Die Vergabelogik bleibt stabil, aber geopolitische Risiken erhöhen den Wert lokaler Präsenz, belastbarer Lieferketten und langfristiger Servicekonzepte.
Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) steuern ihren Energiesektor über strategische Leitlinien und projektbezogene Ausschreibungen. Mit der UAE Energy Strategy 2050 verfolgt die Regierung das Ziel, den Anteil sauberer Energiequellen am Strommix bis 2050 auf 50 Prozent zu erhöhen und die CO₂-Emissionen der Stromerzeugung um 70 Prozent zu senken. Ergänzend wurde Klimaneutralität bis 2050 gesetzlich verankert.
Flächendeckende Einspeisevergütungen spielen kaum eine Rolle. Neue Kapazitäten entstehen überwiegend über wettbewerbliche Ausschreibungen: Die Regierung definiert den Bedarf, legt technologische Rahmenbedingungen fest und vergibt Projekte im Wettbewerb. Ausgewählte Vorhaben erhalten langfristige Stromabnahmeverträge. Diese Power-Purchase-Agreements sichern Betreibern kalkulierbare Einnahmen und reduzieren Finanzierungsrisiken. Maßgeblich für den Zuschlag sind Preis, technische Effizienz und Finanzierungsstruktur.
Dieses Verfahren hat bei großen Photovoltaikprojekten zu niedrigen Gebotspreisen geführt, erhöht aber den Margendruck für Anbieter. Der aktuelle Krieg verändert die Vergabelogik nicht grundsätzlich, dürfte aber einzelne Kriterien stärker gewichten. Neben niedrigen Kosten gewinnen Lieferfähigkeit, robuste Projektstrukturen, Systemresilienz und Risikomanagement an Bedeutung. Anbieter müssen stärker nachweisen, dass sie auch unter geopolitisch unsicheren Bedingungen terminsicher liefern und langfristig warten können.
Direkte Subventionen oder steuerliche Sonderanreize bleiben im Großanlagenbereich die Ausnahme. Für kleinere Solaranlagen existieren Programme wie Net Metering, bei denen Betreiber selbst erzeugten Strom ins Netz einspeisen und mit dem eigenen Verbrauch verrechnen können. Der Schwerpunkt liegt jedoch weiter auf großvolumigen, strategisch geplanten Projekten.
Typische Vergabeverfahren im Energiesektor der VAE| Wettbewerbliche IPP-Ausschreibung (Independent Power Producer) | Großkraftwerke (Solar, Gas, Kernenergie) | Strompreis und Finanzierungskonditionen | Langfristiger Stromabnahmevertrag mit staatlichem Abnehmer |
| EPC-Vergabe (Engineering, Procurement and Construction) | Netzinfrastruktur, Umspannwerke, Speicher | Preis, technische Referenzen | Häufig konsortial organisiert |
| Studien- und Beratungsaufträge | Machbarkeitsstudien, Netzanalysen | Fachliche Spezialisierung | Oft vorgelagert zu Großprojekten |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Lokale Wertschöpfung entscheidet mit
Neben Preis und technischer Leistungsfähigkeit spielt lokale Verankerung eine zunehmend wichtige Rolle. Ein zentrales Instrument ist das In-Country-Value-Programm (ICV) des Ministry of Industry and Advanced Technology. Es bewertet den wirtschaftlichen Beitrag eines Unternehmens in den VAE und berücksichtigt diesen bei staatlichen Vergaben. Feste Mindestquoten bestehen nicht; dennoch beeinflusst die erzielte Punktzahl die Wettbewerbsposition.
Die Ausgestaltung erfolgt emiratspezifisch. Vor allem Abu Dhabi und Dubai unterhalten eigene regulatorische Strukturen. Für ausländische Anbieter reicht technologische Wettbewerbsfähigkeit allein daher häufig nicht aus. Präsenz im Land oder belastbare Partnerschaften fließen ebenfalls in die Bewertung ein. Der Marktzugang wird damit nicht nur durch Preis und Technik, sondern auch durch industriepolitische Ziele bestimmt.
Der Krieg verstärkt diesen Trend. Lokale oder regionale Lieferketten, Servicekapazitäten vor Ort und verlässliche Ersatzteilverfügbarkeit gewinnen an Gewicht, wenn Transportwege, Frachtkosten oder Lieferzeiten unsicherer werden. Für deutsche Unternehmen kann dies Chancen eröffnen, wenn sie Spezialisierung mit lokaler Präsenz oder starken Partnern verbinden.
Zentrale Bewertungskomponenten des ICV-Programms| Lokale Produktion | Fertigung oder Montage in den VAE | Verbessert Position im Vergabeverfahren |
| Beschäftigung | Anteil lokaler Arbeitskräfte | Politisch gewollte Arbeitsmarktintegration |
| Investitionen | Aufbau lokaler Infrastruktur oder Anlagen | Signal langfristiger Standortbindung |
| Lieferketten | Einbindung emiratischer Zulieferer | Stärkung nationaler Industriepolitik |
| Ausbildung und Wissenstransfer | Schulungsprogramme, Technologietransfer | Beitrag zur wirtschaftlichen Diversifizierung |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Neben dem ICV-Programm müssen Unternehmen technische und rechtliche Anforderungen erfüllen. Produkte benötigen in der Regel Zertifikate, die bestätigen, dass sie den in den VAE geltenden Normen entsprechen. Für Einfuhren gelten die Bestimmungen der Federal Customs Authority, die Zoll- und Importverfahren auf Bundesebene koordiniert. "In der Praxis verlaufen Prozesse effizient, sofern Dokumentation und Zertifikate vollständig vorliegen", berichten Branchenkenner, in Gesprächen mit GTAI.
Regulatorische Anforderungen im Energiesektor
Finanzierung bleibt stabil, aber selektiver
Die Finanzierung von Energieprojekten erfolgt überwiegend über internationale Banken, regionale Finanzinstitute und Kapitalmarktinstrumente. Langfristige Stromabnahmeverträge schaffen stabile Zahlungsströme und erleichtern projektbezogene Finanzierungen. Green Bonds gewinnen im Zuge der Dekarbonisierungsstrategie an Sichtbarkeit, bleiben bei großvolumigen Energievorhaben jedoch von nachgeordneter Bedeutung.
Internationale Entwicklungsbanken treten bislang nur vereinzelt auf. Die VAE verfügen über eigene Finanzmittel und kreditwürdige staatliche Abnehmer. Dies wirkt risikomindernd auf die Projektstruktur. Für Investoren bleibt die Bonität staatlicher Vertragspartner ein zentraler Bewertungsmaßstab.
Der Krieg dürfte die grundsätzliche Finanzierungsfähigkeit der VAE nicht infrage stellen. Allerdings können höhere Risikoaufschläge, volatile Rohstoffpreise und unsichere Lieferketten die Kalkulation einzelner Projekte beeinflussen. Finanzierer dürften deshalb stärker auf vertragliche Absicherung, belastbare Konsortien und realistische Zeitpläne achten.
Insgesamt entsteht ein Energiemarkt, der strategisch geplant, projektbasiert umgesetzt und industriepolitisch flankiert wird. Für Unternehmen bestimmen Ausschreibungsmechanismen, Vertragsstrukturen und Lokalisierungsvorgaben maßgeblich die Wettbewerbsbedingungen.
Markteinstieg erfordert strategische Vorbereitung
Ein erfolgreicher Einstieg setzt eine frühzeitige Registrierung auf den einschlägigen Tenderplattformen sowie eine sorgfältige Prüfung der Präqualifikationsanforderungen voraus. Diese umfassen technische Leistungsfähigkeit, finanzielle Stabilität und belastbare Referenzprojekte.
Auch das In-Country-Value-Programm sollte frühzeitig berücksichtigt werden. Der lokale Wertschöpfungsanteil fließt als Bewertungskriterium in staatliche Vergaben ein und kann die Wettbewerbsposition beeinflussen. Eine lokale Präsenz oder belastbare Partnerschaften wirken sich entsprechend positiv aus.
Zudem gilt der Markt als stark projektgetrieben und häufig konsortial organisiert. Erfolgreich sind meist Anbieter, die ihre technologische Spezialisierung in größere Projektstrukturen einbringen. Reine Preisführerschaft reicht angesichts des intensiven internationalen Wettbewerbs selten aus; gefragt sind integrierte Lösungen, Finanzierungskompetenz und langfristige Servicekonzepte.
Der Krieg verschärft diese Anforderungen. Unternehmen sollten Lieferketten, Garantien, Ersatzteilversorgung und Vertragsrisiken früh prüfen. Entscheidend bleibt, nicht nur als Produktlieferant aufzutreten, sondern als verlässlicher Partner für komplexe, langfristige Energieprojekte.
Germany Trade & Invest stellt ausführliche Informationen zum Wirtschafts- und Steuerrecht sowie zu Einfuhrregelungen, Zöllen und nicht tarifären Handelshemmnissen zur Verfügung.
Von Heena Nazir
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Dubai