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Humanoide Roboter – das große Wachstumsversprechen
Dass die ersten Humanoiden in Autofabriken auftauchen, ist nicht nur Zufall. Die Roboter sind Vorboten eines Milliardenmarkts, vom dem die Autoindustrie selbst profitieren könnte.
03.09.2026
Das BMW-Werk Spartanburg im US-Staat South Carolina gewährt einen Blick in die Zukunft der industriellen Fertigung: Während im Hintergrund Fahrzeuge über die Montagelinien laufen, sind gleichzeitig humanoide Roboter bei der Arbeit. Sie sortieren angelieferte Komponenten und bereiten diese für den Weitertransport an die jeweiligen Montagestationen vor. Am Standort Spartanburg erprobt BMW bereits zum zweiten Mal einen Humanoiden des US-Start-ups Figure AI. In Leipzig testet BMW zudem den humanoiden Roboter AEON von Hexagon Robotics aus Zürich. Auch Hersteller wie Mercedes-Benz, Hyundai und Toyota treiben die Erprobung und den Einsatz humanoider Roboter in ihren Werken voran.
Auf den ersten Blick haben die Autos und humanoide Roboter wenig gemeinsam. Tatsächlich besteht zwischen den beiden Technologien jedoch eine enge Symbiose. Denn weltweit zählen vor allem Automobilkonzerne zu den frühen Anwendern solcher Roboter. Bei deren Einsatz steht für die Hersteller zunächst ein konkreter Nutzen im Vordergrund. „Die Autobauer wollen ihre Werke damit optimieren“, sagt der im Silicon Valley lebende Zukunftsforscher Mario Herger, der sich in seinem Buch Homo Syntheticus intensiv mit der Zukunft humanoider Roboter beschäftigt.
Robotik als neues Standbein für die Autoindustrie
Zunächst würden die zweibeinigen Roboter vor allem für repetitive Aufgaben eingesetzt und dazu beitragen, den Fachkräftemangel abzufedern. Mit zunehmender technischer Reife könnten sie künftig auch komplexere Tätigkeiten übernehmen, etwa Arbeiten in ergonomisch ungünstigen Positionen wie gebückter oder verdrehter Körperhaltung.
Die Verbindung zwischen der Automobilindustrie und humanoider Robotik reicht nach Einschätzung Hergers jedoch deutlich weiter. Gerade in einer Zeit, in der deutsche Autobauer mit Absatzschwächen, dem Wandel zur Elektromobilität und wachsendem Wettbewerbsdruck aus China konfrontiert sind, rückt ein weiterer Aspekt in den Fokus: Humanoide könnten selbst zu einem bedeutenden Industrieprodukt werden. "Humanoide Roboter entwickeln sich zu einem neuen Milliardenmarkt und könnten für die Autoindustrie und ihre Zulieferer zu einem regelrechten Rettungsanker avancieren", sagt Zukunftsforscher Herger.
Gemeinsame DNA von Auto und Roboter
Tatsächlich sind sich Fahrzeuge und Roboter in technischer Hinsicht ähnlicher, als es zunächst den Anschein hat. Denn rund die Hälfte der Produktionskosten entfällt auf die Aktuatoren – also die künstlichen Muskeln, die für die Bewegungen der Roboter sorgen. Solche Aktuatoren treten bei humanoiden Robotern in verschiedenen Formen auf: Drehaktuatoren sorgen für Bewegungen in Gelenken, Linearaktuatoren für Hebe-, Schub- und Streckbewegungen. Dahinter verbirgt sich ein komplexes Zusammenspiel aus Elektromotoren, Getrieben, Lagern und Bremsen.
"Humanoide Roboter sind wie Autos im Kleinformat", sagt Zornitsa Todorova, Head of Thermatic FICC Research bei der Investmentbank Barclays. Denn viele der für Aktuatoren benötigten Präzisionskomponenten kommen in ähnlicher Form bereits in Fahrzeugen zum Einsatz. Über Jahrzehnte in der Automobilindustrie aufgebaute Expertise könne deshalb nun auf den Bau humanoider Roboter übertragen werden, so die Expertin.
Gigantischer Absatzmarkt für Humanoide lockt
Die Geschäftschancen sind beträchtlich, denn Humanoide könnten zu einem der größten Industriemärkte der kommenden Jahrzehnte werden. Nach einem Basisszenario der Unternehmensberatung Roland Berger könnte die weltweite Produktion dieser Roboter bereits im Jahr 2030 die Marke von zehn Millionen Einheiten erreichen. Erfüllt sich hingegen ein optimistisches Szenario, entsteht bis 2050 eine Megaindustrie, die pro Jahr rund 200 Millionen Roboter produziert und damit Umsätze von etwa vier Billionen US-Dollar (US$) generiert. Damit würde der Markt selbst die heutige Automobilindustrie in den Schatten stellen, deren globales Umsatzvolumen bei rund 2,5 Billionen US$ liegt.
Davon würden nicht nur die Roboterhersteller profitieren. Auch für Zulieferer eröffnet sich ein Markt von erheblicher Größenordnung. Allein der weltweite Markt für Aktuatoren könnte laut Roland Berger bis 2035 ein Volumen von rund 26 Milliarden US$ erreichen. Ein optimistisches Szenario rechnet sogar mit bis zu 79 Milliarden US$.
Europäische und deutsche Unternehmen starteten dabei von einer guten Ausgangsposition, sagt Zornitsa Todorova. Europa hält laut der Barclays-Analystin heute rund 34 Prozent des Weltmarkts für Aktuatoren und liegt damit vor China (26 Prozent). Deutschland steht allein für etwa ein Drittel der europäischen Produktion. Besonders bei Hochdrehmomentaktuatoren, dem technologischen Herzstück vieler Humanoiden, könnten deutsche Zulieferer ihre jahrzehntelang aufgebaute Kompetenz in Antriebs- und Präzisionstechnik ausspielen.
Deutsche Robotikunternehmen bringen sich in Stellung
Wie deutsche Unternehmen Chancen bereits ergreifen, zeigt das Beispiel Schaeffler. Der Automobilzulieferer schmiedet gezielt ein Netzwerk aus Partnerschaften und Kooperationen. Dazu gehört die Zusammenarbeit mit Neura Robotics aus Metzingen. Das Start-up entwickelt den humanoiden Roboter 4NE-1 und sorgte im Juni 2026 für Schlagzeilen, als es gemeinsam mit Partnern wie Nvidia, Amazon und Qualcomm 1,4 Milliarden US$ an frischem Kapital einsammelte.
Schaeffler positioniert sich als Schlüssellieferant und entwickelt dabei gemeinsam mit Neura zentrale Aktuatorsysteme für den Humanoiden 4NE-1. Ähnliche Partnerschaften wurden auch mit weiteren OEMs für Humanoide geschlossen, darunter Hexagon Robotics, das britische Start-up Humanoid, Agility Robotics aus den USA sowie VinDynamics aus Vietnam.
Auch andere Unternehmen erschließen das Geschäftsfeld. Aumovio, die abgespaltene Automobilsparte von Continental, will künftig die Fertigung humanoider Roboter für das israelische Start-up Mentee Robotics übernehmen. Die Chancen beschränken sich dabei nicht auf mechanische Komponenten. So kooperiert Bosch mit Neura Robotics im Bereich der Sensorik für die Steuerung der Roboter.
Humanoide: globaler Wettbewerb beschleunigt sich
Das enorme Marktpotenzial ergibt sich insbesondere aus den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten humanoider Roboter. Roland Berger zufolge könnten die Anschaffungskosten fortschrittlicher Modelle bis 2035 auf 20.000 bis 30.000 US$ sinken. Damit würden Humanoide insbesondere für Industrie- und Logistikunternehmen wirtschaftlich attraktiv.
Daneben gelten auch Handel, Gastronomie und Gesundheitswesen als vielversprechende Einsatzfelder. Mit weiter fallenden Kosten werden Humanoide auch für private Haushalte erschwinglich. Die Bank of America erwartet, dass bis 2060 rund 62 Prozent des dann auf etwa drei Milliarden Einheiten geschätzten weltweiten Bestands an Humanoiden in Privathaushalten eingesetzt werden.
Die Aussicht auf einen derart großen Zukunftsmarkt löst einen globalen Wettlauf aus. Zukunftsforscher Herger hat weltweit bereits 248 Unternehmen identifiziert, die humanoide Roboter entwickeln. Mit 107 Anbietern stammt die größte Zahl aus China, gefolgt von den USA und Europa mit 57 beziehungsweise 41 Unternehmen. Deutschland ist mit zehn Anbietern vertreten. Dazu zählen neben Neura Robotics auch Agile Robots, Devanthro und RobCo, alle drei sitzen in München.
Die USA beginnen bereits, ihren Markt zu schützen und verhängten Ende Juli 2026 weitreichende Importbeschränkungen für neue Modelle der Advanced Robotic Devices, darunter humanoide und vierbeinige Roboter. Die Regelung richtet sich vor allem gegen chinesische Hersteller wie Unitree und AgiBot. Für Anbieter aus Europa bleibt der Zugang zum US-Markt grundsätzlich möglich, sofern sie Sicherheitsanforderungen erfüllen und die erforderlichen Genehmigungen erhalten.
Bei dem künftigen Markt könnte es um noch viel mehr gehen als um den Bau der Roboter selbst. Ähnlich wie Smartphones könnten sich Humanoide zu Plattformen für eine Vielzahl von Anwendungen, Diensten und Softwarelösungen entwickeln. „Dadurch könnten Geschäftsmodelle und ganze Industrien entstehen, die wir heute noch gar nicht vorhersehen können“, prognostiziert Zukunftsforscher Herger.