Branchen | Europa | Pharma

Europäischer Pharmamarkt wächst trotz Kostendruck

Der europäische Arzneimittelmarkt legt weiter zu. Gleichzeitig verschärfen Regulierung, Produktionskosten und internationaler Wettbewerb die Standortfrage für Pharmaunternehmen.

Von Oliver Idem, Friedrich Henle | Bonn, Madrid

Europa bleibt für die Pharmabranche ein Milliardenmarkt mit Wachstumspotenzial. Das Marktforschungsunternehmen BMI prognostiziert, dass die Arzneimittelverkäufe von 2025 bis 2029 um 16 Prozent zunehmen werden. In Euro ausgedrückt entspricht das einem Sprung von 411 Milliarden auf 478 Milliarden Euro. Damit entfällt ein Viertel des globalen Pharmamarkts auf den Alten Kontinent.

Das Wachstum wird angetrieben durch den demografischen Wandel und mehr chronische Krankheiten. Zudem kommen neue, oft maßgeschneiderte Therapien auf den Markt, die die Kosten erhöhen. Für die Krankenversicherungssysteme steigt dadurch allerdings der finanzielle Druck. Preisdeckelungen und Erstattungshürden bei Medikamenten gehören vielerorts zum Alltag der Branche.

Günstige Rahmenbedingungen für Innovationen

Arzneimittelverkäufe stehen in Europa für knapp 15 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben. Mit der steigenden Nachfrage wächst der Druck, Innovationen effizienter zur Anwendung zu bringen. Eine zügige Entwicklung neuer Medikamente und schnelle Durchführung klinischer Studien trägt dazu bei. Zudem können Pharmaunternehmen die Dauer des Patentschutzes länger ausschöpfen, wenn ein Medikament früh auf den Markt kommt. 

Entsprechend setzen große Hersteller wie Novo Nordisk oder Sanofi verstärkt auf Digitalisierung. Der Einsatz künstlicher Intelligenz trägt dazu bei, Entwicklungen zu beschleunigen und Kosten zu senken. 

Dabei profitieren Unternehmen in Europa von einem stabilen institutionellen Rahmen. Hohe Standards bei Produktqualität und -sicherheit sowie ein robuster Schutz geistigen Eigentums sind gewährleistet.  

Diese Standortvorteile spiegeln sich auch in internationalen Studien wider. Laut Global Innovation Index 2025 der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) zählen sechs europäische Länder zu den zehn innovativsten Volkswirtschaften weltweit, angeführt von der Schweiz und Schweden. Davon profitieren auch Zukunftsfelder wie personalisierte Medizin und Gentherapie.

Hohe Exporte und zunehmende Herausforderungen

Noch sind die Produkte der europäischen Gesundheitswirtschaft weltweit gefragt: Eurostat zufolge exportierten allein die EU-Mitgliedsländer 2025 Pharmaka und Medizinprodukte im Wert von 366 Milliarden Euro in Drittstaaten. Der Handelsüberschuss mit diesen Produkten erreichte mit 221 Milliarden Euro einen neuen Höchstwert. Jedoch nimmt die internationale Konkurrenz zu, vor allem aus den USA und Asien. 

Dem Produktionsstandort Europa drohen mehrere Risiken. Die in vielen Ländern steigenden Energie- und Arbeitskosten betreffen auch die Pharmaindustrie. Zudem drohen bei geopolitischen Spannungen Lieferengpässe, etwa bei Wirkstoffen.  

Insbesondere der Druck auf die Arzneimittelpreise in den USA hat Folgen für Europa. Mit ihrer "Most favoured Nation"-Politik (MFN) will die US-Administration erreichen, dass Patienten in den USA keine höheren Preise als in vergleichbaren Industrieländern zahlen. Ansonsten drohen den Pharmaunternehmen Strafzölle für Importe. Produktionsverlagerungen in die USA werden mit Zollrabatten belohnt. Wegen der internationalen Bedeutung des US-Marktes dürften sich Unternehmen dem Druck beugen.  

Ein anderes Problem geht die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) an. Europa bleibt zwar ein wichtiger Standort für klinische Studien, hat aber gegenüber Asien und den USA im vergangenen Jahrzehnt an Boden verloren. Die EMA setzt auf beschleunigte Genehmigungen und schnellere Probandenrekrutierung. Ein Zwischenbericht von März 2026 bescheinigte Erfolge auf dem Weg zur Zielerreichung 2030.

Pharmapaket und Biotechnologieförderung als Anschub seitens der EU

Ein zentrales Thema für die europäische Pharmabranche ist das "EU Pharma Package“. Mit dieser Reform plant die EU erstmals seit über 20 Jahren grundlegende Neuerungen für den Sektor. Pharmazeutische Entwicklungen sollen auf neue Therapien gelenkt werden. Damit dürften Investitionen in seltene Erkrankungen und neue Wirkmechanismen attraktiver zunehmen, während Anpassungen bestehender Produkte an Bedeutung verlieren. 

Außerdem konkretisiert sich die Vorbereitung europäischer IPCEI-Vorhaben (Important Project of Common European Interest) für den Biotechnologiesektor. Damit zielt die EU auf alternative biobasierte Chemikalien und neue Materialien aus biotechnologischen Quellen ab. Sie sind damit für die biopharmazeutische Industrie in Europa relevant, zum Beispiel für die Entwicklung innovativer Produktionsverfahren für Zell- und Gentherapien.

Nationale Unterschiede prägen den Marktzugang

Die Rahmenbedingungen für die Zulassung und Erstattung von Medikamenten unterscheiden sich weiterhin je nach Land. Der deutsche Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VfA) sieht beispielsweise in der neuen EU-Verordnung zum Health Technology Assessment (HTA) einen wichtigen Schritt in Richtung Harmonisierung. Jedoch verweist der Verband im Gespräch mit GTAI darauf, dass diese auf die klinische Bewertung beschränkt bleibt, während für Preis- und Erstattungsentscheidungen weiterhin die nationale Ebene zuständig ist. 

So profitieren Pharmaunternehmen in Polen davon, dass in den letzten Jahren mehr innovative Produkte vergütet werden. Das Erstattungsbudget der gesetzlichen Krankenkasse NFZ steigt im laufenden Jahr 2026 um mehr als 10 Prozent. Im Vereinigten Königreich herrscht hingegen Knappheit beim Gesundheitsbudget. Zudem verfügt dort der National Health Service NHS über eine ausgeprägte Marktmacht. 

Pharmaanbieter in Frankreich sehen sich mit niedrigen Erstattungskosten und langwierigen Zulassungsverfahren für innovative Präparate konfrontiert. In Spanien erwähnen Unternehmen den zusätzlichen bürokratischen Aufwand auch auf regionaler Ebene, um neue Medikamente in den Markt bringen zu können.

Praktische Informationen

Vertiefen Sie Ihr Wissen mit den einzelnen Länderberichten von GTAI zu den Pharmamärkten in: Frankreich, Italien, Polen, Schweden, Schweiz, Spanien, Vereinigtes Königreich. Darin finden Sie auch die jeweils größten Investitionsprojekte von Pharmaunternehmen.

Nutzen Sie die Informations- und Veranstaltungsangebote der Exportinitiative Gesundheitswirtschaft, um die nächsten Schritte Ihres Markteintritts im Ausland vorzubereiten. Dazu gehören unter anderem Leitfäden zu den länderspezifischen Erstattungssystemen von Medizinprodukten.