Wirtschaftsumfeld | Griechenland| Kaufkraft und Konsum

Geringe Kaufkraft zwingt Griechen zum Sparen

Die im EU-Vergleich niedrige Kaufkraft besorgt die griechischen Verbraucher. Dies schlägt sich auf den Konsum nieder. Die Preise bleiben ausschlaggebend bei der Produktwahl.

Michaela Balis

Von Michaela Balis | Athen

Kaufkraft: Steigende Preise verunsichern Verbraucher

Unter den EU-Staaten schneidet Griechenland bei der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit pro Kopf (Kaufkraft), die den Lebensstandard und Wohlstand misst, schlecht ab. Das griechische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag im Jahr 2023 bei gerade mal 67 Prozent des EU-Durchschnitts. Dagegen lag das Preisniveau bei etwa 88 Prozent des EU-Durchschnitts (Stand 2022). Zusammen mit Bulgarien bildet das mediterrane Land nach Daten des europäischen Statistikamts Eurostat das Schlusslicht. Während Bulgarien seinen Index stetig verbessert, stagniert Griechenland, ohne das Vorkrisenniveau erreicht zu haben. Während der Wirtschaftskrise von 2009 bis 2018 büßte das Land etwa ein Viertel seiner Wirtschaftskraft ein.

Die Inflationsrate lag laut Eurostat im März 2024 bei 3,4 Prozent und damit höher als der Durchschnitt von 2,6 Prozent in der Eurozone. Die EU-Kommission geht in ihren Frühjahrsprognosen für 2024 von einer Inflationsrate von 2,8 Prozent für Griechenland aus. 

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten ist ein weiterer Preisanstieg zu befürchten. Die hohen Preise sind unter anderem auf die international gestiegenen Energie-, Transport- und Rohstoffpreise zurückzuführen. Aber auch die Immobilienpreise sind explodiert. Allein im Zeitraum zwischen 2022 und 2023 sind die durchschnittlichen Preise für den Erwerb einer Immobilie um etwa 13,5 Prozent gestiegen. Der Preis von Speiseöl im Supermarkt kletterte beispielsweise im 1. Quartal 2024 um ganze 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Obst verteuerte sich um 13 Prozent. Rund zwei Drittel der griechischen Verbraucher machen die multinationalen Unternehmen und ein Viertel die großen Handelsketten für die Preiserhöhungen verantwortlich, so eine Studie der Athens University of Economics and Business (AUEB) vom Januar 2024.

Griechen erwarten eine Verschlechterung ihrer Wirtschaftslage

Rund zwei Drittel der Verbraucher haben Mühe mit ihrem Geld auszukommen, meldet das griechische Institut für Wirtschafts- und Industrieforschung. Etwa 11 Prozent leben von ihren Ersparnissen. Doch auch hier erwarten 84 Prozent der griechischen Bevölkerung, dass sie für 2024 keine Ersparnisse anhäufen können. Knapp ein Fünftel hat Probleme, für die Grundausgaben wie beispielsweise Lebensmittel, für Gesundheit und Wohnung aufzukommen, meldet die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY). 

Etwa 12 Prozent der Verbraucher sind auf staatliche Unterstützung angewiesen. Rund 60 Prozent der Haushalte erwarten, dass sich ihre wirtschaftliche Lage sowie die gesamtwirtschaftliche Lage im Jahr 2024 verschlechtern wird. Immerhin ein Fünftel hofft auf eine stabile Wirtschaftslage.

Im Jahr 2023 konnten Haushalte und nicht gewinnorientierte Einrichtungen etwas Geld ansparen: Die Bankeinlagen legten um rund 5 Prozent zu, meldet die griechische Zentralbank. Das ist unter anderem auf die Einnahmen aus dem Tourismus und Zuschüsse zurückzuführen. 

Indikatoren zur Kaufkraft in Griechenland

Indikator

Jahr 2022

Verfügbares Einkommen (pro Kopf pro Monat in Euro)

916,7

Sparquote (% vom verfügbaren Einkommen)

-4,1

Verbraucherpreise (Veränderung zum Vorjahr in %)

3,5

Einwohner (in Mio.)

10,4

Quelle: Eurostat 2024, Griechisches Statistikamt Elstat 2024

Konsumausgaben: Verbraucher beschränken sich auf das Nötigste

Die Hälfte der Bevölkerung konsumiert einer Studie von EY zufolge zurückhaltend und konzentriert sich beim Einkauf auf den wesentlichen Grundbedarf.

Für einen Wocheneinkauf im Supermarkt geben die Griechen durchschnittlich 70 Euro aus. Das entspricht einem Anstieg von knapp 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die durchschnittlichen monatlichen Ausgaben für den Supermarkt der rund 1.800 befragten Haushalte liegen bei 370 Euro. Höhere Ausgaben bedeuten nicht mehr Produkte, sondern inflationsbedingte höhere Preise für die gleiche oder eine geringere Menge von Produkten. 

Struktur der Konsumausgaben pro Kopf 2022
 

Ausgaben pro Monat pro Kopf in Euro

Anteil (in %)

Nahrungsmittel

131,0

20,9

Alkoholische Getränke und Tabak

22,5

3,6

Kleidung und Schuhe

30,3

4,8

Wohnraum, Energie und Wasser

91,2

14,5

Möbel, Haushaltsgeräte

28,0

4,5

Medizinische Versorgung

47,6

7,6

Verkehr

83,4

13,3

Telekommunikation

27,2

4,3

Kultur, Freizeit

27,4

4,4

Bildung

21,5

3,4

Gastronomie, Hotels

64,8

10,3

Sonstige Konsumausgaben

52,8

8,4

Gesamt

627,6

100

Quelle: Griechisches Statistikamt Elstat, 2024

Mehr als ein Drittel der griechischen Verbraucher schränken sich beim Kauf von Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch, Gemüse oder Käse ein. Rund die Hälfte spart an den Energiekosten wie Heizung und Strom, so die AUEB-Studie. Fast 60 Prozent der Befragten geben nicht mehr so viel Geld für Restaurantbesuche und Urlaube aus wie vorher. Auch werden weniger Lieferservices in Anspruch genommen. 

Konsumverhalten: Griechen wechseln zu Eigenmarken

Der private Sparkurs spiegelt sich auch im Konsumverhalten der Griechen wider. Günstige Produkte werden bevorzugt. Rund ein Drittel der Verbraucher geht davon aus im Jahr 2024 weniger zu konsumieren als im Jahr zuvor. Auch für die kommenden drei Jahre schätzen knapp 70 Prozent der Befragten der EY-Studie, dass ein günstiger Preis ein ausschlaggebendes Kriterium für die Kaufentscheidung bleiben wird. Etwa 38 Prozent der Befragten kaufen heute Eigenmarken, insbesondere Reinigungsmittel. Bei frischen und verpackten Lebensmitteln trifft das auf ein Drittel der Verbraucher zu. Gegenüber 2023 hat dieser Wert zugenommen. 

Die hohen Preise halten fast 60 Prozent der Verbraucher davon ab, nachhaltige Produkte zu kaufen. Die Hälfte der Befragten legt weniger Wert auf Markenartikel, so EY. Nur 11 Prozent gehen davon aus, dass Marken für ihre Kaufentscheidung relevant sind. Auch nach der Coronakrise achten die Griechen auf ihre Gesundheit. Fast 60 Prozent entscheiden sich für gesundheitsfördernde Produkte. Jeder vierte Verbraucher wäre bereit, mehr dafür zu zahlen.