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Tschechien gibt grünes Licht für Staustufe an der Elbe
Die tschechische Regierung treibt den Bau einer Staustufe bei Děčín voran. Ab 2029 soll das wichtige Infrastrukturprojekt entstehen. Auch deutsche Unternehmen könnten profitieren.
27.08.2026
Tschechien will mehr Güter auf der Elbe transportieren und besseren Anschluss an die Seehäfen bekommen. Ziel ist es, den Strom an 345 Tagen im Jahr schiffbar zu machen. Dafür soll ein Engpass bei Děčín, kurz vor der Grenze zu Sachsen, beseitigt werden. Die Staustufe ist seit den 1990er Jahren im Gespräch, fand aber bislang keine politische Mehrheit und stieß auf den Protest von Umweltschützern.
Inzwischen sind sich der tschechische Umwelt-, Verkehrs- und Landwirtschaftsminister einig über den Bau. Anfang August 2026 kündigten sie in Děčín die Errichtung des Wehrs an. Auch Sachsens Staatsminister für Umwelt und Landwirtschaft, Georg-Ludwig von Breitenbuch, nahm an dem Treffen teil. Die tschechische Direktion der Wasserstraßen (ŘVC) bereitet bereits die Unterlagen für die Umweltverträglichkeitsprüfung vor. Daran will sich der Freistaat Sachsen beteiligen.
Sachsens Häfen freuen sich über die Entwicklung
Auf deutscher Seite, bei den Sächsischen Binnenhäfen Oberelbe GmbH (SBO GmbH), sieht man die Entwicklung positiv. "Wir hoffen, dass das Projekt umgesetzt wird", teilte Geschäftsführer Heiko Loroff auf Anfrage von Germany Trade & Invest mit. "Bei den handelnden Personen in Tschechien scheint jetzt mit Ernsthaftigkeit daran gearbeitet zu werden. Wenn sich hier Stabilität einstellt, kann das Projekt gelingen."
Die geplante Staustufe Děčín umfasst ein bewegliches Wehr mit Schleuse, Fischaufstiegsanlagen und ein Wasserkraftwerk, das die Hälfte der 50.000 Einwohner Děčíns mit Strom versorgen könnte. Die Investitionskosten werden auf 250 Millionen bis 330 Millionen Euro geschätzt.
Geplante Maßnahmen rund um die Staustufe
- 200 Meter lange und 24 Meter breite Schleusenkammer
- bewegliches Wehr mit drei Feldern und einer durchschnittlichen Fallhöhe von 4 Metern
- Wasserkraftwerk mit zwei Turbinen (7,9 Megawatt Leistung, geplante Jahresproduktion 47 Gigawattstunden)
- Fischaufstiegsanlagen am rechten und linken Ufer
- Steinbuhnen auf 6,1 Kilometern Länge ober- und unterhalb des Wehres
- ergänzende Revitalisierungsmaßnahmen an den Ufern
- Renaturierung von Flusslandschaften
- Anlage von Feuchtgebieten und Altarmen
- neue öffentliche Hafeninfrastruktur und Radwege
- Gewässermonitoring und Biodiversitätsmanagement
Quelle: Wasserwirtschaftsbetrieb Povodí Labe
Verlaufen die Genehmigungs- und Umweltverfahren planmäßig, dann könnte der Bau bereits 2029 beginnen. Die Inbetriebnahme ist für 2033 vorgesehen. Die Staustufe soll auf dem kritischen Abschnitt an 345 Tagen im Jahr einen Fahrwassertiefgang von 1,4 Metern gewährleisten und von 2,2 Metern an 180 Tagen.
Für deutsche Unternehmen ergeben sich potenzielle Aufträge im Bereich Wasserbau, Energieanlagen und Verkehrsinfrastruktur. Außerdem verbessert die Staustufe die logistischen Rahmenbedingungen für den Handel mit Tschechien und schafft neue Geschäftsmöglichkeiten bei Umwelttechnik, Energiewirtschaft und Tourismus.
Welche Produkte werden gebraucht?
- Ausrüstungen für die Schleusenanlage und das Wasserkraftwerk
- Stahlwasserbau- und Wehrtechnik
- Hydraulik-, Antriebs- und Steuerungssysteme
- Netzanschluss- und Schaltanlagen
- Wasserstands- und Umweltmonitoring
- Versorgungsleitungen
- Ufersicherungsmaßnahmen und Buhnenbau
- Hafen- und Logistikinfrastruktur
- Wartungs- und Serviceleistungen
Die Elbe ist Bestandteil des transeuropäischen Verkehrsnetzes (TEN-T) und stellt für die Tschechische Republik die einzige direkte Wasserverbindung zu den Nordseehäfen dar. Der Flussabschnitt unterhalb von Děčín ist die letzte Strecke seit dem Zusammenfluss mit der Moldau, auf dem die Schifffahrt ausschließlich von natürlichen Bedingungen abhängt. Große Schiffe können diese Passage wegen Wassermangels häufig nicht nutzen. In Trockenperioden kommt die Schifffahrt regelmäßig für mehrere Monate zum Erliegen. Viele tschechische Binnenschiffe fahren inzwischen nur noch auf westeuropäischen Flüssen und Kanälen.
Aktuell kaum noch Flusstransporte in Tschechien
Das Transportvolumen auf tschechischen Wasserstraßen ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten drastisch gesunken. Wurden 2005 noch fast 550.000 Tonnen Fracht über Flüsse ins Ausland exportiert, so waren es 2025 nur noch 3.700 Tonnen. Beim Import sank die Gütermenge von 360.000 Tonnen auf 900 Tonnen. Das meiste Volumen schlagen tschechische Reeder inzwischen auf Wasserwegen im Ausland um (Kabotage).
| Frachtart | 2005 | 2010 | 2015 | 2020 | 2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| Transportierte Fracht | 1.956 | 1.642 | 1.854 | 1.384 | 786 |
| davon Exportgüter | 546 | 276 | 118 | 67 | 3,7 |
| davon Importgüter | 364 | 167 | 44 | 12 | 0,9 |
| davon Binnentransporte | 685 | 371 | 684 | 318 | 272 |
| davon Transport und Kabotage im Ausland | 360 | 828 | 1.008 | 987 | 509 |
Unklar ist noch, ob Tschechiens Elbtransporte nach dem Bau der Staustufe auf deutscher Seite weiterkommen. Laut dem Dresdner SBO-Geschäftsführer Heiko Loroff verringerten sich auch an der Oberelbe an vielen Stellen die Nutzungszeiten aufgrund fehlender Unterhaltsmaßnahmen.
"Und selbst wenn ausreichend Wasserstand vorhanden ist, finden wir heute manchmal nicht genug Schiffsraum für die Transporte, oder wir müssen die Schiffe zu deutlich überhöhten Preisen einkaufen", berichtet der Logistikexperte. "Die Kunden von nicht so profitablen Gütern sind allerdings nicht bereit, solche Preise zu zahlen und weichen auf die günstigere Eisenbahn aus. Das ist ein Teufelskreis."
Derzeit werden auf der Elbe vor allem größere Maschinenbauerzeugnisse wie Generatoren und Transformatoren sowie Düngemittel und Baumaterialien transportiert. Besonders die großen Energieanlagenbauer wie Škoda JS und Doosan Škoda Power aus Plzeň könnten ihre Überseelieferungen besser über die Elbe Richtung Hamburg verschiffen als über die Straße. Außerdem plant Tschechien den Bau neuer Atommeiler in Dukovany, für die riesige Komponenten aus Südkorea ins Land kommen. Die Elbe wäre dafür ein guter Transportweg.
"Aktuell vollständig von den Jahreszeiten abhängig"
Petr Kryštof leitet die Repräsentanz des Hamburger Hafens in Prag. Der norddeutsche Umschlagplatz ist die wichtigste Drehscheibe für den tschechischen Überseehandel. Im Interview erklärt Petr Kryštof, was ein Elbausbau für die Geschäfte bedeuten könnte.
Welche Bedeutung hätte die Staustufe Děčín aus Sicht des Hamburger Hafens?
Dies ist ein klares Signal an die deutsche Seite, dass an der Schiffbarmachung der Elbe weiterhin Interesse besteht. Der Hamburger Hafen ist von den Kapazitäten her sowohl auf Projekttransporte als auch auf regelmäßige Verkehre vorbereitet. Leider gilt dies nicht für die Elbe selbst. Der aktuelle Zustand ist vollständig von den Jahreszeiten und den jeweiligen Wasserständen abhängig. Solange auf deutscher Seite keine begleitenden Investitionen entlang der Elbe erfolgen, ist kein signifikanter Anstieg des Güterverkehrs zu erwarten.
Bei welchen Güterarten sehen Sie das größte Potenzial für zusätzliche Transporte auf der Elbe?
Neben der City-Logistik und beispielsweise dem Abfallmanagement hoffen wir auf eine Rückverlagerung von Schüttguttransporten von der Straße auf das Wasser. Ebenso setzen wir auf eine Zunahme von Schwerlast- und Großraumtransporten. Solche Güter können weder auf der Schiene noch auf der Straße befördert werden und sind bei Niedrigwasser häufig über viele Monate oder sogar Jahre blockiert.
Glauben Sie, dass tschechische Unternehmen nach dem Bau der Staustufe die Binnenschifffahrt stärker nutzen würden?
Ich sehe ein enormes Potenzial für exportorientierte Unternehmen der Region sowie für Umschlagaktivitäten in öffentlichen Häfen und trimodalen Terminals. Einige Unternehmen sind bereits heute in hohem Maße vom Export über den Wasserweg abhängig. Die langfristige Vernachlässigung notwendiger Investitionen in die Wasserstraße könnte dazu führen, dass diese Unternehmen die Region oder sogar die Tschechische Republik verlassen.
Impulse für die Häfen in Děčín und Lovosice
Die Sächsischen Binnenhäfen Oberelbe betreiben über ihre tschechische Tochtergesellschaft auch die beiden Elbhäfen in Děčín und Lovosice. Das Unternehmen sieht für die Standorte ähnlich gute Perspektiven wie heute schon in Dresden und Riesa. "Wir können uns gut vorstellen, als Hub mit Anlieferungen für Güter von und nach Prag aus dem Hafen Lovosice zu fungieren", erklärt Geschäftsführer Loroff. Er findet, dass vor allem Getreide, Energieträger, Baustoffe und Recyclingprodukte wieder über das Wasser transportiert werden sollten. Auch bei Liefercontainern, zum Beispiel für die City-Logistik, sieht Loroff gute Chancen auf dem Fluss. "Das funktioniert in Paris hervorragend und entlastet den Schwerverkehr in Großstädten." Wichtig sei eine sinnvolle Verknüpfung aller drei Verkehrsträger, also Wasser, Schiene und Straße. "Dann können wir die steigende Nachfrage nach Transportlösungen und den Anspruch nach Resilienz und Nachhaltigkeit umsetzen."
Die Standorte Děčín und Lovosice würde die SBO GmbH gern ausbauen. Allerdings sei es momentan schwer, an ausreichend Fördermittel für die Infrastruktur wie Gleisanschlüsse zu kommen, erklärt Heiko Loroff. Die Nachfrage für Unternehmensansiedlungen in den Häfen sei riesengroß. Altlasten aus den Jahren vor 2000 verhinderten jedoch ein schnelleres Wachstum. "Hier bräuchten wir dringend Hilfe, schließlich können die Häfen 24/7 arbeiten und sind rund um die Uhr erreichbar. Das ist unser großes Plus."