Best Practice | Kfz-Zulieferer | Wettbewerb mit China

"Die chinesische Konkurrenz kocht auch nur mit Wasser"

Der Kfz-Zulieferer PWO wächst im Ausland und lernt vom China Speed. Lesen Sie ein Interview über chinesische Wettbewerber, lokale Produktion und Europas Standortnachteile.

Von Ulrich Binkert | Bonn

Carlo Lazzarini, Vorsitzender des Vorstands, PWO AG, Kfz-Industrie Carlo Lazzarini, Vorsitzender des Vorstands, PWO AG, Kfz-Industrie | © PWO AG

Der Automobilzulieferer PWO aus dem badischen Oberkirch hat 2022 bis 2024 Rekorde bei Umsatz und Ergebnis erzielt. Das lag maßgeblich an den guten Zahlen der ausländischen Standorte, unter anderem auch der beiden Werke in China. Vorstandsvorsitzender Carlo Lazzarini sieht den chinesischen Markt mit seinen hohen Anforderungen auch als Trainingsfeld, um weiterhin gegen die internationale und die chinesische Konkurrenz erfolgreich zu sein. 

Herr Lazzarini, was ist für Sie China Speed?

Das, was wir neulich mit einer Anfrage eines chinesischen Kfz-Herstellers (OEM) zu einem Instrumententräger erlebten: Am Freitag mussten wir das Angebot abgeben, am Samstag haben wir den Zuschlag bekommen und fingen gleich mit der Arbeit am Prototypen an. Am Dienstagabend war er fertig. Vier Tage also, ohne Wochenende eigentlich nur zwei Arbeitstage.

Wie lange dauert das in Deutschland?

Fünf bis acht Wochen. Die brauchen wir, um die detaillierten Spezifikationen eines europäischen OEM abzuarbeiten und all die vorgegebenen Prozesse in den in Deutschland erlaubten Arbeitszeitmodellen einzuhalten. Der Prototyp ist dann sehr gut. Das war der in China aber auch. 

Man ist in China viel pragmatischer als in Europa oder auch Nordamerika?

Ja, und Innovationen gelangen in China deutlich schneller in die Produkte. In China ist ein neues Fahrzeugmodell in einem knappen Jahr auf der Straße, in Europa sind es eher drei oder vier Jahre. Dabei zeigen Studien, dass viele chinesische Automodelle mittlerweile qualitativ genauso gut und ebenso sicher wie westliche Autos sind. 

Dieser China Speed trainiert Sie auch im globalen Wettbewerb?

Natürlich. Der Aufstieg von Chinas Kfz-Industrie bedeutet für uns nicht nur ein größeres Kundenpotenzial in China selbst. Die Branche dort setzt auch Trends für andere Märkte: Mit extrem technologiegetriebenen OEM, die Smartphones auf Rädern bauen und den lokalen Markt verstanden haben. An diesen Kunden wollen wir ganz nahe dran sein. Dies wiederum stärkt auch unsere Widerstandskraft in anderen Märkten. 

Über das Unternehmen

PWO sieht sich als Technologieführer für klimafreundlichen Leichtbau, hochpräzise Umformtechnik und die zugehörigen Verbindungstechnologien. Das börsengelistete Unternehmen, dessen Mehrheit in Familienhand ist, entwickelt und fertigt für die Mobilitätsindustrie eine breite Palette an komplexen Metallkomponenten und Systemen "an der Grenze des technologisch Machbaren". Hierzu gehören Sitzstrukturen aus höchstfesten Stählen, Instrumententafelträger und Karosserieteile. Kunden sind alle großen Kfz-Hersteller (OEM) sowie deren Zulieferer. Von den weltweit gut 3.300 Beschäftigten arbeitet etwa ein Viertel in Deutschland. Wachstum findet nach Firmenangaben nur noch an den neun Standorten im Ausland statt, zuletzt mit neuen Werken in den USA und Serbien. Der deutsche Standort leide unter den Produktionsverlagerungen der deutschen OEM und deren direkter Zulieferer in Länder mit besseren Rahmenbedingungen als Deutschland. 

Haben Sie in China viele chinesische Firmen als Kunden?

Bisher haben wir dort noch mehr Umsatz mit Kunden, deren Stammhaus im Ausland liegt; die Anteile nähern sich aber zunehmend an. Sicher, beim führenden chinesischen Elektroautobauer BYD ist es schwer, in seinem Heimatmarkt als Zulieferer hineinzukommen – was aber daran liegt, dass dieser Konzern sehr viel selbst macht. Außerhalb Chinas wird er Unternehmen wie PWO brauchen.

Haben Sie in China auch mehr Konkurrenz durch einheimische Firmen?

Ja, deutlich mehr als noch vor einigen Jahren. Mit dem Erstarken der OEM in China haben sich dort auch die Kfz-Zulieferer entwickelt, inklusive unserer Wettbewerber. 

Bevorzugen chinesische OEM Ihre chinesischen Wettbewerber?

Das können wir nicht erkennen. Wir können ja auch mit vielen Stärken punkten: Wir haben viel Erfahrung im Leichtbau und produzieren extrem effizient und datengetrieben; so arbeiten wir in sämtlichen Fabriken weltweit mit Industrie 4.0. In China wiederum agieren wir wie ein einheimisches Unternehmen, mit rein lokalem Management übrigens. 

Spüren Sie Ihre chinesische Konkurrenz auch schon außerhalb von China?

Kaum. Diese Firmen beliefern hauptsächlich chinesische Fahrzeughersteller. Und die produzieren erst sehr begrenzt in Europa und Nordamerika, den Märkten, in denen wir stark sind. 

Aber sind die chinesischen Teilehersteller auf diesen Drittmärkten nicht kostengünstiger als Sie?

Nein. Die chinesischen Teilehersteller bedienen ausländische Märkte bisher, wenn überhaupt, ganz überwiegend durch Exporte. Eine Exportproduktion ist in der Kfz-Industrie mit ihren riesigen Stückzahlen aufgrund der Transportwege aber relativ teuer und ineffizient. Westliche Zulieferer haben nicht umsonst schon vor Jahrzehnten angefangen, ihren Kunden zu folgen und in der Nähe von deren Werken zu investieren. So wie wir auch. In Europa können wir mit unseren Werken in Serbien und Tschechien gut mithalten. In Nordamerika ebenso, mit unseren Werken in Mexiko. Wir produzieren local for local, zum Beispiel auch in China, von wo aus wir praktisch nur Kunden im Land selbst beliefern. 

Und das Local-for-Local-Prinzip macht Sie resilient gegenüber der Konkurrenz, auch der aus China?

Genau. Die meisten chinesischen Teilhersteller sind nicht in Nordamerika und Europa. Das ist momentan noch ein Vorteil. Aber sie werden künftig ebenfalls versuchen, Fabriken in Ungarn, Spanien oder Mexiko zu errichten, wenn die chinesischen OEM als deren Kunden dort anfangen zu produzieren. Die haben dann aber auch die Bürokratie am Bein, weil sie den Rahmenbedingungen in diesen Ländern unterliegen. Und am Ende kochen sie auch nur mit Wasser.

Sie beliefern praktisch ausschließlich die Kfz-Industrie. Die kriselt. Wollen Sie nicht diversifizieren?

Wir wollen wachsen, und zwar profitabel – und das ist auch in der Kfz-Industrie weiter möglich. Eine Diversifizierung in andere Branchen müsste gut zu unseren Kernkompetenzen passen. So passt die Rüstungsindustrie mit ihren relativ niedrigen Stückzahlen und den vielen Sonderanforderungen nicht zu unserem Geschäftsmodell. 10.000 Panzer – das passt nicht in unser Konzept rein. Vielmehr schauen wir uns in unserer angestammten Branche weltweit permanent neue mögliche Standorte an. Unsere Lösungen sind komplett unabhängig vom Antriebsstrang. Die Verlagerung zu Elektroautos tut uns damit nicht weh. Wir besetzen die Megatrends der Mobilität der Zukunft: Elektrifizierung, Sicherheit und Komfort.