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Kundendruck und Regulierung treiben nachhaltiges Bauen in Spanien
Von der vielfältigen Bau- und Sanierungstätigkeit in Spanien profitieren auch Architekturbüros. Spezialisierung und Fingerspitzengefühl können deutschen Anbietern helfen.
23.06.2026
Von Friedrich Henle, Oliver Idem | Madrid, Bonn
- Energieeffizienz gewinnt weiter an Bedeutung
- Hotellerie und Tourismus bilden eine wichtige Kundengruppe
- Mit Spezialisierung und Erfahrung gegen die Dominanz lokaler Anbieter
- Deutsche Auftraggeber in Spanien als Eintrittstor
- Öffentliche Ausschreibungen im Wohnungssektor bieten Chancen
- Große Gegensätze bei den Honoraren in Spanien
- Regionale Unterschiede sind vielfältig ausgeprägt
In Spanien sollen die Bauinvestitionen im Jahr 2026 um 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr zunehmen. So prognostiziert es die EU-Kommission. In den Jahren 2022 bis 2025 hatte der Zuwachs jeweils zwischen 4 und 5,5 Prozent betragen.
Die positive Entwicklung in der spanischen Bauwirtschaft belebt auch den Bedarf an nachhaltigen Architekturdienstleistungen. Treiber sind vor allem der gehobene Neubau und zukunftsgerichtete Städtebauvorhaben wie Madrid Nuevo Norte. Strengere Vorschriften der EU und der spanischen Regierung für die Energieeffizienz von Gebäuden und ressourcenschonendes Bauen erhöhen die Nachfrage nach nachhaltigen Konzepten.
Energieeffizienz gewinnt weiter an Bedeutung
Ein Indikator für die zunehmende Bedeutung nachhaltigen Bauens in Spanien sind entsprechende Zertifizierungen. So gehört Spanien zu den führenden Ländern bei LEED (Leadership in Energy and Environmental Design)-Zertifizierungen von Gebäuden. Mit einem Bestand von 1.104 zertifizierten Vorhaben, vor allem im Bereich Bürogebäude, lag das Land 2025 auf Platz 1 in Europa und auf Platz 7 weltweit. Am verbreitetsten ist jedoch der europäische BREEAM-Standard, den bereits rund 3.400 Gebäude in Spanien erreicht haben. Eine geringere, aber wachsende Bedeutung besitzt die in Deutschland entwickelte Passivhaus-Zertifizierung. So gehört beispielsweise Grupo LOBE zu den wenigen Immobilienentwicklern in Spanien, die sämtliche Projekte nach diesem Standard realisieren.
Der Fachverband für Baumaterialien ANDIMAC kalkuliert, dass ohne zusätzliche Anstrengungen in zehn Jahren 83 Prozent der Wohnungen in Spanien die Mindeststandards für Energieeffizienz verfehlen werden. Deswegen ist mit zahlreichen Sanierungen für einen nachhaltigeren Umgang mit Energie zu rechnen. Auch Barrierefreiheit und Sicherheit sind Gründe für die Modernisierung von Bestandsgebäuden.
Leuchtturmprojekt Madrid Nuevo Norte setzt Impulse
Im nachhaltigen Gebäudebau gilt Madrid Nuevo Norte als Vorzeigeprojekt. Mit einem Investitionsvolumen von über 25 Milliarden Euro bis 2045 gehört es zu den größten Bauvorhaben Europas. In dem Baugebiet sind Wohn- und Geschäftszonen sowie ein ausgedehntes Nahverkehrsnetz geplant. Ziel ist es auch, einen weitgehend klimaneutralen, neuen Stadtteil zu errichten. Dazu gehören unter anderem die konsequente Elektrifizierung der Mobilität und der Einsatz von Photovoltaik und Geothermie im Gebäudebereich. Im Mai 2026 fiel der Spatenstich im Areal Las Tablas Oeste.
Madrid Nuevo Norte sticht mit einer besonderen Offenheit für internationale Lösungen heraus. Während spanische Unternehmen die Baubranche dominieren, sind im Innovationslabor INNOLAB auch ausländische Impulse erwünscht. INNOLAB wurde von der Region Madrid gemeinsam mit Partnerinstitutionen ins Leben gerufen. Firmen können sich dort mit nachhaltigen und innovativen Lösungen für den Städtebau registrieren. Aufgrund der geplanten Gesamtdauer von etwa 20 Jahren sollen kontinuierlich moderne Impulse in die Umsetzung einfließen. Bereits 2021 hat das Städtebauprojekt Prä-Zertifizierungen für die Standards LEED und BREEAM erhalten.
Weitere Informationen zur Baubranche in Spanien
- Einen ausführlichen Überblick über die Baubranche sowie nachhaltiges Bauen in Spanien bietet der GTAI-Bericht Bauwirtschaft.
- Zu Aktivitäten und Vorgehensweisen deutscher Architekturbüros im Ausland veröffentlichte GTAI im Dezember 2024 den Podcast Architekturexport in der Reihe "Weltmarkt".
Hotellerie und Tourismus bilden eine wichtige Kundengruppe
Energieeffizienz und Nachhaltigkeit gewinnen auch in der Hotellerie an Bedeutung. Die Übernachtungsbranche profitiert von der positiven Entwicklung des Tourismus und investiert verstärkt. Der Immobiliendienstleister CBRE erwartet die Eröffnung von weiteren 260 Hotels bis 2028. Im Jahr 2026 könnten zum ersten Mal mehr als 100 Millionen ausländische Gäste Spanien besucht haben. Reisende legen zunehmend Wert auf Umweltstandards, die über Buchungsplattformen teils gezielt auswählbar sind.
Spaniens Attraktivität als Urlaubsziel und alternativer Aufenthaltsort führt zudem zu einer starken Auslandsnachfrage nach Ferienwohnungen, Zweitwohnsitzen und Villen. Die Research-Abteilung der spanischen CaixaBank berichtet, dass im Zeitraum von April 2024 bis März 2025 insgesamt 133.000 Immobilienkäufe auf nicht spanische Kunden entfielen. Das entsprach 18 Prozent der gesamten Transaktionen in Spanien. Die hohe Nachfrage nach Immobilien, insbesondere aus Deutschland, kann für deutsche Architekturbüros einen Anknüpfungspunkt darstellen. So waren zu Jahresbeginn 2025 allein 132.000 Deutsche in Spanien fest gemeldet.
Mit Spezialisierung und Erfahrung gegen die Dominanz lokaler Anbieter
Die spanische Baubranche befindet sich überwiegend in der Hand einheimischer Unternehmen. Zudem existiert eine Vielzahl von Architekturbüros, bei denen ebenfalls inländische Anbieter dominieren. Der europäische Architekturdachverband ACE nennt 50.500 Erwerbstätige in Architekturberufen in Spanien. Diese stammten 2024 zu 98 Prozent aus dem Land selbst. Das mit Abstand wichtigste Arbeitsfeld bildet der private Wohnungsbau - sowohl der Neubau als auch die Umgestaltung bestehender Gebäude.
Lokale Anbieter decken vielfach das Massengeschäft ab. Mit Spezialisierung und Erfahrung können deutsche Architekturbüros in Spanien aber trotzdem punkten. Chancen bieten insbesondere der gehobene Neubau und anspruchsvolle Sanierungen. In diesen Segmenten sind viele Kunden bereit, für Nachhaltigkeit, Sicherheit und Komfort höhere Ausgaben zu tätigen.
Erfahrung mit lokalen Besonderheiten bei Planungs- und Bauabläufen ist für deutsche Architekten und Planer unabdingbar. So bestehen in Spanien anspruchsvolle Auflagen, etwa bei Haustechnik und Brandschutz. Auch die Inbetriebnahme erfordert einen erheblichen Aufwand. Bei Prüfungen, Bewertungen und Genehmigungen spielen zwei Instanzen eine wichtige Rolle: die lokalen Behörden und die Architektenkammern.
Manchmal herrscht ein hohes Maß an Flexibilität und Improvisationsfähigkeit. An anderer Stelle werden Vorschriften zeitaufwändig und selbstbewusst durchgesetzt. Darum ist es hilfreich, entweder selbst mit der Materie vertraut zu sein oder mit erfahrenen Partnern zusammenzuarbeiten.
Deutsche Auftraggeber in Spanien als Eintrittstor
Deutsche Institutionen in Spanien arbeiten gerne mit deutschen Architekturbüros zusammen. Hier müssen teilweise technische Anforderungen beider Länder unter einen Hut gebracht werden. Ein solches Projekt mit deutscher Beteiligung war der 2015 fertiggestellte Neubau der Deutschen Schule in Madrid, gestaltet durch das Architekturbüro Grüntuch Ernst.
Sulitze Muñoz Arquitectos arbeitete unter anderem an der Residenz der deutschen Botschaft in Madrid und den Büroräumen der Deutschen Handelskammer für Spanien (AHK Spanien). Im Interview mit GTAI spricht Holger Sulitze über Besonderheiten des spanischen Marktes und Unterschiede zu Deutschland:
Weitere Anbieter mit Deutschlandbezug sind in Spanien aktiv. Wortmann Architects aus Barcelona hat den Schwerpunkt auf Hotels gelegt. Dressler & Partner aus Palma de Mallorca fungiert als Architektur-, Bau- und Immobilienanbieter. Manche Büros planen von Deutschland aus mit spanischen oder spanischsprachigen Fachkräften. Für die Umsetzung vor Ort arbeiten sie häufig mit lokalen Partnern zusammen.
Öffentliche Ausschreibungen im Wohnungssektor bieten Chancen
Architekturbüros gelangen in Spanien meist über Ausschreibungen oder Wettbewerbe an Aufträge. Die Anforderungen sind tendenziell allgemeiner formuliert als in Deutschland. Zudem werden weniger Details im Vorfeld festgelegt.
In öffentlichen Ausschreibungen hat der Preis ein stärkeres Gewicht als Nachhaltigkeitsfaktoren. Durch EU-Vorgaben und die nationale Gesetzgebung dürfte sich das in Zukunft ändern: So zielt die EU-Richtlinie 2023/1791 darauf ab, den Energieverbrauch bis 2030 um mindestens 11,7 Prozent gegenüber früheren Prognosen zu senken. Spanien hat diese Richtlinie bislang nur teilweise in nationales Recht überführt. Die Umsetzung erfolgt schrittweise über Anpassungen bestehender Gesetze und neue Verordnungen seit 2025.
Die öffentliche Hand will in den nächsten Jahren ihre Aktivitäten im Wohnungsbereich verstärken. Grund ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Die spanische Zentralbank beziffert das Defizit aktuell auf etwa 750.000 Wohnungen. Seit Ende 2025 ist die umstrukturierte, staatliche Wohnungsagentur Casa47 operativ. Sie soll den öffentlichen Mietpool neben Ankäufen auch durch Neubauprojekte erweitern.
Tipps
- Das Netzwerk Architekturexport (NAX) der Bundesarchitektenkammer weist darauf hin, dass die Registrierung bei einer Architekturkammer notwendig ist, um den Beruf in Spanien legal auszuüben.
- Eine deutsche Berufshaftpflichtversicherung schließt Spanien üblicherweise ein, was jedoch überprüft werden sollte. Beim Bau von Wohngebäuden und umfangreichen Sanierungen können längerfristige Haftungsregeln gelten, für die eine eigene Versicherung wichtig ist.
- Werden Mitarbeitende aus Deutschland nach Spanien entsandt, sind eine Reihe von Vorgaben zu beachten.
Große Gegensätze bei den Honoraren in Spanien
Mangels Honorarordnung und lokaler Statistiken ist die Vergütung von Architekturbüros in Spanien wenig transparent. Die Unterschiede zwischen etablierten Anbietern und kleineren Büros, die über den Preis konkurrieren, sind groß. Anhaltspunkte liefert ACE, der das Mediangehalt in der Architektur in Spanien für 2024 mit 42.229 Euro im Jahr angibt. Im unteren Viertel liegt der Wert bei lediglich 26.393 Euro und im oberen Viertel bei 63.344 Euro.
Einflussfaktoren sind unter anderem die Größe und Komplexität des Projekts und der Ort der Umsetzung. Spezialwissen kann sich in Spanien in Bereichen wie Nachhaltigkeit, Innendesign oder der Restaurierung historischer Gebäude bezahlt machen. Gleiches gilt für digitale Kompetenzen, wie etwa das Building Information Modeling (BIM). Dieses ermöglicht digitale Abbildungen von Bau und Betrieb von Gebäuden. Bei öffentlichen Auftraggebern in Spanien wird BIM schrittweise eingeführt. Seit April 2024 gilt die erste Stufe für Bauvorhaben mit einem Auftragswert ab dem EU-Schwellenwert von 5,5 Millionen Euro.
Regionale Unterschiede sind vielfältig ausgeprägt
Zu den Besonderheiten des Geschäftsumfelds in Spanien gehören die drei Verwaltungsebenen Zentralstaat, Region (Autonome Gemeinschaft) und Gemeinde. So kommt es vor, dass Verwaltungen in verschiedenen Orten für identische Genehmigungen unterschiedliche Unterlagen anfordern. Bearbeitungszeiten variieren ebenfalls je nach Behörde. Zusätzlich gelten teilweise spezielle Vorgaben, etwa Bauverbote für geräuschintensive Arbeiten in Feriengebieten während der Sommermonate.
Regionale Unterschiede in Spanien zeigen sich auch bei Ansprüchen an Qualität und Genauigkeit. So unterscheiden sich die klimatischen Bedingungen, die Kaufkraft und die Erwartungen von Auftraggebern in den 17 Autonomen Gemeinschaften teils erheblich. Insgesamt ist Anpassungsfähigkeit ebenso wichtig wie eine klare und verbindliche Kommunikation. Entscheidend ist es, den passenden Ton zu finden.
| Bezeichnung | Anmerkungen |
|---|---|
| AHK Spanien | Anlaufstelle für deutsche Unternehmen |
| Asociación de Empresas Constructoras y Concesionarias de Infraestructuras (SEOPAN) | Spanischer Verband von großen Bauunternehmen und Konzessionären |
| Asociación Nacional de Distribuidores de Cerámica y Materiales de Construcción (ANDIMAC) | Spanischer Verband für Baumaterialien |
| Consejo Superior de los Colegios de Arquitectos de España (CSCAE) | Dachverband der spanischen Architekturverbände |
| Contratación del Estado | Nationale Ausschreibungsplattform |
| Netzwerk Architekturexport (NAX) | Außenwirtschaftsinitiative der Bundesarchitektenkammer |
| CONSTRUTEC | Fachmesse für den Bausektor (alle zwei Jahre); nächster Termin: 10. bis 13. November 2026 in Madrid |
| Conferencia Española Passivhaus | Fachkongress für den Zertifizierungsstandard Passivhaus (jährlich); nächster Termin: 22. bis 24. Oktober 2026 in Logroño (Region La Rioja) |
Redaktioneller Hinweis: Dieser Bericht wurde erstmals im April 2025 veröffentlicht und im Juni 2026 aktualisiert.