Zwei Forschende in weißen Laborkitteln stehen in einem Gewächshaus zwischen Pflanzenschalen Im Fungizid-Gewächshaus von BASF in Limburgerhof werden neue Pflanzenschutzlösungen erforscht. Die neueste Fungizid-Innovation aus der F&E-Pipeline soll Landwirten helfen, Rost bei Sojabohnen zu bekämpfen. | © BASF-SE/Andreas Henn

Lieferketten, Beschaffung

El Niño 2026/27: Was der Godzilla-El-Niño für die Lieferketten Südamerikas bedeutet

El Niño 2026/27 droht Südamerika in historischem Ausmaß: Dürren, Überflutungen und teurer Strom treffen Landwirtschaft und Logistik. Für Mittelständler heißt das, Lieferketten, Lieferanten und Routen breiter aufzustellen. Welche Branchen dagegen profitieren können, zeigt dieser Beitrag. 

Janosch Siepen

Von Janosch Siepen

Die Prognose der Wissenschaft ist eindeutig: Das Extremwetterphänomen El Niño 2026/27 wird ein Rekordniveau erreichen und könnte stärker ausfallen als jemals zuvor in den vergangenen 70 Jahren. Peruanische Fischer tauften das Wetterereignis im 17. Jahrhundert nach dem Christkind (El Niño de Navidad), da es oft um die Weihnachtszeit auftrat. Die Weltorganisation für Meteorologie sieht eine fast hundertprozentige Wahrscheinlichkeit, dass das Phänomen zwischen September und Februar auftritt. Wissenschaftler wie der US-Forscher Zeke Hausfather sagen zudem voraus, dass seine Intensität in diesem Jahr bisherige Ausmaße in den Schatten stellen wird. Beobachter sprechen deswegen vom Godzilla-El-Niño, also einem Klimaereignis ähnlich kolossal wie das japanische Filmmonster. 

Süd- und Zentralamerika sind besonders betroffen. Die El-Niños der Jahre 1997/98, 2015/16 und 2023/24 hinterließen dort deutliche Spuren – sowohl durch zu viel als auch durch zu wenig Regen. Es kam nach starken Regenfällen zu Überflutungen und Erdrutschen, 2017 vor allem Peru. Andererseits zwangen die niedrigen Wasserstände im Panamakanal die zuständigen Behörden im Jahr 2023, die Durchfahrten von 38 auf 24 pro Tag zu reduzieren. Damit sollte der Süßwasserverbrauch der Schleusen gesenkt und zugleich ein ausreichender Tiefgang für die verbleibenden Schiffe gesichert werden.  

Landwirtschaft besonders stark betroffen 

Vor allem der Agrarsektor ist mehr oder weniger stark vom Klimaphänomen betroffen, je nach Region, Erntekalender und Jahreszeit. In den Nordanden sorgt El Niño für Dürren, und die Ernten fallen schlechter aus, anderswo bringt er Erntesegen. „In der Regel sind El-Niño-Jahre in Argentinien mit guten Erträgen verbunden, vor allem bei Mais und Soja“, sagt Cecilia Conde, Agraringenieurin bei der argentinischen Getreidebörse. Das wird auch dieses Jahr wieder so sein, vermutet Christoph Neitzel, Landwirtschaftsreferent an der Deutschen Botschaft in Buenos Aires: „Höhere Niederschläge durch El Niño dürften die Erträge in wichtigen Agrarregionen des Landes auf einem ähnlich hohen Niveau im Vergleich zum Vorjahr halten.“ Das ist willkommen, denn Landwirte hatten zuvor unter mehreren Dürrejahren und Hitzerekorden in Folge zu leiden.

“Im Vergleich zum El Niño von vor zehn Jahren können wir heute Wetterrisiken viel besser antizipieren und Landwirte entsprechend umfassender begleiten.”

Catalina Gómez, Regional Business Manager für Kolumbien und Ecuador bei Bayer Crop Science

Im Weizengürtel oder den Soja- und Maisregionen Brasiliens dagegen steigt das Risiko durch zu viel Niederschlag. Der kann die Aussaat erschweren und den Pilzbefall der Ernten beschleunigen. Deutsche Agrarunternehmen wie BASF bewerben jetzt schon spezielle, regenresiliente Samentypen, digitale Kartierung mithilfe von Drohnen, Biostimulanzien und Fungizide, um Felder und Ernteerträge bei solchen Bedingungen besser kontrollieren zu können. Obwohl El Niño dieses Jahr ein historisches Niveau erreichen könnte, sieht sich die Agrarbranche besser vorbereitet als vor zehn Jahren. „Wir können Wetterrisiken heute viel besser antizipieren und Landwirte entsprechend umfassender begleiten“, sagt Catalina Gómez, Regional Business Manager für Kolumbien und Ecuador bei Bayer Crop Science. 

El Niño verändert die Preise auf den Weltmärkten 

Die Folgen der möglichen Versorgungsengpässe sind weltweit steigende Lebensmittelpreise. „Der Preiseffekt tritt am internationalen Markt wesentlich früher ein als der physische Schaden“, sagt Esteban Delgado, Managing Director beim deutschen Industrieversicherer Allianz Commercial in Kolumbien. Goldman Sachs rechnet mit einem weltweiten Anstieg der Preise für Lebensmittelgüter von knapp 16 Prozent, der bis in die zweite Jahreshälfte 2028 andauern könnte - insbesondere bei Reis, Palmöl und Zucker. Die Preise von Soja, Mais und Arabica-Kaffee könnten durch El Niño sogar sinken, zeigt eine Analyse von Allianz Trade.  

Auch der Fischfang ist betroffen und damit die Preise für Fisch auf den Weltmärkten. Das Wetterphänomen verändert den marinen Lebensraum. Bereits 2026 ist der Fang von Sardellen vor der peruanischen Küste zurückgegangen, während Warmwasserfische wie Echter Bonito zur Küste wandern und sich deshalb leichter fangen lassen.  

Auswirkungen auf Logistik und Lieferketten 

Wie in den vergangenen Jahren ist auch 2026/27 mit erheblichen Auswirkungen durch die El-Niño-Dürren auf die Logistik des Subkontinents zu rechnen. Niedrige Wasserstände der Flüsse im Amazonas könnten dazu führen, dass Schiffe weniger laden können. Das wird die Logistikkosten nach oben treiben. Auch die Strompreise dürften durch die erwartete Trockenheit vielerorts steigen, denn zahlreiche Länder Südamerikas hängen stark von Wasserkraft ab. In Kolumbien führen El-Niño-Phasen in der Regel zu höheren Spotpreisen, da teurere Kraftwerke die fehlende Wasserkraft ausgleichen müssen. Der Umsatz des US-amerikanische Energieunternehmen AES stieg dadurch im zweiten Quartal 2026 um 67 Millionen US-Dollar, bedingt durch mehr Spotverkäufen und höhere Spotpreise, die AES auf El-Niño zurückführt.  

In anderen Branchen, wie dem Bergbau, dürften dagegen die Ausgaben von Unternehmen steigen, die sich vor Betriebsrisiken durch El Niño schützen wollen. Das peruanische Bergbauunternehmen Buenaventura zum Beispiel plant für einen möglichen Wassermangel im Betrieb oder für Logistikprobleme durch Erdrutsche mit zusätzlichen Betriebsausgaben von zwölf Millionen US-Dollar.  

Die Vielzahl an Herausforderungen für die Lieferketten von Unternehmen erfordert demnach vorausschauende Planung und Diversifizierung. Esteban Delgado von Allianz Commercial empfiehlt: „Es reicht nicht, mehrere Lieferanten zu haben. Sie müssen auch in unterschiedlichen Regionen ansässig sein.“ Unternehmen sollten kritische Transportrouten identifizieren und dann mehrere Alternativen nutzen: „Damit nicht alles von einem einzigen Hafen abhängt.“ 

 

Janosch Siepen war lange Zeit als GTAI-Korrespondent in Bogotá für die Nordanden zuständig. Inzwischen berichtet er freiberuflich für GTAI aus Mexiko-Stadt, unter anderem zu Kolumbien und Peru. 

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