Gläserner Kugelbau des Museum of the Future in Astana, Kasachstan, eingerahmt von einer geschwungenen Metallkonstruktion im Vordergrund. Blick auf das Museum of the Future mit seiner markanten gläsernen Kugelarchitektur in Astana, Kasachstan. | © picture alliance / globallookpress.com

Markets | Zentralasien | IT-Dienstleistungen

Testlabor Zentralasien: Start-ups als Partner für autonomes Fahren und IT-Outsourcing

Wenn demnächst autonome Autos über deutsche Straßen rollen, könnte darin auch Know-how aus Kirgisistan stecken. Zentralasien positioniert sich als Hub für Zukunftstechnologien und IT-Outsourcing. Deutsche Unternehmen testen dort Software für autonomes Fahren, KI und andere digitale Anwendungen.

Von Viktor Ebel | Almaty

"We love to make complex things easy" ist das Motto der Chemnitzer Firma Staff-eye GmbH. Und komplex ist das Thema autonomes Fahren, an dem das Unternehmen unter anderem für die Volkswagen Group arbeitet, allemal. Unterstützung erhält Staff-eye dabei aus dem fernen Kirgisistan. Seit dem Jahr 2022 arbeitet die dort gegründete Tochtergesellschaft Entwicklerburg an Softwareprodukten, unter anderem für das autonome Fahren. Was mit Simulationen angefangen hat, könnte bald auch im Verkehr erprobt werden.

Aktuell prüft Entwicklerburg ein reales Testgelände in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Bei Genehmigungen hilft der High-Technology-Park, Kirgisistans Zentrum für IT und Start-ups. Die kirgisische Regierung hat Gefallen an der Idee gefunden, als Testlabor für innovative Technologien zu fungieren. Auch Tests von autonomen Drohnen sind im Gespräch.

Deutsche Software trifft kirgisische Talente 

Staffeye entwickelt mit Tochterfirma in Bischkek Software für autonomes Fahren 

Die Chemnitzer Firma Staffeye arbeitet für Kunden wie Volkswagen an Software für das Autonome Fahren. Unterstützt wird das Unternehmen dabei von seiner kirgisischen Tochtergesellschaft Entwicklerburg. Das Team in Bischkek entwickelt Simulations- und Testlösungen und validiert inzwischen sogar ein reales Testgelände für autonome Fahrzeuge. Kirgisistan bietet dafür günstige Rahmenbedingungen: weniger regulatorische Hürden, eine gute digitale Infrastruktur und qualifizierte IT-Fachkräfte. Dies macht schnellere Entwicklungs- und Erprobungsprozesse möglich als in vielen europäischen Märkten. 

Mitarbeitende des Unternehmens Staff-Eye, darunter CEO Alexander Kovalenko, stehen vor dem autonomen Shuttlebus Pix RoboBus Mitarbeitende des Unternehmens Staff-Eye, darunter CEO Alexander Kovalenko, stehen vor dem autonomen Shuttlebus Pix RoboBus | © Staff-eye

Zentralasien: Weniger Bürokratie, mehr Geschwindigkeit

Bis in Deutschland ein selbstfahrendes Fahrzeug auf die Straße oder gar ein autonomer Flugkörper in den Himmel darf, vergeht viel Zeit, sagt Dana Brenner, Customer Relationship Managerin bei Staff-eye. "Straße und Luftraum sind in Deutschland streng reguliert. Eine Vielzahl von Verordnungen und komplexe, mehrstufige Genehmigungsverfahren sorgen für höchste Sicherheitsstandards – ziehen sich aber mitunter über Jahre", erklärt sie im Gespräch mit Germany Trade & Invest. In Kirgisistan ließen sich Erprobungen deutlich schneller und flexibler umsetzen. Hinzu komme die flächendeckende 5G-Abdeckung: "Beim autonomen Fahren geht es darum, in Echtzeit möglichst große Datenmengen zu erfassen und zuverlässig zu übertragen – dafür ist eine leistungsfähige Netzinfrastruktur entscheidend."

Interkulturelle Zusammenarbeit funktioniert

Auf Kirgisistan wurde das Unternehmen aufmerksam, als es seine Standortstrategie im Zuge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine erweiterte und gezielt nach weiteren Entwicklungsstandorten suchte. Die kirgisische Entwicklercommunity überzeugte dabei durch ein hohes Ausbildungsniveau und spürbaren Innovationsdrive.

Kirgisistan ist nicht nur weiter weg, auch die kulturellen Unterschiede sind insgesamt größer, sagt Staff-eye-Managerin Brenner. Die Zusammenarbeit klappe dennoch sehr gut, denn der kirgisische IT-Sektor sei sehr international geprägt, es herrsche eine gute Start-up-Kultur und die kirgisischen Mitarbeiter:innen sprächen sehr gut Englisch.

High-Technology-Park: Drehkreuz für Start-ups in Kirgisistan

Der High-Technology-Park in Bischkek ist die erste Anlaufstelle für den Kontakt zu kirgisischen Start-ups, sagt Entwicklerburg-Chef Sydygaly Saynbaev. Das staatliche Zentrum wurde gezielt zur Förderung des IT-Sektors geschaffen und bietet exportorientierten Unternehmen einen rechtlichen Sonderstatus mit klaren steuerlichen Vorteilen. Bei den Personalkosten sollte man allerdings realistisch bleiben: Gut ausgebildete IT-Fachkräfte sind gefragt und kosten inzwischen ähnlich viel wie in Deutschland. Der Standortvorteil liegt daher weniger im reinen Preis als in der Kombination aus steuerlichen Rahmenbedingungen, günstigen Büromieten und einer hochmotivierten, wachsenden Entwicklercommunity. Im Jahr 2025 zählten Unternehmen aus 70 Ländern zum Kundenstamm der hier registrierten Firmen.

5 Mrd. US$

an IT-Dienstleistungen will Kasachstan ab 2030 jährlich exportieren. 

2268

Unternehmen sind im kasachischen IT-Zentrum Astana Hub registriert (Stand Juni 2026).  

5 Mal

schneller lassen sich manche Produkte in Zentralasien testen. 

Kasachstan: Astana Hub als etabliertes IT-Zentrum

Auch die anderen zentralasiatischen Republiken haben das Geschäftsfeld erkannt und ähnliche Einrichtungen ins Leben gerufen. Kasachstan hat in seiner Hauptstadt bereits 2018 das Astana Hub gegründet. Es gilt international als das am besten etablierte IT-Zentrum Zentralasiens. Auch deutsche Firmen sind hier aktiv, so beispielsweise Inno-Tec Innovative Technology aus Böblingen. Der Anbieter von Unternehmenssoftware und digitalen Produkten für industrielle Anwendungen hat im Jahr 2022 einen Teil der Softwareentwicklung nach Astana ausgelagert. Das Start-up Heartland, 2026 von einem Deutschen gegründet, arbeitet in Astana an KI-basierten Automatisierungslösungen.

Kasachstan lockt internationale Techfirmen 

Astana Hub fördert Softwareentwicklung und KI-Start-ups mit internationaler Ausrichtung 

Kasachstan entwickelt sich zu einem wichtigen Technologie- und Innovationsstandort in Zentralasien. Im Astana Hub sind inzwischen mehr als 2.000 Unternehmen registriert, darunter internationale Firmen und Start-ups. So hat der deutsche Softwareanbieter Inno-Tec Innovative Technology einen Teil seiner Entwicklung nach Astana verlagert. Gleichzeitig entstehen neue technologieorientierte Gründungen: Das 2026 von einem deutschen Unternehmer gegründete Start-up Heartland arbeitet im Astana Hub an KI-basierten Automatisierungslösungen und profitiert dabei vom lokalen Innovationsökosystem. 

Datenzentren und KI: Kasachstan setzt auf Skalierung

Aktuell befinden sich in Kasachstan mehrere große Datenzentren im Bau oder in der Planung, etwa das Data Center Valley mit einer geplanten Netzanschlussleistung von 300 Megawatt. Das Land will sich als Hub für die Entwicklung und den Einsatz von KI etablieren. Das soll weitere Tech-Unternehmen anlocken und dabei helfen, die Exporte von IT-Dienstleistungen zwischen 2025 und 2030 von 1,1 Milliarden auf 5 Milliarden US-Dollar zu steigern. Auch das Astana Hub wirbt mit wenig Bürokratie und Steuervergünstigungen, die die Regierung zuletzt bis 2045 verlängert hat. Auch hier ist Tempo der entscheidende Vorteil: "Europäische Unternehmen können ihre Produkte aufgrund niedriger regulatorischer Hürden bis zu fünfmal schneller testen", sagen deutsche Unternehmen, die sich für eine Präsenz in Astana interessieren. Ein Nachteil Kasachstans etwa gegenüber Kirgisistan dürften höhere Gehälter und Betriebskosten sein.

Usbekistan: Dynamischste IT-Szene der Region

Usbekistan positioniert sich bei den Gehältern und Betriebskosten im Mittelfeld. Zugleich ist es das Land in Zentralasien mit der dynamischsten Start-up- und IT-Szene. Die Zahl der registrierten Unternehmen und die Exporte haben in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich stark zugenommen. Für deutsche Unternehmen besonders interessant: Das usbekische Pendant zum Astana Hub, der IT-Park Usbekistan, betreibt mehrere Auslandsvertretungen.

Das für Europa zuständige Office ist in Berlin beheimatet und berät Unternehmen auch in deutscher Sprache zu Markteintritt und Outsourcing. Laut Angaben des Berliner Büros beziehen bereits mehr als 50 deutsche Unternehmen Services aus dem IT-Park Usbekistan. Wer sich selbst ein Bild von den usbekischen Softwaretalenten machen will, sollte sich den 22. September 2026 im Kalender markieren. An diesem Tag beginnt die ICT Week Uzbekistan in Taschkent, das größte Event für IT und Digitales des Landes.