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Fachkräfte

Gut ausgebildete Arbeitskräfte bleiben ein Standortvorteil. Jedoch ist das Arbeitskräfteangebot deutlich gesunken, was viele Branchen beeinträchtigt.

Von Waldemar Lichter | Warschau

Der ukrainische Arbeitsmarkt erweist sich trotz des Krieges als widerstandsfähig. Viele Unternehmen arbeiten weiter, investieren und suchen Personal. Gleichzeitig ist das verfügbare Arbeitskräftepotenzial deutlich kleiner als vor der Vollinvasion 2022. Kriegsbedingte Einflüsse haben die Erwerbsbasis spürbar reduziert. Der größte Engpass ist heute aber nicht mangelnde Nachfrage, sondern fehlendes Personal. Die Besetzung offener Stellen wird zunehmend schwieriger. So meldete der Staatliche Beschäftigungsdienst der Ukraine (DSZ) für 2025 mehrere hunderttausend offene Stellen. Nach offiziellen Angaben konnten rund 63 Prozent der über den Dienst vermittelten Vakanzen besetzt werden. Der Rest blieb unbesetzt.

Eine Erhebung der European Business Association (EBA) vom November 2025 bestätigt die Entwicklung. Ganze 74 Prozent der befragten Unternehmen stuften den Fachkräftemangel als gravierend ein, weitere 21 Prozent als spürbar. Auch Anfang des Jahres 2026 hat sich die Lage nicht entspannt. Nämlich 78 Prozent der EBA-Mitgliedsunternehmen berichteten weiterhin von einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Besonders groß ist die Lücke bei Lkw-Fahrenden, Elektrofachkräften, Installations- und Schlosserberufen sowie CNC-Maschinenbedienenden. Auch Teile des Gesundheits- und Bildungswesens sind betroffen.

Arbeitsmarkt verliert Millionen Menschen durch Krieg

Ein zentraler Grund ist das stark gesunkene Arbeitskräfteangebot. Es ging seit 2021 von rund 17,4 Millionen auf schätzungsweise 14 bis 14,6 Millionen Personen zurück (Stand: 2024/2025). Dies entspricht einem Rückgang von rund einem Viertel. Zu den wichtigsten Ursachen zählen die kriegsbedingte Flucht ins Ausland, die Mobilisierung und Kriegstote. Hinzu kommt der bereits vor dem Krieg anhaltende Bevölkerungsrückgang. Seit 2022 hielten sich zeitweise über fünf Millionen Menschen aus der Ukraine im Ausland auf. Gleichzeitig kehrten Millionen wieder zurück. Für den Arbeitsmarkt dauerhaft verloren ist nach Schätzungen ein deutlich geringerer Teil dieser Gruppe. Die Zahl wird auf rund drei Millionen Personen geschätzt.

Ukraine im weltweiten Vergleich

Folgende Karte ermöglicht den Vergleich zwischen zahlreichen Ländern weltweit. Bitte beachten Sie, dass die Werte in der Karte aus international standardisierten Quellen stammen und somit ggf. von Angaben aus nationalen Quellen im Text abweichen können.

 

Fachkräftemangel als Wachstumsbremse

Im Frühjahr 2026 zählte der Fachkräftemangel zu den wichtigsten Bremsfaktoren der wirtschaftlichen Entwicklung. Viele Unternehmen können Produktion, Dienstleistungen oder Investitionen nicht wie geplant ausweiten, weil qualifiziertes Personal fehlt. Der Engpass betrifft nicht nur hochqualifizierte Fachkräfte. Er erfasst zunehmend auch gewerblich-technische Berufe. Dazu zählen Elektriker, Schlosser, CNC-Maschinenbediener, Schweißer, Lkw-Fahrende und Bauarbeiter. Besonders angespannt ist die Lage in der Bauwirtschaft, im verarbeitenden Gewerbe sowie in Transport und Logistik. Auch technisch anspruchsvolle Produktionsbereiche sind betroffen.

Technische Hochschulen stützen Fachkräftebasis der Ukraine

Eine der wichtigsten Stärken des ukrainischen Arbeitsmarkts ist das vergleichsweise hohe Bildungsniveau. Die Ukraine verfügt über viele akademisch ausgebildete Fachkräfte und zählt mit mehr als 50 technischen Universitäten mit Schwerpunkten wie Informatik, Maschinenbau und Elektrotechnik zu den größten Hochschulstandorten in Mittel- und Osteuropa. Besonders stark vertreten sind weiterhin Mathematik, Naturwissenschaften, IT und Ingenieurwesen. Der Anteil der MINT-Absolvierenden lag laut zuletzt verfügbaren Angaben aus dem Jahr 2020 bei 25,7 Prozent. Damit liegt er über dem Niveau vieler Länder der Region. Ukrainische IT-Fachkräfte zählen zu den gefragtesten in Europa. 

Ukraine stärkt duale Ausbildung per Gesetz

Schwächer ausgeprägt war in der Ukraine lange die klassische Berufsbildung, ein duales Ausbildungssystem war kaum vorhanden. Dieser Engpass hat Ursachen, die nicht allein auf den Krieg zurückzuführen sind. Seit den frühen 2000er-Jahren zählt das Land zu den Staaten mit den niedrigsten Geburtenraten Europas. Hinzu kommt eine anhaltende Arbeitsmigration, die der Wirtschaft qualifiziertes Humankapital entzog. Bis Februar 2022 zogen allein nach Polen rund 1,35 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer. Dies geschah noch vor Mobilisierung und Kriegsflucht, die die Lage weiter verschärften. Zudem blieb das Berufsbildungssystem jahrzehntelang weitgehend vom tatsächlichen Bedarf der Unternehmen entkoppelt. Im Vergleich zu Deutschland setzt das ukrainische System traditionell stärker auf akademische Bildung. Dies führt zu einem Überangebot an Hochschulabsolventinnen und -absolventen bei gleichzeitigem Mangel an praktisch ausgebildeten Fachkräften, die insbesondere exportorientierte Produktions- und Logistikunternehmen benötigen.

Seit September 2025 gilt jedoch ein reformiertes Berufsbildungsgesetz. Es stärkt duale Ausbildungsmodelle, bindet Arbeitgeber in die Steuerung der Berufsschulen ein und führt unabhängige Qualifikationszentren ein. Für ausländische Unternehmen verbessert das die Voraussetzungen, den Fachkräftebedarf langfristig durch betriebliche Ausbildung im Land zu decken.

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