Wirtschaftsstandort | Estland

Qualifizierte Arbeitnehmer überzeugen Investoren

Estland gewinnt als Beschaffungsmarkt für Deutschland an Bedeutung. Das Land punktet unter anderem mit seinem Steuersystem. Steigende Arbeitskosten gelten als Manko.

Von Niklas Becker | Helsinki

Estland ist bekannt für sein starkes digitales Know-how und den breit digitalisierten öffentlichen Sektor. Etwa 99 Prozent der Behördengänge lassen sich heute online erledigen. Neben dem wachsenden Dienstleistungssektor gilt es, auch die lokale Industrie im Auge zu behalten. Für deutsche Firmen wächst die Bedeutung Estlands als Beschaffungsmarkt. Dagegen sind die Absatzchancen in dem knapp 1,4 Millionen Einwohner zählenden Land begrenzt.

  • Der Dienstleistungssektor spielt in Estland eine größere Rolle als in vielen anderen EU-Ländern, Tendenz steigend. Aber auch die lokale Industrie hat viel zu bieten. 

    Estlands hohe Affinität für Digitalisierung und neue Technologien ist auch in der Wirtschaft sichtbar. Gemessen an der Bevölkerungszahl hat das Land weltweit die meisten Einhörner hervorgebracht. Das sind Start-ups mit einer Unternehmensbewertung von mindestens 1 Milliarde Euro. Mittlerweile hat das Land zehn davon. Zu den bekanntesten gehören Skype, Bolt und (Transfer)Wise. 

     

    1,4 Mio.

    Personen lebten 2023 im Land.

    Quelle: Eurostat 2024

    38,2 Mrd.

    Euro betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2023.

    Quelle: Eurostat 2024

    27.950

    Euro machte das BIP pro Kopf damit 2023 aus.

    Quelle: Eurostat 2024

    Rang 54

    belegte das Land 2023 unter den deutschen Exportzielen.

    Quelle: Destatis 2024

    Rang 12

    nimmt das Land im Corruption Perceptions Index 2023 ein (unter 180 Ländern).

    Quelle: Transparency International 2024

    0 %

    betrug die Analphabetenquote im Jahr 2021.

    Quelle: Weltbank 2024

    Ausführliche Informationen zur Wirtschaft finden Sie in den Wirtschaftsdaten kompakt.

    Estland hat Potenzial als Beschaffungsmarkt

    Aus deutscher Sicht gibt es neben der Digitalisierung jedoch noch einen weiteren Punkt, weshalb die estnische Wirtschaft sehr spannend ist: Das baltische Land bietet für Deutschland ein großes Potenzial als Beschaffungsmarkt und kann so bei der Verkürzung von Lieferketten eine wichtige Rolle spielen. Beispielsweise verzeichnet die estnische Metallwirtschaft eine wachsende Nachfrage für Vorprodukte aus Deutschland. 

    Die Auftragsfertigung ist für Estlands Metallbranche das Brot- und Buttergeschäft. Die Branche wirbt mit günstigeren Arbeitskosten, kurzen Lieferwegen und einer hohen Qualität. Zwar können die estnischen Industrieunternehmen günstigere Preise aufrufen als beispielsweise die Konkurrenz in Deutschland oder Finnland, mit den chinesischen oder türkischen Kosten können die Firmen allerdings nicht konkurrieren. 

    "Deutsche Unternehmen sollten nicht erwarten, dass sie die zuvor aus China bezogenen Produkte zu gleichen Preisen aus Estland beschaffen können. Sie müssen mit einem Aufschlag rechnen. Dafür bietet das Land sicherere und weniger anfälligere Lieferketten direkt vor der Haustür."

    Dominic Otto Stellvertretender Hauptgeschäftsführer, Deutsch-Baltische Handelskammer (AHK Baltikum)

    Lohnkosten steigen deutlich

    Ein Grund für das Potenzial als Beschaffungsmarkt für deutsche Firmen sind die estnischen Gehälter. Im Vergleich zu Deutschland oder auch dem EU-Durchschnitt sind diese weiterhin niedrig. So zahlten Arbeitgeber im Land 2022 im Schnitt 16,60 Euro für eine Arbeitsstunde. In Deutschland waren es 40 Euro und im EU-Durchschnitt 30,20 Euro. 

    Allerdings steigen die estnischen Arbeitskosten deutlich. Im Jahr 2022 wuchsen sie im Jahresvergleich um 9,9 Prozent (Deutschland: 6,4 Prozent und EU-Durchschnitt: 5,4 Prozent). Im baltischen Vergleich weist Estland die höchsten Arbeitskosten pro Stunde auf (Litauen 13,20 Euro; Lettland 2022: 12,40 Euro). 

    PISA-Spitzenreiter

    Das große Potenzial des Landes liegt im guten Bildungssystem und einer hohen IT-Kompetenz der Arbeitnehmenden. So ist Estland im PISA-Ranking 2022 - wie auch in den Vorjahren - europäischer Spitzenreiter. Auch deutsche Investoren in Estland bewerten die Qualifikation der einheimischen Arbeitskräfte positiv. Das geht aus der 2023 durchgeführten Unternehmensbefragung der Deutsch-Baltischen Handelskammer (AHK Baltikum) hervor. Die Firmen vergaben auf einer Skala von 1 (sehr gut) bis 5 (mangelhaft) eine Bewertung von 2,17. Zudem äußerten sie Zufriedenheit mit der akademischen Ausbildung (Note 2,27) und dem Berufsbildungssystem (2,55).

    Eine große Herausforderung ist jedoch der Fachkräftemangel im Land. Wie Arvid Häntsch, Managing Director bei CARIAD Estonia, berichtet, ist die Suche nach Mitarbeitern zwar nicht einfach, aber es lassen sich weiterhin geeignete Personen finden. 

    SWOT-Analyse Estland

    S

    Stärken Strengths

    • Niedrige Besteuerung
    • Gutes Ausbildungsniveau
    • Effizientes E-Government
    • Gesunde Staatsfinanzen
    • EU-, Eurozone- und Nato-Mitglied
    W

    Schwächen Weaknesses

    • Suche nach Fachkräften ist nicht einfach
    • Kleiner Binnenmarkt mit dominanter Hauptstadtregion
    • Alternde Bevölkerung
    • Abhängigkeit von Ölschiefer
    • Schattenwirtschaft
    O

    Chancen Opportunities

    • Diversifizierung und Ausbau der Energieversorgung
    • Esten sind technologiebegeistert
    • Infrastrukturausbau wird durch EU-Mittel gefördert
    • Gute Bedingungen für Forschung und Entwicklung
    • Niedrigste Abhängigkeit von Energieimporten
    T

    Risiken Threats

    • Steigende Arbeitskosten
    • Abhängigkeit von EU-Fördermitteln
    • Industrie mit geringer Wertschöpfung
    • Stromnetz ist Teil des russischen BRELL-Systems
    • Abhängigkeit von Auslandsmärkten

    Schattenwirtschaft geht etwas zurück 

    Der Anteil der Schattenwirtschaft in Estland ist weiterhin hoch. Das zeigt der von der Stockholm School of Economics in Riga veröffentlichte "Shadow Economy Index for the Baltic Countries". Mit einem BIP-Anteil von 18 Prozent ist der Anteil der estnischen Schattenwirtschaft 2022 geringer als in den beiden anderen baltischen Staaten. Im Vergleich zum Vorjahr vermelden die Experten zudem einen Rückgang um einen Prozentpunkt. Der Großteil der Schattenwirtschaft in Estland ist auf schwarz gezahlte Zusatzlöhne, die Mitarbeiter neben ihrem Grundgehalt bekommen (sogenannte "envelope wages"), zurückzuführen. 

    Dienstleistungen spielen eine große Rolle

    Estlands breites Know-how im Bereich Digitalisierung spiegelt sich mittlerweile auch in der heimischen Wirtschaftsstruktur wider. So steuerte allein der Bereich Information und Kommunikation 2022 nach Zahlen von Eurostat 7,1 Prozent zur estnischen Bruttowertschöpfung bei. Zehn Jahre zuvor waren es noch knapp 5 Prozent. Zum Vergleich: Im EU-Durchschnitt kommt der Sektor Information und Kommunikation auf 5,4 Prozent. Im verarbeitenden Gewerbe kommt der Holz- und Metallbranche die größte Bedeutung in der estnischen Wirtschaft zu. 

    In Zukunft dürfte die Bedeutung des estnischen Energiesektors an Bedeutung gewinnen. Nach Zahlen von Eurostat hat Estland die niedrigste Energieabhängigkeit von anderen Staaten innerhalb der EU. Im Jahr 2021 deckte das baltische Land lediglich 1,4 Prozent des Energiebedarfs durch Einfuhren ab. Im EU-Durchschnitt waren es 56 und in Deutschland 63 Prozent. Grund für die geringe Energieabhängigkeit Estlands ist die heimische Ölschieferindustrie. Mehr als die Hälfte des im Land produzierten Stroms stammt aus Ölschiefer. Estland erhöhte die Stromproduktion aus Ölschiefer, um Gas- und Stromimporte aus Russland zu kompensieren. 

    Aufgrund der schlechten CO₂-Bilanz von Ölschiefer ist das allerdings keine zufriedenstellende – und aufgrund des CO₂-Zertifikatehandels auch keine wettbewerbsfähige – Lösung. Estland will die Stromproduktion aus Ölschiefer deshalb bis 2035 einstellen. Dafür müssen neue Erzeugungskapazitäten aufgebaut werden. Das baltische Land muss in neue und vor allem umweltfreundlichere Maßnahmen zur Energieproduktion investieren. Vor allem Offshore-Windkraft könnte dabei eine große Rolle spielen. 

    Bedeutung der Wirtschaftszweige in Estland (Anteile in Prozent)

    Sektoren

    Anteil an der Bruttowertschöpfung 2022

    Anteil an den Arbeitnehmern 2022

    Land- und Forstwirtschaft, Fischerei

    2,8

    1,9

    Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden

    0,6

    0,5

    Verarbeitendes Gewerbe

    14,9

    18,9

      Herstellung von Holzwaren (ohne Möbel)

    3,2

    2,9

      Herstellung von Metallerzeugnissen

    1,9

    2,6

    Energieversorgung

    4,3

    0,9

    Wasserversorgung, Abwasser- und Abfallentsorgung und Beseitigung von Umweltverschmutzungen

    0,7

    0,7

    Baugewerbe

    6,7

    6,8

    Information und Kommunikation

    7,1

    5,1

    Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen

    4,6

    2,7

    Quelle: Eurostat 2023

    In Tallinn spielt die Musik

    Estlands Hauptstadtregion dominiert das heimische Wirtschaftsbild. Sie erwirtschaftet mehr als 60 Prozent des lokalen Bruttoinlandsprodukts. 

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  • Estland wird von Investoren für seine öffentliche Verwaltung und sein Steuersystem geschätzt. Sorgen bereiten den Firmen die Arbeitskosten. 

    Estland gilt unter deutschen Unternehmen als einer der attraktivsten Investitionsstandorte in Mittel- und Osteuropa (MOE). Das zeigen die Konjunkturumfragen der deutschen Auslandshandelskammern in der MOE-Region. Estland belegt in dem Attraktivitätsranking der Umfrage nach Slowenien, Polen und Tschechien den vierten Platz.

    Öffentliche Verwaltung als positiver Standortfaktor

    Deutsche Investoren in Estland schätzen neben der EU-Mitgliedschaft vor allem die Rechtssicherheit und die öffentliche Verwaltung des Landes. Das zeigt die Konjunkturumfrage der Deutsch-Baltischen Handelskammer (AHK Baltikum). Estlands öffentliche Verwaltung ist vor allem für seinen hohen Digitalisierungsgrad bekannt. Auf den vordersten Plätzen der im Mai 2023 veröffentlichten Umfrage landen zudem die Bekämpfung von Korruption sowie das estnische Steuersystem und - behörden. 

    "Uns überzeugt das Gesamtpaket Estlands. Es gibt sicherlich Länder, die bei dem einen oder anderen Standortfaktor besser abschneiden. Aber insgesamt schneidet Estland am besten ab."

    Deutscher Investor im Gespräch mit GTAI

    Steuersystem gilt als Best Practice-Beispiel

    Estlands Steuersystem gilt als einfach und unternehmerfreundlich. So beträgt der Körperschaftsteuersatz in der Regel pauschal 20 Prozent. Die Steuer wird monatlich - allerdings nur bei Gewinnausschüttung - erhoben. Bei regelmäßiger Dividendenausschüttung kann ein ermäßigter Satz von 14 Prozent verwendet werden. Auch die persönliche Einkommensteuer ist auf 20 Prozent gedeckelt. 

    Großes Manko in Estland sind aus Sicht der deutschen Investoren im Land die Arbeitskosten. In der Unternehmensbefragung der AHK Baltikum landet dieser Faktor auf dem vorletzten Platz im Ranking der Standortkriterien. Lediglich die Verfügbarkeit von Fachkräften schneidet noch schlechter ab. Auf die Zusatzfrage der größten Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens in den nächsten zwölf Monaten nannten die Firmen Arbeitskosten zudem als größtes Risiko. Für 55 Prozent der Firmen (Mehrfachnennung möglich) ist dies das größte Entwicklungsrisiko.   

    Zwar sind die Löhne deutlich niedriger als in Deutschland oder im EU-Durchschnitt. Jedoch registriert Estland seit einigen Jahren einen beträchtlichen Zuwachs der Arbeitskosten. Im Jahr 2022 lagen die estnischen Arbeitskosten fast 87 Prozent über dem Niveau von 2012. Zum Vergleich: in Deutschland waren es 29 Prozent und in der EU 24 Prozent mehr. Aber: Der Zuwachs der Kosten fällt in Estland geringer aus als in den beiden anderen baltischen Staaten (Lettland: 97 Prozent, Litauen: 124 Prozent).

    Besonders die Nachbarländer investieren

    Estland zählt in Ost- und Mitteleuropa zu den Spitzenreitern in Bezug auf ausländische Direktinvestitionen pro Kopf. Dabei zählen vor allem regional naheliegende Länder zu den wichtigsten Investoren im Land. Finnland, Schweden und Lettland sind nach Luxemburg die größten Geldgeber. Nach Zahlen der estnischen Zentralbank kamen im Sommer 2023 rund 40 Prozent des Bestands an ausländischen Direktinvestitionen aus diesen drei Ländern. Auf Luxemburg allein entfällt rund ein Viertel der Investitionen. 

    In Estland tätige ausländische Investoren erbringen vor allem Finanz- und Versicherungsdienstleistungen. Mehr als jeder vierte investierte Euro entfällt auf diesen Sektor. Platz zwei und drei im Ranking belegen Aktivitäten im Bereich Grundstücks- und Wohnungswesen (18,7 Prozent) sowie die Erbringung von freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen (14,5 Prozent). 

    Deutsche Investoren sind in Estland vor allem im Bereich der Dienstleistungen (insbesondere IT) sowie im verarbeitenden Gewerbe tätig. 100 Prozent von ihnen würden Estland wieder als Investitionsstandort wählen.

    Florian Schröder Geschäftsführender Vorstand, Deutsch-Baltische Handelskammer (AHK Baltikum)

    Ausgewählte deutsche Investoren in Estland

    Unternehmen

    Branche

    Hamburger Hafen und LogistikLogistik
    LidlEinzelhandel
    CariadIT
    DanpowerEnergie

    Leonhard Weiss

    Bau
    Quelle: AHK Baltikum 2023; Recherchen von Germany Trade & Invest

    Investitionsförderung: Freihandelszonen schaffen zusätzliche Anreize für die Auftragsfertigung

    Estland bietet für Neuinvestitionen sowie Unternehmenserweiterungen eine Reihe von staatlichen Zuschüssen an. Sie richten sich an Investoren aus verschiedenen Geschäftsfeldern. Zuständig für die Förderungen ist die staatliche Wirtschaftsförderagentur Enterprise Estonia. Unter anderem bietet Estland ein Förderregime an, dass sich speziell an Großinvestoren im verarbeitenden Gewerbe richtet. Um diese Förderung in Anspruch nehmen zu können, müssen innerhalb von 36 Monaten insgesamt mindestens 6,7 Millionen Euro investiert werden (Selbstfinanzierungsrate von mindestens 85 Prozent)

    Der Fonds greift sowohl bei Neuinvestitionen als auch Werkserweiterungen. Vorausgesetzt, die Muttergesellschaft oder die zugehörige Unternehmensgruppe hat im vorangegangenen Geschäftsjahr einen konsolidierten Umsatz von mindestens 50 Millionen Euro erzielt. Weitere Details über dieses sowie weitere Förderprogramme stellt Enterprise Estonia auf seiner Internetseite in englischer Sprache zur Verfügung. 

    Ebenfalls interessant für deutsche Unternehmen: Estland verfügt über drei Freihandelszonen. Waren in diesen Zonen betrachtet das baltische Land als außerhalb des eigenen Zollgebiets. Güter, die in diese Zonen importiert und später wieder re-exportiert werden, unterliegen somit keinen Zöllen. Zudem fallen keine Mehrwert- oder Verbrauchssteuern an. Die Freihandelszonen sind offen für ausländische Direktinvestitionen. Alle drei Zonen liegen in Hafennähe. 

    Estlands Freihandelszonen

    Die GTAI stellt ausführliche Informationen zum Wirtschafts- und Steuerrecht sowie zu Einfuhrregelungen, Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen zur Verfügung.

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  • BezeichnungAnmerkung
    Germany Trade & InvestAußenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft
    Deutsch-Baltische Handelskammer (AHK Baltikum)Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
    Enterprise EstoniaEstlands staatliche Wirtschaftsförderagentur
    Deutsche Botschaft TallinnDiplomatische Vertretung Deutschlands in Estland
    Freihandelszone PaldiskiGehört nicht zum estnischen Zollgebiet
    Freihandelszone MuugaGehört nicht zum estnischen Zollgebiet
    Freihandelszone SillamäeGehört nicht zum estnischen Zollgebiet