Logistik Marokko Lieferketten, Beschaffung
Zwischen Hightech und großen Herausforderungen
Marokkos Transportsektor hat sich in den letzten Jahren, angeschoben durch die Industrie, rasant entwickelt. Jenseits der Hauptverkehrsachsen gibt es aber noch Defizite.
11.11.2022
Auch Marokkos Logistiksektor steht angesichts der schwierigen globalen Rahmenbedingungen unter Druck. Steigende Energie- und Rohstoffpreise und die damit verbundene importierte Inflation sowie internationale Kapazitätsengpässe machen der Branche zu schaffen. Der Branchenverband Fédération du Transport & de la Logistique (FTL) fordert daher, dass die Regierung die Branche weiter unterstützt und die bisherigen Zahlungen ausweitet.
Der Sektor steht aus mehreren Gründen im Rampenlicht. Zunächst will sich das Königreich als Wirtschaftshub zwischen Europa und Afrika etablieren. Außerdem bietet sich Marokko im Rahmen der Neugestaltung der Lieferketten als Nearshoring-Standort an.
Transportwege und -zeiten
Der internationale Warenverkehr erfolgt über die großen Häfen des Königreichs. Mit einer Küstenlänge von 3.500 km werden 95 Prozent des marokkanischen Außenhandels auf dem Seeweg abgewickelt. Sofern Lieferungen in den großen Häfen nicht für die dort angesiedelten Industriezonen bestimmt sind, erfolgt von dort aus der Weitertransport. Der Großteil des Frachtverkehrs im Inland wird über die Straße abgewickelt. Mit Ausnahme von Phosphaten erfolgt der Transport zu etwa 85 Prozent per Lkw.
Die Statistiken über diese Warenbewegungen sind nur begrenzt aussagefähig. Denn rund die Hälfte des Warenverkehrs erfolgt informell und wird nicht erfasst. Die nicht registrierten Unternehmen unterbieten laut Agence Marocaine de Développement de la Logistique die Transportkosten der großen Speditionen teilweise um bis zu 50 Prozent.
Derzeit haben die Transport- und Logistikkosten in Marokko einen Anteil von 20 Prozent am Bruttoinlandprodukts (BIP). Die Confédération Générale des Entreprises du Maroc (CGEM) empfiehlt Maßnahmen, um die Transport- und Logistikkosten bis 2035 auf 12 Prozent des BIP zu senken. Die derzeit hohen Kosten in Marokko resultieren aus der mangelnden Größe und Effizienz der Unternehmen.
Der Großteil der Investitionen in das inländische Streckennetz fließt derzeit in die Hauptverkehrsadern des Königreichs. Das sind die Nord-Süd-Verbindung von Tanger an der Atlantikküste über Kenitra, Rabat, Casablanca und dann ins Landesinnere über Marrakesch nach Agadir sowie die West-Ost-Verbindung von Rabat über Fès nach Oujda. Bestehende und geplante Schnellzug- sowie Autobahnverbindungen verlaufen dort.
Während der Gütertransport dort effizient ablaufen kann, sieht es in ländlichen Regionen anders aus. Defizite in der Infrastruktur sorgen für erheblichen Zeit- und Kostenaufwand. Das verteuert auch Großprojekte in Regionen, die abseits der modernen Transportkorridore liegen. Dabei sehen die Pläne der Regierung, im Charte d´Investissement veröffentlicht, insbesondere Kapitalanlagen fernab der Ballungsgebiete vor.
Kategorie (Einheit) | 2020 | 2021 |
|---|---|---|
Asphaltiertes Straßennetz (km) | 45.200 | k.A. |
Autobahnen (km) | 1.800 | k.A. |
Luftfracht (t) | 61.419 | 69.982 |
Hafenumschlag der von ANP verwalteten Häfen (Mio. t; Jorf Lasfar, Casablanca, Safi, Agadir, Nador, Laayoune) | 91,0 | 92,5 |
Containerabfertigung der von ANP verwalteten Häfen (TEU; Mio. Einheiten) 1) | 1,29 | 1,24 |
Hafenumschlag Tanger Med (Mio. t) | 81 | 101 |
Containerabfertigung Tanger Med (TEU; Mio. Einheiten) | 5,76 | 7,17 |
Lkw-Abfertigung Tanger Med (TIR, Einheiten) 2) | 357.420 | 407.459 |
Verschiffte Pkw Tanger Med (Einheiten) | 358.000 | 430.000 |
Logistikdrehscheiben
Der Tiefseehafen Tanger Med hat Marokko in den letzten Jahren zunehmend in eine internationale Handelsdrehscheibe verwandelt. Rund um den Umschlagplatz im Norden des Königreichs sind verschiedene Industriezonen angesiedelt. Die Hafenstadt ist der Dreh- und Angelpunkt für den inländischen Güterverkehr in Nordmarokko. Tanger Med hat sich durch die Ansiedelung von Renault innerhalb eines Jahrzehnts zu einer der weltweit führenden Standorte für die Produktion und den Umschlag von Automobilen entwickelt.
Die Stratégie Logistique Nationale du Maroc sieht bis 2030 die Entwicklung von Logistikzonen mit Kapazitäten von 3.300 Hektar in zwölf Regionen Marokkos vor. Diese sollen mit Lagerhallen, Großmärkten, Kühllagern, Stapelflächen für Container und Getreidesilos ausgestattet werden. Regional läuft dies mit unterschiedlicher Geschwindigkeit ab. Im Sommer 2022 wurden entsprechende Verträge für die Regionen Souss-Massa, Fez-Meknes, Beni Mellal-Khénifra und Dakhla Oued-Eddahab unterzeichnet.
Hafenkomplex Tanger Med: Marokkos wichtigste Handelsdrehscheibe wird weiter ausgebaut. Strategischer Knotenpunkt zwischen Europa und Afrika. Das Logistikzentrum ist umgeben von Industriezonen. |
Neuer Hafen von Nador West: Zukünftiger Tiefwasserhafen in der Nähe zu Algerien am Mittelmeer gelegen; Inbetriebnahme des Industrie- und Hafenkomplexes für 2024 vorgesehen. |
Port de Casablanca: Zweitgrößter Hafen des Königreichs wird vor allem zur Abwicklung für den Frachtverkehr ins Landesinnere verwendet. |
Aéroport Casablanca Mohammed V: Der Flughafen in der Wirtschaftsmetropole ist die beliebteste Anlaufstelle für internationale Luftfracht. |
Port d´Agadir: Der Hafen von Agadir ist ein wichtiger Umschlagplatz für den Süden des Königreichs; wird derzeit durch ein neues Multipurpose-Terminal erweitert. |
Transportunternehmen
Laut Fédération du Transport & de la Logistique existieren im Land rund 20.000 bis 25.000 gemeldete Straßentransportunternehmen. Etwa 90 Prozent von diesen operieren allerdings mit lediglich ein bis zwei Fahrzeugen. Nur etwa circa 50 Firmen dürften über eine Fuhrparkgröße von mehr als 20 Lkw verfügen. Hinzu kommt Schätzungen zufolge noch zusätzlich eine ähnliche Anzahl an Firmen, die dem informellen Sektor zuzurechnen ist.
Verschiedene ausländische Logistikunternehmen sind mit einem Verbindungsbüro im Königreich und kooperieren mit lokalen Anbietern. Diese steuern ihre Aktivitäten teilweise auch aus dem Ausland. Immer mehr Firmen, die bisher über eigene Transportkapazitäten verfügten, nutzen inzwischen Logistikunternehmen. Ein Manko bleibt nach Ansicht von ausländischen Firmen die fehlende Digitalisierung des Sektors.
Anbieter | Anmerkungen |
|---|---|
Seit 1984 im Land. Logistikstandorte in Casablanca, Tanger und Mohammedia | |
Nationale Transport- und Logistikgesellschaft | |
Spezialisiert auf Automobillogistik (u.a. Schienentransport zum Hafen). | |
Büro in Casablanca. | |
Büro in Casablanca. | |
Umfassendes Logistikangebot, auch im Bereich E-Commerce. | |
Seit 1989 im Königreich aktiv. | |
Seetransport, Büro in Casablanca | |
Seit 2021 im Marokko aktiv. | |
Seit 2017 Büro in Casablanca, mittlerweile mit Logistikzentrum in Tanger. |
Lieferbedingungen, Transportversicherung
In den Kaufverträgen wird vereinbart, nach welchen Lieferbedingungen der Warenverkehr zwischen Verkäufer und Käufer abgewickelt werden soll. Wenn dies nicht individuell im Kaufvertrag geregelt werden soll, einigen sich die Vertragspartner auf handelsübliche Lieferklauseln wie die INCOTERMS. Die vollständige deutschsprachige Fassung der INCOTERMS wird von der International Chamber of Commerce (ICC) in Deutschland herausgegeben.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft GDV bietet ein Transport-Informations-Serviceportal mit zahlreichen Informationen und Links zum Thema Transportversicherungen. Da etwa 80 bis 90 Prozent des Außenhandels von internationalen Logistikfirmen abgewickelt werden, arbeiten diese mit den Transportversicherungen zusammen, mit denen sie ohnehin weltweit kooperieren.
Kontaktadressen
Bezeichnung | Anmerkung |
|---|---|
Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) | |
Gibt unter anderem ein kostenpflichtiges Handbuch für den internationalen Straßengüterverkehr in 64 Ländern heraus. |