Mit JUWELS verfügt das Forschungszentrum über einen Supercomputer, der zu den schnellsten der Welt gehört. Der Rechner ist bei Forschern aus ganz Europa hochbegehrt. Das System wird unter anderem für Simulationen in der Hirnforschung verwendet, etwa im europäischen Human Brain Project (HBP). Mit JUWELS verfügt das Forschungszentrum über einen Supercomputer, der zu den schnellsten der Welt gehört. Der Rechner ist bei Forschern aus ganz Europa hochbegehrt. Das System wird unter anderem für Simulationen in der Hirnforschung verwendet, etwa im europäischen Human Brain Project (HBP). | © Forschungszentrum Jülich/Sascha Kreklau

Branchen | EU | Künstliche Intelligenz

Europa rüstet sich für den globalen KI-Wettlauf

Die EU drückt aufs Tempo, um den Rückstand bei künstlicher Intelligenz aufzuholen. Bis Jahresende entscheidet Brüssel, wo in Europa sieben große KI-Fabriken entstehen.

Gerit Schulze

Von Gerit Schulze | Prag

Rechenleistung ist das Öl der Gegenwart. Sie bestimmt, wie leistungsfähig künstliche Intelligenz (KI) trainiert und in der Praxis eingesetzt werden kann. Bislang ist der Vorsprung der USA enorm, und Europa droht eine strategische Abhängigkeit von Plattformen und Datenzentren in Übersee.

Um das zu verhindern, startete Brüssel 2024 eine AI-Factory-Initiative. Die EU-Kommission initiierte den Bau von 19 KI-Fabriken und 13 "Antennen", die als regionale Zugangspunkte für die Rechenzentren dienen. Diese Infrastruktur soll besonders Start-ups, kleine Unternehmen, Forschungseinrichtungen und öffentliche Akteure mit Rechenleistung versorgen.

Die Projekte verteilen sich über den ganzen Kontinent - von "Pharos" in Griechenland, über "1Health AI" in Spanien bis zu "LUMI AIF" im finnischen Kajaani - mit jeweils unterschiedlichen Anwendungsbereichen. Die Stuttgarter KI-Fabrik "HammerHAI" ist spezialisiert auf Maschinenbau und Automobillösungen, die polnische "PIAST-AI Factory" in Poznań auf Cybersicherheit, Gesundheit und Raumfahrt. "IT4LIA" in Bologna befasst sich mit KI-Lösungen für Agrarwirtschaft, Lebensmittel und Geowissenschaften.

Europas KI-Ziele

  • Verdreifachung der Kapazitäten in Rechenzentren bis 2030
  • Bis 2030 erhalten Betreiber von KI-Fabriken in der gesamten EU alle Genehmigungen für Bau und Betrieb in weniger als 18 Monaten
  • KI-Rechenzentren sind in der EU geografisch ausgewogen verteilt
  • Ab 2035 kann die EU ihren Bedarf an Rechenkapazitäten komplett selbst decken
  • öffentliche Einrichtungen haben volle Datensouveränität bei Cloud-Diensten 
  • Globale Führungsrolle bei "Physical AI" (Robotik, autonome Fahrzeuge, Drohnen und Maschinen)
  • "Industrial AI" verbessert die Wettbewerbsfähigkeit bei Gesundheitswesen, Automobilindustrie, Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Energie

Quelle: Proposal for the Cloud and AI Development Act (vom 3. Juni 2026)

Brüssel zündet die nächste Stufe 

Während die ersten KI-Fabriken ihre Arbeit aufnehmen, zündet die EU-Kommission die zweite Stufe der Aufholjagd bei KI: den Bau von sieben AI-Gigafactories. Sie sind deutlich größer und sollen auch das Training von KI-Modellen mit Billionen von Parametern ermöglichen. 

Das Finanzierungsmodell unterscheidet sich von klassischen Investitionszuschüssen. Die EU und beteiligte Mitgliedstaaten wollen bei den Gigafabriken langfristig Rechenkapazitäten einkaufen. Diese gesicherte Nachfrage soll das Projektrisiko senken und private Kapitalgeber zum Bau der Anlagen bewegen. 

Im Frühjahr 2026 bekundeten 76 Unternehmen und Institutionen Interesse an Gigafactories an 60 Standorten. Seit 30. Juli 2026 läuft das offizielle Vergabeverfahren der EU für die sieben KI-Gigafactories. Bewerben können sich Privatunternehmen oder Zweckgesellschaften aus Betreibern, öffentlichen Stellen und Investoren. Das Beschaffungsverfahren unterscheidet zwei Fabrikgrößen: Medium-Scale und Large-Scale.

Forschungszentrum Jülich ist die Benchmark

Die vier mittelgroßen Projekte (Medium-Scale AI Gigafactories) müssen in der ersten Ausbaustufe so leistungsfähig sein wie das Jupiter Forschungszentrum Jülich in Nordrhein-Westfalen. Es gilt derzeit als Europas stärkstes KI- und Supercomputing-Projekt mit rund 24.000 KI-Beschleunigern. Die drei Large-Scale Gigafabriken hätten eine viermal so hohe Rechenleistung wie das Zentrum in Jülich.

Neben hoher Rechenleistung verlangt die EU-Kommission eine ausreichende Energieversorgung der KI-Zentren sowie Kühlung, Lüftung, Wasser- und Versorgungssysteme. Das bietet Lieferchancen für deutsche Hersteller. In den mittelgroßen KI-Gigafactories muss die installierte IT-Hardware dauerhaft bis zu 120 Megawatt elektrische Leistung aufnehmen können - der Strombedarf von 100.000 Haushalten.

Die Ausschreibung schließt chinesische Technologie nicht aus. Bei Hardware besteht grundsätzlich Technologieoffenheit. Gleichzeitig setzt die EU die Kriterien der digitalen Souveränität konsequent um: Kritische Betriebsfunktionen dürfen nicht an Unternehmen in Nicht-EU-Staaten ausgelagert werden. Projekte erhalten zusätzliche Bewertungspunkte für europäische Software- und Hardwarelösungen. Somit werden europäische Anbieter deutlich bevorzugt.

Am 12. November 2026

endet die Bewerbungsfrist für die Förderanträge. Die Auswahl der Gewinner ist für Anfang 2027 vorgesehen, sodass der Baubeginn für die KI-Gigafactories ebenfalls im nächsten Jahr erfolgen könnte.

Insgesamt will die EU für die sieben Gigafactories maximal 5 Milliarden Euro in Form von eingekaufter Rechenleistung bereitstellen. Damit die EU-Förderung fließt, müssen die beteiligten Mitgliedstaaten dieselbe Summe beisteuern. Brüssel hofft , dass private Investoren weitere 20 Milliarden Euro in die Vorhaben stecken.

In ganz Europa laufen milliardenschwere Projekte

Unabhängig von der Ausschreibung bauen Unternehmen in der EU große KI-Fabriken auf. In Deutschland will Google bis 2029 rund 5,5 Milliarden Euro in KI-Projekte stecken. Schwarz Digits errichtet in Lübbenau ein Rechenzentrum mit bis zu 100.000 Grafikchips. Die Deutsche Telekom eröffnete im Februar 2026 ihre Industrial AI Cloud in München und kooperierte dabei mit Nvidia.

In Frankreich plant die japanische Investmentholding SoftBank Group KI-Rechenzentren für 45 Milliarden Euro bis 2031 sowie mögliche Nachfolgeinvestitionen von 30 Milliarden Euro. Das kündigte das Unternehmen im Juni 2026 an. Die erste Ausbaustufe sieht eine Leistung von 3,1 Gigawatt an den Standorten Dünkirchen, Bosquel und Bouchain vor. SoftBank kooperiert mit Schneider Electric bei der Herstellung von Gehäusen und Stromversorgungsmodulen für Rechenzentren.

In Spanien hat ein Konsortium aus Santander, ACS, Telefónica und der Regierung Interesse am Bau einer KI-Gigafactory. US-Gigant Amazon stockt seine KI-Investitionen bis 2035 um weitere 18 Milliarden Euro auf. Damit sollen die Rechenzentren des Konzerns vergrößert sowie die KI- und Cloud-Computing-Fähigkeiten verbessert werden. Außerdem baut Amazon in Spanien eine Serverfertigung und Reparaturanlagen für Großrechner auf.

In Kroatien stellte die US-Investmentgruppe Pantheon Atlas im Mai 2026 Pläne für ein 12 Milliarden Euro teures KI-Rechenzentrum (Gesamtleistung von bis zu 1 Gigawatt) mit Innovationscampus in Topusko vor. Der Übertragungsnetzbetreiber HOPS genehmigte im Sommer 2026 den Bau von Infrastruktur für mehr als 500 Millionen Euro, darunter Übertragungsleitungen und ein Umspannwerk. Pantheon Atlas will das Projekt mit Strom aus einem 500-MW-Solarkraftwerk und mit Batteriespeichern betreiben.

Münchner Projektentwickler baut in Bulgarien

In Bulgarien plant das deutsche Unternehmen Brinell Compute ein KI-Rechenzentrum in der Nähe von Plowdiw. Das Vorhaben soll 3 Milliarden Euro kosten, teilte die Standortmarketingagentur Invest Plovdiv mit. Der Münchner Projektentwickler ist spezialisiert auf Planung und Bau digitaler Infrastrukturen. 

In Estland errichtet der niederländische Cloud-Spezialist Nebius (gegründet vom russischen Tech-Unternehmer Arkadi Wolosch) eine KI-Fabrik mit 22 Megawatt Leistung. Die erste Phase soll bis Ende 2026 in Betrieb gehen. Nebius hat weitere Projekte in Finnland, Frankreich, Spanien, Island und dem Vereinigten Königreich. Zu den Kunden zählen Microsoft und Meta.

In Tschechien arbeitet das Unternehmen České Radiokomunikace (ČRa) am Bau des Rechenzentrums "Prague Gateway DC". Direkt daneben würde der Betreiber der tschechischen Rundfunk- und Internetinfrastruktur gern eine KI-Gigafactory errichten, sofern er bei der EU-Ausschreibung berücksichtigt wird.

Auch Polen arbeitet an einer eigenen KI-Gigafabrik mit 75.000 Hochleistungschips. Mehrere Unternehmen des Landes signalisierten vorsichtiges Interesse an dem Projekt, darunter Onlinehändler Allegro, Cloudanbieter CloudFerro sowie die polnische Tochter des Mobilfunkkonzerns Orange. Eine feste Zusage gibt es bislang von keinem Unternehmen.

Mittelosteuropa kooperiert bei KI

Beim CEE AI Summit 2026 in Prag verabschiedeten Tschechien, Slowakei, Polen, Kroatien, Ungarn, Litauen, Lettland, Slowenien und Rumänien eine Erklärung zur künstlichen Intelligenz. Sie wollen beim Bau von Gigafactories enger kooperieren und ihre Recheninfrastrukturen vernetzen. Gemeinsam planen sie effiziente KI-Modelle für weniger verbreitete Sprachen.

In Finnland zieht Europa schon an einem Strang

In Finnland wird die europäische KI-Kooperation beim Projekt LUMI-AI in der Praxis gelebt. Ende August 2026 unterzeichnete die Europäische Hochleistungsrecheninitiative EuroHPC den Beschaffungsvertrag für den neuen Supercomputer des Rechenzentrums CSC, der die Rechenleistung verzehnfacht.

Die Kosten von 400 Millionen Euro übernimmt zur Hälfte EuroHPC, zur anderen Hälfte ein Konsortium aus Finnland, Dänemark, Tschechien, Estland, Norwegen und Polen. Die Länder sichern sich proportional zu ihren Investitionsanteilen Rechenkapazitäten bei LUMI-AI. Generalauftragnehmer ist die französische Bull.

Finnland rückt wegen seines Klimas verstärkt in den Fokus von Investoren von KI-Fabriken, da Kühlung ein großer Kostenfaktor ist. Googles Mutterkonzern Alphabet kündigte im September 2026 an, 13 Milliarden Euro in KI-Infrastruktur in dem nordeuropäischen Land zu investieren. Geplant sind drei neue Datenzentren in Muhos, Kajaani und Vaala. Der Konzern sicherte sich für die nächsten 22 Jahre die Hälfte der Stromproduktion eines finnischen Atomkraftwerks.