Interview | Israel | Krieg im Nahen Osten

"Logistik und Infrastruktur in Israel funktionieren"

Nach der Eskalation des Nahostkonflikts bewertet Michel Weinberg, Geschäftsführer der AHK Israel, die Auswirkungen auf deutsche Unternehmen und den Wirtschaftsstandort Israel.

Von Wladimir Struminski | Israel

Michel Weinberg Michel Weinberg | © © Barak Aharon

Die militärische Eskalation zwischen Israel, den USA und Iran sorgt bei international tätigen Unternehmen für erhöhte Unsicherheit. Fragen zur Stabilität von Lieferketten, zur Energieversorgung und zur wirtschaftlichen Belastbarkeit Israels rücken damit erneut in den Fokus deutscher Exporteure und Investoren.

Im Interview gibt Michel Weinberg, Geschäftsführer der Deutsch‑Israelischen Industrie‑ und Handelskammer (AHK Israel), eine erste wirtschaftliche Einordnung der aktuellen Lage. Er erläutert, wie es um Logistik, Infrastruktur und Energieversorgung steht und welche Auswirkungen deutsche Unternehmen vor Ort derzeit spüren.
 


Der Konflikt zwischen Israel, den USA und Iran ist militärisch eskaliert. Wie stark trifft diese Eskalation deutsche Unternehmen in Israel?

Bislang gibt es keine Masseneinberufung von Reservisten, wie sie während des Gazakriegs erfolgte. Allerdings hat das Heimatschutzkommando die Schließung zahlreicher Arbeitsstätten angeordnet. Beeinträchtigungen der Geschäftstätigkeit deutscher Unternehmen in Israel sind uns bisher jedoch nicht bekannt.

"Bislang gibt es keine Masseneinberufung von Reservisten."

Wie wirkt sich der Krieg auf den Warentransport nach und aus Israel aus? Der einzige internationale Flughafen des Landes wurde unmittelbar nach Kriegsbeginn geschlossen. Derzeit werden lediglich Rückholflüge israelischer Fluggesellschaften durchgeführt, um im Ausland gestrandete Staatsbürger nach Israel zu bringen.

Für den Außenhandel gilt diese Einschränkung nicht. Nach Angaben der Vereinigung der israelischen Handelskammern bleibt der Frachtverkehr am Ben-Gurion-Flughafen aufrechterhalten. Zudem setzen alle wichtigen Seehäfen – Haifa und Ashdod an der Mittelmeerküste – ihren Betrieb und den Warenumschlag fort.

Der Hafen von Eilat am Roten Meer arbeitet derzeit nur eingeschränkt, spielt jedoch vor allem für den Handel mit Fernost und weniger für Europa eine Rolle. Die Zollabfertigung bei Ein- und Ausfuhren funktioniert weiterhin reibungslos. Auch Internet- und Telefonverbindungen sind nicht beeinträchtigt. 

Ein zentrales globales Risiko ist eine mögliche Einschränkung der Straße von Hormus, über die rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels abgewickelt werden. Wie relevant ist dieses Szenario für deutsche Unternehmen in Israel?

Die meisten deutschen Unternehmen in Israel sind in technologie- und forschungsintensiven Branchen tätig. Energiepreise spielen daher aktuell eine untergeordnete Rolle. Zudem ist Israel bei Erdgas Selbstversorger und bezieht es von den Betreibern der Förderplattformen zu langfristig vereinbarten Preisen. Das stabilisiert die Kosten der Energieversorgung. 

"Energiepreise spielen aktuell eine untergeordnete Rolle"

In welchen Branchen bleibt Israel trotz der Sicherheitslage für deutsche Unternehmen ein strategisch wichtiger Standort – etwa wegen des Technologie-, Innovations- oder Marktpotenzials?

Die Importe aus Deutschland haben, wie die aus der ganzen Welt, während des Gazakriegs leicht nachgegeben, erholen sich inzwischen jedoch wieder. Der israelische Markt hat für deutsche Exporteure daher nichts von seiner Attraktivität verloren. Solange Logistik und Infrastruktur funktionieren und größere physische Schäden ausbleiben – was derzeit der Fall ist –, dürfte ein zeitlich begrenzter Konflikt keine nachhaltigen Auswirkungen auf die Einfuhr aus Deutschland haben.

Welche Themen prägen derzeit die Anfragen deutscher Unternehmen an die AHK Israel? Geht es vor allem um Sicherheit, Lieferketten, rechtliche Fragen oder Personal? Wo besteht der größte Unterstützungsbedarf?

Deutsche Unternehmen beschäftigen überwiegend israelische Mitarbeitende, die mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut sind und unterschiedliche Szenarien einschätzen können. Kriegsbedingte Anfragen deutscher Unternehmen, die mit Israel Handel treiben, erreichen unsere Kammer bislang nicht.

Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Botschaft an deutsche Unternehmen und Investoren? Wie groß ist das Risiko und wie belastbar bleibt der Wirtschaftsstandort Israel?

Das hängt maßgeblich von der Dauer des Konflikts und seinen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft ab. Die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten. Derzeit gehen israelische Sicherheitsexperten jedoch von einer kurzen Kriegsdauer und allenfalls begrenzten physischen Schäden aus.

Grundsätzlich hat der Wirtschaftsstandort Israel bereits im zweijährigen Gazakrieg seine hohe Resilienz unter Beweis gestellt. Ich bin überzeugt, dass sich daran auch diesmal nichts ändern wird.

Redaktionelle Einordnung

Das Interview entstand wenige Tage nach der militärischen Eskalation zwischen Israel, den USA und Iran. Entsprechend spiegeln die Aussagen den aktuellen Stand der Erkenntnisse in einer frühen Phase des Konflikts wider. Viele Entwicklungen sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschließend absehbar. Die Einschätzungen geben daher eine erste wirtschaftliche Einordnung aus Sicht der AHK Israel und basieren auf der derzeitigen Lage.

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