Best Practice | Medizintechnik | Wettbewerb mit China

„In der Medizintechnik können wir uns von China viel abschauen“

Chinesische Anbieter punkten mit Tempo und Effizienz, sagt ein Hamburger Hersteller im Interview. Europäische Firmen könnten durch Kooperation ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken. 

Von Ulrich Binkert | Bonn

André Schulte, Geschäftsführer, WEINMANN EMT GmbH, IHK Shooting Weinmann, 08.01.26 André Schulte, Geschäftsführer, WEINMANN EMT GmbH, IHK Shooting Weinmann, 08.01.26 | © WEINMANN EMT GmbH - 54°/#151302402007#

„Wir wachsen und kommen im globalen Wettbewerb gut zurecht“ – auch gegen die Chinesen: André Schulte sieht als Geschäftsführer des Hamburger Medizintechnikherstellers Weinmann aber auch kritische Praktiken aus China. Die Branche in Europa müsse vor allem eigene Versäumnisse angehen, findet der Manager, der seit Kurzem auch Präsident des Branchenverbands Spectaris ist.

Herr Schulte, wie kommen Sie mit der Konkurrenz aus China klar?

Wir bemerken seit etwa fünf Jahren mehr chinesische Wettbewerber in unseren Märkten, das hält sich aber noch in Grenzen. Für die ist unser Produktsegment offenbar zu sehr Nische. Im Klinikmarkt, wo die Umsätze größer sind, gibt es mehr chinesische Konkurrenz. Neben einzelnen Firmen aus den USA sind Chinesen schon die wichtigsten außereuropäischen Wettbewerber für uns. In unserem Segment spielen Japaner oder auch Inder dagegen kaum eine Rolle. 

Die Weinmann Emergency Medical Technology produziert Beatmungsgeräte, Defibrillatoren und Notfallausrüstungen für Rettungsdienste, Feuerwehren und andere Kunden im öffentlichen Sektor. Zwei Drittel der Herstellung geht ins Ausland, ganz überwiegend in die EU. Die Unternehmensgruppe mit insgesamt 430 Mitarbeitern sitzt in Hamburg und fertigt im schleswig-holsteinischen Henstedt-Ulzburg. Ein Gemeinschaftsunternehmen im chinesischen Suzhou beliefert ausschließlich den lokalen Markt, wobei China für weniger als 5 Prozent der Firmenumsätze steht.

Oft ist von unfairem Wettbewerb durch die Chinesen die Rede.

Da ist was dran, wir müssen aber vor allem unsere eigenen Marktstrukturen in Ordnung bringen. Dabei können wir uns übrigens einiges von China abschauen.

Was können Sie als Unternehmen von den Chinesen lernen?

Chinesische Hersteller und Zulieferer arbeiten oft in Clustern. In Deutschland und Europa hingegen gibt es viele Firmen, die Spitzenprodukte herstellen, allein aber im Wettbewerb zu kämpfen haben. Mit mehr Kooperation könnten wir viel erfolgreicher sein.

Ein Beispiel?

Wir vermarkten seit Kurzem die Videolaryngoskope einer süddeutschen Firma, das sind Geräte für das Atemwegsmanagement. Dafür nutzen wir unser weltweites Vertriebsnetz; so etwas fehlt unserem Partner in diesem Segment.

Nutzten Sie schon andere Synergien in der Vermarktung?

Vor drei Jahren gewannen wir eine Ausschreibung für den Ausbau des Rettungswesens in Kasachstan, als Teil eines europäischen Konsortiums. Wir steuerten unsere Notfallgeräte bei, ein anderer die Tragen und so weiter. Gemeinsam konnten wir so ein Komplett-Angebot schnüren, das den Kunden überzeugte und den Wettbewerb ausstach, unter anderem aus China.

Wie nutzen Sie Kooperationen in der Produktion?
Wir versuchen immer sehr eng mit unseren Zulieferern zusammenzuarbeiten. Trotzdem erhöhen wir selbst zum Teil gezielt die Fertigungstiefe, um die Planbarkeit und Kosten langfristig im Griff zu behalten.

Die Chinesen produzieren generell stark vernetzt? 

Ja. Befeuert wird dies durch hohen Wettbewerbsdruck und letztlich auch die Mentalität. Sie produzieren damit schnell, flexibel und kostengünstig, und sie sind auch viel schneller in der Entwicklung. Chinesische Hersteller wie Yuwell und Mindray versuchen auch in ihren Fabriken in der EU diese Prinzipien umzusetzen.

Regulierung & Co. stehen in Europa in der Kritik. Kann man sich auch da etwas von den Chinesen abschauen?

Ja, wir brauchen schnellere Genehmigungsverfahren. In China gehen Produktzulassungen viel schneller. Das Land hat dafür in den letzten Jahrzehnten ein ganzes Ökosystem mit Behörden und Firmen aufgebaut, die sich eng untereinander abstimmen und effizient zusammenarbeiten.

Was sind da genau die Unterschiede?

Bei Zulassungen haben wir es in Europa mit verschiedenen zertifizierten Anbietern wie zum Beispiel dem TÜV zu tun. Und mit Testinstituten, die schon mal in Indien sitzen. Manche Abläufe dauern da ewig. In China hingegen gibt es genau eine zentrale Zulassungsbehörde, die NMPA. Auch die anderen zuständigen Stellen sind zentral organisiert und in China selbst angesiedelt. Ironischerweise ist es dann so, dass wir uns bei unseren Zulassungen in China – die wir dort ja auch haben müssen – komplett in diesem fremden System bewegen müssen. Während die Chinesen für ihre Auslandsmärkte, auch in Europa, erst mal all die Anbieter nutzen können, die in China ihre Dienste anbieten.

Sind Zulassungen und Zertifizierungen so wichtig?

Ja. Bei einem Defibrillator geht es in der Anwendung um Menschenleben und um Sekunden. Unsere Produkte sind in der höchsten Risikoklasse, so wie Flugzeugteile. Die müssen entsprechende Normen und Vorschriften erfüllen.

Sind Produkte in Ihren Märkten auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten? 

Unser Hauptmarkt ist die EU. Unsere Produkte sind zugeschnitten auf die Erstversorgung von Notfallpatienten vor Ort, so wie das bei uns üblich ist. In den USA dagegen bringt man die Leute zur Versorgung möglichst schnell ins Krankenhaus. Dadurch müssen Geräte anders sein, und dies verschließt uns ein Stück weit den US-Markt. Den schützen die Amerikaner, ähnlich wie die Chinesen, auch durch ihre Zulassungsverfahren.

Gegenüber den Chinesen soll sich die Branche in Europa aber nicht abschotten?
Nein, wir müssen langfristig wettbewerbsfähig bleiben beziehungsweise wieder werden. Mehr Außenschutz kann sicherlich eine Weile helfen, die anderen werden aber reagieren und dadurch unsere Auslandsmärkte schließen. Dabei sind wir selbst auf offene Absatzmärkte weltweit angewiesen, weil Europa allein als Markt zu klein ist.

Sie sehen keine Verzerrungen zugunsten chinesischer Wettbewerber?

Natürlich profitieren die Chinesen von Subventionen und dem niedrig gehaltenen Wechselkurs des Yuan. Sie können sich auch an öffentlichen Ausschreibungen in der EU beteiligen, während dies umgekehrt viel schwieriger ist. In China können wir mit unserem Joint-Venture in Suzhou lokal zugelassene Produkte anbieten. Trotzdem werden wir dort manchmal nicht als lokaler Anbieter behandelt. Wir sind seit 20 Jahren in China aktiv, und diese Diskriminierung ist noch nicht besser geworden.

Müssten EU-Gesundheitsbehörden nicht auch mehr in Europa kaufen, Stichwort Versorgungssicherheit?

Absolut. Spätestens Corona hat gezeigt, dass man nicht immer nur auf den Preis schauen darf. Es gibt ja bereits die EU-Direktive 2025/1197, die den Zugang für chinesische Medizintechnikanbieter beschränkt. Nur kenne ich keinen Fall, wo diese Verordnung auch angewendet worden wäre. Und in Deutschland wird die aktuell geplante Gesundheitsreform den Preisdruck weiter verstärken.