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Podcast Weltmarkt

Folge 33: Auslandsaufenthalte: Sicherheit geht vor!

- Februar 2026 -

In der neuen WELTMARKT‑Folge erklären zwei Expertinnen, wie man körperlich und mental gut vorbereitet in herausfordernde Länder reist. Mit konkreten Tipps: Gefahren früh erkennen, unauffällig auftreten, sicher vom Flughafen ins Hotel kommen und trotz Stress gelassen bleiben.

Auslandsgeschäfte werden auch dort gemacht, wo man nicht unbedingt im Urlaub hinfahren würde. Mehr noch: Wo das Auswärtige Amt sogar vor Reisen abrät. Die möglichen Gefahren sind vielseitig: hohe Kriminalität, Unruhen, politische Umstürze, Terrorismus, Entführungen, Bürgerkrieg oder Naturkatastrophen. Schon der normale Straßenverkehr ist in vielen Ländern riskanter als in Mitteleuropa und die Gesundheitsversorgung oft schlechter. Sehr häufig unterschätzt wird auch der mentale Stress, den ein Aufenthalt in weniger sicheren Ländern verursacht.

WELTMARKT hat sich für diese Folge mit zwei Expertinnen unterhalten, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der körperlichen und der mentalen Sicherheit von Menschen bei Auslandsaufenthalten befassen – aus der Unternehmensperspektive und aus der Coachingperspektive. Sie geben viele konkrete Tipps – zum Beispiel, wie man ein gutes Bauchgefühl für gefährliche Situationen trainiert. Oder wie man sich wie ein Chamäleon der Umgebung anpasst, um wenig aufzufallen. Aber auch, wie man nachts von einem fremden Flughafen sicher ins Hotel kommt und sich trotz hoher Dauerbelastung immer wieder entspannt.

 

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Gäste in dieser Folge

 

Annabel Schmitt Annabel Schmitt | © Annabel Schmitt

Annabel Schmitt

Annabel Schmitt ist seit 2013 in der Konzernsicherheit der DHL Group tätig und hat dort maßgeblich den Krisenstab des Logistikkonzerns mitaufgebaut. Derzeit leitet sie ein zehnköpfiges Team für internationales Lagemonitoring, Business Continuity Management und Krisenmanagement. Sie und ihr Team analysieren unter anderem täglich weltweite Ereignisse, bewerten deren Auswirkungen und ordnen sie für die DHL Group ein. Vor ihrer Tätigkeit für die DHL Group studierte Annabel Schmitt “Risk Management & Corporate Security” an der FH Campus Wien.

 

Petra Padberg Petra Padberg | © Petra Padberg

Petra Padberg

Petra Padberg ist Coach, Beraterin und Trainerin für Stress- und Konfliktmanagement, Verhandlungsführung und Sicherheit und hat bereits unzählige Menschen auf ihren Einsatz an ausländischen Krisenposten vorbereitet oder an Auslandsposten geschult, unter anderem im Auftrag des Auswärtigen Amtes und der Akademie für internationale Zusammenarbeit (AIZ). Die Rechtsanwältin und zertifizierte Wirtschaftsmediatorin sammelte ihre eigenen Auslandserfahrungen unter anderem im Jemen, in Ghana, Benin, Togo, Niger, Mali, Burkina Faso, Jordanien, Tunesien, Marokko, Ägypten, Russland, Albanien, Serbien, Montenegro, in der Republik Moldau, in England und in den USA.

 

Weiterführende Informationen

Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts

ELEFAND-Anmeldung (Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amts)

DHL Group

Petra Padberg Consultancy

 

Transkript der Folge 

Das folgende Transkript wurde zum Zwecke der Barrierefreiheit mit einer Spracherkennungssoftware erstellt und danach auf offensichtliche Fehler hin korrigiert. Es entspricht nicht unseren Ansprüchen an ein vollständig redigiertes Interview. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

 

Mal eben schnell für eine Geschäftsreise in ein unsicheres Land fliegen? Oder als Expat am anderen Ende der Welt einen Standort eröffnen? Klingt aufregend - und das ist es auch. Neben den wirtschaftlichen Chancen und der Lust aufs Unbekannte wird ein Aspekt aber oft unterschätzt: das Thema Sicherheit.

Wir von WELTMARKT haben uns mit zwei Expertinnen unterhalten, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der körperlichen und auch mit der mentalen Sicherheit von Menschen bei Auslandsaufenthalten befassen – einmal aus der Unternehmensperspektive, einmal aus der Coachingperspektive.

Petra Padberg  Je länger Sie in einem Land sind und vertrauter, umso eher reduziert sich das Risiko. Und wenn Sie zu lange in einem Land sind, dann steigt das Risiko wieder. Denn dann gibt es so Sätze: Ist doch noch nie was passiert. Warum soll ich den Shortcut heute nicht nehmen? Aber wir müssen uns klarmachen, das Risiko wird nie null sein.

Das war die Trainerin Petra Padberg, die Menschen auf ihren Einsatz in unsicheren Ländern vorbereitet. Von ihr lernen wir später noch einiges mehr. Zunächst hören wir, was Annabell Schmitt aus der Unternehmensperspektive zum Thema zu sagen hat. Sie ist Security Expert bei der DHL Group, mit über 600.000 Mitarbeitenden eines der größten Logistikunternehmen weltweit.

Annabell Schmitt  Ich habe Risiko- und Sicherheitsmanagement studiert und bin mittlerweile Teamleiterin für die Themen Krisenmanagement, Business Continuity Management und alles was mit Mitarbeitersicherheit zu tun hat. 

Wir sind auf Konzernebene 40 Mitarbeiter, die in der Konzernsicherheit arbeiten, natürlich mit unterschiedlichen Aufgaben, aber ich leite das Team von rund zehn Mitarbeitern, die sich mit der weltweiten Lage auseinandersetzen, also tatsächlich, wo ist heute Morgen und im Laufe Tages was passiert und wo könnten wir als DHL betroffen sein und müssten agieren und dann auch was den Krisenstab angeht, das findet auch bei uns statt, also wenn ein Event tatsächlich so groß ist, dass wir auf Konzernebene das Management zusammenrufen, das findet auch in meinem Team statt. 

Ansonsten haben wir weltweit noch tausend weitere Sicherheitsmitarbeiter, die aber in den Geschäftsbereichen verteilt sind. Also Express-Geschäft oder Supply-Chain oder auc, was unsere Freight-Sparte angeht mit den großen Containern, die auf den Schiffen unterwegs sind.

Welche Gefahren drohen denn Ihren Mitarbeitenden weltweit?

Annabell Schmitt Wir sind in 220 Ländern und Territorien aktiv, was natürlich bedeutet, dass wir unterschiedlichen Risiken ausgesetzt sind und dass wir auch auf unterschiedliche Risiken reagieren müssen. Dazu gehören unter anderem Kriminalität, seien es Überfälle, Diebstähle, Betrug, insbesondere in Regionen mit instabiler Sicherheitslage, aber auch politische Risiken, Unruhen, Terrorismus, Bürgerkrieg. 

Sowohl aber auch Naturkatastrophen und Gesundheitsrisiken, aber dann auch die klassischen Risiken im Straßenverkehr. In vielen Ländern ist das Unfallrisiko deutlich höher als es bei uns in Europa der Fall ist. Wir sind in Südostsasien, der Karibik unterwegs, da sind viel tropische Stürme, da haben wir Tsunamis, da sind wir, was Naturkatastrophen angeht, natürlich dann anders aufgestellt oder wir haben entsprechend andere Strukturen, auf die wir zurückgreifen können. Der Black Swan, den kennen wir alle, auf den kann man sich nicht unbedingt in dem Umfang so vorbereiten.

Black Swan heißt was genau?

Annabell Schmitt Ah ja, Entschuldigung. Black Swan ist ein Ausdruck, der sehr häufig im Krisenmanagement-Umfeld genutzt wird. Das sind quasi Vorfälle, die man so nicht vorhersagen kann. Also wir beschäftigen uns natürlich damit, welche Themen treten auf, welche Szenarien können wir uns ausmalen für Krisenszenarien. Aber der sogenannte Black Swan taucht unvorhergesehen auf und ist nicht unbedingt so in aller Detailtiefe vorherzusehen.

Wenn Sie Mitarbeitende auf Einsätze in gefährlichen Ländern vorbereiten, wie gehen Sie da vor?

Annabell Schmitt Dann bekommen die Kolleginnen und Kollegen, die sich für eine solche Reise offiziell über die Kanäle angemeldet haben, eine Nachricht und werden durch uns von der Konzernsicherheit kontaktiert. Dann gibt es meistens einen ausführlichen Länderreport, was ist dort zu beachten, in welche Gebiete sollte man reisen, in welche Gebiete eher nicht. Wenn es sich vermeiden lässt, würden wir das dann auch entsprechend raten. 

Wenn die Dienstreise oder die Entsendung möglicherweise aber das mit einbezieht, dann werden konkrete Schulungen angeboten. Die können sowohl digital als Einzelschulungen stattfinden. Wenn wir eine große Gruppe haben, dann machen wir auch Workshops oder entsprechende Trainings in einem Konferenzsetting. 

Das sind dann Themen, wie sieht möglicherweise eine Notfallkommunikation aus, wie verhalte ich mich, wenn vor Ort etwas passiert, wen habe ich zu kontaktieren, wie unterstützt mich das Unternehmen dabei, auf was kann ich dort bauen oder aber auch wie ist meine Reiseroute und wen informiere ich dann möglicherweise in kürzeren Abständen, wo ich mich befinde. In dem Zusammenhang wird immer gerne von High oder Low Profile gesprochen, also wie wirke ich nach außen.

Und bin ich dann möglicherweise ein entsprechend gutes Ziel für schwierige Situationen, also sei es jetzt auch dann den Diebstahl, wenn ich mit entsprechend hochpreisigen Kleidung oder hochpreisigem Schmuck durch die Gegend laufe. Aber natürlich ist es auch die mentale Gesundheit, wenn man in gewissen schwierigen Regionen der Welt unterwegs ist.

Da ist natürlich eine psychologische Vorbereitung wichtig. Also Schulungen zum Stressmanagement oder wie kann ich meine eigene Resilienz entsprechend fördern. Aber auch psychologische Betreuung, wenn etwas passiert sein sollte.

Wie wichtig sind einheimische Mitarbeitende für Sie?

Annabell Schmitt Wir setzen häufig lokale Mitarbeiter ein und haben hier die Vorteile sehr zu schätzen gelernt, da sie natürlich auf die kulturellen und sicherheitsrelevanten Gegebenheiten besser eingehen können. Oder aber auch, dass einfach die sprachliche Barriere dort nicht vorhanden ist, sodass wir sagen, lokale Mitarbeiter auch in schwierigen Situation ist natürlich das, was wir präferieren. Das reduziert für uns natürlich auch die Risiken und erhöht die operative Sicherheit.

Gibt es Länder, mit denen die DHL Group aus Sicherheitsgründen generell nicht zusammenarbeitet?

Annabell Schmitt Es gibt Länder, in denen wir nicht aktiv sind, aber dabei würde ich es gerne belassen.

Und nutzen Sie eigentlich lokale Sicherheitsdienstleister?

Annabell Schmitt Ja, wir arbeiten mit akkreditierten und auch lokalen Sicherheitsfirmen zusammen. Natürlich. Um dort Transporte, die Standorte, die wir haben oder aber auch unser Personal zu schützen und die Kooperation vor Ort ist für uns essentiell, um schnell und angemessen reagieren zu können und auf die lokale Expertise zurückgreifen zu können. Also da ist ein Netzwerk über die Jahre entstanden, auf das wir zurückgreifen können und da wird auch regelmäßig der Austausch gesucht, sodass wir hier wirklich eine vertrauensvolle Basis schaffen, um schnell aktiv werden zu können.

Vielen Dank an Annabell Schmitt von der DHL Group. Gleich kommen wir zu der Trainerin Petra Padberg, die Sicherheitstrainings für Institutionen wie zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit anbietet. Doch zuerst noch einige wichtige Informationen.

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KURZ UND KOMPAKT

Arbeitgeber haben eine gesetzliche Fürsorgepflicht für ihre Mitarbeiter. Gleichzeitig sind aber auch die Arbeitnehmer verantwortlich, sich selbst zu schützen - sonst trifft sie im Schadensfall eine Mitschuld. Bei Entsendungen erfüllen die Arbeitgeber ihre Fürsorgepflicht zum Beispiel dadurch, dass sie die Gefährdungslage analysieren und angemessene Schutzmaßnahmen treffen, etwa durch eine medizinische Vorsorge, Sicherheitstrainings oder den Abschluss von Versicherungen.

Reise- und Sicherheitshinweise für alle Länder veröffentlicht das Auswärtige Amt übrigens auf seiner Internetseite. Aktuell spricht die Behörde Reise- oder Teilreisewarnungen für über 40 Staaten aus.

Darüber hinaus wird deutschen Staatsangehörigen empfohlen, sich vor Beginn einer Auslandsreise online in eine Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amtes einzutragen. In tatsächlichen Krisenfällen wie Naturkatastrophen, Unruhen oder Konflikten erhalten Registrierte per E-Mail oder SMS Verhaltenstipps oder andere Informationen, zum Beispiel zu Evakuierungsmaßnahmen.

Da Krisenfälle in der Regel überraschend eintreten, rät die Behörde, sich auf jeden Fall vor Beginn einer Reise elektronisch zu registrieren - unabhängig von der aktuellen Sicherheitslage in einem Land und unabhängig von der Reisedauer. Der Eintrag geht neuerdings übrigens auch per App. 
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Jetzt zu Petra Padberg: Sie hat vor zwanzig Jahren in Berlin ihr eigenes Unternehmen gegründet, die Padberg Consultancy für Beratung, Coaching, Verhandlungsführung und Konfliktmanagement, ist selbst als international tätige Mediatorin sehr viel in unsicheren Ländern unterwegs und gibt ihr Wissen in Trainings weiter.

Frau Padberg war in unserem Berliner Studio zu Gast und erklärte uns unter anderem,  wo in der Welt aktuell besonders große Risiken für Entsandte lauern …

Petra Padberg Ja, man kann grundsätzlich unterscheiden, ganz vorn die Konfliktzonen, die wir im Moment haben, Ukraine, Syrien oder die Sahelregion, die ja ganz gefährlich geworden ist. Dann gibt es Länder mit hoher, extrem hoher Kriminalität, Teile Mexikos, Brasiliens oder jetzt vor allem auch wieder Südafrika, da steigen die Zahlen ganz enorm.

Dann gibt es noch Regionen mit schwacher medizinischer Versorgung. Auch das ist ja ein Gefahrenpunkt. Das ist Zentralafrika und Südasien. Und dann haben wir natürlich noch Naturkatastrophen-Hotspots. Wir haben das ja jetzt gerade in der Karibik gehabt. Dann haben wir Staaten, wo es politische Willkür gibt, wo man also jederzeit in eine Situation kommt und möglicherweise nicht mehr außer Landes kommt. Iran, Russland, Belarus. Man fragt sich, geht man dahin? Aber es werden durchaus Geschäfte mit diesen Ländern gemacht.

Welche Risiken werden von Unerfahrenen zu wenig ernst genommen?


Petra Padberg In der Regel sind es die Alltagsrisiken, es sind immer die Angst vor den großen Dingen, Geiselnahme beispielsweise. Aber es ist die alltägliche Kriminalität, die unterschätzt wird. Auch oft die mentale Belastung in bestimmten Ländern. Auch das stellt ein Sicherheitsrisiko dar.

Was genau meinen Sie damit?

Petra Padberg Also aus meiner eigenen Erfahrung ist dadurch dass ich in vielen dieser Krisenländer gearbeitet habe, war es für mich selbstverständlich, dass überall eine AK 47, also Waffen an jeder Ecke waren. Und als ich jetzt vor einiger Zeit mal in ein Land ging und es war nicht vorhanden, war das ganz merkwürdig. 

Und damit ist mir retrospectiv erst klar geworden, dass diese permanente Waffenpräsenz etwas mit einem macht. Es kann aber auch sein, dass ich einfach aufgrund der Sicherheitslage nicht ausgehen kann. Es gibt Ausgangssperren. Oder man sagt ab 18 Uhr nicht mehr raus, da ist es dunkel. Ich isoliere sozial, möglicherweise. Auch das ist eine mentale Belastung. Oder ich muss in einem Container arbeiten in einer ganz heißen Region.

Ich arbeite vielleicht sieben Tage die Woche eng mit einem Kollegen Zimmer an Zimmer, den ich nicht mehr riechen kann im Laufe der Zeit, um dann nach sechs Wochen wieder rauszugehen aus dem Land, um mich aufzutanken. Das sind alles Dinge, die darf man nicht unterschätzen, weil das natürlich Einfluss auf unsere Aufmerksamkeit hat.

Kann man denn so eine Art Bauchgefühl für Gefahren entwickeln?

Petra Padberg Ja, das ist wirklich so. In unserer westlichen Welt hören wir immer weniger auf das Bauchgefühl, obwohl die Neurowissenschaft uns inzwischen sagt, wir hätten ja im Bauch ein zweites Gehirn. Und das ist auch etwas, was inzwischen die Spezialeinheiten, das Militär, die Polizei nutzt. Man nennt das situative Aufmerksamkeit. 

Um dieses Bauchgefühl zu entwickeln, gilt es, die Sinne zu trainieren. Und das heißt also den Sehsinn, das Visuelle, das Gehör, das Auditive, das Taktisch-haptile, das Olfaktorische, das ist der Geruchssinn und das Gustatorische, der Geschmackssinn. Wenn man so etwas trainiert, jeden Morgen systematisch aus dem Haus zu gehen, 10 Minuten, die Gegend abzuscannen, werden die Sinne trainiert, einen Rhythmus wahrzunehmen. 

So ist es üblicherweise morgens. Und wenn Sie dann eines Tages rausgehen, merken Sie, heute ist es irgendwie anders. Sie nehmen eine Anomalie wahr. Mit unseren Sinnen nehmen wir fünf Mal so viel Informationen wahr als unser Verstand. Und fünfmal schneller. Das heißt, wir haben oft mit dem Bauch längst entschieden. Wir haben das Gefühl, irgendwas stimmt da nicht oder man hat Augen im Rücken, bevor wir überhaupt anfangen zu denken. Ein Personenschützer beispielsweise, der guckt nicht in die Menge und schaut: Ist da jemand verdächtig. Der scannt mit seinen Sinnen die Umwelt ab, um dann eine Anomalie festzustellen. 

Wir sind ja manchmal sehr unter Druck und im Stress. Das heißt, wir haben diesen bekannten Tunnelblick. Wir sind eingeschränkt, vielleicht auf 40 Grad. Und mithilfe der Sinne können wir unser Spektrum auf 180 Grad erweitern. Das ist das, wenn wir sagen, wir haben Augen im Rücken. Fußballspieler können das gut. Die laufen rückwärts und wissen genau, was hinten stattfindet. Also das ist diese situative Aufmerksamkeit. Das ist etwas ganz Wichtiges, wo ich selbst auch etwas tun kann, um meine eigene Verletzlichkeit zu reduzieren und sozusagen meine Ressource aufzubauen, meine Kapazität.

Bringt es überhaupt was, das schon vorher zu üben?

Petra Padberg Wenn die Sinne trainiert sind, können sie auch in einem Kontext, der noch nicht so vertraut ist, sehr viel schneller und früher eine Information geben. Natürlich ist es so, wenn Sie ausreisen, sind Sie mit den Umständen noch nicht vertraut, das Risiko steigt in dem Moment.

Je länger Sie in einem Land sind und vertrauter, umso eher reduziert sich das Risiko. Und wenn Sie zu lange in einem Land sind, dann steigt das Risiko wieder. Denn dann gibt es so Sätze: Ist doch noch nie was passiert. Warum soll ich den Shortcut heute nicht nehmen? Aber wir müssen uns klarmachen, das Risiko wird nie null sein. Also wir können es minimieren, indem wir unsere Verletzbarkeit reduzieren, zum Beispiel mit der situativen Aufmerksamkeit und unsere Stärken aufbauen. Aber die Bedrohungslage, auf die haben wir keinen Einfluss. Die wird immer da sein.

Wie schützt man sich denn mental, wenn man langfristig in Krisenländern lebt?

Petra Padberg Also grundsätzlich ist extrem wichtig, dass diese ständige Anspannung aufgehoben wird. Wir müssen Räume haben, wo wir uns entspannen, wo wir unsere Ressourcen wieder aufbauen. Und da kommt mir ein anderes Modell mit in den Sinn, das ist der sogenannte Coopers Colour Code. Jeff Cooper war ein amerikanischer Marine, der für das Militär einen sogenannten Colour Code entwickelt hat und der hat gesagt: Es gibt eine Farbe Weiß. 

Da sind wir unaufmerksam und entspannt und diesen Zustand brauchen wir auch. Wir können ja nicht die ganze Zeit alert sein. Da werden wir krank. Aber sobald wir das Haus verlassen gehen wir in einen Zustand gelb. Wenn unsere Sinne trainiert sind, dann machen die das schon im Automechanismus. Diese Sache, dass die Sinne scharf gestellt werden und ich nach wie vor entspannt, aber aufmerksam bin. Und dann kommt vielleicht diese Meldung, aha, da ist irgendwas hinter mir.

Dann gehe ich in den Farbzustand orange und überlege mir jetzt schon, was könnte ich tun. Vielleicht gehe ich in das nächste Café und der Mensch, der da hinter mir ist, geht vorbei. Dann gehe ich wieder zurück in gelb. Ist nichts passiert. Wenn er aber hinter mir ist, kann ich schon an Optionen denken und ins Handeln kommen. Wichtig ist es, immer mal wieder ins Weiß zu kommen. 

Ich hatte einen Kollegen, der früher beim SEK gearbeitet hat, der mit seiner Frau einkaufen ging und das mochte er gar nicht. Der war immer in diesem Alert-Zustand. Was hat er gemacht im Kaufhaus? Er hat einen Kaufhaus-Dieb gestellt. Das heißt, er kam gar nicht aus diesem Zustand raus. Und das ist aber das, was uns auf Dauer krank macht. Es ist ganz wichtig, immer wieder in dieses Weiß zu kommen.

Wie findet man denn gute Sicherheitsdienstleister, denen man vertrauen kann?

Petra Padberg Ja, das ist eine schwierige Frage, ja. Das kommt ganz darauf an, also das eine im Vorfeld Informationen vielleicht mit anderen Unternehmen, die schon vor Ort sind, die gute Erfahrung gemacht haben. Andere Unternehmen, die Sicherheitsstrukturen implementiert haben. Aber oft sind ja auch NGOs vor Ort, die man fragen kann. 

Würde ich mich als Unternehmen nicht scheuen, deren Expertise einzuholen. Und dann würde ich einfach auf Empfehlungen gehen. In vielen dieser Ländern ist es einfach so, dass zum Beispiel Polizei und Militär korrupt sind. Das ist einfach eine Tatsache. Deswegen funktioniert ja oft das staatliche Wesen sehr schlecht. Und deswegen ist es extrem wichtig, im Vorfeld abzuklären, wem kann ich vertrauen und nicht. 

Auch bei Abholungen nicht einfach am Flughafen ins Taxi zu steigen. Sondern also genau zu wissen, wer holt mich ab. Und mir ist es häufig als Frau passiert, dass ich nachts nicht abgeholt werde, kein Fahrer kam. Und inzwischen ist es einfacher, weil wir diese E-SIMs haben. Das heißt, man kann bereits mit dem Wi-Fi im Flughafen die aktivieren und kann Telefonate führen. Das war früher nicht möglich. Da hatte ich dann oft folgenden Vorschlag, dass ich, um nicht von diesem Taxifahrern erdrückt zu werden als Frau, bin ich oft auf die Abflug-Ebene gewechselt. 

Dann war ich sicherer, dass jemand vielleicht einen Fahrgast abgeliefert hat, dass der mich dann in die Stadt mitgenommen hat. Das ist in manchen modernen Flughäfen nicht mehr so ganz einfach, aber das war immer eine gute Alternative, dass ich dann einigermaßen sicher weggekommen bin. Wenn ein Fahrdienst bestellt wird, wenn ich, und ich finde das nicht paranoid, dass ich mir inzwischen den Namen, die Telefonnummer und auch das Bild des Fahrers benennen lasse. Es ist ja alles austauschbar, auch Schilder kann man leicht verändern, dass ich da auf Nummer sicher gehe.

Und worauf soll ich bei Haus oder Wohnung achten?

Petra Padberg Das hängt auch wieder davon ab, in welchen Gebieten oder in welchen Regionen der Welt ich mich bewege. Ist es ein Gebiet, wo es relativ viele Naturkatastrophen gibt, muss ich entsprechend schauen. Wenn ich in einem Erdbebengebiet bin, muss ich mir überlegen, ob ich im achten der neunten Stock meine Wohnung anmiete, was gleichzeitig ein großer Vorteil für Moskitos ist. Je höher, umso besser. 

Aber im Falle eines Erdbebens komme ich vielleicht schlecht aus dem Haus raus. Das sind Überlegungen. Wenn ich ein Tsunami-gefährdetes Land habe und ich habe vielleicht ein tolles Haus nah am Strand, zu überlegen, ob das die richtige Entscheidung ist. Also das ist wirklich entsprechend wichtig unter diesem Aspekt, aber natürlich auch Sicherheitsaspekt. Das hängt wieder davon ab, in welcher Art von Krisenland ich mich befinde, möglichst nah zum Flughafen. 

In Bamako zum Beispiel ist es so, dass der Flughafen südlich des Flusses liegt und es nur zwei Brücken gibt. Also versucht man als Expat im Süden sich bei einer Wohnung oder ein Haus zu suchen, dass im Falle eines Putschs oder einer etwas vulnerableren Situation ich zum Flughafen komme. Das sind Dinge, die ich beachten muss, also die Lage. 

Das zweite ist natürlich der Schutz. Miete ich ein Haus, gehe ich irgendwo, wo alle Nationalen auch wohnen oder gehe ich in eine Gated Community, wo ein Sicherheitsdienst vorhanden ist. Habe ich ein Haus, nehme ich NATO-Stacheldraht, gebe ich ja auch eine Nachricht oder eine Message, die ich anderen gebe, oder habe ich ein ganz normales Haus, habe ich einen Wächter, wie schütze ich mich? Und da sagt man eben, je mehr Layers dazwischen sind, weil bei Diebstahl und Einbrüchen, das soll schnell gehen, je mehr Hindernisse ich aufbaue, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit – man kann es nie ausschließen. 

Geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Einbruch erfolgreich ist. Also manchmal gibt es auch die sogenannten Sicherheitsbeamten bei der Botschaft, dass man die auch noch mal fragt, dass sie vielleicht bei der Begehung des Hauses mit kommen, einfach anrufen und fragen. Es schadet ja nichts. Die haben noch mal einen anderen Blick darauf.

Wie würden Sie sich vorbereiten, wenn Sie kurzfristig einen Auslandseinsatz haben?

Petra Padberg Das erste ist natürlich, sich ein Bild zu machen, es gibt die Sicherheitswarnungen des Auswärtigen Amtes. Ich selber mache es so, dass ich eine Synopse mache, abhängig von dem Land, in das ich gehe. Wenn es zum Beispiel eine ehemalige französische Kolonie war, würde ich auf das französische Außenministerium gehen. 

Oder auch das Schweizer Außenministerium in Bern hat sehr gute Daten, oder das britische. Und wenn Sie dann das übereinander legen, und wie in der Mathematik gibt es eine Schnittmenge, das bildet so einigermaßen die reale Situation ab. Dann würde ich natürlich auch die einschlägigen Sicherheitsnachrichten, die man bekommt, mir anhören.

Ich würde Leute im Land kontaktieren, die ich kenne oder jemanden, den ich kenne, der jemanden kennt, um einen direkten Kontakt ins Land vor Ort aufzubauen. Auch zu überlegen, in welches Hotel gehe ich? Gehe ich eher in ein großes internationale Kette oder eher in so ein Boutique-Hotel? In einer internationalen Kette sind die Sicherheitsmaßnahmen meistens höher, aber die sind auch eher für Anschläge gefährdet. Komme ich nachts an und kenne mich in einem Land nicht aus, kriege ich einen Flug, der vielleicht etwas länger dauert, aber ich komme bei Tageslicht an. Auf jeden Fall vorbereiten und Leute fragen, Hilfe in Anspruch nehmen.

In der Regel fällt man als Ausländer auf. Gibt es da Tricks?

Petra Padberg Wir nennen das Blend-in oder Chamäleon-Prinzip. Das heißt, sich anpassen, also möglichst nicht auffallen. Ich trage nicht die teuersten Kleider. Ich trage auch keine Camouflagekleidung, was auch auffällig sein könnte. Keine Outdoor-Marken, keine teure Uhr, kein auffälliger Schmuck. Das ist, glaube ich eine wichtige Sache. 

Und auch eine Aussage: Religiöse Symbole würde ich in gewissen Kontexten auch vermeiden oder politische Kontexte. Oder sogar nationale Symbole. Einfach, dass sie da als neutral genommen werden und dann eben auch sozial adäquat sich verhalten. Also nicht auffällig laut zum Beispiel. Eben so, wie es üblich ist, dass man vielleicht leiser spricht, ein zurückhaltendes Auftreten hat. 

Wichtig wäre auch noch, wie ich gehe mit meinem Smartphone um. Oder mit der Technik. Mache ich das offensichtbar? Oder meine teure Kamera? Und dann wäre auch wichtig, zum Beispiel Geld und Wertsachen. Es ist, glaube ich, ganz wichtig, dass man immer etwas bereit hat, was man schnell abgeben kann. Insbesondere wir Frauen wollen nicht abgetastet werden. Und die glauben uns einfach nicht, dass wir nichts dabei haben. Deswegen haben wir immer aufgeteilt Dinge dabei, was wir schnell herausgeben können.

Was würden Sie Frauen sonst noch raten?

Petra Padberg Das ist ein wichtiger Aspekt, vor allem dieser Paradigmenwechsel, dass man unter Sicherheitsaspekten eben nicht jetzt das normale Frauenbild implementiert in die neue Gesellschaft. If you go to Rome, you have to do as the others at Rome do. Ganz wichtig ist dabei, lokale Frauen wissen ganz genau, was zu machen ist. 

Sie als Quelle zu benutzen, zu fragen, wie verhalte ich mich am besten? Damit ich in gewissen Situationen als Frau nicht entsprechend das Opfer werde. Was aber noch wichtig in diesem Kontext ist, es gibt Zahlen für diese Harassement-Geschichte oder Übergriffigkeit, das sind nicht unbedingt die Situation mit den Nationalen wenn ich unterwegs bin. 

Die meisten Übergriffe finden in der Expat-Community statt. Das sind in der Regel die Täter, Menschen, die wir kennen. Und da fällt es uns natürlich sehr viel schwerer, am Anfang Grenzen zu setzen. Und dann lassen wir zu und lassen zu und irgendwann ist es zu viel. Und dann fällt es uns nicht leicht, Stopp zu sagen.

Herzlichen Dank, Frau Padberg!

Wenn Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, noch tiefer einsteigen wollen, checken Sie doch unsere Shownotes. Die nächste WELTMARKT-Folge erscheint im April. Dann schauen wir nach China. 
Haben Sie eine gute Zeit und bis dahin!

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