Interview | Uruguay | Wirtschaftsumfeld
"Uruguay ist ein Land der kurzen Wege"
Das Mercosur-Land Uruguay ist für viele deutsche Unternehmen sehr weit weg. Der Geschäftsführer des Hamburger Logistikers Schryver erklärt, warum dies anders sein könnte.
04.09.2026
Uruguay zählt mit 3,4 Millionen Einwohnern zu den kleinsten Volkswirtschaften Lateinamerikas. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 2026 voraussichtlich rund 27.600 US-Dollar gehört das Land zugleich zu den einkommensstärksten der Region. Darüber hinaus gilt Uruguay laut dem Democracy Index 2025 des Economist als einzige „vollwertige Demokratie“ Lateinamerikas. Im weltweiten Vergleich belegt das Land Rang 25. Ebenfalls auf Rang 1 in der Region bewertet Freedom House den Stand der politischen Freiheit: Laut dem Global Freedom Index 2026 zählt Uruguay zu den freiesten Ländern der Welt.
Mit Abstand Spitzenreiter in Lateinamerika ist Uruguay mit Blick auf den Antikorruptionsindex (2025: Rang 17 weltweit). Hinzu kommt die große geografische Distanz zu den geopolitischen Krisenherden der Welt.
Auf dieser Grundlage will sich Uruguay als Mercosur-Mitglied künftig noch stärker als sicherer Hafen für Investitionen etablieren. Zudem positioniert sich das Land als Logistik-Hub für die anderen Mercosur-Staaten und als sichere erste Anlaufstelle für ganz Südamerika. Bislang kommt Uruguay auf der "Landkarte" der meisten deutschen Unternehmen nicht vor. In der Rangfolge der deutschen Exporte lag das Land 2025 mit 382 Millionen Euro lediglich auf Rang 97. Bei den Importen erreichte Uruguay mit 320 Millionen Euro Rang 86, so Destatis.
Germany Trade & Invest (GTAI) sprach mit Henrik ter Huerne, Geschäftsführer bei Schryver Uruguay, um zu erfahren, warum es sich für deutsche Firmen lohnen kann, Uruguay näher in Augenschein zu nehmen.
Schryver Logistics ist ein Familienunternehmen in dritter Generation. Bereits seit 1938 liegt der Fokus auf Lateinamerika mit ersten Serviceangeboten in Mexiko. Stand 2026 sind die Hamburger in zehn Ländern der Region mit eigenen Niederlassungen vertreten. Das Büro in Montevideo wurde 2024 gegründet.
Herr ter Huerne, was macht Uruguay für Schryver interessant?
Für ein Familienunternehmen wie Schryver ist Stabilität sehr wichtig. Dass man sich darauf verlassen kann, dass Gesetze und Abkommen auch dann noch respektiert werden, wenn die Regierung wechselt. Diese Kontinuität ist in vielen Ländern der Region nicht so gegeben.
Darüber hinaus ist Uruguay ein Land der kurzen Wege. Ich meine das nicht nur geografisch, selbst wenn sich das Gros der Geschäftsaktivitäten in der Region um Montevideo abspielt. Ich meine das auch gesellschaftlich. Man kommt sehr schnell an die Entscheidungsträger heran. Wo sonst könnte ich zum Beispiel – sei es mit Hilfe der AHK oder mit Hilfe der Botschaft – innerhalb weniger Tage einen Termin beim Transportminister vereinbaren?
Für uns als Logistiker ist dann natürlich auch die sehr gute Logistikinfrastruktur entscheidend – angefangen von den Zolllagern an den Häfen über die Freihandelszonen bis hin zu den vergleichsweise unkomplizierten Verzollungsprozessen.
Für mich persönlich war Uruguay nach vielen Jahren in Kolumbien auch eine interessante Veränderung. Es verbindet für mich vieles, was ich an Lateinamerika schätze, mit Strukturen und einer Lebensweise, die einem Europäer gleichzeitig sehr vertraut vorkommen.
Welches sind die größten Herausforderungen in Uruguay?
Es ist kein Geheimnis: Uruguay ist ein kleiner, überschaubarer Markt und deshalb schwer skalierbar. Um die Vorteile Uruguays voll ausschöpfen zu können, muss man es als Basis für Aktivitäten in der Region begreifen. In diesem Sinne betreuen wir von hier aus unter anderem auch Argentinien und Paraguay und unterstützen unsere Büros in Chile und Bolivien. Gerade diese regionale Ausrichtung macht den Standort für uns aber interessant.
Ein weiterer Punkt für sich sind die relativ hohen Personalkosten. Uruguay gehört innerhalb der Region zu den Ländern mit einem vergleichsweise hohen Lohn- und Kostenniveau. Man kann das beispielsweise an den Mindestlöhnen sehen. Wir bezahlen zwar grundsätzlich über dem gesetzlichen Mindestlohn, um qualifizierte Mitarbeiter langfristig an uns zu binden, aber er gibt einen gewissen Anhaltspunkt.
Welche Tipps würden Sie einem deutschen Unternehmer geben, der sich für Uruguay interessiert?
Dass Uruguay ein Land der kurzen Wege ist, kann zugleich ein Hindernis sein: Gefühlt kennen sich alle, weil sie auf die gleiche Schule gegangen sind, die gleiche Universität besucht haben, vom Fußball oder vom Grillen. Alle arbeiten schon sehr lange miteinander, und deshalb kann es schwierig werden, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Umso wichtiger sind Präsenz und Netzwerken vor Ort!
Das nächste ist: Mund-zu-Mund-Propaganda spielt eine herausragende Rolle. Das ist gut, wenn man einen Auftrag gut abgewickelt hat. Aber wenn etwas schiefgelaufen ist, ist es genauso schnell in der Welt – umso wichtiger ist gutes, korrektes Arbeiten.
Ich würde Uruguay nie nur anhand seiner 3,5 Millionen Einwohner beurteilen. Für deutsche Unternehmen lohnt es sich, die Frage größer zu stellen: Welche Rolle kann Uruguay innerhalb meiner Strategie für den Cono Sur spielen? Genau darin sehen wir für unseren Standort in Montevideo großes Potenzial.
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