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Special | Pharma | Lieferketten

Beschaffungsmärkte der deutschen Pharmaindustrie

Die Pharmaindustrie steht seit Ausbruch der Coronapandemie besonders im Fokus. Wir haben ihre Beschaffungsmärkte deshalb näher beleuchtet.

Deutschlands pharmazeutische Industrie ist eine global aufgestellte Branche mit internationalen Wertschöpfungsketten. Punktuell auftretenden Lieferengpässe haben schon vor der Coronapandemie im politischen Umfeld die Diskussion darüber genährt, wie sich die Versorgungssicherheit stärken lässt und kritische Abhängigkeiten reduziert werden können.

Beim Bezug von pharmazeutischen Erzeugnissen dominieren wertmäßig europäische Zulieferer. Europa gilt dabei als Herstellungsort komplexer und somit hochpreisiger Pharmazeutika. Niedrigpreisige Wirkstoffe werden dagegen in großen Mengen vor allem aus China und dem restlichen Asien eingeführt. In diesem Special stellen wir ausgewählte Beschaffungsmärkte der deutschen Pharmaindustrie vor und zeigen, welche Länder Potenziale bieten.

  • Ganz ohne Asien geht es nicht

    In den Handelsströmen der deutschen Pharmaindustrie spielen europäische Länder und die USA die Hauptrolle. Es gibt aber kritische Abhängigkeiten.

    Mit einem Volumen von fast 8,5 Milliarden Euro waren die USA für Deutschland im Jahr 2019 wichtigster Lieferant von pharmazeutischen Erzeugnissen, so Zahlen des Statistischen Bundesamts. Viel diskutierte Handelspartner wie China oder Indien finden sich in den Importstatistiken jenseits der Top 10-Länder. China liegt mit rund 330 Millionen Euro auf Rang 20. Indien mit 438 Millionen Euro nur zwei Plätze davor.

    Top 10-Importländer für pharmazeutische Erzeugnisse nach Deutschland 2019

    Rang

    Importland

    Milliarden Euro

    Tausend Tonnen

    1

    USA

    8,5

    19,5

    2

    Niederlande

    8,2

    12,6

    3

    Schweiz

    8,1

    28,9

    4

    Frankreich

    3,4

    94,5

    5

    Irland

    3,1

    18,3

    6

    Italien

    2,6

    28,0

    7

    Vereinigtes Königreich

    2,5

    12,8

    8

    Belgien

    2,3

    32,0

    9

    Singapur

    1,6

    0,6

    10

    Spanien

    1,6

    41,1

    Welt

    52,4

    440,8

    Quelle: Destatis (WA 30 pharmazeutische Erzeugnisse)

    Zahlen zeigen keine breite Abhängigkeit von Asien

    Damit kommen die wichtigsten Lieferanten für die Bundesrepublik aus der Europäischen Union (EU), dem Vereinigten Königreich, der Schweiz und den USA. Die Einfuhren betrugen zusammen rund 47,1 Milliarden Euro und stellen damit rund 90 Prozent aller Importe pharmazeutischer Erzeugnisse dar. Rund 8 Prozent stammen aus Asien.

    Bei den reinen Vorleistungen ergibt sich ein ähnliches Bild. Führend ist das nahe geografische Umfeld, so eine Analyse zu Produktions- und Zulieferstrukturen der deutschen Pharmaindustrie vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Drei Viertel aller Lieferungen kamen im Jahr 2014 demnach aus der EU sowie dem Vereinigten Königreich und der Schweiz. Aus China wiederum stammen nur 3 Prozent aller pharmazeutischer Vorleistungen. Die Analyse beruht auf Daten der World Input-Output Database (WIOD). Neuere Zahlen bietet die WIOD nicht. Aktuelle Handelsstatistiken deuten aber auf eine nach wie vor vergleichbare Struktur hin.  

    Nicht berücksichtigt wird, ob und in welchem Ausmaß Lieferanten ihrerseits Vorleistungen aus Asien beziehen. Für das wichtige Lieferland Schweiz zeigt die Analyse aber, dass 2014 dort nur 0,7 Prozent aller Vorleistungen auf China zurückgehen.

    Aktive Wirkstoffe kommen häufig aus Asien

    Speziell bei aktiven Wirkstoffen, den active pharmaceutical igredients (API), hat Europa in den vergangenen 20 Jahren aber Anteile verloren. Das zeigt sich bei den Zertifikaten für die Wirkstoffqualität, die für die Zulassung in Europa benötigt werden (Certificate of Suitability of Monographs of the European Pharmacopoeia, kurz CEP). Laut einer Wirkstoffstudie des Verbands Pro Generika lag das Verhältnis Europa-Asien im Jahr 2000 noch bei 59 Prozent zu 31 Prozent. Im Jahr 2020 hat sich das Verhältnis komplett gedreht. Der Anteil in Asien liegt bei 63 Prozent. Als Gründe für den Wandel werden von Befragten in der Studie unter anderem Preisdruck und schnellere Bewilligungsprozesse in Asien genannt.

    Das erklärt auch, warum China bei der mengenmäßigen Einfuhr mittlerweile fünftwichtigster Lieferant für Deutschland ist. Über 28.500 Tonnen pharmazeutischer Erzeugnisse wurden 2019 aus China importiert. Das deutet unter anderem auf relativ günstige, generische Pharmazeutika und Vorprodukte.

    Konzentration führt zu Abhängigkeiten

    Globale Abhängigkeiten zeigen sich nicht nur in der Verteilung, sondern auch in der Anzahl der CEPs, die für Wirkstoffe vorhanden sind. So gibt es laut Pro Generika-Studie für über 50 Prozent der aktiven Wirkstoffe nur 1 bis 5 CEPs. Die Produktion konzentriert sich also auf nur wenige Hersteller.

    Gerade in Asien gibt es regionale Cluster in der Pharmaindustrie. Die starke Konzentration vieler Hersteller auf engem Raum bringt unter normalen Umständen Synergieeffekte. In Krisenzeiten kann der Abbruch einer Lieferkette in diese Region dazu führen, dass die Herstellung eines kompletten Wirkstoffs ausfällt. Dadurch können punktuelle und kritische Abhängigkeiten entstehen.

    Als beispielhaft gilt der Exportstopp im Jahr 2020 von Paracetamol aus Indien. Das mehrwöchige Ausfuhrverbot sorgte für Knappheit in deutschen Apotheken, berichtet die Nachrichtengruppe Bloomberg.

    Regionale Verteilung von CEPs, APIs und Herstellern

    Region

    Zertifikate (CEPs)

    Aktive Wirkstoffe (APIs)

    Hersteller

    Asien

    2.369

    447

    421

    Europa

    1.260

    461

    236

    Rest der Welt

    157

    k.A.

    60

    Stand: April 2020Quelle: ProGenerika-Studie "Woher kommen unserer Wirkstoffe?"

    Zahl der Lieferengpässe steigt seit Jahren

    Apotheker beklagen seit Jahren Lieferengpässe. Im 1. Halbjahr 2020 waren 12,1 Millionen Packungen Arzneimittel, die für Versicherte vorgesehen waren, nicht verfügbar. Im 1. Halbjahr 2019 waren es 7,2 Millionen. In den beiden gesamten Jahren davor lag die Zahl nicht verfügbarer Packungen jeweils bei 9,3 (2018) und 4,7 (2017) Millionen, so das Ärzteblatt.

    Die Zahlen zeigen einen Anstieg bei Lieferengpässen, der allerdings vor der Coronakrise eingesetzt hatte. Engpässe, die auf die Auswirkungen der Pandemie zurückzuführen sind, blieben in großem Stil bislang aus.

    Europa gilt als Herstellungsort komplexer Pharmazeutika

    Um solchen Lieferengpässen vorzubeugen, hat der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn angekündigt, wieder mehr Arzneimittel in Europa herstellen zu lassen. Diesen Bemühungen macht Morris Hosseini von der Beratungsfirma Roland Berger wenig Hoffnung. In einem Beitrag für Bloomberg rechnet er vor, dass man zum Beispiel für eine Dosis Antibiotikum dann rund 46 Cent berechnen müsste. Derzeit liegt der Preis zwischen 6 und 16 Cent. Daher gelten Deutschland und Europa eher als Standorte für die Herstellung komplexer und damit auch teurer Pharmazeutika. Die Produktion generischer Wirkstoffe lohnt sich in Europa kaum noch.

    Eine Ausnahme bildet der Sandoz-Standort Kundl in Österreich. Dort befindet sich die letzte vollintegrierte Produktionsstätte für Antibiotika in der westlichen Welt, so ein Bericht der Ärztezeitung. Hier unterstützt die österreichische Regierung und investiert gemeinsam mit Sandoz 150 Millionen Euro, um die Produktion in Tirol halten zu können.

    Lieferketten bleiben in Bewegung

    Der Zeitraum 2010 bis 2019 zeigt, dass die Lieferketten der Pharmaindustrie in Bewegung sind. Gerade Südkorea und Singapur haben die Marke von 1 Milliarde Euro bei den Importen nach Deutschland deutlich durchbrochen und sich als wichtige Lieferländer etabliert. China verzeichnet einen wertmäßigen Zuwachs von rund 14 Prozent. Die Aufholjagd europäischer Standorte hingegen ist mit Vorsicht zu genießen. Die deutschen Importe aus den Niederlanden sind von rund 1,7 auf über 8,2 Milliarden Euro angewachsen. Allerdings gelten die Niederlande mit ihren wichtigen Häfen eher als Umschlagplatz und nicht als Produktionsstandort.

    Veränderungen ausgewählter Importländer pharmazeutischer Erzeugnisse zwischen 2010 und 2019 (Einfuhren in Millionen Euro, Veränderung in Prozent)

    Land

    Einfuhren 2010

    Einfuhren 2019

    Veränderung 2019/2010

    Südkorea

    12,7

    1.329,7

    10.370,1

    Singapur

    65,5

    1.637,0

    2.399,2

    Australien

    54,0

    369,1

    583,5

    Niederlande

    1.737,3

    8.220,2

    373,2

    Türkei

    120,3

    96,8

    -19,5

    Kanada

    224,0

    174,0

    -22,3

    Spanien

    2.461,1

    1.605,3

    -34,8

    Irland

    6.094,4

    3.143,8

    -48,4

    Israel

    148,5

    61,3

    -58,7

    Brasilien

    125,5

    14,7

    -88,3

    Quelle: Destatis (WA 30 pharmazeutische Erzeugnisse)

    Von Martin Gaber | Belgrad

  • BAH: "Der Standort Europa muss attraktiver werden"

    Die Komplexität der Lieferketten in der Pharmaindustrie nimmt weiter zu. Vor allem Asien rückt in den Fokus. Europa muss mit attraktiven Rahmenbedingungen für die Industrie gegenhalten. Ein Interview mit Dr. Hubertus Cranz, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BAH).

    Deutschland gilt als wichtiger Pharmastandort. Seit Beginn der Coronapandemie gibt es aber Störungen in vielen Lieferketten. Wie groß sind die Abhängigkeiten von Lieferungen aus dem Ausland?

    Deutschland ist ein bedeutender Pharmastandort, der eng in die internationale Arbeitsteilung eingebunden ist. Allerdings hat der enorme Wettbewerbs- und Preisdruck in den vergangenen Jahren vor allem im generischen Bereich zu einer Verlagerung der Produktion aus Europa nach Asien geführt. Insbesondere Hersteller patentfreier Arzneimittel beziehen die benötigten Vorprodukte daher in großem Umfang aus Indien und China. Für die Zulassung in Deutschland verkehrsfähiger Arzneimittel mit versorgungsrelevanten Wirkstoffen sind nach Angaben der Bundesregierung weltweit 1.344 Wirkstoffhersteller, europaweit 526 Hersteller und 96 Hersteller in Deutschland verzeichnet. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Komplexität der Lieferketten in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Durch weitere gesetzliche Anforderungen, wie das derzeit im parlamentarischen Verfahren zu beratende Sorgfaltspflichtengesetz, wird die Komplexität in den kommenden Jahren zunehmen.

    Dr. Hubertus Cranz, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BAH) Dr. Hubertus Cranz, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BAH) | © Johanna Unternährer

    Apotheker beklagen schon seit einigen Jahren zunehmende Lieferengpässe. Wie kommen diese zustande?

    Es ist das Ziel aller Arzneimittelhersteller, jederzeit bedarfsgerecht bei Einhaltung hoher Qualitätsstandards lieferfähig zu sein. Und glücklicherweise führen Lieferengpässe selten zu Versorgungsengpässen, da häufig genügend Alternativen vorhanden sind. Allerdings sorgt das dann notwendige Lieferengpassmanagement für einen Mehraufwand bei allen Beteiligten – Apothekern, Ärzten und pharmazeutischen Unternehmen.

    Die Gründe für Lieferengpässe sind vielfältig. Grundsätzlich lässt sich jedoch festhalten, dass die Wahrscheinlichkeit von Lieferengpässen erhöht ist, wenn nur wenige Anbieter ein bestimmtes Arzneimittel vertreiben oder eine Konzentration auf wenige Herstellungsstätten vorliegt. Der Preisdruck vor allem bei Generika sowie Rabattverträge mit nur einem Hersteller erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Lieferengpässen. Wir plädieren daher für ein Mehrpartnermodell bei Rabattvertragsausschreibungen sowie die Berücksichtigung von Versorgungsaspekten bei Abschlägen und Festbeträgen.

    Es wird über den Aufbau von Kapazitäten in Europa diskutiert. Wie könnte eine Verlagerung von Produktionskapazitäten nach Europa aussehen - wäre so etwas überhaupt denkbar und sinnvoll? Falls ja, welche Standorte in Europa kämen infrage?

    Gerade die aktuelle pandemische Situation hat die Bedeutung einer heimischen industriellen Gesundheitswirtschaft deutlich vor Augen geführt. Die neue Bundesregierung sollte daher im Dialog mit der Industrie Lösungen finden, wie international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen geschaffen werden können. Es muss für Unternehmen attraktiv werden, in Deutschland und Europa zu produzieren. Europa konkurriert mit anderen Regionen in der Welt, deren Wirtschaftssysteme die Produktion im eigenen Land unterstützen oder zusätzliche Anforderungen an ausländische Produzenten stellen. Zum Beispiel bei der Arzneimittelzulassung. Hierdurch entsteht ein Ungleichgewicht.

    Gleichzeitig ist Europa einer der wichtigsten Märkte für Arzneimittel. Daher ist es sinnvoll in Europa Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Standort attraktiver machen. Dazu gehören auch die notwendige Infrastruktur, passende sozialrechtliche Steuerungsinstrumente und schnelle, unbürokratische Entscheidungen, beispielsweise bei der Genehmigung neuer Betriebsstätten.

    Welche weiteren Beschaffungsmärkte könnten künftig eine zentralere Rolle spielen? Gibt es hier erste Tendenzen?

    Der Arzneimittelmarkt ist und bleibt ein dynamischer Markt, der einem ständigen Wandel unterworfen ist. Wer hätte Anfang des Jahres 2020 gedacht, dass ein Jahr später ein Impfstoff Made in Germany die Welt "retten" kann? Insofern bitte ich um Verständnis, dass ich hierzu keine Prognose abgeben kann. Wichtig ist vielmehr, dass wir uns in Deutschland und ganz Europa auf unsere Stärken konzentrieren und den Standort bestmöglich stützen.

    Der Bundesfachverband BAH ist Mitglied des Arbeitskreises Arzneimittel der Exportinitiative Gesundheitswirtschaft des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Ziel des Arbeitskreises ist es, im Dialog mit der Industrie geeignete Förderangebote für die Internationalisierung der deutschen Arzneimittelwirtschaft zu entwickeln und umzusetzen.

    Von Martin Gaber | Belgrad

  • VFA: "Die Pharmaindustrie ist auf funktionierenden Welthandel angewiesen"

    Die Pharmaindustrie ist global aufgestellt. Eine Rückverlagerung etablierter Wirkstoffe aus Asien ist kein Allheilmittel. Vielmehr sollten Deutschland und Europa an die Ansiedlung von Zukunftstechnologien denken. Ein Interview mit Han Steutel, Präsident des Verbands forschender Pharma-Unternehmen (vfa).

    Seit Beginn der Coronapandemie gibt es Störungen in vielen Lieferketten. Inwieweit ist die deutsche Pharmaindustrie von Lieferengpässen betroffen?

    Die Pharmaindustrie ist eine sehr global aufgestellte Branche. Und dennoch hat während der Coronapandemie die bewährte internationale Arbeitsteilung durchgehend sehr gut funktioniert. Zu Beginn der ersten Welle gab es kurzzeitig Lieferengpässe bei Schmerz- und Narkosemitteln, die aber nicht den Lieferketten, sondern dem unvorhergesehenen Mehrbedarf geschuldet waren. Kleinere Engpässe gab es zeitweise aufgrund von Hamsterkäufen in den Apotheken. Diese Probleme konnten allesamt schnell und unbürokratisch durch die Industrie selbst gelöst werden und führten zu keinem Zeitpunkt zu ernsthaften Versorgungsproblemen.

    Han Steutel, Präsident des Verbands forschender Pharma-Unternehmen (vfa) Han Steutel, Präsident des Verbands forschender Pharma-Unternehmen (vfa) | © vfa/B.Brundert

    Wie groß sind die Abhängigkeiten von Lieferungen aus dem Ausland?

    Die weltweite Pharmaindustrie produziert global. Es gibt keinen Markt mehr, der bei der Herstellung seines Bedarfes an Arzneimitteln unabhängig von Lieferungen aus dem Ausland ist. Hochwertige, neue, innovative Arzneimittel werden zwar zu großen Teilen in westlichen Industrieländern hergestellt, aber auch hier finden die verschiedenen Stufen der Herstellung in verschiedenen Ländern statt. Diese wiederum sind in jeder Stufe voneinander abhängig. Damit ist auch eins klar: Die Pharmaindustrie ist auf internationale Arbeitsteilung und funktionierenden Welthandel angewiesen.

    Deutschland und Europa gelten als wichtige Forschungsstandorte und als Produktionsregion komplexer Arzneimittel. Dennoch ist man bei der Herstellung aktiver Wirkstoffe auf Asien angewiesen. Für wie realistisch halten Sie eine Diversifikation der Bezugsquellen in den kommenden Jahren und was müsste aus Ihrer Sicht dafür getan werden?

    Neuartige und innovative Arzneimittel, deren Herstellung äußerst komplex ist, werden überwiegend in Industrieländern in Europa oder Nordamerika oder auch in Japan produziert. Hier ist die Nähe zur Grundlagenforschung, zu gut ausgebildeten Fachkräften und zu einem hoch spezialisierten Maschinenbau entscheidend.

    Die Produktion etablierter Wirkstoffe wird hingegen regelmäßig in asiatische Länder wie China oder Indien verlagert. Unternehmen, die auf große Mengen solcher Wirkstoffe angewiesen sind, sollten ihre Bezugsquellen diversifizieren. Beim Produktionsausfall an einem Standort kann dann schnell ausgewichen werden. Dabei spielt es aber keine Rolle, in welchem Teil der Welt die Zulieferer sich befinden.

    Grundsätzlich sind einseitige Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten problematisch. Das ist wohl jedem Unternehmen bewusst. Falls nicht, hat die Pandemie das nochmals deutlich gemacht.

    Es wird über den Aufbau von Kapazitäten in Europa diskutiert. Wie könnte eine Verlagerung von Produktionskapazitäten nach Europa aussehen - wäre so etwas überhaupt denkbar und sinnvoll?

    Eine Rückverlagerung von etablierter Wirkstoffproduktion aus Asien nach Europa ist betriebs- und volkswirtschaftlich unsinnig. Aus gesundheitspolitischen Gründen kann es allenfalls sinnvoll sein für besonders sicherheitsrelevante Wirkstoffe eine Unabhängigkeit von unsicheren Weltregionen anzustreben. Ich denke hier zum Beispiel an Antibiotika.

    Aus wirtschafts- und standortpolitischen Gründen wäre es für Europa aber viel lohnender, sich nicht um das Zurückholen von Produkten von gestern zu kümmern, sondern die Ansiedlung innovativer Produkte aktiv zu fördern. Die Pharmaindustrie und die medizinische Biotechnologie sind Schlüsselbranchen der Zukunft. Das Potenzial dieser Entwicklung konnten wir zuletzt am Beispiel der mRNA-Impfstoffe schon erahnen. Hier haben Deutschland und Europa beste Voraussetzungen richtige Global Player zu werden.

    Sandoz betreibt mit Hilfe der österreichischen Regierung den einzigen Standort zur Herstellung von Antibiotika in der westlichen Welt. Für wie sinnvoll halten Sie den Aufbau staatlich subventionierter Produktionsstandorte?

    Aus standort- und wirtschaftspolitischen Gründen hat eine staatliche Subventionierung von Produktionsstandorten, die sich ohne Subventionen am Standort nicht halten könnten, wenig Sinn. Dennoch ist es für uns nachvollziehbar, wenn die Politik aus einem Versorgungsauftrag heraus, die Abhängigkeit von Drittstaaten verringern will. Dabei denke ich vor allem an bestimmte sicherheitsrelevante Wirkstoffe. Dann wäre man bei den wenigen, unverzichtbaren Medikamenten nicht erpressbar und unabhängig von Machtkonstellationen in beispielsweise politisch unsicheren Regionen.

    Wenn die Politik hier in europäischer Abstimmung für diese Ausnahmen ein Förderinstrument etablieren würde, fände das unser Verständnis.

    Der Bundesfachverband vfa ist Mitglied des Arbeitskreises Arzneimittel der Exportinitiative Gesundheitswirtschaft des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Ziel des Arbeitskreises ist es, im Dialog mit der Industrie geeignete Förderangebote für die Internationalisierung der deutschen Arzneimittelwirtschaft zu entwickeln und umzusetzen.

    Von Martin Gaber | Belgrad

  • Deutsche Pharmafirmen finden in den USA risikobereite Geldgeber

    In den USA suchen deutsche Pharmaunternehmen vor allem Kapital, weniger Rohstoffe. Unklar ist, ob sie im sino-amerikanischen Handelskonflikt einmal ins Kreuzfeuer geraten könnten.

    Wie wichtig US-Partner für die deutsche Industrie sein können, zeigt sich bei der Entwicklung von Corona-Impfstoffen: Im März 2020 stieg der US-Pharmakonzern Pfizer in das Impfstoffprojekt bei BioNTech ein. Dessen Covid-19-Vakzin war das erste, das im Dezember eine Zulassung in den USA, in der Europäischen Union (EU) und vielen anderen Ländern erhielt. Um die Zulassungsverfahren zu beschleunigen, hat Pfizer damals rund 2 Milliarden US-Dollar (US$) in das Projekt investiert.

    US-Kapitalmarkt für deutsche Biotechfirmen attraktiv

    Doch suchen deutsche Unternehmen nicht nur wegen ihrer Erfolge im Wettlauf um einen Corona-Impfstoff zahlungskräftige US-Partner. Heidelberg Pharma zum Beispiel kooperiert bei der Behandlung von Knochenmarktransplantationen mit Magenta Therapeutics aus Boston. Auch streben immer mehr deutsche Biotechunternehmen an die US-Technologiebörse Nasdaq, darunter MorphoSys (2018) und CureVac (2020), weil sie dort höhere Bewertungen als in Europa erzielen.

    Bei Kooperationen mit US-Partnern steht für deutsche Pharmaunternehmen also nicht der Bezug von Rohstoffen oder Vorleistungen im Vordergrund, sondern vielmehr das Kapital, das sie zur Ausweitung ihres Geschäftes brauchen. Gerade Jungunternehmen aus den Branchen Pharma, Biotech und Gesundheit kommen in den USA schneller an professionelle Wagnisfinanzierer, die bereit sind, auch bei hohem Risiko tief in die Tasche zu greifen.

    In umgekehrter Richtung ist Nordamerika auch für die deutsche Biotech-, Pharma- und Medizintechnikindustrie das wichtigste Investitionsziel für Übernahmen und Beteiligungen. Siemens Healthineers hat 2020 für knapp 16,4 Milliarden US$ den US-Konzern Varian Medical Systems übernommen und stärkt damit sein Portfolio zur Krebsbekämpfung. Ende Oktober 2020 gab Bayer bekannt, das US-Biotechunternehmen Asklepios BioPharmaceutical für bis zu 4 Milliarden US$ übernehmen und damit seine Pharma-Pipeline ausbauen zu wollen.

    Rückgang der deutschen Branchenbezüge aus den USA nach 2010

    Nach der Ausfuhrstatistik der Internationalen Handelskommission der USA (USITC) sind die US-Exporte von „Medizinischen und pharmazeutischen Erzeugnissen“ (SITC-Position 54) nach Deutschland nach 2010 stark eingebrochen. Erst seit 2018 erholen sie sich wieder spürbar.

    Danach bezieht Deutschland aus den USA vor allem Waren der Untergruppe 541.6 (Glykoside etc.) und 542.9 (Arzneiwaren, a.n.g.). Wobei sich die Dynamik der Lieferungen in den letzten Jahren geändert hat: Bildete vor Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 noch die Untergruppe 541.5 (Hormone) den zweitgrößten Posten hinter Glykosiden (etc.), waren es seither Arzneiwaren (a.n.g.). Die US-Lieferungen von Glykosiden (etc.) und Arzneiwaren (a.n.g.) nach Deutschland haben in den letzten fünf Jahren im Trend wieder zugelegt; während sie sich bei Arzneiwaren (a.n.g.) von 2018 auf 2019 fast verdoppelten und damit deutlich über dem Niveau von 2008 lagen, haben sie bei Glykosiden (etc.) erst in etwa wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

    Bei Pharma-Lieferketten bisher keine klare Abhängigkeit

    Vorleistungen, die die deutsche Pharmaindustrie importiert, konzentrieren sich räumlich zwar stark auf wenige Ursprungsländer, was bei größeren Ausfällen kaum zu kompensieren wäre. Und Nordamerika ist für Deutschland die zweitwichtigste Handelsregion nach Europa für Pharmagrundstoffe und Fertigarzneien – mit den USA an der Spitze: Unter Deutschlands Lieferländern solcher Produkte lagen die USA im Jahr 2014 (letztverfügbare Daten der World Input-Output Database) auf Platz zwei (Mengenanteil 9 Prozent) hinter der Schweiz (fast 42 Prozent) und vor China (7 Prozent).

    Engpässe wären aber wohl nur bei preisgünstigen Wirkstoffen zu befürchten, vor allem wenn es davon nur wenige Anbieter gäbe. Solche Wirkstoffe für Nachahmer-Medikamente beziehen sowohl Deutschland als auch die USA inzwischen größtenteils aus China.

    Handelskonflikt zwischen den USA und China spielt eine große Rolle

    Washington will daher die Lieferkette für Medikamente zurück in die USA holen. Im Februar 2021 ordnete US-Präsident Joe Biden per Dekret eine hunderttägige Überprüfung an, die Lieferkettenabhängigkeiten in Schlüsselindustrien aufdecken soll, darunter bei Arzneimitteln. Für betroffene Industrien könnten infolgedessen bald strengere regulatorische Maßnahmen gelten.

    Angesichts des US-chinesischen Handelskonflikts ist nicht auszuschließen, dass die US-Regierung es eines Tages Pharmaproduzenten, die Grundstoffe aus China importieren, erschweren könnte, ihre Erzeugnisse in die USA zu verkaufen – auch ausländischen. Ähnliche Erfahrungen gab es bereits im Zusammenhang mit Huawei, nachdem im August 2020 auch deutsche Tochtergesellschaften des chinesischen Netzwerkausrüsters auf die Entity List der US-Regierung gekommen waren. In dem Fall müssten deutsche Unternehmen womöglich ihre Lieferketten neu ausrichten.

    Ein Engpass droht Deutschland bei Blutplasma

    Ein akuter Engpass droht Deutschland bei Blutplasma, da im Zuge der Pandemie die Spendenbereitschaft zurückgegangen ist. Hierbei ist Deutschland von den USA abhängig, denn dort bezieht es mehr als doppelt so viel davon wie Deutsche selbst spenden. Das Plasma von genesenen Covid-19-Patienten könnte wegen der enthaltenen Antikörper bei der Entwicklung von Therapien gegen die Coronakrankheit helfen. Erst Anfang 2021 hat die Bundesregierung 200.000 Antikörpermedikamente aus den USA gekauft, obwohl sie in der EU noch nicht zugelassen waren.

    Deutsche Pharmafirmen kooperieren mit US-Universitäten

    Wichtig ist für deutsche Pharmaunternehmen auch die Forschungskooperation mit US-Universitäten. Solche wie Stanford, Harvard oder das MIT in Boston verzahnen studentische Lehre mit Grundlagenforschung auf höchstem Niveau. Das von BioNTech entwickelte Covid-19-Vakzin basiert zum Beispiel auf einer Technologie, die das Mainzer Start-up schon seit vielen Jahren zusammen mit der Universität von Pennsylvania erforscht hatte.

    Deutsche Einfuhr ausgewählter Pharmachemikalien aus den USA (in Millionen Euro, Veränderung in Prozent)

    Warenkategorie

    2010

    2019

    Veränderung 2019/2010

    Arzneiwaren, Hormone enthaltend, undosiert (WA30033900)

    3,3

    31,1

    843,9

    Arzneiwaren, undosiert, a.n.g. (WA30039000)

    100,8

    301,0

    198,5

    Arzneiwaren, Antibiotika enthaltend, dosiert (WA30042000)

    64,5

    50,6

    -21,6

    Arzneiwaren, Hormone a.n.g. enthaltend, dosiert (WA30043900)

    5,1

    37,3

    629,1

    Arzneiwaren, Alkaloide enthaltend, a.n.g., dosiert (WA30044900)

    -

    30,6

    k.A.

    Arzneiwaren, a.n.g., dosiert (WA30049000)

    1.533,9

    3.423,3

    123,2

    Quelle: Destatis

    Von Heiko Steinacher | San Francisco

  • Die meisten europäischen Wirkstoffe kommen aus Italien

    Die italienische Pharmaindustrie produziert für den Weltmarkt und positioniert sich erfolgreich im globalen Wettbewerb, dies sowohl bei Medikamenten als auch bei Wirkstoffen.  

    Das Land ist Deutschlands sechstwichtigster Lieferant pharmazeutischer Erzeugnisse. Im Jahr 2019 kamen mit etwa 3 Milliarden Euro rund 4,8 Prozent der deutschen Brancheneinfuhr aus Italien. Seit 2010 stieg die deutsche Einfuhr von dort stärker als der Gesamtimport. 

    Größter Importposten sind - statistisch nicht weiter untergliederte - Medikamente. Laut italienischer Arzneimittelbehörde AIFA sind Medikamente für folgende Bereiche Exportschlager: kardiovaskuläres System, Nervensystem, Muskel- und Skelettsystem, Urogenitalsystem, Magen-Darm-Trakt, Stoffwechsel, Atmung, Immuntherapien, Infektionskrankheiten.

    Italien ist Deutschlands wichtigster Lieferant von Antibiotika- und Corticosteroidhormon-Medikamenten, der drittwichtigste für Antibiotika als Wirkstoff sowie für Medikamente auf Basis von Insulin oder Streptomycin, der viertwichtigste für Hormonmedikamente (Nebennierenrinde und Costeroide) und der fünftgrößte für immunologische Erzeugnisse.

    Deutsche Einfuhr ausgewählter Pharmachemikalien und Medikamente aus Italien (in Tausend Euro, Veränderung in Prozent)

    Warennummer und Bezeichnung

    2010

    2019

    Veränderung 2019/2010

    Hormone (WA2937)

    10.734

    16.563

    54,3

    Antibiotika (WA2941)

    25.842

    19.975

    -22,7

    Immunologische Erzeugnisse (WA300215)

    -*

    867.735

    -*

    Vaccine für die Humanmedizin (WA300220)

    19.376

    28.080

    44,9

    Arzneiwaren, Streptomycine, Penicilline, dosiert (WA300410)

    25.055

    25.998

    3,8

    Arzneiwaren, Antibiotika enthaltend, dosiert (WA300420)

    23.708

    81.819

    245,1

    Arzneiwaren, Insulin enthaltend, dosiert (WA300431)

    53.531

    82.129

    53,4

    Arzneiwaren, Corticosteroidhormone, dosiert (WA300432)

    38.108

    188.267

    394,0

    Arzneiwaren, Hormone a.n.g. enthaltend, dosiert (WA300439)

    66.862

    70.098

    4,8

    * neue KategorieQuelle: Destatis

    Als Produzent in Europas Spitze

    Die italienische Pharmaindustrie produzierte 2019 Pharmazeutika für rund 34 Milliarden Euro und musste dafür etwa 13,2 Milliarden Euro an Vorprodukten importieren. Viele Wirkstoffe entwickelt das Land dennoch selbst. Besonders bei komplexeren Wirkstoffen besteht Kompetenz. Mitte April 2021 entfielen laut European Directorate for the Quality of Medicines & Healthcare (EDQM) etwa 8,1 Prozent der gültigen Certificates of Suitability (CEP) für aktive Wirkstoffe auf Italien, insgesamt waren es 446, siebenmal mehr als 2010. Etwa ein Viertel aller europäischen CEP kommt aus Italien.

    Mitte April 2021 hielten 59 italienische Hersteller gültige CEP. Wichtigste Entwickler und Produzenten aktiver Wirkstoffe sind Olon, F.I.S., Farmbios, Fresenius Kabi, Industriale Chimica, Sterling, Indena, Erregierre, ACS Dobfar, Dipharma, Cambrex, Amri, Newchem, Corden, Bidachem, Bioindustria, Ricordati, Sims, Salars und Sanofi. Der Branchenverband Aschimfarma vereint 71 Firmen mit 109 Produktionen, 11.900 Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatz von etwa 3,7 Milliarden Euro.

    Mit wenigen Ausnahmen sind die Hersteller aktiver pharmazeutischer Wirkstoffe (API) um Mailand angesiedelt. Eine wichtige Pharmaregion ist neben der Lombardei das Latium (Rom, Latina, Frosinone). Gemeinsam sind die Regionen für 64 Prozent des italienischen Pharmaexports verantwortlich. 

    Deutschland ist drittwichtigster Absatzmarkt

    Italiens Pharmaindustrie ist stark exportorientiert und darin erfolgreich. Im Jahr 2019 verkaufte die Branche rund 96 Prozent ihrer Produktion ins Ausland, bei den Wirkstoffen waren es 85 Prozent. Bei 67 Prozent des Exports handelt es sich um Medikamente, bei 30 Prozent um Basis- und Wirkstoffe, bei 3 Prozent um Impfstoffe. Der Export stieg 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 25,6 Prozent auf 32,6 Milliarden Euro.

    Deutschland war, nach den USA und Belgien, drittwichtigster Absatzmarkt und nahm etwa 10,6 Prozent der Arzneimittelausfuhr ab. Etwa 60 Prozent des Medikamentenexports läuft über Großhändler, davon ging ein Viertel nach Deutschland. 

    Multinationale Konzerne sind vor Ort

    Die Pharmabranche ist ein strategischer Pfeiler der italienischen Wirtschaft und steht entsprechend in der Gunst der Politik. Unternehmer loben Qualität, Flexibilität und Erfahrung der Arbeitskräfte sowie die Clustersynergien. Viele internationale Konzerne haben in Werke für den Weltmarkt investiert, darunter Pfizer, Sanofi, Johnson & Johnson, Elli Lilly, Novartis, Roche, Bristol Myers Squibb, Takeda und GSK.

    Bayer produziert in Garbagnate bei Mailand unter anderem verschreibungspflichtiges Kardio-Aspirin für den chinesischen Markt, dazu Antibiotikamedikamente, Antikoagulanzien, Diabetes- und Hämophiliemedikamente. Die Wirkstoffe kommen fast ausschließlich aus Deutschland, Hilfs- und Füllstoffe aus diversen europäischen Länder, Kanada und den USA. Garbagnate ist eine der modernsten Pharmaproduktionen der Welt und erhielt 2018 einen Digitalisierungs-Award des World Economic Forum. 

    Fresenius Kabi produziert in Cassina de' Pecchi bei Mailand sterile Beta-Laktam-Antibiotika für die Infusion. Im August 2020 eröffnete das Unternehmen in Villadose bei Rovigo in Venetien ein Forschungszentrum, im Februar 2021 kam dort eine Produktion für Peptid-Antibiotica hinzu.

    Die Produktionsanlage von Sanofi in Brindisi erfährt durch die kürzliche Ausgliederung einer eigenen API-Gesellschaft eine Aufwertung. In Brindisi produziert Sanofi auch Wirkstoffe gegen bakterielle Infektionskrankheiten der Haut und der Weichteile (Teicoplanin), Antibiotika für die Behandlung von Tuberkulose (Rifamycin) und Toxoplasmose während der Schwangerschaft (Spiramycin). 

    Daneben gibt es viele, meist kleinere einheimische Firmen, auf die laut Farmindustria rund 42 Prozent des Marktvolumens entfallen. Darunter befinden sich Bracco, Menarini, Chiesi, Alfasigma, Abiogen, Angelini, Italfarmaco, Dompé, Zambon, Mediolanum, Kedrion, IBN Savio und Molteni. Bracco liefert seine in Italien produzierten chemischen Substanzen an das deutsche Tochterunternehmen Bipso in Singen, wo diese zu Infusionzubereitungen von Kontrastmitteln für Diagnosegeräte verarbeitet werden.

    Auch als Auftragsproduzenten (Contract Manufacturer) sind italienische Firmen gefragt. Hier ist das Land mit einem Umsatz von rund 2,1 Milliarden Euro die Nummer Eins in Europa.

    Strategische Schwerpunkte

    Die Branche will sich zunehmend auf onkologische Medikamente, Plasmaderivate, Medikamente für seltene Krankheiten (orphan drugs) sowie neuartige Therapien (advanced therapies) spezialisieren.

    Engpässe an Vorprodukten könnten auftreten, zumal bei vielen Hilfs- und Füllstoffen eine Abhängigkeit von günstigeren Ländern besteht. Auch bei Ampullen, Spritzen und sterilen Produktionsanlagen können Kapazitäten nicht kurzfristig erhöht werden.

    Informationen zu Branche und Standortfaktoren in Italien

    Positive Standortfaktoren

    • Wettbewerbsfähigste Branche des Landes
    • Große Präsenz internationaler Konzerne
    • Gut ausgebildete, erfahrene Arbeitskräfte
    • Politische Unterstützung
    • Viel Forschung und Entwicklung/Wirkstoffentwicklung

    Weitere Informationen

    Von Oliver Döhne | Mailand

  • China baut Stellung als Pharma-Wirkstoffanbieter aus

    Die Volksrepublik ist nicht nur führender Anbieter von aktiven pharmazeutischen Wirkstoffen (API), sondern auch wichtiger Markt für Fertigarzneimittel - gerade für deutsche Firmen.

    China beherbergt den zweitgrößten Pharmamarkt der Welt. Er dürfte in den nächsten Jahren und Jahrzehnten kräftig wachsen. Einerseits gibt es bei der medizinischen Versorgung noch ordentlich Nachholbedarf. Die gesamtwirtschaftlichen Gesundheitsausgaben beliefen sich 2019 nach Angaben des lokalen Statistikamtes auf 6,6 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Entwickelte Länder kommen in der Regel auf eine doppelt so hohe Quote. Zugleich wird die Lebenserwartung weiter steigen.

    Einheimische Firmen dominierenden bei Generika und weniger modernen Präparaten das Geschehen. Die Markteintrittsbarrieren für ausländische Firmen sind hoch. Doch in bestimmten Produktsegmenten, insbesondere bei forschungsintensiven Medikamenten, gibt es teils keine chinesischen Alternativen. Darüber hinaus besteht großes Misstrauen in der Bevölkerung bezüglich der Wirksamkeit und Reinheit vieler lokaler Produkte.

    Industrie strebt höheren lokalen Marktanteil an

    Es gibt im Fertigarzneimittelbereich das Bestreben nach einer höheren Autarkie. Mit anderen Worten: Die lokale Industrie ist zunächst bestrebt, ihren Marktanteil im Inland zu erhöhen. Laut Statistikamt existierten 2019 in der Volksrepublik knapp 7.400 größere pharmazeutische Hersteller. Dazu zählen Unternehmen ab einem Jahresumsatz von umgerechnet 2,9 Millionen US-Dollar (US$). Exporte spielen für die Branche traditionell eine vergleichsweise geringe Rolle.

    Chinas Pharmaindustrie im Überblick (2019) *)

    Anzahl Unternehmen

    7.392

    Umsatz (in Mrd. US$)

    345,7

    Gewinn (in Mrd. US$)

    45,5

    Exporte (2020, in Mrd. US$)

    42,1

    Anzahl Mitarbeiter (in Mio.)

    2,0

    *) alle Werte außer Exporte beziehen sich auf Unternehmen ab 2,9 Millionen US-Dollar JahresumsatzQuelle: Nationales Statistikamt; International Trade Centre

    So beliefen sich die Ausfuhren von Fertig- und Halbfertigprodukten 2020 laut dem International Trade Centre (ITC) auf knapp 10 Milliarden US$. Sie waren damit im Vergleich zum Vorjahr um ganze 55 Prozent gestiegen. Das Plus ist vor allem auf das boomende Auslandsgeschäft mit Covid-19-Vakzinen zurückzuführen. Ohne diese Position lag der Zuwachs nur bei knapp 10 Prozent.

    Die Exporte von aktiven pharmazeutischen Wirkstoffen (API), auch Inhaltsstoffe oder Grundstoffe genannt, und Vorprodukten stiegen 2020 um 9 Prozent auf gut 32 Milliarden US$. Der tatsächliche Wert dürfte noch etwas höher liegen, weil mehrere kleinere Zollpositionen nicht darin enthalten sind. Laut Schätzung der Weltgesundheitsbehörde WHO kommt die Volksrepublik bei pharmazeutischen Wirkstoffen auf einen weltweiten Marktanteil von einem Fünftel.

    Deutschland wichtigster Zulieferer von Fertigprodukten

    Während das Reich der Mittel bei API einen großen Handelsüberschuss erzielt, sieht es bei fertigen und halbfertigen Arzneiwaren genau umgekehrt aus. So importierte das Land 2020 entsprechende Produkte im Wert von nahezu 35 Milliarden US$, ein Plus von 4 Prozent gegenüber 2019. Die Einfuhren aus Deutschland, dem wichtigsten Lieferanten, summierten sich dabei auf 9 Milliarden US$ (+2 Prozent zum Vorjahr).

    Chinas Pharmahandel im Überblick (2020, in Milliarden US-Dollar)

    Exporte

    Importe

    Überschuss/Defizit

    Insgesamt

    42,1

    42,3

    -0,2

      Wirkstoffe (API) und Vorprodukte 1)

    32,3

    7,7

    24,6

      Halbfertig- und Fertigwaren 2)

    9,8

    34,6

    -24,8

    1) Wirkstoffe (API) und Vorprodukte: HS-Pos. 2922, 2924.29, 2932 bis 2941, 3001; 2) Halbfertig- und Fertigwaren: HS-Pos. 3002 bis 3004, 3006Quelle: International Trade Centre

    Laut dem Marktforschungsunternehmen IBISWorld belief sich der Umsatz der pharmazeutischen Wirkstoffindustrie Chinas 2020 auf 91,7 Milliarden US$, was einem Plus von 6,5 Prozent gegenüber 2019 gleichkam. Der Zuwachs lag damit deutlich über der durchschnittlichen Rate des Zeitraums 2015 bis 2020 von 3,2 Prozent. Er dürfte vor allem auf die stark gestiegene Nachfrage vonseiten der Impfstoffhersteller zurückzuführen sein.

    Wirkstoffsparte produziert überwiegend für lokalen Markt

    Insgesamt zählen die Analysten in Chinas pharmazeutischer Wirkstoffindustrie knapp 5.000 Firmen mit einer halben Million Beschäftigten. Größte Anbieter sind die North China Pharmaceutical Group Aino, Northeast Pharmaceutical Group, Zhejiang NHU, Yifan Pharmaceutical und Shijiazhuang Pharmaceutical. Die Branche hat sich - neben der Herstellung von klassischen Wirkstoffen - vor allem auf die Produktion von Vitaminen und Mineralien, Analgetika, Antipyretika, Hormone, Enzyme, antiseptische Mittel sowie Zusätze für Arzneien spezialisiert.

    Der Ausstoß an Wirkstoffen und Vorprodukten ist überwiegend für die einheimische Industrie bestimmt. Immerhin liegt hier die Exportquote wesentlich höher als in der Fertigproduktsparte. Die meisten Ausfuhren gehen nach Indien. Der Subkontinent soll 70 Prozent seiner API aus der Volksrepublik beziehen. Auch in den USA, dem zweitwichtigsten Exportmarkt, besteht eine hohe Abhängigkeit von chinesischen Zulieferungen. Für Japan stammen die Hälfte der importierten Wirkstoffe aus Südkorea oder China.

    Hohe Lieferabhängigkeit nur bei bestimmten Produkten

    Deutschland kam 2020 auf Rang vier der wichtigsten Abnehmermärkte Chinas für pharmazeutische Wirkstoffe und Vorprodukte. Allerdings waren die entsprechenden deutschen Importe aus der Volksrepublik mit fast 1,7 Milliarden US$ nicht besonders umfangreich. Das entsprach einem Lieferanteil von lediglich knapp 7 Prozent. Es gibt aber in einigen Produktsparten eine um das Vielfache höhere Quote und damit Abhängigkeit, unter anderem bei Vitaminen und Koffein, Heparin, Kortison, bestimmten Antibiotika (Tetrazykline, Chloramphenicol), einigen heterozyklischen Verbindungen (Benzothiazol, Barbitursäure, Phenazon, Lactone), sowie Aminen (Aminophenole, Lysin).

    Chinesischer Lieferanteil bei ausgewählten Pharmaprodukten (in Prozent) 1)

    Produkte (HS-Pos.)

    2020

    Barbitursäure (2933.52)

    99,2

    Chloramphenicol (2941.40)

    92,7

    Phenazon (2933.11)

    83,4

    Koffein (2939.30)

    80,6

    Benzothiazol (2934.20)

    65,9

    Heparin (3001.9091) 2)

    64,0

    Vitamine (2936)

    63,1

    Tetrazykline (2941.30)

    59,0

    Kortison, Prednison (2937.21)

    56,9

    Aminophenole (2922.29)

    52,5

    1) Deutschlands Importe aus China im Vergleich zu den Gesamtimporten der jeweiligen Position; 2) 2019Quelle: Internationale Trade Centre

    Da die Zeichen in der chinesischen Pharmaindustrie langfristig auf Wachstum stehen, engagieren sich auch ausländische Unternehmen stärker. Nach Einschätzung von Moody's können insbesondere internationale Branchenfirmen mit starker lokaler Präsenz (eigene Fertigung, gut etablierte Vertriebskanäle) profitieren. Gleiches gilt für Spezialhersteller auf den Gebieten innovative Arzneimittel und Krebsbehandlung, Impfungen und seltene Krankheiten.

    Ausländische Firmen verstärken ihr Engagement

    Zuletzt kündigte im November 2019 der amerikanische Biotechnologie- und Pharmakonzern Amgen an, einen Anteil von 20,5 Prozent an der führenden chinesischen Biotechfirma BeiGene erwerben zu wollen. Mit einem Umfang von 2,7 Milliarden US$ wäre es der bislang größte Deal im chinesischen Pharmasektor. Schon seit vielen Jahren erfolgreich mit Produktionsstätten in China vertreten sind deutsche Firmen wie Bayer, Merck oder Boehringer Ingelheim.

    Insgesamt zeigt sich, dass Investitionen in China vor allem darauf abzielen, einen besseren Zugang zu dem abgeschirmten lokalen Markt zu erhalten. Lohnkostenvorteile spielen eine eher geringe Rolle, da die Produktion zumeist hochautomatisiert ist. Zudem spricht ein ernsthafter Facharbeitermangel aus Sicht der Personalabteilung eher gegen ein Engagement in der Volksrepublik. Dafür gibt es handfeste Vorteile im administrativen Bereich. So sind die Vorschriften bei klinischen Tests weniger streng als etwa in der Europäischen Union. Investitionen in Forschung und Entwicklung lassen sich so schneller in echte Ergebnisse ummünzen.

    Deutsche Einfuhr ausgewählter Pharmachemikalien aus China (in Millionen US-Dollar, Veränderung in Prozent)

    Produktgruppe (HS-Pos.)

    2010

    2019

    2020

    Veränderung 2019/2010

    Wirkstoffe (API) und Vorprodukte *)

    1.357,9

    1.583,3

    1.673,4

    16,6

     Amine (2922)

    97,9

    222,5

    239,2

    127,3

     Zyklische Amide (2924.29)

    34,0

    36,1

    47,4

    6,2

     Heterozyklische Verbindungen (2932, 2933)

    310,4

    553,0

    496,7

    78,2

     Nucleinsäuren (2934)

    50,4

    177,1

    205,1

    251,4

     Sulfonamide, Antibiotika (2935, 2941)

    145,6

    91,9

    98,2

    -36,9

     Vitamine, Mineralien (2936)

    442,9

    313,4

    409,4

    -29,2

     Hormone, Prostaglandine, Thromboxane (2937)

    16,9

    52,3

    45,9

    209,5

     Glykoside, Alkaloide, chem. reiner Zucker (2938, 2939, 2940)

    25,2

    47,6

    49,2

    88,9

     Drüsen und andere Organe, Heparin (3001)

    234,6

    89,4

    82,3

    -61,9

    Halbfertig- und Fertigwaren

    101,6

    116,0

    361,8

    14,2

      Vakzine, Antisera, Toxine, zubereitetes Blut (3002)

    4,0

    16,2

    232,0

    305,0

      Arzneiwaren (3004, 3005)

    68,6

    60,7

    96,3

    -11,5

      Zubereitungen pharm. Art (3006)

    29,0

    39,1

    33,5

    34,8

    *) Wert weicht vom spiegelbildlichen Wert im vorhergehenden Diagramm "Chinas wichtigste Exportmärkte" ab, vermutlich wegen unterschiedlicher Zollerfassung; die Zolltarifpositionen sind gleichQuelle: International Trade Centre

    Von Roland Rohde | Hongkong

  • Pharmalieferungen aus Singapur haben enorm an Bedeutung gewonnen

    Der Stadtstaat fördert die Pharmaindustrie als Schwerpunktsektor. Neue Unternehmen lassen sich nieder und viele bereits ansässige Firmen erhöhen ihre Investitionen.

    Das südostasiatische Land ist ein blühender Pharmastandort. Es verfügt über 55 Produktionsanlagen, die zumeist von ausländischen multinationalen Unternehmen betrieben werden. Vier der weltweit zehn umsatzstärksten Medikamente werden in Singapur hergestellt. Der Sektor hat einen Anteil von fast 5 Prozent am Bruttoinlandsprodukt und beschäftigt knapp 8.000 Menschen.

    Neben der Produktion ist der Stadtstaat auch attraktiv für Forschung und Entwicklung

    Im 1. Halbjahr 2020, inmitten der schlimmsten Rezession Singapurs seit 55 Jahren, stieg der Wert der produzierten pharmazeutischen Erzeugnisse um 35,8 Prozent. Bereits 2019 konnte er um 3 Prozent auf über 15 Milliarden US-Dollar (US$) zulegen. Insbesondere die Monate März und April im Jahr 2020 sahen rasante Produktionssteigerungen um 126,6 Prozent beziehungsweise 141 Prozent.

    Zu den größten internationalen Pharmaunternehmen, die in Singapur produzieren, gehören: GlaxoSmithKline, Merck Sharp & Dohme, Novartis, Pfizer, Sanofi-Aventis, Roche, AbbVie, Amgen, Schering-Plough, Wyeth und Kaneka. Neben der Produktion ist vor allem Forschung und Entwicklung (F&E) ein wichtiges Standbein des lokalen Wirtschaftszweiges.

    Der Stadtstaat ist einer der globalen Standorte, an dem etliche der genannten Unternehmen außer aktiven pharmazeutischen Inhaltsstoffen (API) insbesondere auch antibakterielle und antivirale Medikamente herstellen. Mitte April 2021 kündigte Sanofi Pasteur an, in den nächsten fünf Jahren rund 450 Millionen US$ zu investieren, um eine Produktionsanlage für Impfstoffe zu errichten. Baubeginn ist für das 3. Quartal 2021 avisiert. Voll betriebsfähig soll die Anlage im 1. Quartal 2026 sein. Ziel des Unternehmens ist es, in Zukunft von dort aus den asiatischen Markt mit Impfstoffen zu versorgen.

    Staat, Wissenschaft und Unternehmen arbeiten eng zusammen

    Es ist der ausdrückliche Wunsch der Regierung, die Branche als Schwerpunktsektor zu fördern und dauerhaft in F&E zu investieren. Dies ist neben den allgemeinen Rahmenbedingungen wie politischer Stabilität, Rechtssicherheit und einer sehr starken Integration Singapurs in die Weltwirtschaft der wichtigste Standortvorteil für Pharmaunternehmen.

    So hat der Staat sehr stark in die Schaffung der notwendigen Infrastruktur investiert. Fertige Industrieparks bieten sowohl Produktionsflächen als auch Möglichkeiten, Labore zu betreiben. So zum Beispiel der Tuas Biomedical Park, in dem die Anlage von Sanofi Pasteur errichtet werden soll. Firmen werden dadurch in die Lage versetzt, relativ schnell und kostengünstig ihre Produktion aufnehmen zu können oder, je nach Bedarf, Flächen hinzuzunehmen oder abzubauen.

    Außerdem ist Singapur sehr daran interessiert, ein verlässliches und unterstützendes Ökosystem für die Arzneimittelbranche anzubieten. So hat beispielsweise Merck im Jahr 2018 ein 3.800 Quadratmeter großes Labor eröffnet. Dort können Pharma- und Biotech-Unternehmen ihre Produkte testen lassen. Dies ist die erste derartige Anlage, die Merck im asiatisch-pazifischen Raum installiert hat. Der 20 Millionen US$ teure Komplex ist extrem wichtig für regionale Hersteller, da sie dadurch schneller und kostengünstiger ihre Erzeugnisse vor Ort überprüfen lassen können. Somit entfällt der ansonsten deutlich aufwändigere Transport nach Europa oder in die USA in eines der dortigen Labore.

    Mitte 2019 hat der Stadtstaat zudem eine Plattform eingerichtet, um eine intensivere Kollaboration zwischen Grundlagenforschung, Branchenunternehmen und Krankenhäusern zu ermöglichen. Das Experimental Drug Development Centre (EDDC) dient als Bindeglied, um für eine bessere Kommerzialisierung erfolgversprechender neuer Medikamente zu sorgen und Projekte als Public Private Partnership zu koordinieren. Außerdem leitet das EDDC das sogenannte Target Translation Consortium, welches in der Frühphase der Arzneimittelforschung (early-stage drug research) aktiv ist und aus etlichen Universitäten, Forschungseinrichtungen und Regierungsstellen besteht. Diese sehr enge Kooperation zwischen Staat, Wissenschaft und Pharmaunternehmen ist ein wesentlicher Standortvorteil Singapurs, der seinesgleichen sucht.

    Außenhandel bestätigt Bedeutung des Pharmasektors für Singapurs Volkswirtschaft

    Die Lieferungen pharmazeutischer Produkte aus dem Land nach Deutschland sind Angaben des Statistischen Bundesamts zufolge zwischen den Jahren 2010 und 2020 um fast 2.400 Prozent gestiegen. Lediglich 2020 gab es eine kleine Delle, als die Brancheneinfuhren von rund 1,8 Milliarden US$ (2019) um 10,9 Prozent auf etwas über 1,6 Milliarden US$ zurückgegangen waren. Singapur liegt damit auf Rang 9 der wichtigsten Bezugsländer für Deutschland bei dieser Warengruppe.

    Aus singapurischer Perspektive sieht es jedoch ganz anders aus. Insgesamt belaufen sich die Pharmaausfuhren des Stadtstaates auf etwas mehr als 9,3 Milliarden US$. Dabei entfallen 7,3 Milliarden US$ auf heimische Produkte, sogenannte domestic exports, und 2 Milliarden US$ auf Re-Exporte. Laut den Handelsstatistiken Singapurs lagen die Branchenlieferungen nach Deutschland 2019 bei gerade einmal 77,6 Millionen US$. Deutschland liegt damit in der Rangfolge wichtiger Absatzmärkte für derlei Erzeugnisse weit abgeschlagen auf Rang 23 hinter Italien und knapp vor Panama.

    Der Verdacht drängt sich auf, dass diese Diskrepanz von mehr als 1,7 Milliarden US$ in weiten Teilen den sogenannten Rotterdam- und Antwerpen-Effekten geschuldet sein könnte. Laut den lokalen Behörden sind die Niederlande nach den USA und der Schweiz das drittwichtigste Abnehmerland pharmazeutischer Produkte made in Singapore. Im Jahr 2019 lag der Lieferwert den Angaben zufolge bei immerhin 842 Millionen US$. Die Niederlande weisen die entsprechenden Einfuhren ihrerseits jedoch mit lediglich rund 92 Millionen US$ aus. Ähnlich sieht es bei Belgien aus. Für Singapur steht Belgien auf Rang 4 der wichtigsten Exportdestinationen, mit einem Ausfuhrwert von 708 Millionen US$. Die belgische Einfuhrstatistik gibt den Wert allerdings mit 164 Millionen US$ an.

    Deutsche Einfuhr ausgewählter Pharmachemikalien aus Singapur (in Millionen Euro, Veränderung in Prozent)

    Warenkategorie

    2010

    2020

    Veränderung 2020/2010

    Arzneiwaren, a.n.g., dosiert (WA30049000)

    1,8

    1.364,6

    75.711,1

    Immunologische Erzeugnisse, gemischt, undosiert (WA30021400)

    -

    175,6

    -

    Immunologische Erzeugnisse, ungemischt, undosiert (WA30021300)

    -

    61,7

    -

    Heparin und seine Salze (WA30019091)

    61,6

    17,2

    -72,1

    gesamte Einfuhren Pharmachemikalien

    65,3

    1.630,6

    2.397,1

    Quelle: Destatis

    Informationen zu Branche und Standortfaktoren in Singapur

    Von Werner Kemper | Kuala Lumpur

  • Südkorea wird in der Pharmaindustrie immer wichtiger

    Das Land ist bisher kein kritischer Lieferant für Deutschland, doch die Exporte in die EU steigen. Die Bedeutung Südkoreas dürfte dank hoher Investitionen weiter zunehmen.

    Südkoreas Anteil an den deutschen Importen pharmazeutischer Erzeugnisse (HS-Kapitel 30) legte von 2010 bis 2019 von 0 Prozent auf 2,5 Prozent zu und fiel 2020 auf 1,6 Prozent. Die deutschen Einfuhren beliefen sich 2020 auf circa 950 Millionen Euro.

    Deutschland kauft immunologische Erzeugnisse und Corona-Testkits

    Signifikante Anteile Südkoreas gab es bei gemischten, undosierten immunologischen Erzeugnissen (10,9 Prozent), Heftpflastern und anderen Waren mit Klebeschicht (4,1 Prozent) sowie bei Testsets zur Malariadiagnose (3 Prozent). Hinzu kamen Importe von Diagnostik- und Laborreagenzien auf einem Träger im Wert von 560 Millionen Euro. Der Anteil Südkoreas an diesen Einfuhren stieg 2020 auf 14,1 Prozent (2019: 1,1 Prozent). Dabei dürfte es sich vor allem um Corona-Testkits handeln. Daneben betrug der Anteil Südkoreas an den deutschen Importen von Vitamin B2 ganze 69,5 Prozent. BASF produziert das Vitamin in einem Werk in Gunsan.

    Deutsche Einfuhr ausgewählter Pharmazeutika aus Südkorea (in Millionen Euro; Veränderung in Prozent)

    2010

    2019

    2020

    Veränderung 2019/2010

    HS 3002 Immunologische Erzeugnisse, darunter

    0,8

    1.232,0

    927,3

    159.274,3

      HS 3002.14 Gemischt, undosiert

    k.A.

    1.153,4

    780,6

    k.A.

      HS 3002.15 Dosiert oder für den Einzelverkauf

    k.A.

    78,5

    146,5

    k.A.

    HS 3005.10 Heftpflaster und andere Waren mit Klebeschicht

    1,3

    18,0

    16,7

    1.287,7

    HS 3006.40 Zahnzement und andere Zahnfüllstoffe, Knochenzement

    0,2

    0,6

    1,4

    164,3

    HS 3005.90 Watte, Mull, Binden, etc.

    1,6

    0,7

    1,0

    -57,2

    Sonstiges*

    8,8

    3,5

    1,8

    -59,8

    HS 30 Summe

    12,7

    1.329,7

    951,3

    10.399,7

    HS 3822 Diagnostik-, Laborreagenzien auf einem Träger

    5,7

    27,2

    559,7

    375,4

    HS 2936.23 Vitamin B2

    9,0

    17,0

    16,0

    89,3

    *) ohne Zuschätzungen für Antwortausfälle und BefreiungenQuelle: Destatis

    Pharmaindustrie wächst rasant

    Laut Angaben des Ministry of Food and Drug Safety (MFDS) legte die Produktion fertiger Arzneimittel von 2008 bis 2019 von 11,5 Milliarden US-Dollar (US$) auf 17 Milliarden US$ zu. Hinzu kamen Arzneimittelrohstoffe im Wert von 2,1 Milliarden US$ im Jahr 2019 (2008: 1,1 Milliarden US$).

    Seit 2011 fördert Südkorea die Branche strategisch. So beschloss das Land einen Special Act on the Promotion and Support of the Pharmaceutical Industry und zwei Fünfjahrespläne zu deren Entwicklung und Förderung. Von 2021 bis 2030 will die Regierung 2,4 Milliarden US$ in Forschung und Entwicklung neuer Arzneimittel und in regenerative Medizin investieren. Rund 1,8 Milliarden US$ entfallen auf neue Arzneimittel, wovon der Staat 1,2 Milliarden US$ übernehmen soll. Für die regenerative Medizin sind 505 Millionen US$ vorgesehen, davon 460 Millionen US$ aus Steuermitteln.

    Zudem kommen Südkorea jahrelange hohe Forschungs- und Entwicklungsausgaben in der Biotechnologie zugute. Diese stiegen von 3,1 Milliarden US$ im Jahr 2010 auf 6,5 Milliarden US$ im Jahr 2019. Darüber hinaus profitieren einheimische Hersteller von Biosimilars von der im Vergleich zu Originalmedikamenten relativ hohen Erstattung im System der nationalen Krankenversicherung.

    Exportorientierung nimmt zu

    Südkoreanische Ausfuhren von Pharmazeutika (HS-Kapitel 30) stiegen von 1,1 Milliarden US$ im Jahr 2008 auf 6,9 Milliarden US$ im Jahr 2020. Im 1. Quartal 2021 gab es ein weiteres Plus von 76 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.

    Laut aktuellsten Angaben beliefen sich die Exporte von Arzneimittelrohstoffen 2019 auf rund 3 Milliarden US$. Die Exportquote bei fertigen Arzneimitteln erhöhte sich von 2008 bis 2019 von 5,1 Prozent auf 20,5 Prozent und bei Arzneimittelrohstoffen von 50,8 Prozent auf 80,2 Prozent.

    Bedeutung Deutschlands als Absatzmarkt steigt

    Die Pharmaausfuhren nach Deutschland gemäß HS-Kapitel 30 legten nach südkoreanischen Angaben von 2015 bis 2020 von 39 Millionen US$ auf 1,9 Milliarden US$ zu. Im 1. Quartal 2021 lagen die entsprechenden Exporte demnach bereits bei 945 Millionen US$.

    Hohe Investitionen vor allem bei Biopharmazeutika

    Starke Impulse kommen aus dem Segment der Biosimilars und generell der Biopharmazeutika. Das 2002 gegründete Unternehmen Celltrion kündigte 2019 Investitionen in Höhe von 34 Milliarden US$ bis 2030 an, darunter 21 Milliarden für Biopharmazeutika. Damit will die Firma bis 2030 über insgesamt 20 eigene Biosimilars auf dem Markt verfügen und seine Produktionskapazitäten für Biopharmazeutika auf 1 Million Liter erweitern. Im November 2020 begann Celltrion mit dem Bau eines dritten Werks in Songdo in Incheon, das die Produktionskapazität von bisher 190.000 Liter auf 250.000 Liter erhöhen soll.

    Noch größere Ambitionen hegt Samsung Biologics. Das 2011 gegründete Unternehmen begann im November 2020 mit dem Bau eines vierten Werks zur Herstellung von Biopharmazeutika. Damit sollen die Kapazitäten von 364.000 Liter bis 2023 auf 620.000 Liter steigen. Samsung Biologics agiert vor allem als Auftragsfertiger und kooperiert dabei schon lange mit Merck. Der deutsche Anbieter hat 2019 in Songdo ein Life Science Operation Center eröffnet, das Zellkulturmedien für die Biomedizin produziert. Sartorius vereinbarte mit Samsung Biologics im November 2020, dass es 100 Millionen US$ in Songdo investieren und Samsung mit Einwegbeuteln, Zellkulturmedien und Filtern beliefern wird. Eppendorf liefert ebenfalls an zahlreiche südkoreanische Kunden.

    Ausgewählte Investitionen in Südkoreas Pharmabranche

    Firma

    Investitionssumme

    Projektstand

    Anmerkung

    Celltrion

    34 Mrd. US$

    Vision 2019-2030

    In Songdo; Biopharmazeutika (21 Milliarden US$), chemische Arzneimittel (4 Milliarden US$) und E-Health

    Samsung Biologics

    1,5 Mrd. US$

    November 2020 bis 2023

    Viertes Werk für Biopharmazeutika; Neukapazität von 256.000 Liter; in Songdo

    Dong-A ST

    85 Mio. US$

    November 2020 bis Februar 2022

    Fertigung von Medikamenten gegen Diabetes und Gastritis in Songdo

    Daehwa

    35 Mio. US$

    Februar 2021 bis Januar 2023

    Werk für Produkte zur transdermalen Verabreichung von Medikamenten in Hoengseong (Provinz Gangwon)

    Huons

    34 Mio. US$

    Fertigstellung Januar 2022

    Zweites Werk für Augentropfen in Chechon (Provinz Nord-Chungcheong)

    ST Pharm

    26 Mio. US$

    August 2020 bis Dezember 2021

    Erweiterung der Produktionsanlage für Oligonukleotide (Material für Corona-Impfungen) in Ansan

    DHP Korea

    19 Mio. US$

    Oktober 2020 bis Oktober 2022

    Erweiterung des Werks für Augentropfen in Osong

    Pharmicell

    9 Mio. US$

    Fertigstellung im 2. Halbjahr 2022

    Erweiterung der Fabrik für Nukleoside in Ulsan

    FutureChem

    7 Mio. US$

    Fertigstellung Ende 2022

    Bau eines Werks für Radiopharmazeutika in Busan

    Jetema

    6 Mio. US$

    November 2020 bis September 2021

    Erweiterung der Produktionsanlagen für Füllstoff

    Quelle: Unternehmensangaben; Recherchen von Germany Trade & Invest

    Im Joint Venture mit dem US-Biotechnologieunternehmen Biogen gründete Samsung Biologics 2012 den Biosimilarshersteller Samsung Bioepis. Die größten Exporteure 2020 waren Celltrion Healthcare, Samsung Biologics, SK Chemicals, LG Chem sowie GC Pharma.

    Ausgewählte südkoreanische Pharmaunternehmen (Umsatz und Exporte in Millionen US$)

    Firma

    Umsatz

    Export

    Celltrion Healthcare

    1.379

    1.377

    Yuhan Corporation

    1.373

    123

    GC Pharma (ehemals Green Cross)

    1.275

    230

    Chong Kun Dang Pharmaceutical

    1.104

    42

    SK Chemicals

    1.029

    496

    Samsung Biologics

    987

    736

    Hanmi Pharmaceutical

    912

    143

    Daewoong Pharmaceutical

    801

    38

    Samsung Bioepis

    663

    k.A.

    LG Chem

    558

    234

    HK inno.N (ehemals CJ Healthcare)

    507

    26

    Dong-A ST

    497

    124

    Quelle: Unternehmensangaben; Recherchen von Germany Trade & Invest

    Auftragsfertiger besonders aktiv

    Südkoreas Pharmafirmen akquirieren aktiv neue Aufträge in der Auftragsfertigung. Dazu zählen Kooperationen von Samsung Biologics mit AstraZeneca und Lilly, von SK bioscience mit AstraZeneca und Novavax sowie die Vereinbarung vom April 2021 von GL Rapha, ISU Abxis und Huons mit dem Russian Direct Investment Fund zur Produktion des russischen Impfstoffs Sputnik V.

    Ausgewählte Auftragshersteller in Südkorea (Contract Manufacturing Organisations; CMO)

    Größe

    Unternehmen

    Großunternehmen

    Samsung Biologics, Celltrion, SK bioscience

    Mittelgroße Firmen

    SK Pharmteco, CHA Biotech, Genexine, Eone-Diagnomics Genome Center (EDGC), Alteogen, HK inno.N, Kolon Life Science

    Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

    Des Weiteren baute das Land sehr schnell Produktionskapazitäten bei Corona-Testkits auf und förderte bereits früh deren Exporte. Dank des Freihandelsabkommens mit der Europäischen Union (EU) können pharmazeutische Erzeugnisse mit Ursprung in Südkorea zollfrei nach Deutschland eingeführt werden.

    In den vergangenen Jahren wurde eine Reihe von Arzneimitteln südkoreanischer Firmen in Europa zugelassen. Der Schwerpunkt liegt auf Biosimilars. Das US-Unternehmen Biogen und sein koreanischer Partner Samsung Bioepis verzeichneten in Europa 2020 mit den drei Biosimilars Benepali, Flixabi und Imraldi einen Umsatz von knapp 800 Millionen US$.

    In der EU von der Europäischen Arzneimittel-Agentur zugelassene Arzneimittel südkoreanischer Firmen

    Jahr

    Unternehmen

    Arzneimittel (Verwendung)

    Kategorie

    2006

    LG Chem

    Valtropin (menschliches Wachstumshormon)

    Biosimilar

    2013

    Celltrion

    Remsima (Autoimmunerkrankungen)

    Biosimilar

    2015

    Dong-A ST

    Sivextro (Antibiotikum; oral und als Spritze)

    Synthetisch1

    2016

    Shin Poong Pharm

    Pyramax (Malaria)

    Synthetisch1

    2016

    Samsung Bioepis

    Benepali (Autoimmunerkrankungen)

    Biosimilar

    2016

    Samsung Bioepis

    Flixabi (Autoimmunerkrankungen)

    Biosimilar

    2017

    SK Chemicals

    Afstyla (Hämophilie)

    Biologisch2

    2017

    Samsung Bioepis

    Lusduna (Diabetes; Vermarktung 2018 eingestellt)

    Biosimilar

    2017

    Celltrion

    Truxima (Krebs)

    Biosimilar

    2017

    Samsung Bioepis

    Imraldi (Autoimmunerkrankungen)

    Biosimilar

    2017

    Samsung Bioepis

    Ontruzant (Krebs)

    Biosimilar

    2018

    Celltrion

    Herzuma (Krebs)

    Biosimilar

    2019

    Daewoong Pharmaceutical

    Nuceiva (Faltenbehandlung)

    Biologisch2

    2019

    Celltrion

    Remsima SC (Rheuma)

    Biobetter

    2020

    SK Biopharmaceuticals

    Sunosi (Schlafstörungen)

    Synthetisch1

    2020

    Samsung Bioepis

    Aybintio (Krebs)

    Biosimilar

    2021

    Celltrion

    Yuflyma (Autoimmunerkrankungen)

    Biosimilar

    1) neues synthetisches Arzneimittel; 2) neues biologisches ArzneimittelQuelle: Korea Pharmaceutical and Bio-Pharma Manufacturers Association; Recherchen von Germany Trade & Invest

    Von Frank Robaschik | Seoul

  • Deutschland kauft vermehrt Pharmaprodukte in Indien ein

    Deutsche Pharmaimporte aus Indien haben sich in der vergangenen Dekade mehr als verdoppelt, liegen aber anteilig noch immer auf niedrigem Niveau. Dosierte Arzneiwaren dominieren.

    Indien wird heutzutage vielfach als Apotheke der Welt bezeichnet, ein Titel, den einst Deutschland innehatte. Laut Angaben von Invest India beheimatet der Subkontinent mehr als 3.000 Pharmafirmen mit 10.500 Produktionsstandorten. Rund 20 Prozent der weltweiten Menge an Generika werden in Indien produziert und auch in der Impfstoffherstellung ist das Land ein Global Player. Darüber hinaus stammen mehr als 80 Prozent der weltweit produzierten antiretroviralen Medikamente zur Bekämpfung von AIDS aus indischer Produktion, so die India Brand Equity Foundation.

    Laut KMPG ist die indische Pharmaindustrie in Bezug auf das Produktionsvolumen die drittgrößte der Welt und liegt an dreizehnter Stelle weltweit, was den Marktwert angeht.

    Importe aus Indien sind gestiegen

    Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) führte Deutschland 2019 pharmazeutische Erzeugnisse (Warenkennzeichnung WA30) im Wert von rund 437,9 Millionen Euro aus Indien ein. Das ist mehr als doppelt so viel wie noch 2010 mit einem Importwert von 208 Millionen Euro (+110,5 Prozent). Während der Einfuhranteil von undosierten Arzneiwaren im Betrachtungszeitraum sank, stieg der Anteil von dosierten Arzneiwaren aus der Warengruppe 3004, beispielsweise von Antibiotika, Corticosteroidhormonen (darunter Cortison), Vitaminen und Medikamenten gegen Malaria.

    Deutsche Einfuhr ausgewählter Pharmachemikalien aus Indien (in Millionen Euro, Veränderung in Prozent)

    Warenkategorie

    2010

    2019

    Veränderung 2019/2010

    Arzneiwaren, die aus gemischten oder ungemischten Erzeugnissen zu therapeutischen oder prophylaktischen Zwecken bestehen, anderweitig weder genannt noch inbegriffen, dosiert (WA30049000)

    168,5

    350,8

    108

    Arzneiwaren, Antibiotika enthaltend, dosiert (WA30042000)

    17,9

    25,4

    42

    Arzneiwaren, Streptomycine, Penicilline, dosiert (WA30041000)

    1,9

    5,8

    209

    Arzneiwaren, die aus zwei oder mehr zu therapeutischen oder prophylaktischen Zwecken gemischten Bestandteilen bestehen, anderweitig weder genannt noch inbegriffen, weder dosiert noch in Aufmachung für den Einzelverkauf (WA30039000)

    6,4

    4,9

    -23

    Arzneiwaren, Substanzen gegen Malaria, dosiert (WA30046000)

    -

    1,9

    -

    Arzneiwaren, Corticosteroidhormone, dosiert (WA30043200)

    0,001

    1,2

    118.700

    Arzneiwaren, Alkaloide enthaltend, anderweitig nicht genannt, dosiert (WA30044900)

    -

    1,2

    -

    Arzneiwaren, Vitamine und andere enthaltend, dosiert (WA30045000)

    0,09

    0,9

    928

    Arzneiwaren, Hormone anderweitig nicht genannt enthaltend, dosiert (WA30043900)

    0,001

    0,6

    58.100

    Summe

    194,8

    392,8

    102

    Quelle: Destatis

    Bei den meisten aufgeführten Waren stieg der relative Anteil der Importe aus Indien an den deutschen Gesamtimporten seit 2010 leicht an (siehe Grafik). Ausgesprochen hoch ist der Importanteil aus Indien bei den Medikamenten gegen Malaria mit 72,6 Prozent (2019).

    Insgesamt machen die Pharmaimporte aus Indien anteilsmäßig aber weiterhin nur einen sehr geringen Anteil an Deutschlands gesamten Pharmaimporten aus. Der Anteil der Pharmaeinfuhren aus Indien an den deutschen Gesamteinfuhren von WA30 lag 2019 bei lediglich rund 0,9 Prozent (deutsche Pharmaimporte insgesamt: 52,3 Milliarden Euro). Dies ist nur eine leichte Verbesserung gegenüber 2010, als der Anteil indischer Pharmaprodukte bei rund 0,6 Prozent lag (deutsche Pharmaimporte insgesamt: rund 33,9 Milliarden Euro).

    Deutschland kauft nur wenig indischen Impfstoff

    Bekannt ist Indien für die Herstellung von Impfstoffen. Vor der Coronapandemie wurden mehr als die Hälfte aller Impfdosen weltweit auf dem Subkontinent hergestellt. Mit dem Serum Institute of India hat der mengenmäßig größte Hersteller von Vakzinen weltweit seinen Sitz im indischen Pune. Dementsprechend groß ist der Exportwert in diesem Bereich.

    Die indischen Exporte von Waren mit dem SITC-Code 541.63 (Antisera und andere Blutfraktionen sowie modifizierte immunologische Erzeugnisse; Vakzine für die Human- und Veterinärmedizin) erreichten 2019 laut UN Comtrade den Wert von 732,3 Millionen Euro (von US-Dollar (US$) umgerechnet anhand des durchschnittlichen jährlichen Wechselkurses 2019 laut Bundesbank, 1 Euro = 1,1195 US$). Vornehmlich wurden Entwicklungs- und Schwellenländer beliefert. Deutschland führte im selben Jahr in derselben Kategorie Waren im Gesamtwert von 1,7 Milliarden Euro ein. Lediglich rund 1 Million Euro davon entfielen auf Importe aus Indien.

    Deutsche Anteile an Indiens Pharmaexporten gering

    Der mit Abstand wichtigste Empfänger indischer Pharmaexporte sind die USA. Nach Angaben von UN Comtrade exportierte Indien 2019 medizinische und pharmazeutische Erzeugnisse (SITC 54) im Wert von 292 Millionen Euro nach Deutschland, gerade mal 1,8 Prozent der indischen Gesamtexporte dieser Produktgruppe.     

    Der Großteil der indischen Pharmaexporte fällt in die Unterkategorie SITC 542 - Arzneiwaren (einschließlich Arzneiwaren für die Veterinärmedizin). Die Exporte nach Deutschland unter dieser Warenkennung hatten 2019 einen Wert von 239 Millionen Euro, was gleichfalls einen Anteil von 1,8 Prozent entsprach. Damit lag Deutschland an achter Stelle der Zielmärkte für indische Exporte von Arzneiwaren.

    Indien will noch mehr produzieren und Exporthub werden

    Vergleichsweise niedrige Lohnkosten machen Indien schon jetzt für Pharmafirmen attraktiv. Um den Standort weiter zu stärken, hat Indiens Regierung Subventionen für den Pharmabereich in Höhe von rund 785 Millionen Euro (Kurs laut Bundesbank vom 7. April 2021, 1 Euro = 88,3675 indische Rupien) freigeben. Dabei werden die Zahlungen, sogenannte Production linked Incentives, an die produzierte Menge gekoppelt.

    Gefördert werden sollen Green-Field-Projekte zur Herstellung von pharmazeutischen Ausgangsmaterialien und Zwischenprodukten (Key Starting Materials; (KSM) und Drug Intermediates (DI)) sowie von aktiven pharmazeutischen Wirkstoffen (Active Pharmaceutical Ingredients; API). Besonders bei den API möchte Indien die Abhängigkeit von Importen, insbesondere aus China, verringern. Die Förderung für die Herstellung der ausgewählten Erzeugnisse erfolgt über sechs Jahre. Zusätzlich wurden rund 339 Millionen US$ für die Errichtung von drei Produktionsparks für Massenarznei (bulk drugs) bewilligt. Der Förderzeitraum reicht bis Anfang 2025. Durch die Subventionen dürften Indiens Produktionskapazitäten ansteigen.

    Investitionen im indischen Pharmasektor steigen stark

    Laut dem Department for Promotion of Industry and Internal Trade flossen im Finanzjahr 2019/20 (1. April bis 31. März) ausländische Direktinvestitionen in Höhe von 413 Millionen Euro in den indischen Pharmasektor, fast doppelt so viel wie im vorherigen Finanzjahr. Von April bis Dezember 2020 lag der Betrag bereits bei rund 1 Milliarde Euro.

    Informationen zu Branche und Standortfaktoren in Indien

    Von Florian Wenke | Mumbai

  • Australiens Pharmaindustrie ist auf Blutprodukte spezialisiert

    Aus Australien beziehen deutsche Pharmaimporteure fast ausschließlich spezielle Blutprodukte. Daneben konzentriert sich Downunder auf den Export von Nischenprodukten wie Vitaminen.

    Deutschlands Pharmaimporte aus Australien sind in den vergangenen zehn Jahren massiv gestiegen. Sie legten im Zeitraum 2010 bis 2020 um nominal etwa 717 Prozent zu. Als aufstrebender Produzent, welcher der deutschen Pharmaindustrie hilft, ihre Zulieferketten zu diversifizieren, kann Australien zumindest kurzfristig wohl dennoch nicht fungieren.

    Deutsche Einfuhr pharmazeutischer Erzeugnisse aus Australien (in Tausend Euro, Veränderung in Prozent)
    Warenkategorie

    2010

    2020

    Veränderung 2020/2010

    Drüsen und andere Organe, getrocknet, als Pulver (WA3001)

    46

    1.551

    3.271,7

    Blut, Antisera, Vaccine, Mikroorganismen, Toxine (WA3002)

    12.905

    420.013

    3.154,7

    Arzneiwaren, nicht für den Einzelverkauf (WA3003)

    2

    1

    -50,0

    Arzneiwaren, dosiert oder für den Einzelverkauf (WA3004)

    36.610

    15.850

    -56,7

    Watte, Gaze, Binden, Verbandszeug und Pflaster (WA3005)

    52

    355

    582,7

    Pharmazeutische Waren (WA3006; Anmerkung 4 zu Kapitel 30)

    4.364

    3.349

    -23,3

    Gesamtwert

    53.979

    441.119

    717,2

    Quelle: Destatis

    Die deutschen Einfuhren aus Downunder konzentrieren sich zu rund 95 Prozent auf die Warennummer 30021200, welche Antisera und andere Blutfraktionen umfasst. In allen anderen Feldern spielt Australien keine nennenswerte Rolle. Im Bereich der Fertigarzneimittel sanken die Lieferungen, ausgehend von einem ohnehin schon niedrigen Niveau, um rund 57 Prozent.

    Deutsche Einfuhr von Erzeugnissen des Unterkapitels WA3002 aus Australien (in Tausend Euro, Veränderung in Prozent)

    Warenkategorie

    2010

    2020

    Veränderung 2020/2010

    Antisera und andere Blutfraktionen (WA30021200)

    -

    403.879

    -

    Immunologische Erzeugnisse, gemischt, weder dosiert noch in Aufmachung für den Einzelverkauf (WA30021400)

    -

    2

    -

    Immunologische Erzeugnisse, dosiert oder in Aufmachung für den Einzelverkauf (WA30021500)

    -

    142

    -

    Vakzine für die Veterinärmedizin (WA30023000)

    39

    -

    -100

    Menschliches Blut (WA30029010)

    1

    21

    2.000

    Tierisches Blut zu therapeutischen, prophylaktischen oder diagnostischen Zwecken zubereitet (WA30029030)

    37

    -

    -100

    Kulturen von Mikroorganismen, ausg. Hefen (WA30029050)

    565

    904

    60

    Toxine und ähnliche Erzeugnisse, anderweitig weder genannt noch inbegriffen (WA30029090)

    56

    133

    137,5

    Gesamtwert

    698

    405.081

    57.945

    Quelle: Destatis

    Der hohe Anstieg im Bereich der Blutfraktionen dürfte stark mit dem Erfolg des Biotechnologieunternehmens CSL zusammenhängen. Das Unternehmen mit Sitz in Melbourne ist das Aushängeschild der australischen Biotechnologiebranche. Über die Konzernsparte CSL Behring ist das Unternehmen stark in der Entwicklung von Medikamenten und Therapien aktiv, die auf Blutfraktionen beruhen. Dazu zählen Plasmatherapien sowie rekombinante Medikamente zur Behandlung von Blutgerinnungsstörungen.

    So produziert CSL Behring beispielsweise Immunglobulin zur Behandlung von Tetanus, Tollwut und Hepatitis. Während der Coronapandemie startete CSL auch mit klinischen Studien für ein Immunglobulin gegen Covid-19, welche jedoch ohne Erfolg beendet werden mussten.

    Deutschland ist wichtiges Standbein der CSL-Gruppe

    Durch den Forschungs- und Produktionsstandort Marburg verfügt CSL Behring über eine starke Präsenz in Deutschland. Mit rund 3.000 Mitarbeitern ist Marburg der wichtigste Standort der CSL-Gruppe. Bis 2022 entsteht in Marburg auch ein neuer Forschungscampus für 600 Beschäftigte. Zudem ist in Hattersheim bei Frankfurt/Main die Vertriebsorganisation für den europäischen Markt angesiedelt.

    In Australien verfügt CSL Behring über einen großen Produktionsstandort in Broadmeadows, wo beispielsweise Privigen (Immunglobulin) und Alburex (Albumin) für den Export hergestellt werden.

    Neben CSL Behring gehört auch die Tochtergesellschaft Seqirus zum CSL Konzern. Diese produziert neben Impfstoffen gegen Influenza auch Antisera beispielsweise gegen Vergiftungen nach Schlangenbissen.

    In Melbourne investiert die Konzernmutter CSL in den Bau eines neuen globalen Hauptsitzes. Das Gebäude im Parkville Biomedical Precinct soll bis 2024 fertiggestellt werden und rund 800 Mitarbeiter beherbergen.

    Schlagzeilen machte zuletzt das Biotechnologie-Start-up Aegros. Dieses will sich mit seiner innovativen HaemaFrac-Technologie zum zweiten australischen Hersteller im Bereich der Plasmafraktionierung entwickeln. Dazu ist eine Produktionsstätte in Sydney geplant. Zudem startete Aegros klinische Studien für eine Hyperimmunglobulin-Therapie gegen Covid-19.

    Pharmaunternehmen kehren Australien den Rücken

    Abgesehen von der Biotechnologie verfügt Australien als Standort für die Pharmaindustrie nur über wenige Stärken. Der Importanteil bei Arzneimitteln liegt mittlerweile bei über 70 Prozent. Mehrere Pharmaunternehmen haben ihre Produktionskapazitäten zuletzt abgebaut. Gegenüber etablierten Hubs wie Singapur oder Südkorea verliert Australien an Wettbewerbsfähigkeit.

    Pfizer plant für 2021 das Ende des Werkes für Biosimilars in Adelaide. GlaxoSmithKline (GSK) schließt Ende 2022 die Fertigungsstätte in Boronia bei Melbourne. Auch die Zukunft des GSK-Werks in Sydney gilt als besiegelt. Zuvor hatten bereits Unternehmen wie Johnson & Johnson, Roche oder Merck Sharp & Dohme Produktionsstätten in Australien geschlossen.

    Export von Vitaminpräparaten verzeichnet hohes Wachstum

    Ein Wachstumssektor ist hingegen die Herstellung von Vitaminpräparaten und Nahrungsergänzungsmitteln. Diese werden von der Australian Therapeutic Goods Administration (TGA) als pharmazeutische Erzeugnisse behandelt. Deswegen müssen diese ebenso wie Medikamente zugelassen und im Australian Register of Therapeutic Goods (ARTG) gelistet werden. Auch für den Herstellungsprozess gelten über die Good Manufacturing Practice (GMP) die gleichen Vorschriften wie für Arzneimittel.

    Aufgrund dieser sehr hohen Standards genießen australische Produkte im gesamten asiatischen Raum einen sehr guten Ruf. In den vergangenen Jahren kam es zu einem regelrechten Exportboom, insbesondere nach China. Nach Zahlen von Ibis World exportierte Australien im Finanzjahr 2019/20 Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel im Wert von umgerechnet 700 Millionen US-Dollar (US$), mehr als doppelt soviel als noch zwei Jahre zuvor.

    Nach Angaben des Branchenverbandes Complimentary Medicines Australia sind bereits 92 Produktionsstätten durch die TGA lizenziert. Größter Produzent ist Sanofi-Aventis über seine Consumer Healthcare Sparte. Zu den weiteren namhaften Herstellern gehören Blackmores, Swisse Wellness, Lipa Pharmaceuticals, Integria Healthcare, Life-Space Group, Lavida Pharmaceuticals und Vitex Pharmaceuticals.

    Medizinisches Cannabis bietet Zukunftschancen

    In Zukunft dürfte sich Australien zu einem aufsteigenden Lieferanten von medizinischem Cannabis entwickeln. Einige Unternehmen liefern bereits nach Deutschland. Das Unternehmen Australian Natural Therapeutics Group (ANTG) schloss einen Abnahmevertrag mit der Cannamedical Pharma GmbH in Köln. Derzeit investiert ANTG in eine rund 300 Millionen US$ teure Produktionsstätte in Towoomba (Queensland). Auch die Cann Group und MediPharm Lab versorgen bereits Kunden in Deutschland.

    Informationen zu Branche und Standortfaktoren in Australien

    Von Heiko Stumpf | Sydney

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