkte Gaslieferungen nach China kompensieren.

    Vor Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine war die Europäische Union (EU) ein Großabnehmer von russischem Erdgas. Der Staatenbund importierte im Jahr 2021 rund 155 Milliarden Kubikmeter aus Russland. Das entsprach einem Anteil von 36 Prozent an den gesamten Gaseinfuhren der EU. Bis Ende 2022 sank die Importmenge auf 100 Milliarden Kubikmeter und der russische Marktanteil auf rund ein Fünftel, meldet Eurostat.

    Die G7-Staaten und die EU wollen den Gasbezug über Pipelines, bei denen Russland die Lieferungen eingestellt hat, nach Europa verbieten. Betroffen sind unter anderem die beschädigte Nord-Stream-Pipeline und die Jamal-Pipeline durch Polen.

    Deutschland ersetzt Gasimporte aus Russland

    Die Bundesrepublik reduzierte den Anteil von russischem Pipeline-Gas im Verlauf des Jahres 2022 von 55 Prozent vor Kriegsbeginn auf nahe Null. Norwegen löste Russland als wichtigsten Gaslieferanten Deutschlands ab. Aus dem skandinavischen Land kam 2022 rund ein Drittel des importierten Gases. Lieferland Nummer zwei waren die Niederlande. Aus Russland (Platz 3) stammte, vor allem im 1. Halbjahr 2022, nur noch rund ein Fünftel der Vorkriegsmenge. Weiteres Gas bezieht Deutschland aus Aserbaidschan, Katar und den USA.

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    Damit Deutschland für den nächsten Winter gewappnet ist, werden Regasifizierungsanlagen für Flüssiggas (LNG) errichtet. Seit Dezember 2022 sind drei schwimmende LNG-Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Lubmin mit einer Gesamtkapazität von 17 Milliarden Kubikmetern pro Jahr in Betrieb. Der Energiekonzern RWE wird ab 2027 rund 2,2 Millionen Tonnen LNG pro Jahr aus den USA importieren. Auch mit der Abu Dhabi National Oil Company vereinbarte RWE die Lieferung von Flüssiggas. Der katarische Energiekonzern Qatar Energy und das US-Unternehmen Conoco Phillips unterzeichneten einen Vertrag zur Lieferung von 2 Millionen Tonnen LNG pro Jahr nach Deutschland ab 2026.

    Russisches Flüssiggas erreicht Europa weiterhin

    Um die verringerten Lieferungen von Pipeline-Gas aus Russland kompensieren zu können, steigerten die EU-Länder ihre Importe von Flüssiggas im Jahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr um rund 58 Prozent auf 137 Milliarden Kubikmeter. Ein Teil des LNG kam auch aus Russland, dass seine Lieferungen nach Europa im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent auf rund 22 Milliarden Kubikmeter erhöhte, so der britisch-amerikanische Finanzdatenanbieter Refinitiv. Das entspricht rund der Hälfte der russischen LNG-Exporte im Jahr 2022. Für 2023 rechnet Refinitiv mit einen Anstieg russischer LNG-Lieferungen nach Europa um weitere 10 Prozent.

    Doch der Staatenbund will eine erneute Abhängigkeit von Russland vermeiden. Die Mitgliedsstaaten sollen den Import von LNG ohne EU-Sanktionen eigenständig aussetzen können. Mit einem Mechanismus soll russischen Exporteuren vorübergehend die Möglichkeit verwehrt werden, für ihre LNG-Exporte Kapazitäten im Fernleitungsnetz der EU zu reservieren.

    Russlands Gaseinnahmen brechen ein

    Russlands Exporte von Erdgas sanken 2022 um rund ein Viertel auf 184 Milliarden Kubikmeter. Davon gingen rund 100 Milliarden Kubikmeter an Abnehmer aus Nicht-GUS-Ländern. Die Exporte in Länder außerhalb der GUS könnten sich 2023 auf rund 50 Milliarden Kubikmeter halbieren, schätzt der Energieausschuss des Staatsrats.

    Während nach Kriegsbeginn und nach dem Lieferstopp von Gas durch die Pipeline Nord-Stream-1 im September 2022 die Erdgaspreise mit rund 350 Euro pro Megawattstunde (MwH) in die Höhe geschossen waren, stabilisierte sich das Preisniveau zum Jahrestag der Invasion wieder. Der als Referenz geltende Terminkontrakt TTF an der Energiebörse in den Niederlanden lag zum 24. Februar 2023 bei rund 72 Euro pro MwH und damit wieder auf Vorkriegsniveau. Gründe sind die gut gefüllten Erdgasspeicher und der um rund ein Fünftel reduzierte Gasverbrauch seitens Industrie und Privathaushalten.

    In der Folge brachen Russlands Einnahmen aus dem Export fossiler Energieträger 2022 um rund 500 Millionen US$ pro Tag ein. Vor allem der Verlust des lukrativen europäischen Absatzmarktes reißt ein Loch in den Staatshaushalt, der sich zu rund 40 Prozent aus dem Export fossiler Energieträger speist.

    China und Türkei sollen EU-Markt ersetzen

    Russland verdoppelte 2022 mit rund 15,4 Milliarden Kubikmeter Gas seine Lieferungen über die Pipeline Sila-Sibirii-1 nach China. Zudem steigerte das größte Flächenland der Welt seine LNG-Ausfuhren nach China im Vergleich zum Vorjahr um 44 Prozent auf rund 9 Milliarden Kubikmeter im Wert von rund 7 Milliarden US$. Russland setzt auf den weiteren Ausbau seiner Gasexporte nach China. Im Februar 2023 vereinbarten die Staatsoberhäupter Wladimir Putin und Xi Jinping den Bau der Pipeline Sila-Sibirii-2 durch die Mongolei. In den kommenden 30 Jahren sollen jährlich rund 50 Milliarden Kubikmeter Gas aus den westsibirischen Feldern in die Industriezentren Chinas gepumpt werden. Doch aktuell ist unklar, wer die Baukosten in Milliardenhöhe stemmen wird.

    Mit der Türkei vereinbarte Russland den Bau eines Gas-Verteilungszentrums bei Istanbul. Von dort soll das russische Gas an Abnehmer in Südosteuropa weitergeleitet werden. Doch auch hier ist die Finanzierung der Knackpunkt.

    Russlands Gasförderung weiter rückläufig

    Russland musste seine Gasförderung 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 13,3 Prozent auf rund 522 Milliarden Kubikmeter drosseln, meldet der russische Statistikdienst. Der größte Gasproduzent des Landes, Gazprom, förderte mit 413 Milliarden Kubikmetern sogar um ein Fünftel weniger als im Vorjahr. Für 2023 erwarten Branchenexperten einen weiteren Rückgang der Fördermenge von Gazprom um 8 Prozent auf 380 Milliarden Kubikmeter.

    Die Aussichten der Branche trüben sich weiter ein. Die BASF-Tochter Wintershall Dea kündigte ihren Ausstieg aus allen Beteiligungen in Russland an. Der Rückzug des Weltmarktführers für LNG-Kältetanks, Gaztransport & Technigaz, bremst die Entwicklung der Flüssiggasproduktion in Russland erheblich. Der französische Anlagenbauer war am Bau von 15 eisgängigen Gastankern beteiligt.

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

  • Deutschland ersetzt Kohlelieferungen aus Russland

    Die EU sanktioniert die Einfuhr russischer Kohle, erlaubt aber deren Transport in Drittländer. Russland lenkt seine Kohlelieferungen nach Asien, um den Exportrückgang abzufedern.

    Russland gehörte vor Beginn seines Angriffskrieges auf die Ukraine zu den drei größten Kohleexporteuren der Welt. Die Europäische Union (EU) deckte mit rund 52 Millionen Tonnen einen Großteil ihres Bedarfs aus den Vorkommen des östlichen Nachbarlandes. Im Jahr 2021 betrug der Marktanteil russischer Steinkohle an den EU-Importen 46,7 Prozent – das war der höchste Anteil eines russischen Energieträgers in der Union. Nach dem Überfall auf die Ukraine löst sich die EU von dieser Abhängigkeit. Der Marktanteil russischer Kohle ging bis Ende 2022 auf 22 Prozent zurück und wird 2023 weiter sinken.

    Deutschland reduzierte im Jahr 2022 den Import russischer Kohle auf ein Minimum. Stattdessen bezieht die Bundesrepublik den Energieträger nun verstärkt aus Indonesien, Kolumbien und Südafrika sowie aus eigenen Vorkommen.

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    Europa lockert Sanktionen auf russische Kohle

    Nach Inkrafttreten des 5. Sanktionspakets im April 2022 gilt seit 10. August 2022 ein Einfuhrverbot für russische Kraftwerks- und Kokskohle in die EU. Ab dem gleichen Tag wurde auch der Weitertransport russischer Kohle unter Strafe gestellt. Doch seit September 2022 gelten Ausnahmeregelungen, die europäischen Reedereien den Transport russischer Kohle per Schiff in Drittstaaten sowie die Versicherung und Finanzierung der Ladung erlauben.

    Kohle aus Russland findet neue Abnehmer in Asien

    Russland lenkt seit Kriegsbeginn seine Kohleausfuhren nach Asien um. Zum wichtigsten Abnehmer russischer Kohle entwickelt sich China. Das Reich der Mitte steigerte seine Kohleeinfuhren aus Russland 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 31 Prozent auf 69,5 Millionen Tonnen. China will seinen wachenden Bedarf weiterhin aus seinem Nachbarland decken.

    Ein weiterer wichtiger Abnehmer russischer Kraftwerkskohle ist Indien. Der Subkontinent nutzt Kohle als wichtigsten Energieträger zur Stromerzeugung und steigerte seit Kriegsbeginn seine Einfuhren aus Russland um das 3,5-fache auf 8,4 Millionen Tonnen.

    Südkorea stockte 2022 die Einfuhr von Kraftwerkskohle aus Russland um ein Viertel auf rund 26,5 Millionen Tonnen auf, meldet der Branchendienst Argus Russian Coal. Auch Staaten in Afrika und dem Nahen Osten zählen zu den Abnehmern russischer Kohle.

    Hauptgrund für die wachsenden Kohleimporte asiatischer Abnehmer aus Russland ist deren günstiger Preis. Ende Dezember 2022 kostete eine Tonne russischer Kohle mit 244 US-Dollar (US$) beinahe halb so viel wie australische Kohle (409,5 US$). Kürzere Lieferwege und niedrigere Transportkosten aus den Abbaugebieten in Sibirien bringen russischen Kohleexporteuren weitere Wettbewerbsvorteile. Das größte Hindernis für eine weitere Steigerung der Ausfuhren nach Asien liegt aktuell im russischen Schienennetz. So verhindern die Überlastung sowie Engstellen auf der Transsibirischen Eisenbahn und der Baikal-Amur-Magistrale die Erhöhung der Exportmengen nach Asien.

    Russlands Kohleausfuhr geht mittelfristig zurück

    Der Export russischer Kohle sank 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 7,6 Prozent auf 211 Millionen Tonnen. Gleichzeitig wurde russische Kohle auf dem Weltmarkt mit beträchtlichen Preisabschlägen gehandelt. Russland ist es nicht gelungen, die sanktionierten Lieferungen nach Europa komplett in Richtung Asien umzuleiten, analysiert die Zentralbank. Doch konnte die gestiegene Inlandsnachfrage den Exportrückgang teilweise kompensieren.

    Bis 2025 werden die russischen Kohleausfuhren weiter abnehmen auf rund 150 Millionen Tonnen, schätzt die Internationale Energieagentur. Hauptgründe hierfür sind der Rückgang der Weltmarktpreise auf Erdgas, für welches zeitweise Kohle als Ersatz zur Stromerzeugung verfeuert wurde, die Auswirkungen des EU-Einfuhrembargos und der weltweite Trend hin zur Dekarbonisierung.

    Russland muss Förderniveau herunterfahren

    Russland baute im Jahr 2022 rund 443,6 Millionen Tonnen Kohle ab, etwa so viel wie im Vorjahr. Bei den hauptsächlich in die EU gelieferten Kohlesorten ging die Produktionsleistung 2022 zurück, so etwa bei Steinkohle um 3,6 Prozent. Bei Anthrazit betrug der Rückgang 3,5 Prozent und bei Koks 9,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

    Im Jahr 2023 wird die Kohleförderung um 9 Prozent zurückgehen, schätzt das russische Wirtschaftsministerium. Neben dem weggebrochenen Absatzmarkt in der EU hemmen Sanktionen auf die Lieferung westlicher Bergbautechnik den Abbau.

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

  • Europa kann Metallimporte aus Russland noch nicht völlig ersetzen

    Russland ist ein wichtiger Lieferant von Metallen. Die Automobil- und Elektronikindustrie sowie der Flugzeug- und Maschinenbau können ihre Abhängigkeit erst mittelfristig senken.

    Metalle gehören nach fossilen Energieträgern zu den wichtigsten Exportgütern Russlands. Bei Eisen und Stahl, Aluminium, Nickel, Palladium und Titan hält das größte Flächenland signifikante Weltmarktanteile.

    Deutschland bleibt auf Eisen und Stahl aus Russland angewiesen

    Die Bundesrepublik deckt nach Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine noch immer einen Großteil ihres Bedarfs an Eisenerz, Rohmetallen und metallhaltigen Vorprodukten aus Russland. Die deutschen Einfuhren von Eisen und Stahl aus dem größten Flächenland der Welt gingen im Jahr 2022 mengenmäßig um mehr als das Vierfache zurück. Im Wert sank der Import jedoch nur um das 2,5-fache. Die Preise für russische Metalle schwanken seit Kriegsbeginn stark.

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    EU erweitert Einfuhrbeschränkungen für russische Metallerzeugnisse

    Die Europäische Union (EU) verhängte im 4. und 5. Sanktionspaket vom März 2022 ein Importverbot für bestimmte Eisen- und Stahlerzeugnisse aus Russland. Betroffen sind unter anderem Walz- und Spannstahl, kalt- und warmgewalzte Bleche aus nicht legiertem oder legiertem Stahl, Stahlrohre, Bleche mit metallischem Überzug oder Stäbe und Leichtprofile aus rostfreiem Stahl. Mit dem 9. Sanktionspaket vom Dezember 2022 erließ der Staatenbund weitere Einfuhrbeschränkungen für russische Fertig- und Halbfertigprodukte aus Stahl. Für einige Halbzeuge gelten Übergangsfristen bis 30. September 2024. Bis dahin dürfen russische Halbfabrikate weiter eingeführt werden, allerdings nur in Mengen, die nicht über dem Niveau von 2021 liegen.

    Die von der EU und den USA sanktionierten Oligarchen Oleg Deripaska (Rusal), Alexej Mordaschow (Severstal) und Alischer Usmanow (Metalloinvest) sind an Russlands größten Metallurgiekonzernen beteiligt. Doch nur wenn die sanktionierte Person die tatsächliche Kontrolle oder Mehrheitsbeteiligung auf das Unternehmen ausübt, unterliegt ein Konzern auch den personenbezogenen Beschränkungen. Eine Prüfung, ob die sanktionierte Person faktisch die Kontrolle ausübt, ist somit zwingend erforderlich.

    Russlands Metallproduktion und -export rückläufig

    Die Stahlproduktion in Russland sank 2022 gegenüber dem Vorjahr um 7,2 Prozent auf 71,5 Millionen Tonnen, meldet die World Steel Association. Für das Jahr 2023 erwartet der Verband ein ähnliches Ergebnis. Von Produktionseinbußen betroffen sind vor allem diejenigen Unternehmen, die sich vor Inkrafttreten der Sanktionen auf den Export von Metallerzeugnissen in die EU spezialisierten, wie Severstal (Gebiet Wologda), NLMK (Gebiet Lipezk) oder Chelpipe (Gebiet Tschejabinsk).

    Der russische Export von Eisenerz ging im Jahr 2022 um 39 Prozent auf 13,6 Millionen Tonnen zurück, analysiert der Branchendienst Metals & Mining Intelligence. Obwohl Eisenerz aus Russland noch keinen EU-Sanktionen unterliegt, brachen die Ausfuhren nach Europa um das Vierfache auf 2,9 Millionen Tonnen ein. Lokalen Produzenten gelang es nicht, alle weggebrochenen EU-Exporte nach China umzulenken.

    Russisches Aluminium vorerst von EU-Sanktionen verschont

    Russland deckt bei Aluminium rund 15 Prozent des weltweiten Bedarfs, analysiert die Citibank. Das Metall kommt vor allem im Flugzeugbau und in Haushaltsgeräten zum Einsatz. Nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine gingen die Preise für Aluminium an der Londoner Metallbörse LME durch die Decke und stiegen auf rund 4.000 US-Dollar (US$) pro Tonne. Ein Jahr später pendelte sich der Preis wieder bei rund 2.300 US$ für eine Tonne ein.

    Die EU erließ in den ersten 10 Sanktionspaketen noch kein Einfuhrverbot für Aluminium aus Russland. Jedoch fordern Polen und die Baltischen Staaten ein Embargo auf das Leichtmetall im 11. Paket, das für Ende Mai 2023 angekündigt ist. Die USA verhängten ab 10. März 2023 einen Einfuhrzoll von 200 Prozent auf Aluminium aus Russland. Kanada erließ ein Einfuhrverbot auf russische Aluminiumerzeugnisse.

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    Die Ball Corporation veräußerte ihr Russlandgeschäft an den lokalen Produzenten von Haushaltschemikalien, Amest Group, für rund 500 Millionen Euro. Damit verlässt der weltgrößte Hersteller von Aluminiumdosen das größte Flächenland der Erde.

    Europa bleibt abhängig von Nickel und Palladium aus Russland

    Russland ist einer der wichtigsten Hersteller von Metallen der Platingruppe. Aus dem größten Flächenland kommt ein Zehntel des weltweit benötigten Eisen-Platinmetalls, das vor allem in Batterien für E-Mobile verwendet wird. Russland deckt zudem rund ein Viertel des weltweiten Bedarfs an Palladium. Das Metall wird in Katalysatoren und in der Elektronikindustrie eingesetzt. Der Palladiumpreis liegt ein Jahr nach Kriegsausbruch rund 10 Prozent höher. 

    Zudem ist Russland der drittgrößte Nickel-Exporteur der Welt. Nach Kriegsbeginn kletterte der Preis für eine Tonne Nickel auf der Londoner Metallbörse LME kurzzeitig auf rund 44.000 US$. Ein Jahr später liegen die Preise mit rund 25.000 US$ etwa auf dem gleichen Niveau wie vor dem 24. Februar 2022. Deutschland bezieht rund 40 Prozent seiner Nickelimporte aus Russland.

    Weder Nornickel noch sein Hauptaktionär Wladimir Potanin wurden bisher mit EU-Sanktionen belegt, weil russische Nickellieferungen zurzeit nicht ersetzt werden können. Dennoch will sich Nornickel stärker auf China, die Türkei und Marokko als Absatzmärkte umorientieren.

    Airbus verzichtet auf Titan aus Russland

    Russland ist der drittgrößte Hersteller von Titan weltweit und hält einen Marktanteil von rund 13 Prozent. Die Ukraine liefert weitere 3 Prozent. Das Leichtmetall wird in Motoren, Triebwerken und Tragflächen von Flugzeugen verbaut.

    Aktuell unterliegen weder Titan aus Russland noch der weltgrößte Titanproduzent VSMPO-AVISMA einem EU-Einfuhrembargo. Doch Airbus kündigte an, sich von russischen Titanlieferungen unabhängig machen zu wollen. Damit tut es Europas größter Luft- und Raumfahrtkonzern seinem US-Konkurrenten Boeing gleich, der bereits im März 2022 den Kauf von Titan aus Russland stoppte. Der US-Metallproduzent Arconic veräußerte sein Russlandgeschäft für 230 Millionen US$ an VSMPO-AVISMA.

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

  • Handel mit Düngemitteln aus Russland von Sanktionen ausgenommen

    Die EU verbietet die Einfuhr von russischen Düngemitteln. Die Ausfuhr in Drittstaaten ist hingegen nicht untersagt. Der Kreml findet neue Abnehmer in Asien und im globalen Süden.

    Russland und Belarus gehören zu den führenden Lieferanten von mineralischen Düngemitteln. Auf Russland entfallen rund 45 Prozent der weltweiten Lieferungen bei Ammoniumnitrat, 20 Prozent bei Kalidünger und 14 Prozent bei Phosphatdüngemitteln. Vor Kriegsbeginn führte Russland jährlich etwa 37,6 Millionen Tonnen Dünger im Wert von 12,5 Milliarden US-Dollar (US$) aus.

    Düngemittel für Drittstaaten nicht von EU-Sanktionen erfasst

    Die Europäische Union sanktioniert die Einfuhr von Düngemitteln aus Russland und Belarus seit April 2022. Die entsprechende Verordnung datiert vom 8. April und ist seit 9. April in Kraft. Betroffen sind mineralische oder chemische Dünger, die Stickstoff, Phosphor und Kalium enthalten, sowie andere Düngemittel aus Kalium. Ferner stehen mit den Oligarchen Dmitri Masepin (Uralchim, Uralkali), Andrej Melnitschenko (Evrochim) und Andrej Gurjew (Phosagro) die Eigentümer der wichtigsten russischen Düngemittelhersteller auf der EU-Sanktionsliste.

    Es ist zu unterscheiden zwischen der Einfuhr russischen Düngers in die EU und dessen Ausfuhr in Drittländer. Erstere ist grundsätzlich unzulässig. Letztere ist von den EU-Sanktionen nicht erfasst. Rechtsgrundlage ist EU VO 883/2014 Art. 3i, Abs. 1 und 2. Für Kaliumchlorid findet sich eine Ausnahme in Art. 3 i, Abs. 4 lit.a., in Kraft seit 10. Juli 2022.

    Der weltweite Handel mit den für die globale Ernährungssicherheit wichtigen russischen Düngemitteln ist bewusst von den Sanktionen ausgenommen. Am 19. September 2022 erlaubte das politische Brüssel Düngerlieferungen in Nicht-EU-Staaten und ergänzte am 7. Oktober, dass die Verschiffung auch über Häfen in der EU erfolgen dürfe. Die EU-Kommission konkretisierte in ihren Leitlinien, dass auch die Finanzierung und Versicherung von Düngemittellieferungen in Drittländer keinen Sanktionen unterliegen. Zudem gestattete die EU ihren Mitgliedstaaten im Dezember 2022 Exportgeschäfte von Düngemitteln mit Personen, die vor ihrer Aufnahme in die Sanktionsliste eine bedeutende Rolle im internationalen Handel mit Agrar- und Lebensmittelerzeugnissen spielten.

    Der Kreml beharrt jedoch darauf, dass die Finanzsanktionen der EU den Export von Düngemitteln in Drittländer behindern würden. Die EU erwidert, dass ausreichend Zahlungskanäle offen stünden, um Zahlungen abzuwickeln. Doch zögern viele Händler, Reedereien und Versicherer von sich aus, mit Düngemitteln aus Russland zu handeln.

    Zudem beklagt Moskau, dass die Ukraine sich weigere, den nach Kriegsbeginn eingestellten Transport von Ammoniakgas über eine Pipeline von Togliatti (Gebiet Samara) zum Hafen Odessa wieder aufzunehmen. Die Vereinten Nationen versuchten zwischen der Ukraine und Russland zu vermitteln. Parallel dazu begann Uralchim mit dem Bau einer neuen Pipeline zum Hafen Taman, die Ende 2023 in Betrieb gehen soll.

    Auch die US-Sanktionsbehörde Office of Foreign Assets Control (OFAC) machte im Januar 2023 Ausnahmen vom Sanktionsregime für Düngemittel. Das US-Finanzministerium ermuntert Banken, strategisch wichtigen russischen Herstellern von Düngemitteln wie Phosagro oder Uralkali auch weiter die Abwicklung von Zahlungen, Überweisungen oder Handelsfinanzierungen anzubieten, um eine weltweite Hungersnot zu verhindern.

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    Russland exportiert weniger Düngemittel

    Obwohl Düngemittel für Drittländer bewusst von den Sanktionen ausgenommen sind, ging die Ausfuhrmenge aus Russland im Jahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent zurück, meldet der Branchenverband RAPU. Vor allem die Nachfrage nach Kalidünger brach ein. Hauptgrund sind Logistikprobleme, da sich nach Kriegsbeginn internationale Transportunternehmen aus dem russischen Markt zurückgezogen haben.

    Aufgrund der hohen Weltmarktpreise für Erdgas, das als Ausgangsstoff für viele Düngemittel verwendet wird, stiegen die Ausfuhren im Jahr 2022 im Wert um rund 70 Prozent auf 17 Milliarden US$, so die Welternährungsorganisation. Nach Kriegsbeginn kletterte der Preis für eine Tonne Ammoniumnitrat-Harnstoff (Urea Ammonium Nitrat) auf einen Höchststand von 865 US$. Ein Jahr später halbierte sich infolge sinkender Gaspreise der Preis auf 420 US$ pro Tonne, Tendenz fallend. Deshalb werden Russlands Exporterlöse mit Düngemitteln 2023 sinken.

    Russland und Belarus reagierten auf die westlichen Sanktionen mit Gegenmaßnahmen. Beide Länder reduzierten die Ausfuhr von Düngemitteln in die EU mittels Quoten und Zöllen. Seit 1. Januar 2023 werden etwa auf Mineraldünger mindestens 450 US$ Zoll je Tonne erhoben. Die russische Regierung hob die Exportquoten zuletzt wieder an. Bis 31. Mai 2023 durften monatlich 665.000 Tonnen Ammoniumnitrat und 582.000 Tonnen Sulfoammophos ausgeführt werden.

    Russland sucht neue Absatzmärkte

    Russland lenkt seine Düngemittelausfuhren in "befreundete" Staaten wie China, Indien oder Vietnam um. Russische Exporteure bieten ihren Dünger dabei rund 10 Prozent unter den Weltmarktpreisen an.

    Brasilien steigerte seine Importe von russischem Dünger im Jahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr um rund ein Drittel auf 6,2 Milliarden US$, meldet UN-Comtrade.

    Für Indien ist Russland jetzt wichtigster Lieferant von Düngemitteln. Das größte Flächenland der Welt steigerte in der ersten Hälfte des Fiskaljahrs 2022/23 (April bis September 2022) seine Exporte von Dünger um 20 Prozent auf 2,2 Millionen Tonnen im Wert von 1,6 Milliarden US$. Damit deckte Russland ein Fünftel des indischen Bedarfs.

    Auch die Philippinen, Nepal und afrikanische Länder wie Malawi und Eswatini möchten künftig verstärkt Düngemittel aus Russland importieren, um die lokale landwirtschaftliche Produktion anzukurbeln.

    Produktion von Düngemitteln sinkt

    Trotz teilweiser Exporterfolge sinkt die Düngerproduktion in Russland. In den ersten beiden Monaten 2023 fiel die produzierte Menge an Mineraldünger um 10,2 Prozent auf 4 Millionen Tonnen, meldet der russische Statistikdienst. Marktführer Uralkali kündigte zwei Sonderinvestitionsverträge (SPIK 1.0) mit der Regierung der Region Perm im Wert von 1,8 Milliarden Euro. Der größte russische Hersteller von Mineraldüngemitteln befürchtet eine Überproduktion.

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

  • Ukrainekrieg beeinträchtigt weltweite Versorgung mit Getreide

    Die Ukraine und Russland sind zwei der weltweit größten Getreideexporteure. Trotz der russischen Seeblockade gelangt ukrainischer Weizen auf den Weltmarkt und lindert den Hunger.

    Getreide aus der Ukraine und Russland ist für die weltweite Nahrungsmittelversorgung unerlässlich. Beide Länder stehen für rund ein Viertel der globalen Getreide- und Weizenproduktion. Getreideexporte gehören zu den wichtigsten Einnahmequellen der Ukraine. Russlands Seeblockade der ukrainischen Schwarzmeerhäfen nach Kriegsbeginn verhindert die Ausfuhr von Getreide auf den Weltmarkt und entzieht der Ukraine dringend benötigte Devisen.

    EU erlaubt zollfreien Import von Getreide und Ölsaaten aus der Ukraine

    Die EU verlängert die zollfreie Einfuhr von ukrainischem Getreide und Ölsaaten bis Juni 2024. So dürfen weiterhin Weizen, Mais, Raps und Sonnenblumenkerne aus der Ukraine zollfrei in die EU geliefert werden. Vorausgegangen war eine grundsätzliche Einigung im Streit über den Transport von ukrainischem Getreide durch fünf mittelost- und südosteuropäische EU-Mitgliedsländer. Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien hatten im Frühjahr 2023 zeitweise Einfuhrbeschränkungen für ukrainisches Getreide verhängt. Dies aus Sorge, dass die günstigeren und zollfreien Agrarimporte aus der Ukraine zu Preiseinbrüchen führen und dadurch heimischen Bauern Einnahmen entgehen. Im Gegenzug für die Öffnung der Grenzen für ukrainische Agrarprodukte schnürte die EU für Landwirte aus den betroffenen Ländern ein Hilfspaket von 100 Millionen Euro.

    Russlands Seeblockade der Schwarzmeerhäfen beschränkt die Getreideexporte der Ukraine weiterhin. Damit die ehemals per Schiff transportierten großen Getreidemengen das Land verlassen konnten, richtete die EU im Mai 2022 sogenannte „Solidaritätskorridore“ ein. Der Staatenbund vereinfacht damit den Transport und die Grenzkontrollen für landwirtschaftliche Erzeugnisse aus der Ukraine. Über die Solidaritätskorridore gelangten bis Ende 2022 rund 17 Millionen Tonnen Getreide aus der Ukraine – rund die Hälfte der Getreideexporte des Landes.

    Auf festgelegten Routen wird ukrainisches Getreide, das für den Weltmarkt bestimmt ist, auf der Straße oder Schiene zu Häfen in der EU transportiert. Von dort kann es dann in andere Teile der Welt verschifft werden. Doch logistische Probleme verzögern den Weitertransport per Schiff und Bahn. Deshalb stecken Millionen Tonnen ukrainischen Getreides in Europa fest.

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    Getreideabkommen um weitere zwei Monate verlängert

    Russland und die Ukraine verlängerten am 17. Mai 2023 - einen Tag vor dem Auslaufen - das von den Vereinten Nationen (UN) unterstützte Getreideabkommen um weitere zwei Monate. Die am 1. August 2022 in Kraft getretene Vereinbarung ermöglicht trotz der russischen Seeblockade die sichere Ausfuhr von ukrainischem Getreide durch einen Schutzkorridor im Schwarzen Meer. Seit Inkrafttreten des Getreideabkommens wurden den UN zufolge fast 30 Millionen Tonnen landwirtschaftliche Güter auf diesem Weg exportiert. Im Jahr 2022 kam über die Hälfte des Weizenbedarfs für das Welternährungsprogramm der UN aus der Ukraine.

    Doch Russland beklagt, dass die Hindernisse für die Ausfuhr russischer Düngemittel- und Agrarexporte nicht wie vereinbart beseitigt worden seien. Demnach behindern vor allem die infolge von Sanktionen aufgetretenen Beschränkungen im Zahlungsverkehr, in der Logistik und im Versicherungswesen den Export von russischem Getreide und Düngemitteln. Sollten keine Erleichterungen für russische Agrarproduzenten kommen, droht Russland damit, die Blockade der Häfen Odessa, Piwdenny und Tschornomorsk wieder aufzunehmen.

    Weltmarktpreise für Getreide stabilisieren sich

    Das Getreideabkommen trägt entscheidend dazu bei, die Weltmarktpreise auf Lebensmittel zu stabilisieren. Nachdem der Getreidepreisindex der Welternährungsorganisation (FAO) nach Kriegsbeginn im Mai 2022 auf einen Höchstwert von 173,5 Punkten geklettert war, sank er nach Beginn des Getreideabkommens bis Ende Februar 2023 auf 146,7 Punkte. Dieser Wert liegt aber immer noch um 11 Prozent über dem Vorkriegsniveau des Jahres 2021.

    Kriegsfolgen verringern Ernteerträge in der Ukraine

    Die Exporte von Getreide aus der Ukraine gehen in der Erntesaison 2022/2023 um rund ein Drittel auf und 18 Millionen Tonnen zurück, meldet das ukrainische Landwirtschaftsministerium. Die Getreideernte in der Ukraine wird 2023 um 3 Prozent auf 49,5 Millionen Tonnen sinken, warnt das Wirtschaftsministerium. Gründe sind verminte Felder in den befreiten Regionen und die um rund ein Fünftel geringere Anbaufläche in den besetzten Gebieten. Zudem fehlt es vielen ukrainischen Bauern an Geld, um Saatgut und Pestizide zu beschaffen. Im Jahr 2021 hatte die Ukraine mit 86 Millionen Tonnen Getreide noch eine Rekordernte eingefahren.

    Russland steigert Getreideausfuhren

    Russland wird im Jahr 2023 rund 125 Millionen Tonnen Getreide ernten, darunter 80 Millionen Tonnen Weizen, prognostiziert Landwirtschaftsminister Dmitrij Patruschew. In dieser Mengenangabe enthalten sind Ernteerträge aus den besetzten Gebieten im Süden und Osten der Ukraine. Im Jahr 2022 fuhr Russland eine Getreideernte von rund 130 Millionen Tonnen ein. Darunter befanden sich mindestens 5,8 Millionen Tonnen entwendeter Weizen im Wert von rund 950 Millionen Euro von ukrainischen Feldern, die nicht unter der Kontrolle der Regierung in Kiew stehen, meldet die US-Raumfahrtbehörde NASA.

    Die russischen Getreideexporte steigen im Wirtschaftsjahr 2022/23 (Juli bis Juni) auf rund 55 Millionen Tonnen, schätzt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Sie liegen damit rund ein Fünftel über dem Fünfjahresdurchschnitt.

    Russland verteuert die Ausfuhr von Getreide durch Zölle. Seit Mitte 2021 beträgt die Abgabe rund 150 bis 170 Euro pro Tonne Getreide. Doch die Exportzölle auf Getreide schaden russischen Produzenten mehr, als sie nützen, klagt der Präsident des Russischen Getreideverbands Arkadij Slotschewskij. Die Abgabe habe die Ausfuhren verringert und die Preise auf dem Binnenmarkt gedrückt. Die Branche habe dadurch umgerechnet mehr als 11,5 Milliarden Euro Verluste erlitten.

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Berlin

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