Überschwemmungen in der Region Piura in Peru nach Zyklon Yaku 2023 Überschwemmungen in der Region Piura in Peru nach Zyklon Yaku 2023. | © picture alliance / REUTERS | Sebastian Castaneda

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Klimawandel treibt Wasserprojekte voran: Lateinamerika setzt auf deutsche Technik

Lateinamerika verfügt über die weltweit größten Süßwasserressourcen. Dennoch ist die Region zunehmend von Wasserrisiken betroffen. Viele lateinamerikanische Länder investieren daher gezielt in Wasserprojekte – und holen sich dafür deutsche Technik ins Boot. 

Von Janosch Siepen | Bogotá

Mit einem Rekord von rund 3.400 Ausstellern aus 60 Ländern hat die IFAT vom 4. bis zum 7. Mai 2026 in München gezeigt, wie Umwelttechnologien weltweit an Bedeutung gewinnen. Neben Themen wie Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz stand auf der Fachmesse für Umwelttechnologien besonders die Wasserwirtschaft im Fokus. Hersteller und Forschungseinrichtungen präsentierten praxisnahe Konzepte, die Wasserverluste reduzieren, Ressourcen schonen und Regionen widerstandsfähiger machen.   

In Lateinamerika wird besonders deutlich, wie stark der Klimawandel den Umgang mit Wasser verändert – und wie sehr viele Länder dort auf innovative Lösungen angewiesen sind. Denn zunehmende Trockenheit, veraltete Infrastruktur und verschwendetes Wasser belasten die Wasserwirtschaft vor Ort immer mehr. Zugleich wächst der Wasserbedarf laut einer Analyse von UNICEF bis 2050 schätzungsweise um 43 Prozent. Deshalb investieren die Länder in neue Großprojekte – und bieten deutschen Unternehmen attraktive Absatzmöglichkeiten. 

           Ich empfehle, eine lokale Präsenz in der Region zu haben, um wettbewerbsfähiger zu sein und einfacher in den jeweiligen Markt zu kommen.

Tobias Gehrke Director Business Development Americas bei Fichtner

Milliarden für sauberes Wasser 

Die Folgen des Klimawandels zwingen Lateinamerika zum Handeln. Besonders während des Extremwetterphänomens El Niño verschärfen sich Trockenheit und Wassermangel. Deswegen bauen zahlreiche Regierungen ihre Trinkwasserversorgung und -aufbereitung aus. In Mexiko soll der Nationale Wasserplan bis 2030 knapp sieben Milliarden US-Dollar mobilisieren. Vor allem in Regionen mit großer Wasserknappheit soll Geld in Speicher, Trinkwasseraufbereitung und Leitungen fließen. Fast die Hälfte der Investitionen entfällt auf die Megacity Mexiko-Stadt. Der zunehmende Wassermangel sorgt dort mitunter für Rationierungen und Proteste. Damit der Metropole nicht das Wasser ausgeht, investiert die Stadt 3,4 Milliarden US-Dollar in den Neubau und die Erweiterung von vier Trinkwasseraufbereitungsanlagen und in neue Leitungen. 

Auch Chile befindet sich seit Jahren in einer Wasserkrise. Um diese zu mildern, investiert etwa der Energieversorger Aguas Andinas rund 260 Millionen US-Dollar in die Widerstandsfähigkeit des Wassersystems der Hauptstadt Santiago. Tobias Gehrke, Director Business Development Americas beim Stuttgarter Planungs- und Beratungsunternehmen Fichtner, sieht interessante Investitionsmöglichkeiten für deutsche Firmen in Lateinamerikas Wasserwirtschaft. Er rät: „Ich empfehle, eine lokale Präsenz in der Region zu haben, um wettbewerbsfähiger zu sein und einfacher in den jeweiligen Markt zu kommen.“ 

Investitionen treiben Projekte voran  

Brasilien hat seine lokalen Regierungen 2020 gesetzlich dazu verpflichtet, bis 2033 allen Einwohnern sauberes Trinkwasser bereitzustellen. Dadurch hat das Land einen rasanten Anstieg der Investitionen im Abwassersektor erlebt. Immer mehr staatliche Versorgungsunternehmen gehen in private Hände über. Mitte 2026 will Brasilien mit Copasa eines der größten Abwasserunternehmen des Landes privatisieren. Insgesamt rechnet der Industrieverband ABDIB zwischen 2026 und 2028 mit jährlichen Investitionen von fünf bis sechs Milliarden US-Dollar im Sektor. So will etwa das Abwasserunternehmen des Bundesstaates Paraíba, Cagepa, Mitte Mai 2026 Projekte im Wert von rund 600 Millionen US-Dollar versteigern. 

In Kolumbiens Hauptstadt Bogotá steht die Vergabe des Baus der Kläranlage Canoas kurz bevor – ein Projekt, das in der Branche für Aufsehen sorgt. Die Anlage wird eine der größten ihrer Art in Lateinamerika sein. Das bayerische Unternehmen Flottweg strebt an, im Rahmen des Projekts einen der größten Aufträge seiner Geschichte in Kolumbien für Abwassertechnik zu gewinnen. „Wir erschließen derzeit mehrere Marktsegmente und Unternehmen in Kolumbien mit unserer Trenntechnik für die Schlammbehandlung und setzen dabei auf das Vertrauen der Kunden in unsere Qualität und Erfahrung“, sagt Flottweg-Vertriebsingenieur Carlos Olivo. 

 

40 %

der globalen Landfläche sind immer häufigeren und schwereren Dürren ausgesetzt.  

307 Mrd.

US-Dollar betragen die weltweiten Kosten für Dürreschäden schätzungsweise pro Jahr. 

3,6 Mrd.

Menschen haben mindestens einen Monat pro Jahr keinen ausreichenden Zugang zu Wasser. 

Kreislaufwirtschaft soll Wasserverschwendung stoppen 

In Ländern wie Mexiko und Kolumbien gehen im Trinkwassernetz bis zu 40 Prozent des aufbereiteten Wassers, unter anderem durch marode Leitungen, verloren. Um Wassereffizienz voranzutreiben, setzen einige Länder in der Region vermehrt auf Kreislaufwirtschaft. Mexiko verabschiedete Anfang 2026 ein entsprechendes Gesetz. Es sieht unter anderem vor, die Wassereffizienz im Land zu steigern. Auch Kolumbien will seinen Umgang mit Wasser verbessern. Der jährliche Verbrauch pro Kopf liegt dort rund viermal über dem OECD-Durchschnitt von 673 Kubikmetern. Deswegen schreibt Resolution 1.005 von 2024 neue Grenzwerte für Haushalte und Versorger vor und treibt so einen sparsameren Umgang mit Wasser voran. 

Solche Trends bieten innovativen Firmen aus Deutschland neue Geschäftschancen, zum Beispiel bei der Identifizierung von Leckagen. Phoenix Contact aus Blomberg etwa hat mehrere Standorte in Kolumbien und verkauft dort intelligente und datenbasierte Wassermanagementsysteme. 

Auch im Nachbarland Peru treiben Trends rund um Kreislaufwirtschaft die Modernisierung des Wassersektors an. Das bayerische Unternehmen Huber verkauft dort Filteranlagen sowie Systeme zur Feststoffabscheidung und Schlammbehandlung, die auf niedrigen Energieverbrauch ausgelegt sind. Schub kommt von neuen Plänen der Regierung: Im Jahr 2025 brachte Peru gleich mehrere politische Programme für die Kreislaufwirtschaft auf den Weg. Dadurch stehen bis 2030 mehr Gelder für nachhaltige Wassernutzung bereit und Wasserversorgern werden höhere Ziele für Kreislaufmodelle gesetzt. 

„Hohe Standards und Know-how“  

Anja Eimer, Vorsitzende des Netzwerks German Water Partnership (GWP) und General Manager Global Water Business bei Siemens Anja Eimer, Vorsitzende des Netzwerks German Water Partnership (GWP) und General Manager Global Water Business bei Siemens | © Siemens AG

Anja Eimer, Vorsitzende des Netzwerks German Water Partnership (GWP) und General Manager Global Water Business bei Siemens, erklärt, wie deutsche Technologie gegen Wasserknappheit hilft.  

Welche Ansätze gegen Wasserknappheit sind am vielversprechendsten? 
Automatisierung und Digitalisierung sind ganz zentrale Hebel. Weltweit sind die Frischwasserverluste, etwa durch veraltete Wasserrohre, sehr hoch. Da die vollständige Erneuerung ganzer Wassernetze jedoch sehr kostspielig ist, können Sensoren und Software die Wasserverluste kosteneffizienter reduzieren. Mithilfe der Sensorik lassen sich Daten gewinnen und KI hilft, Lecks aufgrund von Anomalien schneller zu erkennen, sodass weniger Wasser ungenutzt versickert.  

Wie beeinflussen geopolitische Risiken das Wassermanagement?  
Energie- und Wasserinfrastrukturen sind besonders verwundbar. Das zeigt, wie wichtig eine moderne, digitale Wasserversorgung ist. Und daran wird auch deutlich, wie wichtig es ist, Infrastrukturen resilient zu gestalten, da sie neue Risiken, etwa durch Cyberangriffe, mit sich bringen.  

Womit punkten deutsche Unternehmen international? 
Der deutsche Wassersektor gehört zu den am stärksten regulierten weltweit. Hohe Standards und umfassendes Know-how lassen sich daher gut auf andere Länder übertragen. Deutsche Unternehmen liefern technologisch fortgeschrittene, hoch automatisierte und digitale Lösungen, die sich zudem durch hohe Langlebigkeit auszeichnen.  

Mehr Wassereffizienz im Bergbau  

Die Trends zur nachhaltigen Wassernutzung machen nicht bei der Trinkwasserversorgung halt. Auch im Bergbau spielt effizientes Wassermanagement eine immer wichtigere Rolle. Laut der Unternehmensberatung McKinsey finden weltweit 30 bis 50 Prozent der Produktion von Kupfer, Gold, Eisenerz und Zink in Gebieten mit starker Wasserknappheit statt – Tendenz steigend. Unternehmen versuchen daher, nachhaltiger mit Wasserressourcen umzugehen. Unter anderem in Lateinamerika liefern deutsche Unternehmen dafür die passende Technik. Flottweg etwa baut energie- und wassersparende Zentrifugen für Bergbauprojekte in Peru, Chile und Nordmexiko. 

Zudem setzen die Minen verstärkt auf Meerwasser. In Chile sind drei Großprojekte für insgesamt 3,6 Milliarden US-Dollar im Bau. Die Regierung unter Präsident José Antonio Kast treibt besonders die Umsetzung der Meerwasserentsalzungsanlage Coquimbo voran, die 318 Millionen US-Dollar kosten soll. Für mehr regulatorische Sicherheit im Sektor sorgt ein neues Meerwasserentsalzungsgesetz. Der chilenische Senat gab dafür Ende März 2026 grünes Licht. Solche Entwicklungen steigern die Nachfrage nach Technologien zur Meerwasseraufbereitung im Bergbau – etwa Umkehrosmose-Verfahren – deutlich.  

Auch zu viel Wasser ist ein Problem 

Der Klimawandel sorgt in Lateinamerika nicht nur für Trockenheit, sondern führt in einigen Regionen auch zu extremen Regenfällen und Überschwemmungen. So ist laut Weltbank fast die Hälfte Perus den Folgen von El Niño und des Klimawandels ausgesetzt. Überschwemmungen und Erdrutsche haben dort regelmäßig verheerende Folgen für Mensch und Umwelt. Auch 2026 sorgte El Niño für Dutzende Tote in Peru.  

Derzeit setzt das Land neue Großprojekte zum Hochwasserschutz entlang der Flüsse um. Das erfordert Abflusstechnik, den Bau von Schutzdeichen und modularen Brücken sowie den Einsatz von Frühwarnsystemen. Ob zu wenig oder zu viel Wasser – für deutsche Unternehmen bedeutet das: Ihre Technik und ihr Know-how sind mehr denn je gefragt