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Ukrainische Pharmaindustrie: EU-Integration sorgt für Chancen
Die Branche trotzt den Kriegsfolgen. Umsätze wachsen gedämpft, öffentliche Nachfrage wird wichtiger. Unternehmen suchen neue Märkte. EU-Orientierung wird Investitionen antreiben.
29.07.2026
Ausblick der Pharmaindustrie in der Ukraine
- Öffentliche Beschaffungen gewinnen an Bedeutung.
- Der Krieg schränkt das Absatzpotenzial auf dem Markt ein.
- Lokale Hersteller setzen auf den Export.
Anmerkung: Einschätzung des Autors für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: Juli 2026
Kriegswirtschaft und operative Belastungen
Seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 arbeitet die ukrainische Pharmaindustrie unter außergewöhnlichen Bedingungen. Infrastrukturschäden, Stromausfälle, gestörte Lieferketten und Fachkräftemangel durch Mobilisierung und Emigration prägen das Tagesgeschäft. Besonders belastend ist die Energiesituation: Gezielte Angriffe auf die ukrainische Strom- und Wärmeinfrastruktur führen zu unregelmäßigen Versorgungsunterbrechungen. Pharmazeutische Fertigung stellt dabei besonders hohe Anforderungen an Stromstabilität, weil Reinräume, Sterilisationsanlagen und Kühllager kontinuierlich betrieben werden müssen. Als Reaktion investieren viele Hersteller in Notstromaggregate, dezentrale Energieversorgung und energieeffiziente Produktionsanlagen.
Markttrends
Gleichzeitig ist die Nachfrage nach bestimmten Produkten – Schmerzmittel, Verbandsmaterial, Herz-Kreislauf-Präparate und Onkologika – durch kriegsbedingte Verletzungen und den verschlechterten Gesundheitszustand der Bevölkerung gestiegen. Dennoch blieben die Erwartungen auf dem privaten Apothekenmarkt – der 80 bis 90 Prozent der Umsätze generiert – gedämpft. Bevölkerungsrückgang, Migration, Kaufkraftschwäche und staatliche Preiseingriffe schmälern die reale Nachfrage. Ähnlich zurückhaltend sind die Absatzerwartungen bei Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens.
Die Marktforschungsfirma Proxima Research geht für 2026 von einer real sinkenden Nachfrage aus. Bereits 2025 habe zwar des sogenannten "Pharmacy Basket" – der Gesamtheit aller über Apotheken verkauften Produkte wie Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel, Kosmetika und Medizinprodukte – um über 14 Prozent auf umgerechnet rund 5,0 Milliarden Euro zugenommen. Arzneimittel machten knapp vier Fünftel davon aus. Die Zahl der abgesetzten Packungen blieb jedoch fast konstant bei 809 Millionen. Das Umsatzwachstum war damit fast ausschließlich auf Preiserhöhungen und Verschiebung hin zu teureren Produkten zurückzuführen.
Der Markt wird nach Umsatz von ausländischen Herstellern dominiert – die wichtigsten Lieferländer sind Deutschland, Indien, Italien und Frankreich. Inländische Produzenten generieren etwa 36 Prozent der Branchenumsätze, dominieren dank der angebotenen Generika aber die Stückzahlen. Ausländische Hersteller bieten Präparate vor allem in innovativen, spezialisierten und höherpreisigen Therapiebereichen an, wie Onkologie oder Immunologie.
Öffentliche Beschaffung gewinnt an Gewicht
Der Verkauf über Apotheken bleibt der dominierende Vertriebsweg. Jedoch gewinnt die öffentliche Beschaffung an Bedeutung. Die Auftragsvergabe der staatlichen Behörde Medical Procurement of Ukraine – zuständig für den zentralen Einkauf von Arzneimitteln und Medizinprodukten – belief sich 2025 auf etwa 357 Millionen Euro. Über Prozorro Market – das digitale Ausschreibungsportal öffentliche Auftraggeber in der Ukraine – kauften Krankenhäuser, Kommunen und staatliche Stellen Pharma- und Medizinprodukte für weitere etwa 477 Millionen Euro ein.
Branchenstruktur und Rahmenbedingungen
Ende 2024 waren in der Ukraine 281 Hersteller von Arzneimitteln tätig, davon etwa 50 mittel- und große Betriebe. Die übrigen Hersteller produzieren meist als Lohnhersteller oder in Nischensegmenten. Für die meisten sind Generika das Kerngeschäft: Sie dominieren in preissensiblen Segmenten wie Schmerzmittel, Herz-Kreislauf-Präparate, Antibiotika und Vitamine. Bei Wirkstoffen (Active Pharmaceutical Ingredients; API) ist die Ukraine größtenteils auf Importe – vor allem aus Asien – angewiesen. Neuere Projekte sollen diese Abhängigkeit verringern. Biopharmazeutika und Plasmaprodukte sind in der Ukraine noch ein kleines, aber wachsendes Segment. Infusionen und Injektionen werden hauptsächlich von Yuria-Pharm hergestellt.
| Akteur/Projekt | Investitionssumme (in Millionen Euro) | Projektstand und Anmerkungen |
|---|---|---|
| Biopharma | 80 | Blutplasmatrennungs- und -verarbeitungsanlage in Uschgorod; Produktionsstart im Herbst 2026 geplant; 67 Millionen Euro investiert |
| Darnytsia | rund 100 | Arzneistoffe für Herz-Kreislauf, Schmerz, Antibiotika, Konzeptphase, keine gesicherte Finanzierung |
| Yuria-Pharm | 15 | mit Kredit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung; Ausbau, Energieeffizienz, Umsetzung von Maßnahmen zu Guter Herstellungspraxis (GMP) |
Staatliche Preisregulierung
Seit März 2025 gilt ein nationaler Preiskatalog mit verbindlichen Höchstpreisen für verschreibungspflichtige und weitere Medikamente sowie festen Obergrenzen für Groß- und Einzelhandelszuschläge. Ziel ist die Sicherstellung der Arzneimittelversorgung für die kriegsgeschwächte Bevölkerung. Für Hersteller schränkt das die Preisgestaltung ein und erhöht den Druck, dadurch bedingte Einbußen mit höheren Exporterlösen auszugleichen.
Parallelimport
Gleichzeitig hat die Ukraine ab 1. Januar 2025 den Parallelimport von Arzneimitteln aus EU-Ländern sowie Island, Liechtenstein und Norwegen zugelassen. Autorisierte Händler dürfen Medikamente importieren, die in der Ukraine registrierten Produkten entsprechen, auch wenn sie nicht direkt vom Originalhersteller stammen. Die Regelung gilt vorerst nur für die Beschaffungen durch Krankenhäuser.
Regulatorische EU-Angleichung
Die Ukraine passt ihr Pharmarecht schrittweise an EU-Standards an. Gesetzgebung, Produktionsstandards und Zulassungsverfahren gleichen immer mehr EU-Normen. Zentrales Instrument ist das 2022 verabschiedete Gesetz über Arzneimittel, das das ukrainische Pharmarecht an die EU-Richtlinie 2001/83/EG angleicht. Ab 1. Januar 2026 können Hersteller freiwillig mit der Pharma-Serialisierung beginnen, ab 2028 wird sie verpflichtend. Jede einzelne Arzneimittelpackung erhält dabei eine einmalige, maschinenlesbare Seriennummer auf der Verpackung, die beim Verkauf in Apotheken oder Krankenhäusern mit einer zentralen Datenbank geprüft wird. Das System schützt vor Arzneimittelfälschungen und macht den gesamten Vertriebsweg nachverfolgbar.
Critical Medicines Act
Die EU sucht nach neuen Partnern, um sich von Abhängigkeiten von asiatischen Produzenten zu lösen. Sechs ukrainische Hersteller haben sich dafür bereits bei der DG HERA registriert und sind Mitglieder der Critical Medicines Aliance. Ukrainische Hersteller sollen den vollständigen Produktionszyklus für 37 Arzneimittel aus der EU-Liste kritischer Medikamente abdecken können.
Auch mit Deutschland vertieft die Ukraine ihre pharmazeutische Zusammenarbeit. Im Fokus stehen die gegenseitige Anerkennung von GDP- und GMP-Zertifikaten. Zusätzlich unterstützt ein deutsch-litauisch-ukrainisches Twinning-Projekt den Aufbau einer neuen Regulierungsbehörde für den Pharmamarkt, die zum 1. Januar 2027 ihren Betrieb aufnehmen soll.