Interview | Indien | Fachkräfte und Migration
"Das größte Potenzial liegt in der Nachwuchssicherung"
Die Heidelberger Indienbrücke begleitet Menschen aus Indien in den deutschen Arbeitsmarkt. Im Interview spricht Stefan Diederich über die Anstrengungen, die beide Seiten eingehen.
23.09.2026
Stefan Diederich ist gemeinsam mit Benjamin Pfrang Gründer und Geschäftsführer der Indienbrücke in Heidelberg. Das Unternehmen begleitet und berät kleine und mittelgroße Unternehmen bei der Gewinnung von Auszubildenden aus Indien. Diederich arbeitet an der Schnittstelle zwischen Deutschland, Indien und Südostasien. Zu seinen beruflichen Stationen zählen Aachen, New Delhi und Jakarta.
Herr Diederich, warum haben Sie sich im Bereich Fachkräftemigration mit Fokus auf Indien selbstständig gemacht?
Mit Indien beschäftige ich mich beruflich und wissenschaftlich seit über 20 Jahren, insofern war die Länderwahl konsequent. Ich habe lange auf der institutionellen Seite gearbeitet, in der Hochschulkooperation und in der internationalen Zusammenarbeit. Mein Mitgründer Benjamin Pfrang und ich kennen uns seit dem Studium, er hat über zehn Jahre in Indien gearbeitet, in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Bereich.
Was haben Sie dabei beobachtet?
Wir haben immer wieder erlebt, dass es nicht am politischen Willen zwischen Deutschland und Indien fehlt. Es gibt viele Absichtserklärungen, aber die Umsetzung ist schwierig. Der Weg bis zu einem unterschriebenen Ausbildungsvertrag ist lang. Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir unsere Erfahrungen genau da einbringen können.
Wie haben Sie angefangen?
Wir haben mit einem einzigen Handwerk angefangen, mit Auszubildenden für Bäckereien. Damit konnten wir den Weg einmal vollständig gehen und sehen, wo es hakt. Für uns, für die Auszubildenden und für die Betriebe ist ein Ausbildungsplatz immer eine langfristige Investition. Man investiert Geld, Zeit und Vertrauen, bevor man weiß, wie es ausgeht.
"Ein Ausbildungsplatz ist für alle Seiten eine Investition. Man legt Geld, Zeit und Vertrauen hinein, bevor man weiß, wie es ausgeht."
Warum sollten deutsche Unternehmen in Indien nach Fachkräften suchen?
Es gibt einen politischen und einen praktischen Grund: Indien wird auf Regierungsebene seit Jahren als Partner hervorgehoben und für die deutsche Wirtschaft ist die Diversifizierung ihrer internationalen Beziehungen wichtiger geworden.
Der praktische Grund ist die Demografie. Das Medianalter liegt in Indien bei etwa 29 Jahren, in Deutschland bei knapp 46 Jahren. Indiens Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wächst noch bis etwa 2040. Diese Schere schließt sich in unserer Lebenszeit wahrscheinlich nicht mehr.
Indische Azubis sind eine zahlenmäßig kleine, aber stark wachsende Gruppe. Welche Potenziale sehen Sie?
Das größte Potenzial liegt in der Nachwuchssicherung. Viele Betriebe suchen seit Jahren Auszubildende und finden keine. Für sie geht es um die nächste Generation. Der Weg über die Ausbildung hat dabei einen praktischen Vorteil: Wer hier lernt, hat am Ende einen deutschen Abschluss, die Frage der Gleichwertigkeit ausländischer Qualifikationen stellt sich gar nicht erst.
Am meisten beschäftigt mich aber etwas anderes. Wer mit 20 Jahren allein aus Kerala in eine deutsche Kleinstadt kommt, in einer fremden Sprache einen Beruf erlernt, morgens um fünf in der Backstube steht und abends Vokabeln lernt, vollbringt eine erhebliche Leistung. Das wird selten so benannt.
Integration widerfährt einem Menschen nicht. Sie ist harte Arbeit, und diese jungen Leute leisten sie Tag für Tag. In Zukunft sehe ich großes Potenzial darin, junge Menschen aus Indien an weitere Handwerksberufe heranzuführen. Dafür ist Aufklärung in Indien nötig. Viele kennen nur den Karriereweg über Universitäten, den Weg über eine Ausbildung ist weniger bekannt. Wir wollen dabei helfen, das zu ändern.
"Junge Menschen aus Indien haben Potenzial in Handwerksberufen."
Worauf sollten Unternehmen achten, die sich für die Fachkräftesuche in Indien entscheiden?
Achten würde ich auf drei Dinge: Erstens auf die Präsenz vor Ort. Wer junge Menschen aus Indien nach Deutschland begleiten will, muss die Region und ihre Menschen wirklich kennen. Zweitens auf die Erwartungen, die früh und in beide Richtungen geklärt werden müssen. Drittens auf die Kosten für die Kandidatinnen und Kandidaten. Wenn sie an die falschen Anbieter geraten, beginnen junge Menschen ihre Ausbildung mit hohen Schulden. Bei uns trägt der Arbeitgeber die Kosten.
Wie kommen Unternehmen am einfachsten an qualifiziertes Personal?
Der einfachste Weg führt über einen Partner, der den gesamten Prozess abdeckt. Man sollte klein anfangen: Zwei Auszubildende im ersten Jahrgang sind besser als zehn, weil ein Betrieb dabei erst lernt, was auf ihn zukommt.
Sprechen Sie Kammer und Berufsschulen früh an, dort werden die Weichen gestellt. Und planen Sie Vorlauf ein. Zwölf bis 18 Monate bis zum Ausbildungsbeginn sind realistisch.
Wo liegen die Herausforderungen?
Die Herausforderungen liegen bei der Sprache, beim Wohnraum und bei der Dauer des gesamten Prozesses. Die Deutschkenntnisse auf ein ausbildungstaugliches Niveau zu bringen dauert mindestens eineinhalb bis zwei Jahre.
Der wichtigste Punkt ist, die gesamte Prozesskette zu überblicken: Beteiligt sind der Betrieb, die Familie des Auszubildenden, Sprach- und Berufsschulen sowie Kammern und Behörden in zwei Ländern. Wer nur einen Ausschnitt bearbeitet, produziert Abbrüche. Diese sind für alle Beteiligten teuer.
Wieso ist die Familie des Auszubildenden ein Teil des Prozesses?
In weiten Teilen Indiens ist der Weg ins Ausland ein gemeinsames Vorhaben. Die Familie trägt – oft über Jahre – das Vorhaben mit. Sie erwartet, dass sich die Anstrengung lohnt. Beruflicher Erfolg im Ausland gilt als etwas, das man der Familie schuldet und worauf die Familie stolz ist. Diese Haltung bringen die jungen Menschen mit, wenn sie hier ankommen. Das erklärt mehr als jede Statistik.
Ende 2025 lebten 311.000 Inderinnen und Inder in Deutschland, davon 183.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Was sagt das über ihre Rolle am Arbeitsmarkt?
Sie sind zu einer tragenden Gruppe in den Bereichen geworden, in denen uns in Deutschland die Beschäftigten am meisten fehlen. Sichtbar wurde das bislang vor allem in akademischen Berufen, zuerst in der IT, später im Bildungs- und Wissenschaftsbereich. Was in diesen Zahlen praktisch nicht vorkommt, ist das Handwerk. Dass die Person, die die Frühstücksbrezeln backt oder zur Reparatur ins Haus kommt, aus Indien stammt, ist bislang die Ausnahme. Diese Phase beginnt gerade erst.
Welche Rolle werden Inderinnen und Inder in Zukunft für den deutschen Arbeitsmarkt spielen?
Ich gehe davon aus, dass sie in einzelnen Branchen zu tragenden Säulen werden, im Handwerk ebenso wie in der Pflege, der Gastronomie und in technischen Berufen. Wenn ich zehn bis 20 Jahre weiterdenke, sehe ich Meisterinnen und Meister mit indischen Wurzeln, die einen eigenen Betrieb führen, in Orten, in denen sonst die letzte Werkstatt oder Bäckerei geschlossen hätte.
Eines fällt mir dabei immer wieder auf: Die Ingenieurin aus Bengaluru gilt bei uns selbstverständlich als Fachkraft. Der Auszubildende aus Kerala, der sich in drei Jahren einen deutschen Gesellenbrief erarbeitet, wird noch anders betrachtet. Dabei bringen beide dasselbe mit, nämlich den Willen, hier etwas aufzubauen. In den Betrieben, mit denen wir arbeiten, hat sich diese Unterscheidung meist nach wenigen Monaten erledigt. Dort zählt, was jemand kann und wie jemand anpackt.
Auf einen Blick:
- Indien bietet aufgrund seiner Demografie ein langfristig großes Arbeitskräftepotenzial für Deutschland.
- Besonders die Ausbildung ist ein attraktiver Weg zur Gewinnung indischer Fachkräfte.
- Die Rekrutierung aus Indien ist kein Selbstläufer, sondern ein komplexer Integrationsprozess.
Mehr Informationen zur Arbeits- und Fachkräftegewinnung finden Sie beispielsweise bei Indienbrücke und AHK Indien.