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Special | Portugal | Wasserstoff

Wasserstoff bietet Potenzial für Produktion, Nutzung und Export

Portugal verfügt über wichtige Ressourcen und zahlreiche Anwendungsfelder für grünen Wasserstoff. Kurzfristig wirkt der Absprung zweier Partner bei einem Großprojekt als Dämpfer.


  • Wasserstoff ist eine feste Größe in den Regierungsplänen

    Grüner Wasserstoff gehört zu den Mitteln, mit denen die portugiesische Wirtschaft dekarbonisiert werden soll. Dafür fließen auch Mittel aus dem Aufbau- und Resilienzplan.

    Portugals Regierung setzt darauf, das Potenzial insbesondere von grünem Wasserstoff zu nutzen. Das Land könnte vom Ausbau der erneuerbaren Energiequellen als Grundlage profitieren. Für das bislang von fossilen Energieimporten abhängige Portugal bietet sich auch die Chance, zum Nettoexporteur von Energie zu werden. Bis 2030 sollen 1,5 bis 2 Prozent des inländischen Endenergieverbrauchs durch Wasserstoff gedeckt werden.

    Nicht zuletzt fußen wichtige Dekarbonisierungspläne wie der Roteiro para a Neutralidade Carbónica und der Plano Nacional de Energia e Clima ebenfalls darauf, fossile Technologien zu ersetzen. Umweltfreundlich erzeugter Wasserstoff stellt sowohl aus der Klima- als auch der Außenwirtschaftsperspektive für das Land eine interessante Option dar.

    Rückenwind kommt von der immer kostengünstigeren Erzeugung von Elektrizität aus Fotovoltaik. Für die Wirtschaftlichkeit von Wasserstoffprojekten macht es einen erheblichen Unterschied, ob Strom selbst erzeugt oder auf dem Markt gekauft wird.

    Der gemeinsame iberische Strommarkt verzeichnet 2021 schwankende und hohe Strompreise. Für die noch nicht konkurrenzfähige Erzeugung von grünem Wasserstoff erschweren die hohen Strompreise die Kalkulation zusätzlich. Laut Medienberichten machen die Energiekosten etwa 70 Prozent der Wasserstofferzeugung aus.

    Ein erfolgreicher Hochlauf der Technologie ohne Subventionen erscheint derzeit kaum möglich. Strukturen und Projekte müssen auf den Weg gebracht werden. Zudem ist der grüne Wasserstoff gegenüber auf Erdgasbasis erzeugtem Strom noch nicht konkurrenzfähig.

    Laut der Nachrichtenagentur Lusa üben einige Experten aus der Wissenschaft harsche Kritik an den Wasserstoffplänen. Zu den wichtigsten Punkten gehören Zweifel an der Reife der Technologie. Zudem steht der geringe Wirkungsgrad ebenso in der Kritik wie der hohe Energiebedarf von Elektrolyseuren. Die Kosten der Speicherung sind ebenfalls erheblich. Insgesamt steht das Risiko einer mangelnden Rentabilität von Projekten im Raum.

    Cluster in Sines soll zum Dreh- und Angelpunkt werden

    Nach dem Willen der portugiesischen Regierung soll der Hafen Sines zum entscheidenden Hub für grünen Wasserstoff im Land werden. Ein Wasserstoffcluster und ein Elektrolyseur als Referenzprojekt bilden die wichtigsten Elemente. Bis 2030 ist eine Elektrolyseurkapazität von mindestens 1 Gigawatt eingeplant. Durch die geplante Selbstversorgung mit Fotovoltaik wäre das Projekt auch nicht von den schwankenden Preisen an der iberischen Strombörse abhängig.

    Ein Teil des erzeugten Wasserstoffs könnte über das ausgedehnte Erdgasnetz des Landes transportiert werden. Portugal kommt zugute, dass erst spät ein Gasnetz aufgebaut wurde. Im Durchschnitt sind die 19.000 Kilometer Leitungen lediglich 15 Jahre alt. Da das Netz zu 97 Prozent aus Polyethylenrohren besteht, ist es besonders gut für den Wasserstofftransport geeignet.

    Mit dem Plano Nacional do Hidrogénio unterstrich die Regierung bereits im Mai 2020 die Bedeutung von Wasserstoff für die Energiewende. Chancen für die wirtschaftliche Entwicklung, Industrie sowie Wissenschaft und Technik sollen genutzt werden. Im Mittelpunkt stehen die Produktion und Nutzung von Wasserstoff und anderen erneuerbaren Gasen. In Bereichen ohne eine rentable Möglichkeit zur Elektrifizierung sollen diese zukünftig fossile Brennstoffe ersetzen. Der Fokus reicht über das eigene Land hinaus, denn Perspektiven werden auch im europäischen Rahmen gesehen. 

    Die Zielkapazität zur Produktion von Wasserstoff und erneuerbaren Gasen für 2025 lautet 264 Megawatt. Zukünftig sollen mindestens 1.000 Megawatt alleine durch das geplante Vorzeigeprojekt in Sines erzeugt werden. Bis 2030 wird mit 2.000 bis 2.500 Megawatt Elektrolyseur-Kapazitäten gerechnet. 

    Zielmarken für Verkehr und Industrie sind gesetzt

    Im Verkehrssektor sind bis 2030 zwischen 50 und 100 Tankstellen für Wasserstoff vorgesehen. Der portugiesische Aufbau- und Resilienzplan sieht die Einrichtung von Pilotregionen vor. In diesen sollen Lösungen für die Produktion und das Tanken erprobt werden.

    Der Schwerlasttransport steht als Zielgruppe besonders im Fokus. Beim Transport schwerer Güter über größere Entfernungen soll Wasserstoff neben Strom und Biogasen zur Dekarbonisierung beitragen. Zwischen 1 und 5 Prozent des Energieverbrauchs im Straßenverkehr 2030 wird den Plänen zufolge auf grünen Wasserstoff entfallen.

    Für die Binnenschifffahrt wird 2030 eine Zielmarke von 3 bis 5 Prozent angepeilt.

    Bis 2030 soll in der Industrie ein Wasserstoffanteil von 2 bis 5 Prozent des Energieverbrauchs erreicht werden. Innerhalb der Industrie stehen fünf Zweige im Mittelpunkt, in denen fossile Brennstoffe ersetzt werden sollen. Die Hersteller chemischer Erzeugnisse, Bergbauunternehmen und Produzenten von Glas, Keramik und Zement bilden die wichtigste Zielgruppe.

    Der Aufbau- und Resilienzplan umfasst als einen wesentlichen Bereich die Dekarbonisierung der Industrie insgesamt. Ausrüstungen und Prozesse sollen auf nachhaltige Technologien auf der Basis erneuerbarer Energien umgestellt werden. Wasserstoff und andere erneuerbare Gase sind unter anderem als Option vorgesehen, wenn eine Elektrifizierung von Prozessen an Grenzen stößt.

    Fördermittel für grünen Wasserstoff sind bereits eingeplant

    Im Rahmen des Aufbau- und Resilienzplans sind für den Bereich Wasserstoff und erneuerbare Gase bis 2025 insgesamt 185 Millionen Euro Fördergelder eingeplant. Für eine erste Tranche von 62 Millionen Euro läuft die Bewerbungsfrist für Projekte bis zum 30. Dezember 2021. Diese können sich auf die Selbstversorgung oder die Einspeisung von Wasserstoff ins Erdgasnetz fokussieren.

    Von den 715 Millionen Euro für die Dekarbonisierung der Industrie wird ein Teil ebenfalls dem Wasserstoffsektor zugutekommen. Aus dem gleichen Fördertopf werden jedoch auch Energieeffizienzmaßnahmen und Systeme zur Überwachung und Steuerung des Energieverbrauchs finanziert. 

    Von Oliver Idem | Madrid

  • Verbindung zwischen Potenzial und Nutzung entsteht langsam

    Die Einsatzmöglichkeiten für Wasserstoff in Portugal sind vielfältig. Bislang befinden sich jedoch nur wenige Projekte in der Umsetzung.

    Der Fachverband AP2H2 fördert das Thema Wasserstoff in Portugal bereits seit 2003. Der Nachrichtenagentur Lusa zufolge sieht der Verband Einsatzfelder im Schiffsverkehr und der Luftfahrt, bei Schwertransporten und in der Industrie. Mit Blick auf den Autoverkehr stellen aufgrund der höheren Energieeffizienz Batterien die aussichtsreichere Technologie dar.

    Die Mitgliederliste des Fachverbands AP2H2 vermittelt einen Überblick darüber, welche Unternehmen bereits im Wasserstoffsektor in Portugal aktiv sind.

    Das größte Vorzeigeprojekt Portugals H2Sines musste im ersten Halbjahr 2021 zwei Rückschläge hinnehmen. Nach Galp verließ im Mai 2021 auch EDP das Konsortium. Das Unternehmen wendet sich jedoch nicht vom grünen Wasserstoff ab, sondern analysiert rund 20 andere mögliche Vorhaben. 

    Laut Medienberichten spielten unterschiedliche strategische Vorstellungen sowie Zweifel an der Wirtschaftlichkeit des Vorhabens die wesentlichen Gründe für die Veränderungen im Sines-Konsortium. Die verbliebenen Partner und die weiteren geplanten Vorhaben in Portugal sprechen dafür, dass der Wasserstoffsektor sich weiter entwickeln wird. Die staatliche Förderung im Rahmen des Aufbau- und Resilienzplans dürfte zusätzlichen Auftrieb geben. Für den Hochlauf der Technologie und eine Verbesserung der preislichen Konkurrenzfähigkeit könnte die Unterstützung eine entscheidende Rolle spielen.

    Verkehrssektor bietet Potenzial auf längere Sicht

    Die europäische Initiative Fuel Cells and Hydrogen Joint Undertaking hat auf der Basis der nationalen Energie- und Klimapläne das Potenzial für Wasserstoff analysiert. Die Länderanalyse Portugal teilt die Perspektiven in zwei Zeithorizonte auf. Der Straßen- und Schienenverkehr bietet auf mittlere Sicht Chancen für den Einsatz von Wasserstoff. Längerfristig gilt das auch für den Luft- und internationalen Schiffsverkehr.

    Für den Autoverkehr stecken die Möglichkeiten der Wasserstoffnutzung eher in der Ergänzung zur Elektrifizierung. Wasserstoff kann demnach vor allem für Schwertransporte und den Betrieb von größeren Fahrzeugen auf weiten Strecken eingesetzt werden.

    Ein ähnliches Zusammenspiel der Technologien ist im Schienenverkehr denkbar. Noch stammt ein Fünftel des Energieverbrauchs hier aus fossilen Quellen. Zur Dekarbonisierung kommen sowohl die weitere Elektrifizierung als auch Wasserstoffzüge in Frage. 

    Der Luft- und Schiffsverkehr ist aufgrund seines Energiekonsums ebenfalls ein interessantes Ziel für den Wasserstoffeinsatz. Damit ist jedoch eher auf längere Sicht zu rechnen.

    Wasserstoff als Beitrag zur Dekarbonisierung der Industrie

    In der Industrie bieten sich direkte Ansatzpunkte für die Nutzung von Wasserstoff. Noch deckt das verarbeitende Gewerbe in Portugal seinen Energiebedarf zu rund einem Viertel durch Erdgas. Dieser Anteil kann technisch relativ einfach durch grünen Wasserstoff ausgetauscht werden.

    Die Raffinerien in Portugal verfügen über eine verhältnismäßig geringe Produktionskapazität. Da sie mit fossil erzeugtem Wasserstoff arbeiten, sind sie dennoch ein interessanter Bereich. Die Anlagen könnten ihren Bedarf durch umweltfreundlich erzeugten Wasserstoff decken. 

    Ein Drittel des Energieverbrauchs in der Industrie entfällt auf die Erzeugung von Wärme im Hochtemperaturbereich. Für diese Zwecke ist Wasserstoff ein besonders geeigneter Energieträger.

    Die portugiesische Industrie stellt eine breite Produktpalette her. In dem stark fragmentierten Sektor befinden sich auch viele energieintensive Unternehmen und solche, die Wärme oder Kälte in ihren Prozessen benötigen. Gemessen am Umsatz von 2019 repräsentierte die Nahrungsmittelindustrie 14 Prozent. Darauf folgten mit 12 Prozent Kfz und Kfz-Teile. Die Erzeugung von Metallen und Brennstoffen stellten jeweils 8 Prozent des Umsatzes. Auch der Chemiesektor mit einem Anteil von 5 Prozent fällt in diese Gruppe. Unter Einbeziehung der wichtigsten Exportzweige kommt auch noch die Textil-, Leder- und Bekleidungsindustrie hinzu.

    Heizen und Kühlen von Gebäuden birgt ebenfalls Potenzial

    Circa 40 Prozent des Energiebedarfs der Gebäude in Portugal entfällt auf das Heizen. Bislang wird dieser Bedarf zu 30 Prozent durch Erdgas gedeckt. Etwa 15 Prozent der Energie liefern mit Erdöl befeuerte Kessel.

    Für die Nutzung von grünem Wasserstoff besteht aufgrund der Menge des Wärmebedarfs ein erhebliches Potenzial. Auch der wachsende Kühlungsbedarf spielt in diesem Bereich hinein. Da mit Hilfe von Wasserstoff sowohl Wärme als auch Kälte generiert werden können, bieten sich mittel- bis langfristig Anwendungsfelder im Gebäudesektor in Portugal.

    Ausgewählte Wasserstoffprojekte in Portugal

    Unternehmen/ Projektbezeichnung

    Projektspezifika 

    Status

    Investitionsvolumen (in Mio. EUR)
     

    H2Sines. REN, Martifer, Vestas, Engie (Hafen Sines)

    Präsentiert als zukünftiges Wasserstoffcluster Portugals. Bestandteile des Pilotprojekts sind ein 10-Megawatt-Elektrolyseur und 1,5 Gigawatt installierte Leistung aus erneuerbaren Energien. Der Wasserstoff soll in der Industrie und dem Transport genutzt werden. 

    Planungsphase

    1.500

    Umwandlung des Kraftwerks Pego. Endesa (Médio Tejo)

    Umwandlung des letzten portugiesischen Wärmekraftwerks in eine Wasserstoffanlage für industrielle Verwendung. Ziel: Erzeugung von 1.500 Tonnen grünen Wasserstoffs pro Jahr mit 650 MW Fotovoltaik, 100 MW Batterien Speicherung und einem Elektrolyseur.

    Planungsphase

    582

    H2Enable. Bondalti (Estarreja) 

    Pilotprojekt zur Reduzierung der Emissionen des Chemiekomplexes von Estarreja. Der Wasserstoff soll in den Norden und das Zentrum von Portugal geliefert werden. Ziel ist, die Importe von Ammoniak durch inländische Produktion zu ersetzen und sich als Exporteur auf dem Markt zu positionieren. 

    Planungsphase

    k.A.

    Hyperion Energy Investment  (Setubal) 

    Wasserstoffanlage zur Erzeugung von 919 Tonnen grünen Wasserstoffs pro Jahr. Geplant ist ein Solarpark von 15 MW. Der Bau soll Mitte 2022 anfangen und ein Jahr später der Betrieb begonnen werden.

    im Genehmigungsprozess

    k.A.

    H2 Évora. Fusion Fuel (Évora, Alentejo) 

    Pilotprojekt zur Wasserstofferzeugung für die industrielle Verwendung. Zwei Fotovoltaikparks sind geplant zur Erzeugung von 70 Tonnen Wasserstoff pro Jahr. Zudem plant das Unternehmen eine Maschinenfabrik in Benavente für den in- und ausländischen Bedarf. 

    Im Bau. Fertigstellung Ende 2021

    40

    Quelle: Recherchen von Germany Trade and Invest

    Die deutschen Unternehmen Linde, Siemens und Siemens Energy haben sich dem portugiesischen Wasserstoffverband angeschlossen. Ansonsten tauchen noch keine deutschen Akteure in der Berichterstattung zum Thema Wasserstoff auf.

    Noch ist die Dynamik im Sektor eher gering. Die Aussichten für die kommenden fünf bis zehn Jahre erscheinen jedoch vielversprechend. Wasserstoff ist sowohl in verschiedene Strategiepläne eingebettet als auch Ziel von Förderung durch den Aufbau- und Resilienzplan Portugals.

    Von Oliver Idem | Madrid

  • Kontaktadressen

    Bezeichnung

    Anmerkungen

    Germany Trade & Invest

    Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft, auch Hinweise zu Ausschreibungen

    Exportinitiative Energie

    Informationen zu Veranstaltungen, Markt- und Länderinformationen

    Factsheets der Exportinitiative Energie

    Factsheets mit allgemeinen Energieinformationen zum Land (teilweise mit Technologie- oder Anwendungsfokus)

    AHK Portugal

    Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

    Ministerio do Ambiente e da Ação Climática (MAAC)

    Ministerium für Umwelt und Klima

    Ministerio de Planeamento

    Ministerium für Strategieplanung

    Associação Portuguesa para a Promoção do Hidrogénio

    (AP2H2)

    Portugiesischer Wasserstoffverband 

    Laboratório Nacional de Energia e Geologia (LNEG)

    Nationales Labor für Energie und Geologie

    Renováveis magazine

    Monatliche Fachzeitschrift und Internetportal für erneuerbare Energien

    Ambiente magazine

    Fachzeitschrift und Internetportal für Umwelt; 6 Ausgaben pro Jahr

    Von Oliver Idem | Madrid

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