Branche kompakt | Frankreich | Pharmaindustrie, Biotechnologie

Unternehmen zwischen Investition und Abwanderung

Die Größe des französischen Marktes macht das Land für Pharmaunternehmen attraktiv, doch die Rahmenbedingungen erschweren Produktion, Marktzugang und Vertrieb.

Von Frauke Schmitz-Bauerdick | Paris

Ausblick der Pharmaindustrie in Frankreich

Bewertung:

  • Eine gut ausgebildete Forschungsszene und staatliche Förderungen machen Frankreich zu einem attraktiven Forschungsstandort.
  • Niedrige Erstattung und ein langwieriges Zulassungsverfahren schrecken Pharmaunternehmen ab.
  • Hohe Produktionskosten und internationale Konkurrenz belasten Hersteller von Massenmedikamenten, Generika und Wirkstoffen.

Anmerkung: Einschätzung der Autorin für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: April 2026

  • Frankreichs Pharmamarkt ist attraktiv, aber auch herausfordernd. Unternehmen fokussieren sich auf innovative Therapien und produzieren für den Export.

    Frankreich ist nach Deutschland das bevölkerungsreichste Land der Europäischen Union und zählt zu den größten Pharmamärkten der Welt.

    Neben dem weltweiten demografischen Wandel erhöht die Zunahme von Zivilisationskrankheiten wie Krebs, Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen und Diabetes den Bedarf an medizinischer Versorgung. Gleichzeitig gehören die Erstattungspreise für Medikamente zu den niedrigsten in Europa, und die Zulassung innovativer Präparate gilt als langwierig. Unternehmen beklagen knappe Margen und produzieren in Frankreich zunehmend für den Export.

    385 %

    Anstieg der Erstattung für Krebstherapien (Antineoplastika) zwischen 2025 und 2026.

    Quelle: Assurance Maladie 2026

    Mehr Medikamente für eine alternde Bevölkerung

    Die Erstattungen für Medikamente sind im Jahr 2024 um 4,6 Prozent auf 34,5 Milliarden Euro angestiegen. Angesichts der demografischen Veränderungen erwartet der Marktanalyst Fitch Solutions für die Jahre 2026 bis 2030 weiterhin ein jährliches aggregiertes Wachstum von gut 3 Prozent. 

    Auch wenn Alltagsmedikamente wie Paracetamol, Antibiotika und Blutdruck- und Cholesterinsenker die Erstattungsrankings anführen, steigen gerade die Kosten für Krebs- und Diabetestherapien sowie Immunsuppressoren rapide. Laut Auskunft der staatlichen Krankenkasse Ameli haben sich allein die Ausgaben für Krebsmedikamente zwischen 2015 und 2025 vervierfacht. 

    Trend geht in Richtung Biotechnologie

    Der Markt ist in Bewegung. Die großen Pharmagruppen wie Sanofi oder Servier stoßen die Produktion margenschwacher Medikamente ab und verstärken sich in den Bereichen Biotechnologie, Gentherapie und künstliche Intelligenz. Inhaltlich fokussieren sich Akteure auf gut vergütete Felder wie Krebs- und Autoimmunerkrankungen, Impfstoffe und seltene Krankheiten. Um Entwicklungszyklen zu verkürzen, kooperieren die Branchenriesen verstärkt mit Start-ups. Auch im Bereich eigener Forschung und Entwicklung bleiben Unternehmen engagiert. So investierten Frankreichs Pharmaunternehmen im Jahr 2024 laut Branchenverband LEEM knapp 6 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung und planen, ihre Investitionen auch 2026 und 2027 in ähnlicher Höhe fortzuführen. 

    Innovationsstarke Biotech‑Szene

    Kennzahlen 2025

    • 47 Biopharmaka auf Basis in Frankreich produzierter Wirkstoffe
    • 5986 aktive Patente im Bereich Biotechnologie und Biopharmaka
    • 4 Forschungseinrichtungen unter den Top-10 Europas im Bereich Patenteinreichung (Inserm, CNRS, Université Paris Cité, Sanofi)
    • 6,3 Milliarden Euro Investitionen zwischen 2020 und 2025

    Quelle: France Biolead 2026

     

    Niedrige Erstattung belastet Unternehmen 

    Trotz potenziell steigender Absatzchancen ist die Stimmung in der französischen Pharmaindustrie schlecht. Insbesondere die restriktive Erstattungspolitik des französischen Staates setzt Unternehmen in Frankreich unter Druck. Frankreich ist stark verschuldet und versucht, durch strikte Deckelung der Erstattung im Gesundheitswesen einen unkontrollierten Kostenanstieg zu vermeiden. Unternehmen fühlen sich auf dem Altar der schwachen Staatsfinanzen geopfert. Die in Frankreich geleisteten Erstattungen für Medikamente zählen zu den niedrigsten in Europa. Die Preise für patentierte Medikamente mit Alleinstellungsmerkmal lagen im Jahr 2024 laut Branchenverband LEEM um 28 Prozent unter denen Deutschlands. 

    Auch das Zulassungsverfahren für innovative Medikamente ist ausgesprochen schwerfällig. Nach dem IQVIA Patients W.A.I.T. Indicator dauert es in Frankreich von der EU-Zulassung bis zur Anerkennung der Erstattungsfähigkeit durch die nationale Krankenversicherung durchschnittlich 592 Tage gegenüber 128 Tagen in Deutschland.  

    Die Kombination aus schwierigem Zulassungsverfahren und niedrigen Erstattungssätzen hat nicht nur geringe Gewinnmargen bei Pharmaunternehmen zur Folge. Auch die Auswirkungen für den Patienten sind erheblich. So waren in Frankreich 2025 von 173 in der EU zugelassenen innovativen Medikamenten beispielsweise für die Behandlung von Krebs oder seltenen Erkrankungen lediglich 103, und damit nur 60 Prozent, zugänglich. 

    Regierung will Pharmaproduktion im Land halten

    Angesichts des schwierigen Geschäftsklimas warnen Unternehmen und Branchenverbände vor einer Abwanderungswelle. Insbesondere die USA locken als wichtigster Pharmamarkt der Welt und der politische Druck zur Ansiedlung vor Ort steigt. Die Regierung versucht, die Pharmaproduktion in Frankreich zu halten und strebt eine Rückansiedlung der Produktion an. Die Produktion der 50 gebräuchlichsten Medikamente und Aktivstoffe soll ins Land zurückkehren. Damit will die Regierung immer wieder auftretenden Engpässe bei Standardmedikamenten vorbeugen. 

    Auch fördert Frankreich Forschungs- und Entwicklungsvorhaben im Pharma- und Biotechnologiebereich im Rahmen des Innovationsplans France 2030. Ziel ist, Frankreich zur führenden Pharmanation Europas zu machen und die französische Souveränität im Arzneimittelbereich zu sichern. Denn insbesondere im Bereich Gentherapien will das Land aufholen. Zwar mangelt es nicht an der Grundlagenforschung. Vielmehr hapert es an der industriellen Umsetzung von Projekten. Diese erfolgt nicht selten aufgrund größerer Finanzkraft in den USA.

    France 2030 - Staatliche Förderung für eine bessere GesundheitsversorgungAusgewählte Förderziele France 2030 Innovation Santé; in Millionen Euro
    Sektor

    Förderhöhe

    Ausbau der Forschungs‑ und Entwicklungskapazitäten

    1.000

    Biotherapien/Innovative Therapien, E-Health, Infektionskrankheiten, Medizintechnik 

    800 (Entwicklung Biotherapien)

    650 (E-Health)

    750 (Pandemievorsorge)

    400 (Medizintechnik)

    Relokalisierung Gesundheitsindustrien

    1.500 Fördermittel IPCEI-Projekte

    2.000 Fördermittel Förderbank BPI

    IPCEI: Important Projects of Common European Interest; BPI: Banque Publique d'InvestissementQuelle: Gouvernement Francais 2026

    Auch die EU fördert Pharmaprojekte. Seit 2024 fördert das IPCEI Med4Cure-Projekt die pharmazeutische Entwicklung, zum Beispiel für seltene Krankheiten. Das Gesamtinvestitionsvolumen soll auf europäischer Ebene insgesamt knapp 7 Milliarden Euro erreichen, darunter eine Milliarde Euro staatlicher Beihilfen. Auf französischer Seite engagieren sich die drei Unternehmen The DrugCell, EUROAPI France und Sanofi. 

    Die Resultate dieser Förderanstrengungen sind durchmischt. Zwar halten die großen französischen, aber auch internationalen Unternehmen wie Pfizer und GlaxoSmithKline Frankreich die Treue und investieren in die eigene Produktion, vor allem aber in Forschung und klinische Studien. Im Januar 2026 hat das Labor Pierre Fabre eine neue Produktlinie von Aktivprinzipien eingeführt. Seit Mitte 2025 aber wurden keine neuen Großinvestitionen in den Pharma-Standort angekündigt. 

    Andere Unternehmen hingegen überdenken ihre Position in Frankreich. So wird Merck seinen Standort für die Produktion von CDMO-Biotherapien in Martillac Mitte 2026 aufgeben. Und auch das durch die französische Regierung und das europäische IPCEI Med4Cure geförderte CDMO EUROAPI hat Mühe, mit seiner Produktion von Aktivstoffen in die Rentabilitätszone zu kommen. 

    Ausgewählte Investitionsprojekte der pharmazeutischen Industrie in FrankreichInvestitionssumme in Millionen Euro
    Akteur/ProjektInvestitionssummeProjektstandAnmerkungen
    Novo Nordisk

    2.100

    Ankündigung November 2023, Baubeginn 2024, Fertigstellung 2028Ausbau der bestehenden Produktion in Chartres; Produktionslinien u.a. für Ozempic und Wegovy
    Sanofi

    1.100

    Ankündigung Mai 2024Bau einer neuen Produktion monoklonaler Antikörper in Vitry -sur-Seine; Kapazitätsausbau der Bioproduktion in Trait
    Pfizer

    500

    Ankündigung Mai 2024, laufende UmsetzungInvestitionen in Forschung & Entwicklung sowie klinische Studien
    GSK

    560

    Ankündigung Mai 2024 und 2025, erste Umsetzungsmaßnahmen seit 2025, Abschluss 2027  Investitionsvorhaben mit einer Laufzeit von 2025 bis 2027, Modernisierung und technologische Aufrüstung der drei Impfstoff-Produktionsstandorte Evreux, Mayenne und Saint-Amond-les-Eaux
    Astra Zeneca

    388

    Ankündigung Mai 2024, Baubeginn 2025, Fertigstellung geplant 2026Ausbau der Produktion von Aerosolen in Dunkerque
    Quelle: Recherche von Germany Trade & Invest 2026

    Von Frauke Schmitz-Bauerdick | Paris

  • Frankreichs Pharmasektor punktet mit einer starken Forschung. Großunternehmen und Start-ups expandieren in Biotechnologie und künstliche Intelligenz. Die Produktion aber leidet.

    Frankreich ist trotz aller Schwierigkeiten einer der größten Pharmaproduzenten der Welt und international bedeutender Forschungsstandort. Die rund 250 Pharmaunternehmen und gut 860 großen und kleinen Biotech-Firmen beschäftigten laut Branchenverband LEEM 2024 knapp 110.000 Mitarbeiter. 

    Und mit großen Pharmaunternehmen wie Sanofi, Servier oder Ipsen ist die Branche nicht nur in Frankreich, sondern auch international gut aufgestellt. Deutsche Unternehmen wie Bayer, Merck und Fresenius sind mit eigenen Werken im Land und produzieren vor allem für den Export. Zudem engagieren sich internationale Großpharmakonzerne wie Pfizer, GSK oder AstraZeneca insbesondere im Bereich Forschung und Entwicklung. Denn Frankreich verfügt über eine hervorragend aufgestellte Forschungsszene. Auch fördert der französische Staat Forschung und Entwicklung mit attraktiven Steuergutschriften. 

    Im Bereich Produktion von Medikamenten aber liegt Frankreich nur im europäischen Mittelmaß. Grund hierfür sind neben allgemeinen Standortproblemen wie hohen Produktionskosten auch die niedrigen Erstattungspreise für Medikamente. So lagen laut Berechnungen des Generikaverbands Gemme 2024 die Preise für Generika 10 Prozent unter europäischem Mittel. Für Biosimilare erstattete die französische Krankenversicherung pro Abgabeeinheit 51 Prozent weniger als in Deutschland. Eine massive chinesische Konkurrenz setzt Produzenten von Generika und Wirkstoffen zusätzlich unter Druck. Dabei steigen die Verkäufe von Generika an. Fitch prognostiziert, dass sie bis 2030 einen Marktanteil von gut 18 Prozent erreichen werden.

    Branchenstimmung ist schlecht

    Unternehmen fühlen sich nicht nur vom Staat, sondern auch vom eigenen Branchenverband LEEM nicht hinreichend unterstützt. Als Konsequenz haben die sieben größten französischen Pharmaunternehmen des Landes, unter ihnen Servier, Sanofi und Pierre Fabre, Anfang 2026 den Branchenverband LEEM verlassen. Generikahersteller sind ebenfalls vom LEEM enttäuscht. Sie haben nunmehr den Verband "MedFrance" gegründet. Voraussetzung für die Mitgliedschaft ist eine Niederlassung in Frankreich.  

    Pharmakonzerne investieren in Biotechnologie, künstliche Intelligenz und Robotik

    Angesichts von Preis- und Konkurrenzdruck trennen sich die Großkonzerne der Branche von wenig gewinnbringenden Massenmedikamenten. An deren Stelle treten nunmehr - auch angesichts auslaufender Patente auf Kassenschlager - Forschung und Entwicklung in Sparten wie Krebstherapien, Impfstoffen oder Autoimmunerkrankungen. Unternehmen verstärken sich durch den Zukauf von Biotechnologie- oder branchenspezifischen KI- oder Robotikunternehmen und investieren in Start-ups.  

    Unternehmen erneuern sich durch internationale Zukäufe

    Mit einem weltweiten Umsatz von knapp 44 Milliarden Euro 2025 ist Sanofi das zehntgrößte Pharmaunternehmen der Welt und wichtigster französischer Branchenkonzern. Knapp die Hälfte seiner Umsätze erzielt Sanofi in den USA. Der Konzern befindet sich in der Umstrukturierung und will sich zukünftig auf die Entwicklung von Spezialmedikamenten und Impfstoffen konzentrieren. So hat Sanofi Ende 2024 seinen Bereich Doliprane, eines der meistverkauften Schmerzmedikamente Frankreichs, abgestoßen. Im Gegenzug verstärkt sich Sanofi durch Zukäufe und Kooperationsvereinbarungen. Ende 2025 hat der Konzern für 2,2 Milliarden Euro den Impfstoffentwickler Dynavax aufgekauft und für weitere 1,2 Milliarden Euro das Biotechnologieunternehmen Vicebio, ebenfalls spezialisiert auf die Entwicklung von Impfstoffen, in sein Portfolio integriert.

    Auch der Entwickler von Krebsmedikamenten und Neurotherapien Servier treibt seine Forschungs- und Entwicklungskapazitäten voran und investiert in diesen Bereich jährlich rund 20 Prozent seines Umsatzes, größtenteils in Frankreich. Zudem verstärkt sich Servier durch Zukäufe und neue Kooperationen. 2025 hat das Labor das erst 2018 gegründete amerikanische Unternehmen DayOne gekauft. Auch hat Servier im Januar 2026 Kooperationsvereinbarungen mit dem französischen KI- und Robotikentwickler Iktos sowie dem chinesisch-amerikanischen KI-Unternehmen Insilico bekanntgegeben. Der drittgrößte Pharmakonzern des Landes Ipsen hat sich seinerseits im Dezember 2025 durch das Biotechnologieunternehmen ImCheck Therapeutics verstärkt, um sein Portfolio im Bereich Onkologie weiter auszubauen. 

     

    Auswahl der wichtigsten Pharmaunternehmen in Frankreich nach weltweitem Umsatz in Milliarden Euro
    Unternehmen

    Umsatz 2025*)

    Eli Lilly

    57,7

    Pfizer

    55,4

    Novartis

    48,3

    Sanofi Pasteur

    43,6

    GlaxoSmithKline

    38,1

    Merck&Co (Healthcare)

    8,6

    Laboratoire Servier

    6,9

    Ipsen

    3,7

    Laboratoire Pierre Fabre

    3,2

    Virbac

    1,5

    *Umsätze weltweit; Umrechnung US$-Euro 1,13 Referenzkurs 2025 BundesbankQuelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026

    Biotechnologie- und Start-up-Szene expandiert

    Ohnehin läuft zumindest der Biotechnologie- und Start-up-Bereich gut. Im europäischen Vergleich liegt Frankreich im Bereich der Entwicklung von Biotherapien auf Rang zwei hinter Großbritannien und vor Deutschland. 864 biopharmazeutische Unternehmen waren 2024 laut French Health Tech und Business France in Frankreich aktiv, ergänzt durch rund 40 CDMO (Organisationen für Auftragsentwicklung und -Fertigung) sowie 76 CRO (Auftragsforschungseinrichtungen). Zudem hat Frankreich 2022 mit dem Aufbau von 5 Bioclustern begonnen. Rund 400 Millionen Euro staatlicher, regionaler und europäischer Finanzierung stehen für diese Projekte zur Verfügung. Unternehmen wie Sanofi, bioMérieux, Ceva Santé Animale beteiligen sich mit eigenen Investitionen. 

    400 Millionen staatliche Investitionen in fünf Biocluster

    1. Paris Saclay Cancer Cluster: Onkologie
    2. Brain & Mind, Paris: Neurologie
    3. Genother, Évry: Gentherapie
    4. BioCluster français d’innovation en infectiologie, Lyon: Infektologie
    5. Marseille Immunology Biocluster: Immunologie                             

    Französische Biotechunternehmen stehen im Fokus ausländischer Einkäufer. So haben sowohl das amerikanische Unternehmen Eli Lilly als auch das britische Unternehmen AstraZeneca ein Auge auf das französische Biotechnologieunternehmen Abivax geworfen, so Zeitungsberichte vom Januar 2026. Abivax entwickelt ein Medikament gegen chronische Darmentzündungen. 

    Frankreich bleibt auf Importe angewiesen

    Die französische Pharmaproduktion kann den lokalen Bedarf nicht abdecken. Das Land ist in weiten Bereichen auf Importe angewiesen, sehr zum Leidwesen der Regierung. Diese fürchtet einen, vor allem in den Wintermonaten, auftretenden Mangel bei Standardmedikamenten wie Paracetamol oder Antibiotika. Aber auch bei Krebstherapien oder chronischen Krankheiten kommt es immer wieder zu Engpässen.  

     

     

    Von Frauke Schmitz-Bauerdick

  • Frankreich deckelt die Abgabepreise, dafür müssen Patienten nur geringe Zuzahlungen leisten. OTC-Produkte verkaufen sich gut. Onlineapotheken unterliegen engen Beschränkungen.

    In Frankreich gilt universeller Krankenversicherungsschutz. Jede Person, die in Frankreich lebt oder arbeitet, ist Mitglied der staatlichen Krankenversicherung (Assurance Maladie). Diese übernimmt zwischen 15 und 100 Prozent der Kosten für ärztlich verschriebene Medikamente. Insbesondere kostenintensive Medikamente zur Behandlung von Krebs, Autoimmunerkrankungen oder Herzerkrankungen werden von der Krankenkasse in vielen Fällen vollständig übernommen. Dafür sind homöopathische Arzneimittel seit 2021, auch mit Verschreibung, von der Erstattung ausgenommen. Die weit verbreiteten privaten Zusatzkrankenversicherungen ("Mutuelle") erstatten je nach Vertragsgestaltung einen Teil oder die vollständigen Restkosten.   

    Erstattung von Medikamenten durch die staatliche universelle Krankenversicherung (Assurance Maladie)

    • 100 % für als alternativlos und kostenintensiv anerkannte Arzneimittel;
    • 65 % für Arzneimittel mit hohem medizinischem Nutzen;
    • 30 % für Arzneimittel mit mäßigem medizinischem Nutzen sowie für individuell verordnete pharmazeutische Zubereitungen;
    • 15 % für Arzneimittel mit geringem medizinischem Nutzen

    Beim Einkauf verschriebener erstattungsfähiger Medikamente rechnet die Apotheke direkt mit der Krankenkasse ab. Private Zuzahlungen zu Medikamenten liegen unter dem Niveau Deutschlands. Patienten übernehmen in der Regel einen Eigenanteil von 1 Euro pro Packung. Erhöhungen dieser Zuzahlung sind umstritten und in der Bevölkerung kaum durchsetzbar. Die Eigenbeteiligung der Patienten (out‑of‑pocket) lag in Frankreich 2024 bei 12,5 Prozent, größtenteils bedingt durch Kosten für die Selbstmedikation. Damit gehört Frankreich zu den Ländern mit den niedrigsten out‑of‑pocket Ausgaben in der Europäischen Union, nach Luxemburg und Kroatien. Weitere Informationen zur Erstattung in Frankreich gibt es im Infosheet der Exportinitiative Gesundheitswirtschaft. 

    Pharmaunternehmen verzweifeln an Preisdeckelung

    Das Zulassungsverfahren für Medikamente ist klar strukturiert, aber langwierig. Nach dem IQVIA Patients W.A.I.T. Indicator dauert es in Frankreich von der EU-Zulassung eines innovativen Medikaments bis zur Anerkennung der Erstattungsfähigkeit durchschnittlich 592 Tage gegenüber 128 Tagen in Deutschland. Insbesondere harte Erstattungsverhandlungen verzögern den Marktzugang. 

    Wenn der Hersteller die Marktzulassung auf europäischer oder französischer Ebene ("Autorisation de mise sur le marché") eingeholt hat, muss er die Aufnahme des Medikaments in die Erstattungsliste beantragen. Hierfür erforderlich ist zunächst eine Stellungnahme zum medizinischen Nutzen seitens der Transparenzkommission ("Commission de la Transparence") der obersten Gesundheitsbehörde "Haute Autorité de Santé".

    Im Anschluss daran legt das Wirtschaftskomitee für Gesundheitsprodukte ("Comité économique des produits de santé") in Abstimmung mit dem Hersteller die Höhe der Übernahme von Kosten durch die gesetzliche Krankenversicherung fest. Angesichts eines strukturellen Defizits der staatlichen Krankenversicherung in Höhe von 15,2 Milliarden Euro im Jahr 2025 gestalten sich die Preisverhandlungen schwierig. Das Ziel der Gesundheitsbehörden ist es, die Erstattungssätze zu drücken. 

    Das ONDAM-Verfahren ("Objectif national de dépenses d'assurance maladie"; ONDAM) belastet die Kalkulation und Margen von Pharmaunternehmen in Frankreich weiter. Seit 1996 legt die Regierung jährliche Ausgabenziele für die Krankenversicherung fest. Werden diese Ausgabenziele überschritten, greift im Bereich Pharma eine Schutzklausel ("Clause de Sauvegarde"). Diese verpflichtet Pharmaunternehmen, bis zu 10 Prozent ihres Umsatzes an die Krankenversicherung zurückzuerstatten. Im Jahr 2026 liegt das Ausgabenziel für Medikamente bei 22,1 Milliarden Euro. Kosten für die Erstattung von Biosimilars und Generika werden nicht für die Berechnung des Ausgabenziels herangezogen.

    Unternehmen warnen vor Abwanderung

    Die Kombination aus komplexen Zulassungsverfahren und niedrigen Erstattungssätzen hat nicht nur geringe Gewinnmargen bei Pharmaunternehmen zur Folge. Auch die Auswirkungen für den Patienten sind erheblich. So waren in Frankreich 2025 von 173 in der EU zugelassenen innovativen Medikamenten lediglich 103 Produkte, und damit 60 Prozent, zugänglich. Zwar besteht seit 2021 die Möglichkeit, Medikamente im Rahmen des regulativen Ausnahmeverfahrens "accès précoce" bereits vor Abschluss der Erstattungsverhandlungen und der offiziellen Markteinführung am konkreten Patienten einzusetzen. Allerdings sind die Voraussetzungen hierfür streng. Der Anteil der von der Haute Autorité de Santé genehmigten Anträge auf frühzeitigen Zugang ist 2024 laut Auskunft des Branchenverbands LEEM auf 40 Prozent gesunken. Angesichts des schwierigen Umfelds warnen Pharmaunternehmen wie AstraZeneca vor einer Verschiebung der Pharmaproduktion in die USA. 

    Apotheken beherrschen den Vertrieb

    Die Apotheken des Landes halten den Löwenanteil bei Medikamentenverkäufen. 

    Sie beherrschen sowohl den Markt für pharmazeutische als auch für parapharmazeutische Produkte. Bei freiverkäuflichen Präparaten entwickelt sich gerade das Segment der Nahrungsergänzungsmittel gut. Im Jahr 2025 zogen die Verkäufe laut IQVIA um nominal 9 Prozent an. 

    Onlineapotheken haben sich in Frankreich bislang noch nicht durchgesetzt. Der Onlineverkauf ist strikt reglementiert. Onlineshops benötigen unter anderem eine Anbindung an eine physische Apotheke und eine Zulassung durch die regional zuständige Agence de Santé. Zudem dürfen über Onlineapotheken nur nicht‑verschreibungspflichtige Gesundheitsprodukte wie Nahrungsergänzungsmittel sowie nicht verschreibungspflichtige Medikamente abgegeben werden. Laut IQVIA lag der Marktanteil von Apotheken bei nichterstattungsfähigen Medikamenten bei 92 Prozent. Auch für 2027 prognostiziert IQVIA hier einen Marktanteil der Apotheken von gut 90 Prozent. 

    EU-Richtlinien regulieren die Normung

    Im innergemeinschaftlichen Warenverkehr der Europäischen Union (EU) sind die Regelungen des Umsatzsteuerkontrollverfahrens in der EU zu beachten. Informationen hierzu finden sich auf der Internetseite des Bundeszentralamtes für Steuern. Hinsichtlich der Normierung gelten die einschlägigen EU-Richtlinien (siehe etwa die Website des Deutschen Instituts für Normung e.V.).

    Germany Trade & Invest stellt ausführliche Informationen zum Wirtschafts- und Steuerrecht sowie zu Einfuhrregelungen, Zöllen und nicht tarifären Handelshemmnissen zur Verfügung.

    Von Frauke Schmitz-Bauerdick | Paris

  • Bezeichnung

    Anmerkungen

    AHK Frankreich

    Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

    Exportinitiative GesundheitswirtschaftDie Exportinitiative bündelt Unterstützungsangebote für die Internationalisierung der Gesundheitswirtschaft

    Ministère de la Santé, des Familles, de l'Autonomie et des Personnes handicapées

    Gesundheitsministerium
    L'Assurance MaladieStaatliche Krankenversicherung
    Direction de la recherche, des études, de l’évaluation et des statistiques (Drees)Statistikamt für Gesundheit 

    Leem 

    Verband der Unternehmen der Gesundheitswirtschaft
    France BiotechVerband der Biotech-Unternehmen 

    Gemme

    Verband der Hersteller von Generika und Biosimilaren
    France BioleadVerband der Biotechunternehmen

    Santexpo

    Jährliche Messe für Gesundheitswirtschaft, Paris jährlich (19.-21. Mai 2026)

     

    Von Frauke Schmitz-Bauerdick | Paris